{"id":17848,"date":"2022-03-24T13:03:55","date_gmt":"2022-03-24T12:03:55","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/?post_type=stsp_text&#038;p=17848"},"modified":"2022-03-24T15:43:42","modified_gmt":"2022-03-24T14:43:42","slug":"dat-soll-auch-nicht-jehen-dat-soll-fahren","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/dat-soll-auch-nicht-jehen-dat-soll-fahren\/","title":{"rendered":"\u201eDat soll auch nicht jehen, dat soll fahren&#8230;\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nordische Autoren in Berlin im neunzehnten Jahrhundert\u00a0 <a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/strong><\/p>\n<p>Wir sind im November 1863. Es ist k\u00fchl in Berlin. Ein kalter Wind weht \u00fcber die Spree. Auf der Terrasse der Conditorei Hegenberg, Unter den Linden 76, trotzen drei Norwegerinnen den niedrigen Temperaturen und dem m\u00e4rkischen Sand, den der Wind aus den neuen Stadtteilen hinter dem Potsdamer Tor her\u00fcbertr\u00e4gt. Die drei Frauen m\u00f6chten die schwache Herbstsonne, die die preu\u00dfische Hauptstadt in ein diffuses Licht taucht, so lange wie m\u00f6glich genie\u00dfen. Camilla Collett, mit 40 Jahren die \u00e4lteste von ihnen, ist in Berlin, um ihr neues Berufsleben als Auslandskorrespondentin zu beginnen. Die beiden anderen, Ida und Erika Lie, sind erheblich j\u00fcnger \u2013 Ida ist 25, Erika 18 \u2013 und studieren seit zwei Jahren Klavier und Komposition an Theodor Kullaks Neuer Akademie der Tonkunst.<br \/>\nDie drei Frauen reden \u00fcber die jungen M\u00e4nner, die sie Unter den Linden sehen, \u201ediese Arbeiter im Weinberg der Zeiten, die weder Rast noch Ruhe kennen, weder das B\u00fcro noch h\u00e4usliche Gl\u00fcckseligkeit. In stummer paschahafter Ruhe pflegen sie ihre abendliche Besch\u00e4ftigung: Zigarre rauchen und die Vor\u00fcbergehenden betrachten.\u201c So beschrieb Collett die M\u00e4nner sp\u00e4ter in ihren Reisebriefen aus Berlin f\u00fcr die norwegische Wochenzeitschrift Illustreret Nyhedsblad. Dies ist eine der brandneuen illustrierten Zeitschriften f\u00fcr ein allgemeines Publikum, die damals in ganz Europa erscheinen. Es ist eine erstaunlich treffende und fr\u00fche Definition des Flaneurs, jenes neuen modernen Gro\u00dfstadthelden, \u00fcber den auch Baudelaire berichtet hat und der sp\u00e4ter von Walter Benjamin seinen Namen erhielt. Colletts Elegante sind, wie Baudelaires und Benjamins Flaneure, passionierte Beobachter, die nirgends zu Hause sind, sich aber \u00fcberall zu Hause f\u00fchlen. Das Interessante bei Collett ist, dass sie ihre Flaneure avant la lettre als Beruf beschreibt: Sie sind Arbeiter im Weinberg der Zeiten.<br \/>\nEs ist ein wundersch\u00f6nes Bild von Berlin, das das neue lesende Publikum in Norwegen \u00fcber mehrere Episoden in der illustrierten Zeitschrift erreicht. F\u00fcr Collett zeigte die preu\u00dfische Hauptstadt ihr modernes Gesicht unter anderem, weil sie sich als Frau dort frei unter den Menschen in den gro\u00dfz\u00fcgigen Alleen bewegen konnte, ohne Staub aufzuwirbeln oder angesprochen zu werden. Sie schrieb: \u201eWas ich ganz wunderbar fand, ist, dass Frauen in dieser Stadt allein durch die Stra\u00dfen gehen k\u00f6nnen und das auch zu sp\u00e4ter Stunde, ohne sich Ansprache oder Zudringlichkeiten irgendeiner Art auszusetzen. Ich bewundere diese Freiheit.\u201c Im damaligen Christiania \u2013 dem heutigen Oslo \u2013 w\u00e4re das v\u00f6llig undenkbar gewesen. Wenn ein Volk als zivilisiert gelten will, muss es seinen Frauen das Recht einr\u00e4umen, allein auf die Stra\u00dfe zu gehen, meinte Collett.<br \/>\nSie begriff den fehlenden Respekt der Norweger gegen\u00fcber Frauen auf der Stra\u00dfe als \u201emittelalterlichen Zustand\u201c. Vieles mehr schreibt Collett \u00fcber das Moderne sein, die Modernit\u00e4t Berlins. Sehr sch\u00f6n finde ich zum Beispiel ihre Beobachtungen im Omnibus. Sie schrieb: \u201eMan f\u00e4hrt also Omnibus, was billig und oft recht am\u00fcsant ist. Man wird stets h\u00f6flich behandelt. \u00dcberhaupt scheinen die Deutschen, nach den Berlinern zu urteilen, ein gesittetes und h\u00f6fliches Volk zu sein. Omnibus fahren ist [\u2026] unterhaltsam. Welch ausgepr\u00e4gte Charaktere der verschiedensten Klassen und Verrichtungen [\u2026] Neulich, als die Gesellschaft gerade ungew\u00f6hnlich vornehm war, stieg eine Marktfrau mit ihrem Korb und ihrer Kohlenpfanne zu. \u201aAber, liebe Madame,<br \/>\ndas Feuerbecken soll doch wohl nicht mitgehen?\u2018, sagte ein \u00e4lterer Herr, der wie ein Literat aussah. \u201aDat soll auch nicht jehen, dat soll fahren heute\u2018, antwortete sie und lie\u00df sich \u2013 die Feuerschale unter dem Rock \u2013 nieder. Der kleine d\u00fcnne Mann r\u00fcckte zur Seite, soweit er nur konnte. \u201aAch, Sie brauchen nicht so weit zu r\u00fccken, Sie sehen jar nicht darnach aus, so leicht Feuer zu fangen.\u2018 [\u2026] Aus ihrem Korb zog sie ein lebendes Huhn, das sie mit einer Ungeniertheit, einer v\u00f6lligen Gem\u00fctsruhe zu f\u00fcttern begann, als ob sie bei sich zu Hause w\u00e4re. Das Huhn benahm sich musterg\u00fcltig; was geschehen w\u00e4re, wenn auch dieses Tier angefangen h\u00e4tte, Proben der Berliner Munterkeit abzugeben, l\u00e4sst sich ja eigentlich nicht vorhersagen.\u201c Collett war eine derjenigen, die in Norwegen mit Gattungen und Sprachen experimentierten. Das sieht man auch hier. In ihrem Text, der sonst auf Norwegisch ist, hat sie ein paar kurze deutsche Dialoge aufgenommen, die zeigen, dass sie gut zugeh\u00f6rt hat; etwa, dass man in Berlin nicht gut, sondern jut sagt. Collett war \u00fcberdies beeindruckt vom Publikum in den Berliner Museen. Sie schreibt \u00fcber Kaulbachs Fresken im Treppenhaus des Neuen Museums. Seine enormen Wandgem\u00e4lde hatten sie \u00fcberw\u00e4ltigt. Und sie erz\u00e4hlt, wie sehr sie beeindruckt war vom \u201egute[n] Berlinervolk\u201c, das unter den mit G\u00f6tter- und G\u00f6ttinnenfiguren ges\u00e4umten Museumskolonnaden umherging. Sie schrieb: \u201eIn einem stillen, fast and\u00e4chtigem Ernste schlendern junge<br \/>\nwie alte, \u00e4rmlich- wie gutgekleidete Seem\u00e4nner, Soldaten, Handwerker und Arbeitsleute in den gro\u00dfen S\u00e4len umher.\u201c F\u00fcr Collett zeigten auch das Museum und sein Publikum die Zivilisiertheit der Stadt. In Kopenhagen oder Christiania w\u00e4re das ganz anders. W\u00e4ren dort Seeleute, Handwerker oder Arbeiter von derart prachtvollen, nackten Marmorfiguren umgeben, sie w\u00fcrden breit grinsen und unanst\u00e4ndige Kommentare machen.<br \/>\nOder noch schlimmer: Sie w\u00fcrden den Figuren Nasen oder Ohren abschlagen. Aber nicht hier in Berlin! Nein!<br \/>\nHier sei ein Museum nicht nur ein Ort, an dem die M\u00e4chtigen ihre Kunstsch\u00e4tze pr\u00e4sentieren, sondern auch ein Platz, an den alle gehen k\u00f6nnen, um sich zu bilden.<br \/>\nIn ihren Reisebriefen aus den 1860er Jahren vermittelte Collett also einen optimistischen Blick auf Berlin und \u00e4u\u00dferte ihre Bewunderung f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten, die diese Stadt zu bieten hatte. F\u00fcr Collett, ebenso wie f\u00fcr Erika und Ida Lie, war Berlin der erste Schritt auf dem Weg in ein neues Dasein als K\u00fcnstlerin.<br \/>\nAlle brachten sie die Impulse, die sie dort erhalten hatten, weiter in andere St\u00e4dte Europas. F\u00fcr sie war Berlin eine Stadt neuer M\u00f6glichkeiten und moderner Ansichten. Und als Collett ihren neuen Beruf als Auslandskorrespondentin 1863 in Berlin aufnahm, handelte sie f\u00fcr den norwegischen wie europ\u00e4ischen Kontext au\u00dfergew\u00f6hnlich in puncto Vermittlung von Wissen und Erfahrungen aus den Metropolen Europas in den neuen Zeitschriften. Das galt Mitte des 19. Jahrhunderts auch f\u00fcr die beruflichen Aktivit\u00e4ten von vielen anderen K\u00fcnstlerinnen aus dem Norden. Sie wurden geradewegs zu internationalen Kunstnomadinnen. Sie zogen nach Berlin, um den Puls der Zeit zu f\u00fchlen und neue M\u00f6glichkeitsr\u00e4ume aktiv zu erschlie\u00dfen. Und danach ging es weiter, sie reisten anschlie\u00dfend in franz\u00f6sische, \u00f6sterreichische oder italienische Gro\u00dfst\u00e4dte weiter.<br \/>\nSie \u00fcberschritten die Grenzen des Spielraums b\u00fcrgerlicher Frauen und verkn\u00fcpften ihre Modernit\u00e4t mit einem urbanen Leben. Die fr\u00fchen Kunstnomadinnen k\u00f6nnen somit als Inspiratorinnen f\u00fcr die gro\u00dfe Gruppe nordischer K\u00fcnstler*innen und Intellektueller gesehen werden, die zwischen 1880 und 1910 nach Berlin kamen, als die Stadt zu einem der kosmopolitischen, kommerziellen und k\u00fcnstlerischen Zentren Europas wurde.<br \/>\nEs ist Zeit f\u00fcr ein kleines Gest\u00e4ndnis. Wir wissen nicht, ob Camilla, Ida und Erika sich jemals an einem Tisch auf der Terrasse der Conditorei Hegenberg niederlie\u00dfen. Dies ist eine dichterische Freiheit, die ich mir hier und heute genommen habe. Wenn das Wetter an diesem fiktiven Nachmittag im November 1863 nicht so sch\u00f6n gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte ich sie in Gustav T\u00fcrkes Weinhandlung und Probierstube sitzen lassen, jener Weinstube an der Ecke der damaligen Neuen Wilhelmstra\u00dfe\/Unter den Linden. In der ersten H\u00e4lfte des 19.<br \/>\nJahrhunderts war diese unter anderem von Hofmann, Schumann und Heine besucht worden. August Strindberg taufte die Weinstube 1892 in Zum Schwarzen Ferkel um. Er meinte, in dem armenischen Weinsack, der in eisernen Ketten \u00fcber der Eingangspforte der Kneipe hing, ein kleines Schwein zu erkennen. Das Schwarze Ferkel sollte in den 1890er Jahren ein internationales, avantgardistisches K\u00fcnstlercaf\u00e9 werden, in dem unter anderem Edvard Munch, Henrik Ibsen, Holger Drachman, Gunnar Heiberg, Dagny Juel und Oda Krogh h\u00e4ufige G\u00e4ste waren.<br \/>\nUnd damit bin ich bei jener Zeit angelangt, in der nordische K\u00fcnstler*innen \u2013 darunter zahlreiche Schriftsteller*innen \u2013 nach Berlin zogen, um sich am Gro\u00dfstadtleben zu versuchen. Obgleich sie recht unterschiedliche Texte in recht unterschiedlichen Genres schrieben \u2013 seien es Theaterst\u00fccke, Novellen, Gedichte, Romane oder Essays \u2013 so werden sie in der nordischen Literaturgeschichte doch alle unter dem Begriff Autor*innen des modernen Durchbruchs zusammengefasst. Dies deutet an, dass sie sich der literarischen Unternehmung des d\u00e4nischen Literaturkritikers, Philosophen und Schriftstellers Georg Brandes angeschlossen hatten. Brandes zufolge sollte Literatur \u201edie gro\u00dfen Gedanken der Freiheit und den Fortschritt der Menschheit\u201c vermitteln.<br \/>\nSein literarisches Ziel bestand darin, dass eine moderne Literatur \u201eProbleme zur Diskussion stellt\u201c. Brandes bereiste halb Europa, lebte zwischen 1877 und 1882 in Berlin, und es wird gesagt, seinen Reden und Publikationen im deutschsprachigen Raum sei das erwachende Interesse f\u00fcr die nordische Literatur zu verdanken gewesen.<br \/>\nNach Collett und noch vor Brandes kam der norwegische Schriftsteller und Maler Christian Krogh nach Berlin. Er traf dort am 30. Oktober 1875 ein, um in Karl Gussows Klasse an der K\u00f6niglichen Akademie der K\u00fcnste zu studieren. Damals ist Berlin im Begriff, sich zu einem k\u00fcnstlerischen, politischen und wissenschaftlichen Zentrum zu entwickeln. Fast \u00fcber Nacht war die Stadt zu einer Gr\u00fcnder- und Industriemetropole geworden, gepr\u00e4gt von kaiserlicher Pracht und gro\u00dfb\u00fcrgerlichem Reichtum, moderner Infrastruktur und starkem wirtschaftlichem Wettbewerb. Trotz dieses starken Aufschwungs blieb eine k\u00fcnstlerische Bl\u00fcte in Berlin aus. Viel eher ist die Einstellung dazu, was Kunst sei, zu dieser Zeit konservativ und ein wenig provinziell. Das wird gut illustriert in der Rezeption von Kroghs Gem\u00e4lde in seiner ersten Zeit in Berlin. Er ist noch am Anfang seiner Malerkarriere und der Einfluss von Brandes auf seine Arbeiten kommt sp\u00e4ter, zum Beispiel in seinem Gem\u00e4lde Albertine i politil\u00e6gens ventev\u00e6relse, das eine Szene aus seinem Roman Albertine zeigt, der 1886 erschien und das Thema Prostitution behandelt. Das Erscheinen des Buchs l\u00f6ste einen Skandal aus, und es wurde zun\u00e4chst beschlagnahmt. In Kroghs Berliner Bildern finden sich noch keine Spuren von Gesellschaftskritik. Er zeigt Details in einer fast fotografischen Pr\u00e4zision, das Licht in seinen Bildern ist hart, und er w\u00e4hlt oft triviale Motive: ein Mann, der einigen staunenden Frauen ein Katzenbaby pr\u00e4sentiert, Alltagseindr\u00fccke vom Lande. Beim Berliner Publikum wird er schnell beliebt.<br \/>\nDie neue Kunst der literarischen Form mit der Gesellschaftskritik kommt dann 1887 in Form von Henrik Ibsens Drama Gespenster (1881), das am 9. Januar am Berliner Residenz-Theater aufgef\u00fchrt wird. Das St\u00fcck l\u00f6ste Diskussionen aus, und in Berlin, wie in anderen europ\u00e4ischen Hauptst\u00e4dten auch, markiert die Meinung \u00fcber Ibsens Theaterst\u00fccke die Sicht des Publikums auf die Gesellschaft. Die Konservativen lehnen Ibsens Stellung zur Frauenfrage ab, die j\u00fcngere Generation begr\u00fc\u00dft das St\u00fcck euphorisch als Verk\u00fcnder der modernen Zeit. Das l\u00e4sst sich gut an Gabriele Tergits wundersch\u00f6nem Roman Effingers (1951) ablesen, einer Chronik der Familie Effinger ab 1878 \u00fcber vier Generationen hinweg. Hier setzt sich zum Beispiel der junge Theodor mit den Einstellungen des alten Waldemar zu Ibsens Hauptpersonen auseinander. Man k\u00f6nnte wohl sagen, dass Tergit in ihrem Roman Ibsens Dramen als einen Ma\u00dfstab f\u00fcr neue Zeiten benutzt.<br \/>\nDamit ist Tergit nicht allein. In den Niederlanden wie auch in England werden Ibsens Dramen mit dem Einzug der neuen Zeit verbunden. Ibsen selbst kam 1889 nach Berlin. Im September wurden seine Gespenster an der Freien B\u00fchne gespielt. Und 1891, als er den Premieren von Die Wildente und Nora oder Ein Puppenheim beiwohnt, wird Ibsen gefeiert.<br \/>\nDann findet sich auch August Strindberg in Berlin ein. Er kam 1892 und hatte ein gr\u00fcn-wei\u00df gestreiftes Fu\u00dfbad, eine kleine Kiste mit Kleidungsst\u00fccken und einen gr\u00fcnen Flanellsack, mit einem Tau zusammengebunden, bei sich. In diesem hat er all seine Manuskripte, darunter Texte, in denen er die Idee entwickelt, dass Pflanzen \u00fcber ein Nervensystem verf\u00fcgen. Wenn dann auch der norwegische Maler Edvard Munch sich in Berlin einfindet, treffen die beiden, Strindberg und Munch, sich in zahlreichen Anschauungen \u00fcber das Leben und die Kunst. Man k\u00f6nnte vielleicht sagen, dass sie in die Fu\u00dfstapfen von Colletts Eleganten treten: Fast sechs Monate lang durchstreifen die beiden die Stadt, in Galerien und im Theater sieht man sie im Partnerlook in marineblauen M\u00e4nteln nach neuester Mode. Nat\u00fcrlich sind sie auch im Zum Schwarzen Ferkel zu finden, wo sie die anderen nordischen K\u00fcnstler*innen und ihre deutschen und polnischen Kolleg*innen treffen.<br \/>\nIm Ferkel finden wir die Norweger*innen Hulda und Arne Garborg, Sigbj\u00f8rn Obstfelder, Christian und Oda Krogh, die D\u00e4nen Holger Drachmann und Gunnar Heiberg sowie Laura Marholm und Ola Hansson aus Schweden. Die beiden Letztgenannten waren 1892 nach Berlin gekommen, wo Ola Hansson gro\u00dfen Erfolg als \u201edeutscher\u201c Schriftsteller hat, w\u00e4hrend Laura Marholm ihrerseits gro\u00dfe Anerkennung als eine Autorit\u00e4t in der deutschen Presse genie\u00dft.<br \/>\nUnd all diese nordischen K\u00fcnstler*innen hatten neue Ideen im Gep\u00e4ck, wie die Literatur und andere Kunstformen sein sollten und wie die Kunst zur Gesellschaft Position beziehen sollte. Alle hofften, mit Berlin einen guten Ort zum Arbeiten zu finden, und dass ihre Werke vielleicht ihren weiteren Weg in Europa finden<br \/>\nw\u00fcrden. F\u00fcr viele von ihnen kam es auch genauso. In den Niederlanden beispielsweise sorgten die skandinavischen Autor*innen des modernen Durchbruchs f\u00fcr einen Paradigmenwechsel. Von der l\u2019art pour l\u2019art zu einer sozialkritischen Literatur, in der vielen Schriftsteller*innen mit ihren naturalistischen Romanen der Durchbruch gelang.<br \/>\nEinen guten Ort zum Arbeiten fanden sie in Berlin. Das Beispiel Strindberg\/Munch zeigt, dass sie einander fanden und Ideen austauschten. Der norwegische Dichter Sigbj\u00f8rn Obstfelder, der als einer der ersten Modernisten der norwegischen Literatur bezeichnet wird, schreibt, Berlin verschaffe ihm Arbeitsfreude.<br \/>\nNicht dass er sehr oft im Zum Schwarzen Ferkel zu finden gewesen w\u00e4re, und auch sonst lockt ihn die Stadt nicht besonders. Er schrieb: \u201eIch erlebe nichts. Ich gehe fast nicht aus \u2013 Am liebsten meide ich meine Freunde, die (Damen und Herren) K\u00fcnstler, denn ich bin es leid und \u00fcberdr\u00fcssig, dumm in Caf\u00e9s zu sitzen und zu faseln, ist mir im \u00dcbrigen zu teuer. (\u2026) Ja, Berlin ist kalt und flach und so ziemlich die schlimmste, langweiligste Stadt, die ich je gesehen habe, glaube ich. Aber ich wei\u00df nicht, was es ist: Ich kann dort vorz\u00fcglich arbeiten\u2026\u201c<br \/>\nDass Berlin als teure Stadt empfunden wurde, lesen wir auch bei Arne Garborg. Er schreibt heitere Scherzbriefe aus der Weltstadt, w\u00e4hrend er sich gleichzeitig \u00fcber die hohen Wohnungspreise beklagt. \u201eJa, denn es ist hier schrecklich Theuer. Wissen Sie, eine leere Wohnung in der Vorstadt Charlottenburg kostet 40-60 Mark (3 Z. u. K\u00fcche), ein Meublement dazu beim M\u00f6belh\u00e4ndler \u2013 na ungef\u00e4hr 150 Mk pro Monat!\u201c Was Garborg am meisten interessierte war das Theatermodell, das sowohl dem Freien Volkstheater als auch der renommierteren Freien B\u00fchne zugrunde lag, die Ibsens Gespenster im September 1889 tats\u00e4chlich als ihr erstes St\u00fcck aufgef\u00fchrt hatte.<br \/>\nHulda Garborg macht eine interessante Beobachtung, wenn sie schreibt, in dieser Stadt existiere die Zeit nicht. Hier sollen Theaterst\u00fccke und Opern besucht werden, hier soll Bier getrunken und in Kneipen gesessen werden. Die Stadt ist niemals ruhig: \u201eBerlin ist eine f\u00fcrchterliche Stadt, wo das, was Zeit genannt wird, nicht existiert, obschon wir im Grunde schrecklich brav sind; aber allein hier zu leben nimmt mehr Zeit in Anspruch als andernorts, auch wird man so gottserb\u00e4rmlich m\u00fcde, ja f\u00f6rmlich d\u00fcnn wird man, und das ist \u00e4rgerlich, denn mein h\u00f6chstes Ziel ist, wie Du wei\u00dft, fett zu werden.\u201c Hulda und Arne Garborg hatten beide Sinn f\u00fcr \u00dcberspitzungen! Dass Zeit in Berlin ein eigenes Leben hatte, zeigt gleichwohl auch ein Text von August Strindberg: In der Novelle Kloster schreibt er \u00fcber das Schwarze Ferkel: \u201eHier gab es wirklich alles, Essen und Trinken, Telefon, Boten, die man in die Stadt schicken konnte, Schreibmaterial, so da\u00df mancher hier alle seine Angelegenheiten erledigte, sogar literarische Arbeiten. Hier trafen sich nur Schauspieler, K\u00fcnstler und Literaten, und alle waren mehr oder weniger bekannt miteinander. [\u2026] Es gab hier tats\u00e4chlich alles, nur keine Uhr, so da\u00df man die Zeit verga\u00df. Aber das schadete nichts, denn man wurde nie hinausgeworfen, auch wenn der Hahn schon gekr\u00e4ht hatte. Es war wohl das Ziel der meisten hier, die Zeit zu vergessen, die gegenw\u00e4rtige und besonders die vergangene.\u201c <strong><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn1\"><sup>[2]<\/sup><\/a><\/strong><br \/>\nF\u00fcr Sigbj\u00f8rn Obstfelder wurde Berlin trotz Langeweile auch zu einer Freist\u00e4tte, wo die Wirklichkeit Traum wird, was es ihm erm\u00f6glichte, die Wirklichkeit in der Literatur zu entwerfen. In der Novelle Liv (Leben), (1895) wird von einem Berlin-Erlebnis berichtet, in dem wir Colletts gro\u00dfz\u00fcgige Alleen wiedererkennen. Bei Obstfelder sind sie zu Boulevards geworden, und er sehnt sich fort von ihnen: \u201eWenn ich heimkomme und von den Boulevards in meinen Kiez abbiege, begeben sich meine Gedanken hinein in eine neue, eine eigene Welt. Dort ist nichts, das sie \u00fcbert\u00f6nt.<br \/>\nNicht weit von meiner Wohnung gibt es ein Kellercaf\u00e9, das ich oft besuche, wenn es d\u00e4mmert. Dann ist es dort in der Regel leer. Ich sitze so gerne dort. Ich kann dort so lange, so unendlich lange sitzen.<br \/>\n(\u2026) Dann k\u00f6nnen dort auch Bilder und Erinnerungen auftauchen, etwas von weit her, Waldesrauschen, Meeresrauschen, Kindheit in der Sonne. Es tut nicht weh. Es zerrei\u00dft mich nicht mehr. Nein, sie sind wie Bilder einer Laterna Magica, sie wandern sanft an mir vor\u00fcber dort unten im Keller, w\u00e4hrend ich meinen Kaffee trinke. (\u2026) Ja, alles andere wird Traum.\u201c<br \/>\nDie Novelle wurde von der norwegischen Schriftstellerin Dagny Juel ins Deutsche \u00fcbersetzt und ver\u00f6ffentlicht in einer der Art Noveau-Zeitschriften, Pan, die in den Jahren 1895\u20131900 im Berliner Verlag F. Fontane &amp; Co.<br \/>\nerschien. Gemeinsam mit ihrem polnischen Ehemann Stachu (Stanis\u0142aw Przybyszewski) wirkte Juel an der Gr\u00fcndung dieser Kunst- und Literaturzeitschrift mit, und sie hatte den Namen Pan vorgeschlagen. Die Zeitschrift wurde von Freunden aus dem Zum Schwarzen Ferkel-Kreis, Otto Julius Bierbaum, Richard Dehmel und Julius Meier-Graefe, herausgegeben. Sie sollte ein besonders wichtiges Sprachrohr f\u00fcr den skandinavischen expressiven Symbolismus und eine Br\u00fccke zum Modernismus werden. Und mit Stachu und Dagny Juel bin ich bei den letzten Schriftsteller*innen angelangt, die in diesem Zusammenhang erw\u00e4hnt werden sollen. Przybyszewski wurde von seinen Zeitgenoss*innen in Deutschland und Polen als Genie gefeiert. Juel und er gelten als eigentliche Lebensader des Berliner Ferkel-Zirkels. Wie Obstfelder schrieb Juel in Berlin Novellen. Ihren Novelle Rediviva (1893) erz\u00e4hlt von einer tragischen Liebesgeschichte. Juel schreibt: \u201eIch m\u00f6chte die sonderbare Geschichte meines Lebens erz\u00e4hlen. Vielleicht werden nicht alle sie so sonderbar finden \u2013 vielleicht ist das gleiche vielen geschehen, aber ich habe nie etwas davon geh\u00f6rt, und deshalb glaube ich, dass ich die Einzige bin, die unabl\u00e4ssig auf dieses abscheulich tragische, mystische Lebensschicksal blicken muss.\u201c Die Novelle handelt von einem Mann und einer Frau, die heiraten, obwohl der Mann schon eine Frau hatte. Die Erz\u00e4hlerin der Novelle wei\u00df, dass die andere Frau sterben muss, damit diese nicht das Gl\u00fcck der frisch Verheirateten zerst\u00f6rt. Tats\u00e4chlich stirbt die andere Frau. Die Erz\u00e4hlerin und ihr Mann sind gl\u00fccklich, doch die Verstorbene kehrt als Wiederg\u00e4ngerin zur\u00fcck und sitzt jede Nacht auf der Bettkante der Erz\u00e4hlerin \u2013 wie eine bedrohliche, ruhige Gestalt aus dem Totenreich, die davon k\u00fcndet, dass auch die Erz\u00e4hlerin sterben muss. Der Mann hingegen merkt nichts von der rachs\u00fcchtigen Frauengestalt aus der Vergangenheit, die sich anschickt, seiner Geliebten das Leben zu nehmen. Die Erz\u00e4hlerin wiederum f\u00fchlt, dass dies ihr unerbittliches, unvermeidliches Schicksal ist. Das Wort \u201eRediviva\u201c bedeutet \u201edie Wiederauferstandene\u201c. Der Literaturforscher Martin Nag wird in den 1970er Jahren auf die auff\u00e4llige \u00c4hnlichkeit zwischen den Personen in Juels St\u00fcck von 1893 einerseits und in Ibsens Wenn wir Toten erwachen von 1899 hinweisen. Das Besondere an Dagny Juels Schreiben ist die weibliche Perspektive. Sie gew\u00e4hrt uns einen besonderen Einblick in das Innenleben der Frauen der Boh\u00e8me am Ende des 19. Jahrhunderts. Und die Novelle ist ein gutes Beispiel f\u00fcr Dekadenz und Symbolismus, das bewusste Etablieren einer merkw\u00fcrdigen, mystischen oder seltsamen Situation, impressionistische Aufbr\u00fcche in der Erz\u00e4hlung \u2013 pl\u00f6tzliche Ausrufe, forcierte Pausen und dramatische, kontrastreiche Wortwahl \u2013 und eine Protagonistin, die hektisch zwischen Leben und Tod hin und her geworfen wird, zwischen Freiheit und Unfreiheit, zwischen Gl\u00fcck und Trag\u00f6die. In diesem Sinne ist Juels Novelle recht charakteristisch f\u00fcr die Arbeiten dieser Gruppe nordischer K\u00fcnstler*innen in Berlin, w\u00e4hrend sich die Zeit dem Jahr 1900 n\u00e4hert.<br \/>\n\u201eDat soll auch nicht jehen, dat soll fahren&#8230;\u201c war der Titel dieser Vorlesung. Der Titel ist gleichsam Sinnbild f\u00fcr die sich beschleunigenden Ver\u00e4nderungen einer Zeit im Umbruch, die sich in dieser Gruppe Schriftsteller*innen widerspiegelt. Anscheinend schlenderten sie durch die Stadt, in ihrer Suche aus dem Norden nach Berlin als kosmopolitischen Ort der Moderne und Beschleunigung. Doch aus unserer Perspektive gesehen, waren sie selbst Repr\u00e4sentant*innen f\u00fcr die moderne kosmopolitische Welt, die sie suchten. Und sie wurden zu Inspirator*innen f\u00fcr eine neue Literatur, nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen europ\u00e4ischen Gro\u00dfst\u00e4dten. Diesen Weg konnten diese Schriftsteller*innen in Berlin gehen. F\u00fcr die anderen Kunstsparten war es schwieriger, in Berlin ein empf\u00e4ngliches Publikum zu finden, Munch zum Beispiel hatte erst in Bremen und Hamburg Erfolg mit seiner Malerei. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.<\/p>\n<p class=\"bibliography\"><strong><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/strong> Teile der Beobachtungen und Reflektionen in diesem Text finden Sie in \u201eDat soll auch nicht jehen, dat soll fahren&#8230;\u201c: Norwegische K\u00fcnstlerinnen in Berlin (2019). F\u00fcr die Zitate von Autor*innen am Ende das 19. Jahrhunderts habe ich das wundersch\u00f6ne Buch Jeg har en koffert i Berlin: Nordmenn i Berlin rundt 1900 og 2000 (Deutsch: Ich habe einen Koffer in Berlin: Norweger*innen in Berlin um 1900 und 2000), 2009 benutzt; daraus insbesondere den Artikel \u201e\u2026 for mig er den s\u00e5 god at arbeide i\u201c. Norske forfattere i Berlin p\u00e5 1890-tallet von Trond Haugen.<\/p>\n<p class=\"bibliography\"><strong><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn1\"><sup>[2]<\/sup><\/a> <\/strong>\u00dcbersetzung aus: August Strindberg, Kloster. Aus dem Schwedischen \u00fcbertragen von Walter A. Berendsohn. 1967. Ausgabe:<br \/>\nKloster \/ Einsam. Zwei autobiographische Romane. Claassen Verlag, Hamburg und D\u00fcsseldorf 1967, S. 19f.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>f\u00fcr <a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/event\/parataxe-symposium-ix\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>PARATAXE Symposium IX NORDLICHTer Berlin<\/strong><\/a><br \/>\n26.11. 2021 \u00a9 Parataxe \/ stadtsprachen magazin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nordische Autoren in Berlin im neunzehnten Jahrhundert\u00a0 [1] Wir sind im November 1863. Es ist k\u00fchl in Berlin. Ein kalter Wind weht \u00fcber die Spree. 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