{"id":20614,"date":"2023-12-04T18:00:00","date_gmt":"2023-12-04T17:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/?post_type=stsp_text&#038;p=20614"},"modified":"2024-04-05T15:35:21","modified_gmt":"2024-04-05T13:35:21","slug":"internationale-literaturzeitschriften-in-berlin","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/internationale-literaturzeitschriften-in-berlin\/","title":{"rendered":"Internationale Literaturzeitschriften in Berlin"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ein kurzer und keineswegs vollst\u00e4ndiger \u00dcberblick.<br>Mit knappen \u00dcberlegungen, warum diese Journale wichtig sind und bleiben werden<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"622\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-1024x622.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-20626\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-1024x622.png 1024w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-500x304.png 500w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-768x467.png 768w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image.png 1149w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit knappen \u00dcberlegungen, warum diese Journale wichtig sind und bleiben werden Warum gibt es in unserer Welt so unwahrscheinliche Ereignisse wie Literaturzeitschriften?<br>Weshalb investieren Menschen ihre wichtigsten Ressourcen \u2013 Zeit und Aufmerksamkeit \u2013 in die regelm\u00e4\u00dfige Herstellung von literarischen Journalen? Was treibt Leserinnen und Leser zur wiederkehrenden Lekt\u00fcre von periodisch erscheinenden Sammlungen poetischer Texte?<br>Und was l\u00e4sst sich aus der Geschichte von Literaturzeitschriften \u00fcber die Wege der literarischen Kommunikation und die Bedingungen von Poesie lernen?<br>Keine Sorge: ich werde diese schweren Fragen an dieser Stelle nicht in akademischer Manier abhandeln. Denn nat\u00fcrlich m\u00f6chte ich Sie\/ Euch nicht mit der Theorie und der Praxis des Zeitschriftenwesens im allgemeinen und der Geschichte von Literaturzeitschriften im besonderen langweilen.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was Literaturzeitschriften leisten, ist bekannt:<br><strong>(1) Literaturzeitschriften sind Plattformen und M\u00f6glichkeitsr\u00e4ume: <\/strong>Sie bieten Autorinnen und Autoren die Chance, ihre Arbeiten einem breiteren Publikum vorzustellen. Beginnende Autorinnen und Autoren k\u00f6nnen hier ver\u00f6ffentlichen und entdeckt werden. Etablierte Verfasser*innen k\u00f6nnen neueste Werke teilen.<br><strong>(2) Literaturzeitschriften sind praktizierte Formen der Vielfalt und des Experiments: <\/strong>Sie \u00f6ffnen sich f\u00fcr eine breite Palette von literarischen Stilen, Gattungen, Formen. Hier k\u00f6nnen experimentelle oder avantgardistische Werke ver\u00f6ffentlicht werden, die marktf\u00f6rmigen Mainstream-Publikationen m\u00f6glicherweise weniger Chancen haben.<br><strong>(3) Literaturzeitschriften sind Foren der Kritik und Diskussion: <\/strong>Sie bieten Raum f\u00fcr literarische Kritik und Diskussion. Denn oftmals enthalten sie Rezensionen, Essays und Artikel \u00fcber Literatur, die dazu beitragen, das Verst\u00e4ndnis und die Wertsch\u00e4tzung von Literatur zu f\u00f6rdern.<br><strong>(4) Literaturzeitschriften schaffen Gemeinschaft und Vernetzung: <\/strong>Sie dienen als Kristallisationskerne f\u00fcr die literarische Gemeinschaft. Sie bieten Autoren, Kritikern und Lesern die M\u00f6glichkeit, sich zu verbinden, Feedback zu erhalten und Ideen auszutauschen.<br><strong>(5) Literaturzeitschriften stehen f\u00fcr Unabh\u00e4ngigkeit und Autonomie: <\/strong>Viele Literaturzeitschriften sind nicht von kommerziellen Interessen abh\u00e4ngig; auch wenn sie unter Umst\u00e4nden von staatlichen Institutionen gef\u00f6rdert werden oder heute \u00fcber Crowd-Funding finanzielle Mittel einwerben. Diese Autonomie erm\u00f6glicht es, gr\u00f6\u00dfere k\u00fcnstlerische Freiheit zu bewahren und Werke zu ver\u00f6ffentlichen, die nicht den kommerziellen Trends entsprechen.<br><strong>(6) Damit verbunden:<\/strong> Die F\u00f6rderung von Vielfalt und Inklusion durch Literaturzeitschriften. Gerade auch die internationalen Literaturzeitschriften stehen f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung von Werken von Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Nationen und mit unterschiedlichen kulturellen Hintergr\u00fcnden, Geschlechtern und Identit\u00e4ten.<br><strong>(7) Schlie\u00dflich und nicht zuletzt: <\/strong>Dokumentation und Archivierung. Literaturzeitschriften bewahren literarische Werke und \u00e4sthetische Entwicklungen f\u00fcr die Nachwelt. Sie erf\u00fcllen also literaturgeschichtliche Konservierungsfunktionen und erm\u00f6glichen es k\u00fcnftigen Generationen, auf die Entwicklungen und Trends in der Literatur zur\u00fcckzublicken.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie gesagt: alle diese wichtigen Funktionen \u2013 Publikationsplattform und Experimentallabor, Foren der Kritik und Diskussion sowie Raum der Vergemeinschaft und Vernetzung, Autonomie und Inklusion und schlie\u00dflich Dokumentation und Archivierung \u2013 sind bekannt.<br>Deshalb m\u00f6chte ich hier und heute kurz auf die eher unbekannten und dennoch immens wichtigen Dimensionen von Literaturzeitschriften hinweisen, die aus unserer Stadt Berlin kommen \u2013 und dabei programmatisch den deutschen Tellerrand \u00fcberschreiten.<br>Die Rede ist also von den internationalen Literaturzeitschriften Berlins, die einen besonderen Aspekt des reichen literarisch-kulturellen Lebens in unserer Stadt bilden. Schon ein Blick auf die (unvollst\u00e4ndige) Liste zeigt: In Berlin gibt es \u00fcber 40 regelm\u00e4\u00dfig publizierte Literaturzeitschriften, die auf Deutsch, aber auch in zahlreichen anderen Sprachen zeitgen\u00f6ssische Literatur zug\u00e4nglich machen. Manche erscheinen nur auf Papier, manche nur online, viele arbeiten innovativ mit beiden Publikationsformen. Zu ihnen geh\u00f6ren folgende Publikationen:<br><br>\u25aa Abwa\u0308rts!<br>\u25aa Afrolivresque ( Franzo\u0308sisch)<br>\u25aa Alba. Lateinamerika lesen (Spanisch, Portugiesisch, Deutsch)<br>\u25aa Aviv ( Hebra\u0308isch, Englisch)<br>\u25aa Berlin Quarterly (Englisch)<br>\u25aa Berlin.Berega (Russisch)<br>\u25aa Das Wetter<br>\u25aa Die Epilog<br>\u25aa DRECKSACK &#8211; Lesbare Zeitschrift fu\u0308r Literatur<br>\u25aa Elsewhere. A Journal of Place (Englisch)<br>\u25aa Fann Magazin (Arabisch\/Deutsch &#8211; Kultur inkl. Literatur)<br>\u25aa FU Review (Englisch)<br>\u25aa GAF. Der GAlaktische Futurist<br>\u25aa Glitter &#8211; die Gala der Literaturzeitschriften<br>\u25aa HERZATTACKE<br>\u25aa IDIOME. Zeitschrift fu\u0308r neue Prosa<br>\u25aa Kapsel. Fantastische Geschichten aus China<br>\u25aa karawa.net<br>\u25aa La mer gele\u0301e (Franzo\u0308sisch,Deutsch)<br>\u25aa Lahar Magazine (Englisch, Deutsch)<br>\u25aa Leopardskin and Limes (Englisch)<br>\u25aa Lettre International<br>\u25aa Lyrikkritik.de<br>\u25aa Metamorphosen<br>\u25aa Mikan Vaeilach. Journal for Diasporic Hebrew<br>\u25aa Moor Magazin<br>\u25aa randnummer Literaturhefte<br>\u25aa SAND Journal (Englisch)<br>\u25aa [SIC] Zeitschrift fu\u0308r Literatur<br>\u25aa Shy Magazin<br>\u25aa Sinn und Form<br>\u25aa Slanted House Zine (Englisch)<br>\u25aa Sprache im technischen Zeitalter<br>\u25aa Stadtsprachen Magazin<br>\u25aa STILLMagazin (Deutsch, Englisch)<br>\u25aa sync. an ongoing artistic journal in digitally published zines<br>\u25aa TELL Review<br>\u25aa The Wild Word (Englisch)<br>\u25aa The Willowherb Review (Englisch)<br>\u25aa Transistor. Zeitschrift fu\u0308r zeitgeno\u0308ssische Lyrik<br>\u25aa Vagant (Norwegisch)<br>\u25aa Yanez ( Italienisch)<br>\u25aa ZARAFFEL Magazin<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Vielfalt dieser Periodika zeigt: Berlin ist ein Ort kultureller Diversit\u00e4t mit zahlreichen Sprach- und Literaturfamilien. Eine erste Orientierung fu\u0308r diese diversen \u201eSzenen\u201c bietet die WWW-Plattform \u201eLiteraturport\u201c mit interaktiver Karte:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"597\" height=\"526\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/img51.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-20624\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/img51.jpg 597w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/img51-500x441.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 597px) 100vw, 597px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Bevor ich auf die interessanten Aspekte der Vielfalt von internationalen Literaturzeitschriften in der Gegenwart eingehe, m\u00f6chte ich als literaturgeschichtlich interessierter Philologe auf die Traditionen und die Konditionen dieser Diversit\u00e4t hinweisen. Denn die Existenz einer bl\u00fchenden Literatur-Kultur-Landschaft mit so diversen Periodika basiert auf einer l\u00e4ngeren Entwicklung. Und ich kann versprechen: Diese Entwicklung ist \u00fcberaus interessant. Aus dieser Entwicklung l\u00e4sst sich lernen, warum und wie in einer literarischen Kultur so wichtige Ereignisse wie die Gr\u00fcndung und fortgesetzte Publikation von Zeitschriften mit l\u00e4nder- und sprach\u00fcbergreifender Ausrichtung stattfinden. Und damit gewinnen nicht nur die Funktionen und Leistungen von internationalen Literaturzeitschriften in der Gegenwart an Kontur. Sondern es wird auch verst\u00e4ndlich und plausibel, warum es sich lohnt, die Geschichte von literarischen Periodika (weiter) zu erforschen. Und warum es unbedingt lohnt, weiter an Bord der bereits existierenden Zeitschriften zu bleiben. Oder gar neue zu gr\u00fcnden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><strong>I. Der Auftakt: Internationale Zeitschriften im Berlin der Aufkl\u00e4rungszeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zeitschriften sind fu\u0308r den gro\u00dfen Prozess, den wir als \u201eAufkla\u0308rung\u201c\/ \u201eEnlightenment\u201c kennen, von kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzender Bedeutung. Denn periodisch erscheinende Druckerzeugnisse bilden das zentrale Medium f\u00fcr die Verbreitung von neuen \/ ungewohnten\/ revolution\u00e4ren Gedanken:<br>Zeitschriften dienen der Ver\u00f6ffentlichung und Verbreitung aufkl\u00e4rerischer Ideen; Autoren wie Voltaire, Montesquieu, Denis Diderot und Jean-Jacques Rousseau in Frankreich; Immanuel Kant und Gotthold Ephraim Lessing in Deutschland nutzen Zeitschriften, um ihre philosophischen, politischen und sozialen Ideen einem breiten Publikum zug\u00e4nglich zu machen.<br>Regelm\u00e4\u00dfig erscheinende Zeitschriften tragen zur Bildung und Aufkl\u00e4rung der Leserschaft bei, indem sie Artikel und Essays zu verschiedenen Themen ver\u00f6ffentlichten. Sie ermutigten zur kritischen Reflexion und zur Diskussion \u00fcber politische, soziale und kulturelle Fragen.<br>Zeitschriften dienen als Plattformen f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Diskurs und den Meinungsaustausch.<br>Leser konnten sich \u00fcber die ver\u00f6ffentlichten Artikel informieren und in Briefen oder Kommentaren ihre eigenen Meinungen und Gedanken \u00e4u\u00dfern.<br>Zeitschriften und Periodika der Aufkl\u00e4rung sind Medien der Kritik an bestehenden sozialen und politischen Strukturen, insbesondere der Monarchie und der Kirche. Sie trugen dazu bei, das Bewusstsein f\u00fcr die Notwendigkeit von Reformen und Ver\u00e4nderungen zu sch\u00e4rfen.<br>Zeitschriften der Aufkl\u00e4rung sind vielf\u00e4ltig: Sie ver\u00f6ffentlichen nicht nur politische und philosophische Texte, sondern auch literarische Werke, Gedichte und Kunstbesprechungen. Sie f\u00f6rderten somit auch die K\u00fcnste und die literarische Kultur der Epoche.<br>Entscheidend: ist der internationale Austausch von Ideen. Zeitschriften spielen eine wichtige Rolle<br>beim internationalen Austausch von aufkl\u00e4rerischem Gedankengut. Ideen wurden \u00fcber L\u00e4ndergrenzen hinweg verbreitet, und aufkl\u00e4rerische Bewegungen wurden in verschiedenen Teilen Europas und<br>dar\u00fcber hinaus inspiriert.<br>Dieser internationale Austausch von Ideen und Texten findet sich bereits in den ersten Literaturzeitschriften in deutscher Sprache, die seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts produziert werden:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"440\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-1-1024x440.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-20628\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-1-1024x440.png 1024w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-1-500x215.png 500w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-1-768x330.png 768w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-1.png 1042w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Eine besondere Rolle f\u00fcr den l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Transfer von philosophischen Ideen und literarischen Werken sowie fu\u0308r die \u201eInternationalisierung\u201c der Zeitschriftenproduktion spielen dabei die Zeitschrift der Hugenotten. Diese protestantischen Glaubensfl\u00fcchtlinge aus Frankreich kamen vor allem im 17. Jahrhundert nach Berlin.<br>Die hochgebildeten Hugenotten sammeln sich in theologischen, literarischen und wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaften. Aus diesen Arbeitsgemeinschaften sollte die Preu\u00dfische Akademie der Wissenschaften hervorgehen, in Berlin im Jahre 1700 gegr\u00fcndet wurde. (W\u00e4hrend des ganzen 18. Jahrhunderts sind durchschnittlich 10 %, zeitweilig sogar knapp 30 % der Mitglieder R\u00e9fugi\u00e9s.) Die Hugenotten leisten ebenfalls einen bedeutsamen Beitrag f\u00fcr die Formierung einer literarisch-kulturellen \u00d6ffentlichkeit und f\u00fcr die Entwicklung einer internationalen Zeitschriften-Landschaft. <br>\u00c9tienne Chauvin gab die erste wissenschaftliche Zeitschrift Berlins heraus, das Nouveau Journal des S\u00e7avans. Der Theologe und Historiker Jean Henri Samuel Formey (1711\u20131797) geh\u00f6rte der Akademie fast 50 Jahre lang an, er war Herausgeber der Nouvelle Bibliotheque Germanistique und Mitarbeiter an der Encyclop\u00e9die von Denis Diderot.<br><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"718\" height=\"531\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-20630\" style=\"width:403px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-2.png 718w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-2-500x370.png 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 718px) 100vw, 718px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wichtig und zu beachten:<br>Die franz\u00f6sischen Zeitschriften<br>ver\u00f6ffentlichen Texte aus und<br>\u00fcber verschiedene nationalen<br>bzw. kulturellen Sektoren; sind<br>also nicht national festgelegt<br>bzw. eingeschr\u00e4nkt<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was l\u00e4sst sich aus dieser Form der Zeitschriften-Produktion durch \u201eR\u00e9fugi\u00e9s\u201c und also durch Flu\u0308chtlinge aus Frankreich lernen? Zum einen ist zu erkennen: wie wichtig der Zustrom von neuen Ideen und deren Tr\u00e4gern f\u00fcr die kulturelle Entwicklung ist. Zum anderen macht das Beispiel der franz\u00f6sischen Migration im 17. Und 18. Jahrhundert und die von ihnen mitgebrachten Traditionen deutlich, unter welchen Bedingungen dieser Zustrom seine Wirkungen entfalten konnte: Die von den preu\u00dfischen K\u00f6nigen versprochene Toleranz und die Bereitschaft der deutschen Gesellschaft, sich auf die neuen Ideen und ihre Formen und Formate einzulassen, waren wesentliche Garanten f\u00fcr die Entwicklung der Berliner Aufkl\u00e4rung. Nicht ohne Grund konnte der Philosoph Immanuel Kant seinen ber\u00fchmten Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufkl\u00e4rung? 1784 in der Zeitschrift Berlinische Monatsschrift ver\u00f6ffentlichen. Er nutzte dabei ein Medium, das sich an die Muster der franz\u00f6sischen Periodika anlehnte.<br>Ebenfalls interessant sind die Beobachtungen der aktuellen ausl\u00e4ndischen Literaturproduktion durch deutsche Journale. Exemplarisch daf\u00fcr ist die seit 1778 in Berlin erscheinende Zeitschrift Bibliothek der Romane: Hier werden nicht nur die Muster und Verfahren des franz\u00f6sischen Vorbilds Biblioth\u00e8que des Romans kopiert, sondern es werden auch Texte direkt aus diesem Vorl\u00e4ufer \u00fcbernommen:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"948\" height=\"574\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-3.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-20637\" style=\"width:401px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-3.png 948w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-3-500x303.png 500w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-3-768x465.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 948px) 100vw, 948px\" \/><\/figure>\n<\/div><\/div>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine solche gleichsam berichtende Funktion \u2013 analog zur spa\u0308teren \u201eReview\u201c \u2013 \u00fcbernehmen auch Literaturzeitschriften im 19. Jahrhundert, so etwa das Magazin f\u00fcr die Literatur des Auslands. Es erschien zwischen 1832 und 1915 und informierte \u00fcber aktuelle Neuerscheinungen in den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"668\" height=\"467\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-4.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-20638\" style=\"width:335px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-4.png 668w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-4-500x350.png 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 668px) 100vw, 668px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>II. Vermehrung, Differenzierung, Polarisierung. Literaturzeitschriften im 20. Jahrhundert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Einen nachhaltigen Entwicklungsschub erfahren Literaturzeitschriften seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Dazu tragen verschiedene Faktoren bei. Zum einen differenzieren sich \u2013 oftmals zeitgleich oder auch zeitlich versetzt \u2013 literarische Bewegungen und Str\u00f6mungen aus, die auf die Entwicklungen in der modernen Gesellschaft reagieren: Der Symbolismus und der Expressionismus, der Futurismus und der Surrealismus werden seit Beginn des 20. Jahrhunderts durch Literaturzeitschriften initiiert und wesentlich vorangetrieben. Zeitschriften dienen dabei als Plattformen f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung von innovativen, experimentellen und avantgardistischen Werken.<br>Ein la\u0308nderu\u0308bergreifendes Charakteristikum der \u201amodernen\u2018 Literaturzeitschriften ist die Verbindung von Literatur und visueller Kunst. Viele Literaturzeitschriften dieser Zeit ver\u00f6ffentlichen nicht nur literarische  Texte, sondern auch Kunstwerke, Zeichnungen und Fotografien. Die Pluralit\u00e4t von Kunstformen und Verfahren tr\u00e4gt zur weiteren Entwicklung von Kunstrichtungen wie Dadaismus und Surrealismus bei. Schlie\u00dflich intensiviert sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts der internationale Austausch von literarischen Ideen. Literaturzeitschriften spielen eine zunehmende Rolle bei der Verbreitung von literarischen Trends und Bewegungen \u00fcber L\u00e4ndergrenzen hinweg.<br>Diese Entwicklungen werden von Berliner Literaturzeitschriften katalysiert: In den expressionistischen Periodika Die Aktion und Der Sturm wie auch in den dadaistischen Bl\u00e4ttern werden regelm\u00e4\u00dfig Werke von franz\u00f6sischen und italienischen K\u00fcnstlern ver\u00f6ffentlicht.<br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"511\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-5-1024x511.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-20639\" style=\"width:561px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-5-1024x511.png 1024w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-5-500x250.png 500w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-5-768x383.png 768w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-5.png 1094w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Entscheidend sind die wechselseitigen Wahrnehmungen: W\u00e4hrend die Berliner Literaturzeitschrift Der DADA etwa Francis Picabias Manifeste Cannibale Dada publiziert, druckt das von Tristan Tzara und Julius Heuberger herausgegebene Journal DADA (das zun\u00e4chst in Z\u00fcrich und sp\u00e4ter in Paris erscheint) Bilder von Hans Arp:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"714\" height=\"544\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-6.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-20641\" style=\"width:405px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-6.png 714w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-6-500x381.png 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 714px) 100vw, 714px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich f\u00fchren die realpolitischen Folgen von Erstem Weltkrieg und Oktoberrevolution in Russland zu einem Pha\u0308nomen, das in einen ersten \u201aBoom\u2018 von ausla\u0308ndischen Literaturzeitschriften in Berlin<br>m\u00fcndet. Nach 1918 leben zeitweilig fast 360.000 russische Emigranten in \u201eBerlinograd\u201c bzw. \u201eCharlottengrad\u201c bzw. in der &#8220;Stiefmutter der russischen Sta\u0308dte&#8221; (so Ilja Ehrenburg u\u0308ber Berlin). Sie bildeten nach Revolution und Bu\u0308rgerkrieg das \u201eRussland jenseits der Grenzen\u201c. Unter diesen russischen Emigranten waren viele Journalisten und Schriftsteller. Sie gr\u00fcndeten am 8. August 1920 in Berlin sogar die Union der russischen Journalisten und Schriftsteller in Deutschland als eigene Gewerkschaft. Die zahlreichen Gelehrten und Schriftsteller, die zuvor in Russland die Kultur des \u201eSilbernen Zeitalters\u201c gepr\u00e4gt hatten, schufen in Berlin wissenschaftliche Institute und eine Verlagswelt, die zwischen 1920 und 1924 zum Mittelpunkt des russischen Buchwesens wurde, mit mehr als 150 Verlagen und einer Produktion, die literarisch wie gestalterisch Geschichte geschrieben hat.<br>Das Russische Berlin war sogar ein Art \u201eDritter Ort\u201c, an dem sich Emigranten mit Vertretern des bolschewistischen Russland bzw. der sp\u00e4teren Sowjetunion noch treffen konnte. So begegneten sich im Haus der K\u00fcnste am Nollendorfplatz die Dichter des Petersburger Symbolismus (Andrej Belyi et al.) und die Shootingstars des russischen Futurismus. Die Galerie Van Diemen am Boulevard Unter den Linden wurde zu einem Ort, an dem die Kunst von Kasimir Malewitsch oder Marc Chagall in Deutschland erstmals gezeigt werden konnte. Berlin hatte eine russische Zeitungslandschaft, die auf die besten Kr\u00e4fte des russischen Journalismus, der politischen Analyse und der Literaturkritik zur\u00fcckgreifen konnte. Einer von ihnen, Juli Aichenwald, kam auf tragische Weise unter eine Stra\u00dfenbahn und liegt auf dem Friedhof der russischen Kirche in Tegel begraben.<br>Bis in die sp\u00e4ten 1930er Jahre schrieben diese Geistesarbeiter in Deutschland f\u00fcr eine bis zu 450.000 Russen z\u00e4hlende Diaspora, die jedoch laufend kleiner wurde. 1922 waren es noch 250.000 russische Emigranten, 1930 rund 90.000 und 1937 nur noch 45.000 russische Emigranten.<br>Dennoch: Berlin war neben Paris die zweitgr\u00f6\u00dfte \u201erussische\u201c Stadt Europas. Und das \u201erussische Berlin\u201c galt als die \u201eliterarische Hauptstadt Europas\u201c. Alleine im Jahr 1922 wurden hier 48 Verlage geza\u0308hlt, die insgesamt 147 russische Tages- und Wochenzeitungen publizierten. Zu wichtigen russischen Periodika, die in Berlin erschienen, geh\u00f6rten:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"572\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-10-1024x572.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-20645\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-10-1024x572.png 1024w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-10-500x279.png 500w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-10-768x429.png 768w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/image-10.png 1054w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte dieser bedeutsamen Periodika ist noch nicht geschrieben. Hinzuweisen ist an dieser Stelle auf das Faktum, dass bedeutende Autorinnen wie Andrej Bely und Vladimir Nabokov und Marina Swetajewa zum \u201erussischen Berlin\u201c geho\u0308rten und in den Zeitschriften der Emigration ver\u00f6ffentlichten. Wichtig und zu unterstreichen: bleibt auch hier die Bedeutung von migrantischen Communities f\u00fcr die Zeitschriften-Produktion. Denn wie Jack Spicer formulierte: \u201eEine Zeitschrift ist eine Gesellschaft\u201c. Und die in Berlin versammelten Autorinnen und K\u00fcnstlerinnen formierten jene Gemeinschaft des \u201erussischen Berlin\u201c, das als eine Gesellschaft zu verstehen ist \u2013 und von der wir wissen, weil es die materiellen Zeugnisse in Form von Zeitschriften gibt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>III Internationale Literaturzeitschriften aus Berlin in der Gegenwart<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Credo der internationalen Literaturzeitschriften aus Berlin formuliert die Redaktion des Periodikums alba. lateinamerika lesen. Getragen wird sie vom Verein f\u00fcr den kulturellen Austausch zwischen Lateinamerika und Deutschland. Seit 2012 gibt dieser Verein die mehrsprachige und illustrierte Zeitschrift heraus, in der noch unbeachtete Werke der lateinamerikanischen Literaturen \u00fcbersetzt und ver\u00f6ffentlicht werden. Die Redaktion besteht aus \u00dcbersetzerinnen, Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturbegeisterten. Neben der Herausgabe der Zeitschrift organisieren diese Redaktionsmitglieder literarische Veranstaltungen; sie informieren die Pressearbeit; und sie lesen unerm\u00fcdlich. Besonders bemerkenswert ist das Bekenntnis dieser Zeitschrift alba. lateinamerika lesen: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>F\u00fcr uns bilden sich die eindringlichsten Literaturen in Bodenn\u00e4he. Am Rand des Literaturbetriebs, noch au\u00dfer Reichweite der Kanonisierung durch Preise, Messen, Agentinnen und ohne Zugang zum internationalen Literaturmarkt entstehen permanent Texte, die \u00fcberraschen, bewegen und verst\u00f6ren. Als unabh\u00e4ngiger Verein suchen wir vor allem diese Texte und \u00fcbertragen sie ins Deutsche. Dabei ist die literarische Qualit\u00e4t und das Energiepotenzial der Literatur das, was uns bewegt.<\/em><br><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie spannend die Geschicke dieser Zeitschriften heute sind: wird dieses Symposium zeigen.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>PARATAXE Symposium XIII Babylonische Bl\u00e4tter<\/em><br>10.11. 2023 \u00a9 Parataxe\/stadtsprachen magazin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein kurzer und keineswegs vollst\u00e4ndiger \u00dcberblick.Mit knappen \u00dcberlegungen, warum diese Journale wichtig sind und bleiben werden. Mit knappen \u00dcberlegungen, warum diese Journale wichtig sind und bleiben werden Warum gibt es in unserer Welt so unwahrscheinliche Ereignisse wie Literaturzeitschriften?Weshalb investieren Menschen ihre wichtigsten Ressourcen \u2013 Zeit und Aufmerksamkeit \u2013 in die regelm\u00e4\u00dfige Herstellung von literarischen Journalen? 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