{"id":22811,"date":"2024-12-04T14:55:00","date_gmt":"2024-12-04T13:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/?post_type=stsp_text&#038;p=22811"},"modified":"2024-12-05T13:35:50","modified_gmt":"2024-12-05T12:35:50","slug":"ein-brief-aus-einem-gefaengnis-in-teheran","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/ein-brief-aus-einem-gefaengnis-in-teheran\/","title":{"rendered":"Ein Brief aus einem Gef\u00e4ngnis in Teheran"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.artforum.com.cn\/slant\/14373\">Chinesisches Original<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/\">Englische \u00dcbersetzung des Textes<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Meine Erfahrungen im Jahr 2022 m\u00fcssen schrecklich klingen, aber ich wei\u00df, dass sie nur eine unbedeutende Fu\u00dfnote in diesem absurden Jahr sind, das wir alle gemeinsam durchlebt haben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ich war eine Wissens- und Kulturarbeiterin auf dem chinesischen Festland. In den letzten Jahren wurde ich aufgrund meiner beruflichen und sozialen Aktivit\u00e4ten h\u00e4ufig von der Polizei drangsaliert. Vor 2022 konnten wir eine gewisse Balance aufrechterhalten. Manchmal verh\u00f6rte man mich, verfolgte mich, sprach mit meinen Vorgesetzten bei der Arbeit oder schickte Leute, um meine \u00f6ffentlichen Reden und die von mir organisierten Aktivit\u00e4ten zu \u00fcberwachen, aber sie lie\u00dfen mir Raum, um am \u00f6ffentlichen Leben mitzuwirken, einschlie\u00dflich des Schreibens, des Kommentierens in den sozialen Medien, des Bloggens und der Teilnahme an oder der Organisation von Offline-Aktivit\u00e4ten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Aber im Jahr 2022 gab es keine rationale Logik mehr in ihrem Vorgehen. Jede meiner Bewegungen konnte die h\u00f6chste Alarmstufe ausl\u00f6sen, Gr\u00fcnde wurden nicht mehr genannt, und es gab keinen Raum mehr f\u00fcr Verst\u00e4ndigung. Im Fr\u00fchjahr und Sommer 2022, kurz vor dem Jahrestag des Tiananmen-Massakers, als eine lange Lockdown-Periode zu Ende ging, traf ich mich zum Tanzen mit Freund*innen in einem \u00f6ffentlichen Raum und wurde f\u00fcr drei Tage unter Hausarrest gestellt. Unter politischem Druck beendete das Medienunternehmen, f\u00fcr das ich sechs Jahre lang gearbeitet hatte, rechtswidrig meinen Vertrag und weigerte sich, mir die volle Abfindung zu zahlen, die mir nach dem Arbeitsrecht zustand. Im Fr\u00fchherbst reiste ich von Beijing nach Shanghai, um an einer Kunstausstellung teilzunehmen. Ich hatte Kleidung f\u00fcr weniger als 10 Tage eingepackt und konnte nicht ahnen, dass ich nach der Abreise nicht mehr nach Hause zur\u00fcckkehren w\u00fcrde.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Im Oktober, am Vorabend des zwanzigsten Parteikongresses, erl\u00e4uterte ein Pop-Up auf der Beijing Health Kit App hunderttausende Anwohner*innen, dass sie nicht mehr nach Beijing zur\u00fcckkehren konnten. Ich war eine von ihnen. Nach der Er\u00f6ffnung der Ausstellung konnte ich nicht nach Hause zur\u00fcckkehren und hatte keine andere Wahl, als mit anderen befreundeten K\u00fcnstler*innen, die gemeinsam an der Kunstausstellung teilnahmen, nach Guangzhou zu fahren. W\u00e4hrend dieser Zeit verursachte die Null-Covid-Politik weiterhin \u00fcberall Verw\u00fcstungen. Jeden Tag \u00fcberflutete Trauer die sozialen Medien. Xi Jinpings Bruch mit der Tradition, die F\u00fchrungsrolle f\u00fcr eine dritte Amtszeit beizubehalten, und die Besetzung des Politb\u00fcros mit einem Team, das ausschlie\u00dflich aus seinen eigenen Leuten besteht, l\u00f6ste gro\u00dfe Verzweiflung aus. Gleichzeitig sorgte der mutige Solo-Protest, ein h\u00e4ngendes Banner auf der Sitong-Br\u00fccke in Beijing, f\u00fcr eine unterstr\u00f6mende Proteststimmung. Die im Westen lebenden Chines*innen h\u00e4ngten allerorts Plakate mit der Aufschrift \u201eXi st\u00fcrzen\u201c auf. Inmitten einer erstickenden und be\u00e4ngstigenden Atmosph\u00e4re kollektiven Schweigens im Land begannen junge Menschen aktiv zu werden. Der Aufschwung der Proteste im Iran zur gleichen Zeit inspirierte die chinesische Jugend. In Guangzhou organisierten wir Veranstaltungen, bei denen wir die Kunst der iranischen Proteste vorstellten und Plakate in Solidarit\u00e4t mit denjenigen anfertigten, die der Gewalt der iranischen Beh\u00f6rden ausgesetzt sind. Gleichzeitig produzierten wir heimlich Kunstwerke des Widerstands, die sich auf den chinesischen Kontext bezogen. Freund*innen um mich herum wurden leise aktiv.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ende Oktober geriet die Pandemiesituation in Guangzhou au\u00dfer Kontrolle. Jeden Morgen, nach dem Aufwachen, las ich auf meinem Handy in Gruppen- und privaten Chats von Ger\u00fcchte und Gegenger\u00fcchte \u00fcber den Lockdown. Mehrmals versuchte ich, nach Beijing zur\u00fcckzukehren, ohne Erfolg.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ich befand mich in einer verzweifelten Lage und hatte gro\u00dfe Angst, wieder in einem Lockdown gefangen zu sein, bis die Beijing Domestic Security Police die Provinzgrenzen \u00fcberschritt, um mich in Guangzhou unter dem Verdacht zu verhaften, dass ich seit dem Vorfall an der Sitong-Br\u00fccke an einer Reihe von Protestaktionen teilgenommen hatte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>An dem Tag, an dem ich verhaftet wurde, st\u00fcrmten mehrere Personen mit Guangdong-Akzent, die wei\u00dfe Schutzanz\u00fcge trugen und sich als Mitarbeiter*innen des Gesundheitswesens zur Pandemiepr\u00e4vention ausgaben, unsere T\u00fcr und beschuldigten uns zu Unrecht, jemanden, der aus einem Hochrisikogebiet kam, beherbergt zu haben.<\/em> <em>Sie verlangten, dass wir uns einem Antigentest unterziehen. Nachdem sie unsere Ausweise eingesammelt und meinen Namen vorgelesen hatten, st\u00fcrmten f\u00fcnf Polizist*innen mit Beijinger Akzent hinter dem \u201eMedizinischen Personal\u201c hervor und f\u00fchrten uns ab. Ironischerweise hatten sie keine andere Wahl, als ihren urspr\u00fcnglichen Plan aufzugeben, mich zum Verh\u00f6r nach Beijing zu bringen, da meine Beijing Health Kit-App mir immer noch nicht erlaubte, zur\u00fcckzukehren.<\/em> <em>Aus Angst, zu lange in der von der Pandemie heimgesuchten Stadt Guangzhou zu bleiben und selbst nicht mehr zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen, beendeten sie das Verh\u00f6r hastig und eilten zur\u00fcck nach Beijing. Da die Null-Covid-Politik es den Hafteinrichtungen in Guangzhou erschwerte, neue H\u00e4ftlinge aufzunehmen, wurde mir eine vor\u00fcbergehende Aussetzung der Verwaltungshaft von 15 Tagen gew\u00e4hrt, weil ich \u201eStreitigkeiten angezettelt und \u00c4rger provoziert\u201c hatte.<\/em> <em>Sobald ich freigelassen wurde, verlie\u00df ich in letzter Minute die Lockdown-Zone von Guangzhou und flog auf eine Insel im S\u00fcden, um abzutauchen. Ich wurde gebeten, der Beijing Domestic Security Police meinen Aufenthaltsort zu melden, und wartete auf die Ermittlungen anhand der Daten, die sie von meinen Ger\u00e4ten kopiert hatten. Weniger als zwei Wochen sp\u00e4ter setzte die A4-Bewegung gegen Zensur und pandemiebedingte Lockdowns ein. Meine Freund*innen in Beijing begannen, einer nach dem anderen zu verschwinden.<\/em> <em>In diesem Moment beschloss ich, das Land zu verlassen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Angst vor der Tyrannei hat mich dieses Jahr zum Schweigen gebracht, aber mir wurde klar, dass der Entzug des Rechts auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung mehr Schmerz verursacht als alle anderen Misshandlungen. Die parallel dazu stattfindenden intensiv gef\u00fchrten iranischen Proteste, die ich genau verfolgt hatte, wurden zu einer M\u00f6glichkeit, einen imagin\u00e4ren Rahmen zu schaffen, der es mir erm\u00f6glichte, die wahre Geschichte dessen zu erz\u00e4hlen, was uns widerfahren ist.<\/em> <em>Die chinesische Ausgabe der <\/em><a href=\"https:\/\/www.artforum.com.cn\/slant\/14373\">Artforum<em> Website ver\u00f6ffentlichte<\/em> <\/a><em>diese Geschichte am Vorabend des chinesischen Neujahrsfestes. Abgesehen von den Magazinredakteur*innen und denjenigen, die eng mit mir zusammenarbeiteten, verstanden nur diejenigen, die in dieser ersten \u00dcbertragung der Geschichte erw\u00e4hnt wurden, worum es wirklich ging. Als die Erz\u00e4hlung sich verbreitete, bedauerten die Menschen, wie \u00e4hnlich der Iran unserem Land war. Praktisch niemand erkannte, dass dies unsere eigene Realit\u00e4t beschrieb. Aus diesem Grund wurde der Artikel innerhalb der Gro\u00dfen Brandmauer nicht zensiert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Als der Artikel vollendet und ver\u00f6ffentlicht war, wusste ich immer noch nicht, was zuerst eintreten w\u00fcrde \u2013 der n\u00e4chste Tag oder meine Verhaftung. Sobald ich die Geschichte fertig geschrieben hatte, ignorierte ich die Anweisung der Geheimpolizei, meinen Aufenthaltsort zu melden, flog nach Yunnan und bereitete mich darauf vor, die Landgrenze zu Laos zu \u00fcberqueren. Gem\u00e4\u00df den Anweisungen meines Anwalts musste ich f\u00fcr den Fall meiner Verhaftung Materialien f\u00fcr eine Online-Support-Kampagne vorbereiten.<\/em> <em>Als Teil dieser Materialien beschloss ich, meiner verschleierten biografischen Geschichte \u201eEin Brief aus einem Gef\u00e4ngnis in Teheran\u201c Fu\u00dfnoten hinzuzuf\u00fcgen, um sie wieder in die chinesische Realit\u00e4t zu bringen. Die Geschichte endete damit, dass ich erneut verhaftet wurde. Wenn ich es aus dem Land schaffen w\u00fcrde, w\u00fcrde dieses Ende weiterhin reine Fiktion sein; w\u00fcrde ich aber an der Grenze verhaftet werden, w\u00fcrde es zusammen mit den entschl\u00fcsselten Fu\u00dfnoten zu meiner Zeugenaussage vor Gericht werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Am 24. Januar \u00fcberquerte ich die Grenze ohne Probleme und verlie\u00df China. Ich hatte es so eilig, dass ich nicht einmal Zeit hatte, nach Hause zu gehen und mein Gep\u00e4ck zu packen, mich um meine Katzen zu k\u00fcmmern oder meiner Familie zu erz\u00e4hlen, was passiert war.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>10. Februar 2023 (Bearbeitet am 1. Dezember 2023)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mutter,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">es ist mein zweiter Tag im Qarchak-Gef\u00e4ngnis. Dieser Winter ist f\u00fcr Teheran besonders kalt. Gl\u00fccklicherweise ist das Gef\u00e4ngnis im Norden in Evin bereits mit politischen Gefangenen \u00fcberf\u00fcllt, sodass ich in dieses hier im S\u00fcden geschleppt wurde. Denn sonst w\u00e4re ich vielleicht in einer noch schlimmeren Situation! Ich trage immer noch die Kleidung, die ich trug, als wir uns Anfang September verabschiedeten. Ich habe mein Zuhause damals mit nur zwei Fr\u00fchherbst-Outfits verlassen. Ich h\u00e4tte nie gedacht, dass es so lange dauern w\u00fcrde, bis ich zur\u00fcckkehren k\u00f6nnte, und schon gar nicht auf diese Weise. Hast du meine Pflanzen gegossen? Farne brauchen auch im Winter viel Feuchtigkeit und die Alokazija braucht viel Sonne. Hat mein Zitronenbaum Fr\u00fcchte getragen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich werde versuchen, dir diesen Brief zu schreiben, auch wenn ich nicht wei\u00df, ob er dich am Ende erreichen wird. Ich kann mir vorstellen, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach von ihnen weggeworfen wird. Nicht, weil dieser Brief eine Bedrohung f\u00fcr sie darstellen w\u00fcrde, nein, einfach aufgrund ihrer \u00fcblichen Grausamkeit und K\u00e4lte. Erinnerst du dich noch an Farah? Sie ist das M\u00e4dchen, das ich schon einmal erw\u00e4hnt habe und das verhaftet wurde, weil sie in Belutschistan recherchiert hat. Sie wurde beschuldigt, die nationale Sicherheit zu gef\u00e4hrden, und zu 15 Jahren Haft verurteilt. Sie sitzt jetzt seit vier Jahren im Gef\u00e4ngnis. Die B\u00fccher, die wir ihr geschickt haben, sind nie bei ihr angekommen. Und den Roman, den sie im Gef\u00e4ngnis geschrieben hat, hat sie Ali geschickt, aber er wurde auseinandergerissen, sodass nur noch das Inhaltsverzeichnis \u00fcbrig war. Ich habe Ali letzten Monat gesehen, nachdem ich aus dem ersten Verh\u00f6r entlassen worden war. Er erz\u00e4hlte mir, dass Farah ihn k\u00fcrzlich aus dem Gef\u00e4ngnis angerufen hat. Es war das erste und einzige Mal in diesem Jahr, dass er von ihr geh\u00f6rt hat. Ihre Stimme klang so unbeugsam wie immer. Als wir uns verabschiedeten, schluckte Ali die Worte, die ihm auf der Zunge lagen. Er, ich und all unsere Freund*innen wissen bereits, ohne es auszusprechen, dass ich in einer geborgten Freiheit lebe \u2013 dennoch achten wir darauf, die Seifenblase nicht platzen zu lassen. \u201eIch bin sicher, dass du, egal was passiert, so unbeugsam bleiben wirst wie immer &#8230;\u201c Als die Worte seinen Mund verlie\u00dfen, konnte ich meine Tr\u00e4nen nicht l\u00e4nger zur\u00fcckhalten und begann zu weinen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich glaube, dass ich vielleicht alle entt\u00e4uschen werde. Am Ende des Tages bin ich vielleicht nur eine schwache, kleinliche bourgeoise Intellektuelle. Seit mir die Arbeit, f\u00fcr die ich brenne, genommen wurde, \u00fcbe ich mich das ganze Jahr \u00fcber in der Erfahrung des Verlusts. Jede Nacht halte ich meine beiden Katzen im Arm und verabschiede mich leise von ihnen. Aber mir ist klar, dass es so viel gibt, das ich zu verlieren f\u00fcrchte \u2013 sogar die mehreren tausend B\u00fccher zu Hause \u2013, dass ich beim ersten Schlag zusammenbrechen werde. An dem Morgen, an dem ich verhaftet wurde, hatte ich gerade eine Menge gebrauchter Schallplatten online bestellt. Die sind wahrscheinlich schon vor einer Weile angekommen, oder? Ich bin mir nicht sicher, wann ich sie mir jetzt anh\u00f6ren kann. Ich hatte an diesem Tag sogar einen K\u00fcchenmixer in meinen Warenkorb gelegt \u2013 in der Hoffnung, Granatapfelsaft zum Fr\u00fchst\u00fcck machen zu k\u00f6nnen \u2013, aber er war ziemlich teuer, also hatte ich gez\u00f6gert und mich nicht zur Zahlung durchgeklickt. Kannst du das fassen? Was mich in diesen eineinhalb Tagen im Gef\u00e4ngnis am meisten qu\u00e4lt, sind diese besch\u00e4menden bourgeoisen Bindungen. Es ist, als w\u00e4re der Verlust des normalen Alltags schmerzhafter als der Verlust all dessen, was ich erreicht habe, und der Sinn, den ich in der Arbeit gefunden habe, die ich liebte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oh ja, Mama. Ich habe mich die ganze Zeit nicht getraut, dir zu sagen, dass ich meinen Job verloren habe. Es war an der Schwelle zwischen Fr\u00fchling und Sommer. Ich wurde unter Hausarrest gestellt, nur weil meine Freund*innen und ich uns zum Tanzen auf der Stra\u00dfe zusammengefunden hatten.<a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_edn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Wie sehr f\u00fcrchtet dieses Regime doch jeden Impuls der Freiheit! Danach wandte sich die Geheimpolizei an die Zeitung, bei der ich arbeitete \u2013 es war nicht das erste Mal \u2013 und der Herausgeber und die Gesch\u00e4ftsleitung waren nicht mehr bereit, das von mir verursachte Risiko weiter zu tragen. Du wei\u00dft, ich war immer bereit, Feigheit und \u00c4ngstlichkeit zu verstehen und mich in sie hineinzuversetzen. Aber die Zeitung wettete, dass ich es nicht riskieren w\u00fcrde, die Beh\u00f6rden erneut zu ver\u00e4rgern, indem ich die Gr\u00fcnde und Umst\u00e4nde f\u00fcr meinen Ausstieg offenlege (und ja, sie hatten recht!), also nutzten sie den unausgesprochenen Elefanten im Raum, und verweigern, das Arbeitsrecht einzuhalten und mir die volle Entsch\u00e4digung auszuzahlen. Diese Art von fortw\u00e4hrendem Feilschen um meine Bezahlung, als w\u00e4ren wir auf einem Gem\u00fcsemarkt, macht sie so verachtenswert! Wie w\u00fcrdest du sie noch mal nennen? Diese b\u00f6se-verf\u00fchrenden Dschinns.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach meiner Freilassung nach dem ersten Verh\u00f6r im November begann f\u00fcr mich eine endlose Wartezeit. Die anstehende Inhaftierung aufgrund der Corona-Ma\u00dfnahmen hing wie ein Damoklesschwert \u00fcber meinem Leben. Die Geheimpolizei rief mich unregelm\u00e4\u00dfig an, um sich nach meinem Aufenthaltsort zu erkundigen, und warnte mich, dass ich alle Pl\u00e4ne im Voraus melden m\u00fcsse, egal wohin ich ginge. Anw\u00e4lte und alle meine erfahrenen Freunde sagten mir immer wieder, ich solle noch etwas l\u00e4nger warten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich l\u00f6schte meine Konten in den sozialen Medien, l\u00f6schte Dateien von meinem Computer und meinem Mobiltelefon, zog mich aus dem \u00f6ffentlichen Leben zur\u00fcck, schluckte all das Unrecht hinunter und versank in einem Abgrund des Schweigens. Es war, als ob jede Sekunde und jede Minute meines Lebens in der Schwebe hing. Ich wusste, dass ich nur darauf wartete, dass die Polizei mich gr\u00fcndlicher untersuchte, die kopierten Informationen auswertete und mir meine Freiheit wieder nahm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tags\u00fcber widmete ich mich ausgiebig den Gef\u00e4ngnisnotizen von Menschen, die in den letzten Jahren verhaftet worden waren, um mich mental vorzubereiten. Als ich las, dass Amin sich bis zum Ende seiner Haftzeit weigerte, sich schuldig zu bekennen, dass er seine letzte Aussage vor dem Obersten Gerichtshof in Teheran stammelte und sagte: \u201eIch bin bereit, meine Freiheit zu opfern, um alles zu verteidigen, was ich getan habe\u201c, vergrub ich mein Gesicht im Bett und weinte, weil ich daran zweifelte, ob ich all die Schwierigkeiten, die auf mich zukommen w\u00fcrden, bew\u00e4ltigen k\u00f6nnte.<a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_edn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Die N\u00e4chte waren voller Albtr\u00e4ume \u00fcber Flucht, Verhaftung und Inhaftierung. Manchmal drangen Donner und Blitz von drau\u00dfen in meine Traumsequenz ein, in der ich in Gewahrsam genommen und verh\u00f6rt wurde, und ich schreckte auf. Aber das Gef\u00fchl von Angst und Verzweiflung in diesen Tr\u00e4umen ist immer so \u00e4hnlich, dass ich mich nach dem Aufwachen nie an etwas erinnern kann. Der einzige Traum, der einen starken Eindruck hinterlassen hat, handelte von den allt\u00e4glichsten Dingen: Ich tr\u00e4umte davon, f\u00fcr Freund*innen zu Hause in Teheran zu kochen. Und der Traum dauerte so lange, dass ich mich an jeden einzelnen Schritt der Zubereitung jedes einzelnen Gerichts erinnere. Wenn ich mir vorstelle, wie meine Freund*innen vor Freude \u201eOhs\u201c und \u201eAhs\u201c aussto\u00dfen, wenn sie meine Kochk\u00fcnste sehen, bin ich gl\u00fccklich. Aber die Realit\u00e4t, in der ich aufwache, f\u00fchlt sich so viel trostloser an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In meinem verzweifeltsten Moment ergriff ich gar die Initiative, kontaktierte einen der Geheimpolizisten und fragte ihn, ob er mich sofort in Haft nehmen k\u00f6nne. Er sagte: \u201eWarten Sie doch auf die Updates\u201c. Jeden Tag dachte ich daran, dass, wenn man mich an jenem Tag sofort verhaftet h\u00e4tte, dies zumindest eine Welle der Unterst\u00fctzung h\u00e4tte ausl\u00f6sen k\u00f6nnen und den Widerstandseifer neu entfacht h\u00e4tte \u2014 anstatt so vergessen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Schmerz hatte bereits begonnen zu verblassen. Ich unterschrieb eine Erkl\u00e4rung, in der ich mich verpflichtete, keine Details des Verh\u00f6rs preiszugeben. Jedes Mal, wenn ich den Drang versp\u00fcrte, diese Gedanken- und Gef\u00fchlsfetzen aufzuschreiben, wurde mir wieder klar, dass ich sie nirgendwo sicher genug aufzeichnen konnte, und ich lie\u00df den Gedanken los. Mein Computer und mein Handy f\u00fchlten sich f\u00fcr mich nicht mehr privat an. Nat\u00fcrlich waren sie lange Zeit \u00dcberwachungsinstrumente des Staates gewesen, aber nachdem sie 30 Stunden lang von der Geheimpolizei beschlagnahmt worden waren, waren sie so unantastbar geworden wie eine Art Virus (w\u00e4hrend der echte Virus um uns herum niemanden mehr erschreckte).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ged\u00e4chtnis wird fragmentiert. Diese \u201e404NotFound\u201c-Meldungen f\u00fchren dazu, dass man sich nicht mehr daran erinnern kann, was gestern passiert ist, geschweige denn, was vorgestern passiert ist. Alle unsere Unterhaltungen werden m\u00fchsam und unzusammenh\u00e4ngend. Nur wenn wir die automatische L\u00f6schfunktion in Messaging-Apps aktivieren, gewinnen wir ein wenig an Sicherheit, aber oft, wenn ich aufwache und die Antworten der anderen lese, kann ich mich nicht mehr daran erinnern, was ich schrieb und worauf sie antworteten. Widerwillig sehe ich zu, wie Nachrichten voller W\u00e4rme nach 10 Sekunden, 30 Sekunden oder einer Stunde verschwinden. Aber sie k\u00f6nnen auf keinen Fall l\u00e4nger bleiben. Ich traue mich nicht, Screenshots zu machen, weil alles zu Beweismaterial werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, das Vergessen ist eine Grausamkeit. Es ist der Komplize der Tyrannei. Aber wenn man in diesem Land lebt, ist es noch schwieriger, der Realit\u00e4t zu entgehen, dass die Erinnerung ein Verbrechen ist. Sie macht nicht nur das Leiden und das Leben schwerer ertr\u00e4glich, sie kann auch jederzeit zu Beweisen in den H\u00e4nden der Geheimpolizei werden und einen in einen unvorstellbaren Abgrund st\u00fcrzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun werde ich dir endlich von der ersten, sehr aufw\u00e4ndig vollzogenen Verhaftung erz\u00e4hlen.[3]<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An dem allergew\u00f6hnlichsten Tag im November verwendeten sie die Methoden der Abteilungen f\u00fcr Schwerverbrechen, um mich in eine Falle zu locken, und schickten so viele Leute, die den ganzen Weg von Teheran nach Sanandaj gekommen waren, in vielschichtigen Hinterhalten und Verkleidungen[4], um mich sp\u00e4ter w\u00e4hrend des Verh\u00f6rs zu dem\u00fctigen, als nicht intelligent genug, um den Fallen zu entgehen, die sie legten. Das Komische daran ist, dass ich mich nicht einmal versteckt hatte, es war einfach ein ganz normaler Tag und ein ganz normales Beisammensein mit Freund*innen. Zu der Zeit war ich in der K\u00fcche und f\u00fcgte Tomaten und Kichererbsen zu Dizi hinzu. Wir hatten unsere Vorsicht fallen lassen, dank der Tarnung durch einen \u00f6rtlichen Informanten aus Sanandaj, der sich als Mitreisender verkleidete. Sie st\u00fcrmten in Hediehs Haus und schrien: \u201eAlle auf die Knie!&#8221; Adel kniete reflexartig nieder und wurde sofort auf den Boden gedr\u00fcckt. Die beiden jungen M\u00e4dchen, Noor und Hedieh, standen wie erstarrt daneben. Instinktiv begann ich, auf Kurdisch zu schreien und mich zu wehren, doch dann h\u00f6rte ich, wie die brutalste Sprache durch mich hindurchdrang: Teheranisch-Persisch.[5] Die kombinierte Gewalt des g\u00f6ttlichen Rechts, des Staatsapparats, des Chauvinismus der ethnischen Mehrheit und des Patriarchats \u2014all das so deutlich zum Ausdruck gebracht. \u201eErkennst du meinen Akzent nicht, Mahsa? Freust du dich nicht, jemanden aus deiner Heimatstadt so weit weg von zu Hause zu treffen? Diesmal k\u00fcmmern wir uns ganz bestimmt um dich!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch wenn ich in Teheran geboren bin, werde ich als Kurdin immer ein Au\u00dfenseiter sein. Von klein auf habe ich mich stets bem\u00fcht, mich nicht vom Teheraner Persisch korrumpieren zu lassen. In diesem Moment wurde mir klar, dass die Dinge wahrscheinlich viel ernster waren, als ich es mir vorgestellt hatte, und ich wurde sofort still.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie zeigten ihre Ausweise nicht vor. Es gab keine offizielle Vorladung oder einen Haftbefehl \u2013 nur Handschellen und diesen Akzent, um der Drohung Nachdruck zu verleihen. Meine Freunde und ich wurden abgef\u00fchrt, unsere Handys und Computer beschlagnahmt und das Haus von Hediehs Eltern wurde auf den Kopf gestellt. Ich wurde in ein Auto gepackt, die anderen in einen anderen Wagen. Es war dunkel und ich konnte nichts klar erkennen. Ich erinnere mich nur daran, dass sie kurz auf der nahe gelegenen Polizeistation anhielten. Du wei\u00dft, dass die Regierung in den kurdischen Gebieten kurz davorsteht, die Kontrolle zu verlieren. Viele Polizeistationen waren bereits mit Demonstrant*innen besetzt und konnten nicht f\u00fcr Verh\u00f6re genutzt werden. Die 480 Kilometer nach Teheran w\u00e4ren f\u00fcr unseren Trupp ein zu gro\u00dfes Risiko gewesen, denn sobald Nacht hereinbricht, gleichen viele der Orte und St\u00e4dte auf dem Weg dorthin Kriegsgebieten. Im Auto beschimpften sie mich unabl\u00e4ssig. Wegen mir mussten sie eine so weite und gef\u00e4hrliche Reise auf sich nehmen, und niemand wusste, ob sie es sicher zur\u00fcck in ihr wohliges Nest in Teheran schaffen w\u00fcrden.<a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_edn6\"><sup>[6]<\/sup><\/a> Sie verga\u00dfen nie, ihren Vorw\u00fcrfen noch mehr Gift beizumischen: \u201eHedieh, Noor und Adel wurden wegen dir weggebracht, und sie werden es dir \u00fcbel nehmen!\u201c (Ich wusste nat\u00fcrlich, dass sie das nicht tun w\u00fcrden.) In meiner Angst verlor ich jegliches Zeitgef\u00fchl, sodass ich nicht mehr wei\u00df, wie lange wir fuhren, aber mit viel M\u00fche fanden sie schlie\u00dflich eine einzige funktionierende Polizeistation im kurdischen Gebiet. Ich erinnere mich nur daran, dass es bereits sp\u00e4te Nacht war, als wir dort ankamen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als sie mich schlie\u00dflich in den Keller dieser Polizeistation f\u00fchrten, brach die Angst, die ich mit meiner Zuversicht kaum unterdr\u00fccken konnte, \u00fcber mich herein, und der Gedanke, dass die Gerechtigkeit auf meiner Seite war, verflog v\u00f6llig. Zuerst sah ich einen riesigen K\u00e4fig. Darin lagen zwei schmutzig aussehende M\u00e4nner und schliefen trotz des hellen, wei\u00dfgl\u00fchenden Lampenlichts, das \u00fcber ihnen schien. V\u00f6llig entw\u00fcrdigt. Weiter hinten gab es einen dunkleren Bereich mit einem weiteren K\u00e4fig, und als ich dort ankam, war niemand anderes da, aber sp\u00e4ter, als ich auf die Toilette ging, konnte ich sehen, wie nacheinander ein paar Frauen hereingebracht wurden. Auf jeder Seite gab es Verh\u00f6rr\u00e4ume, und ich wurde in einen gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die meiste Zeit verbrachte ich wartend, verunsichert. Ich bin so schwach. Das Verh\u00f6r hatte kaum begonnen, und ohne, dass sie irgendwelche skrupellosen Tricks anwenden mussten, gab ich ihnen das Passwort f\u00fcr mein Handy und meinen Laptop. Sie verlie\u00dfen den Raum und kamen immer wieder zur\u00fcck, wobei sie jedes Mal mehr \u201eBeweise\u201c mitbrachten, die sie auf meinem Handy oder Computer gefunden hatten. Ich erfuhr sp\u00e4ter, dass Noor sechs Stunden durchgehalten hatte, bevor sie ihre Passw\u00f6rter preisgab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein unwohles Gef\u00fchl f\u00fchrte dazu, dass ich st\u00e4ndig auf die Toilette gehen musste, aber das war wahrscheinlich die dem\u00fctigendste Erfahrung des gesamten Verh\u00f6rs. Die Toilette befand sich am Fu\u00dfe eines Treppenhauses in einem Flur und es gab nur eine symbolische Trennwand, um die Intimsph\u00e4re zu wahren, die nur etwa ein Drittel der durchschnittlichen K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe einer Person betrug. Sie war gerade so hoch, dass man, wenn man in die Hocke ging, kaum noch zu sehen war, und jedes Mal musste ich mir das Hirn zermartern, um die richtige Position zu finden, um mich zu b\u00fccken, w\u00e4hrend ich mich an meiner Hose festhielt, damit mich die Blicke der m\u00e4nnlichen Polizisten, die durch den Korridor gingen, nicht erreichten. Eine Polizistin aus Teheran war damit beauftragt, auf mich aufzupassen, w\u00e4hrend ich auf die Toilette ging, aber wenn sie nicht da war, \u00fcbernahm ein m\u00e4nnlicher Beamter ihre Rolle. Wenn man eines Verbrechens beschuldigt wird, ist es, als w\u00e4re es auch eine unangemessene Forderung, dass ein fremder m\u00e4nnlicher Polizist nicht einmal Zeuge der intimsten Handlungen werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn die Ermittler aus Teheran nicht da waren, gab es immer noch ein paar b\u00f6sartig aussehende, lokalen Polizisten mittleren Alters, die in der Mitte des Kellers postiert waren und alle umliegenden R\u00e4ume \u00fcberwachten. Aufgrund meines h\u00e4ufigen Wasserlassens hatte ich jedoch die M\u00f6glichkeit, gelegentlich einen Blick auf das Geschehen in diesem unterirdischen Areal au\u00dferhalb meines Verh\u00f6rraums zu werfen. Ich h\u00f6rte zuf\u00e4llig, wie ein paar relativ junge assistierende Ermittler im Korridor auf Kurdisch fl\u00fcsterten und sich dar\u00fcber beschwerten, dass sie \u00dcberstunden machen mussten, um diese schicken, gro\u00dfen Fische aus Teheran zu begleiten, die sie st\u00e4ndig auf dem Kieker hatten: \u201eJa, <em>klar<\/em>, die kommen aus der Hauptstadt, die halten sich kein bisschen an das Protokoll! Sie kommen in den Raum und lassen die Verd\u00e4chtigen nicht vor Ablauf der Zeit gehen. Denn sie haben bereits beschlossen, die Regeln f\u00fcr die Verh\u00f6rzeit zu brechen!\u201c Ich h\u00f6rte auch, wie der Tehrani-Polizist, der mich verh\u00f6rt hatte, vor meiner T\u00fcr den \u00f6rtlichen Polizisten unter Druck setzte, alle Aufzeichnungen zu l\u00f6schen, sobald mein Verh\u00f6r beendet war, einschlie\u00dflich des gesamten Aufnahmematerials der Kameras aus dem Raum. All diese Dinge lie\u00dfen mich v\u00f6llig erschlaffen. Die Zeit schien sich endlos zu ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend ich an anderen R\u00e4umen vorbeiging, versuchte ich zu ersp\u00e4hen, was mit meinen Freunden geschah. Aus Noors Zimmer drangen unabl\u00e4ssig Schluchzer. Sie ist zu jung und hat so etwas noch nie erlebt. Wahrscheinlich hat sie noch nicht gelernt, wie sie ihre Schw\u00e4che im Angesicht von Gewalt verbirgt. Der Geheimpolizist, der f\u00fcr ihr Verh\u00f6r zust\u00e4ndig war, war etwa in ihrem Alter, und als er ihr gegen\u00fcberstand, trieften seine Worte nur so mit hinterlistigem Flirten. Ich h\u00f6rte, wie er mit schleimiger Stimme zur schluchzenden Noor sagte: \u201eIch bin noch nie so sanft zu meiner Frau gewesen.\u201c Sp\u00e4ter erz\u00e4hlte sie mir, dass er jedes Mal, wenn andere, mittelalte Beamte aus Teheran in den Verh\u00f6rraum kamen, um sie einzusch\u00fcchtern, sofort versuchte, sie zu beruhigen, sie zu beschwichtigen und sie zum L\u00e4cheln zu bringen. Die wenigen romantischen Erfahrungen, die Noor gemacht hat, waren stets mit M\u00e4nnern, die sie ausnutzten. Als also ein junger Mann ihr in einem engen Raum und \u00fcber einen langen Zeitraum hinweg seine volle Aufmerksamkeit schenkte, ihr zuh\u00f6rte und an ihrer Seite sa\u00df, w\u00e4hrend sie weinte, wie h\u00e4tte sie da ihre Schw\u00e4che nicht offenbaren sollen? Aber das war wahrscheinlich alles nur ein Trick, um sie zu zerbrechen! Als wir im Vermittlungsraum der Eingangshalle zusammensa\u00dfen, um Dokumente zu unterzeichnen und die restlichen Formalit\u00e4ten zu erledigen, und es fast Zeit f\u00fcr unsere Entlassung war, stellte ich schockiert fest, dass zwischen den beiden eine starke sexuelle Anziehung herrschte. \u201eIst deine Haarfarbe von Natur aus so? Sieht so sch\u00f6n aus!\u201c \u201eWann l\u00e4dst du mich zum Essen ein?\u201c \u201eDeine Aussage war so voller Ungereimtheiten; wei\u00dft du nicht, wie viel M\u00fche ich mir gegeben habe, um sie in Ordnung zu bringen?\u201c Jedes Mal, wenn er einen Satz beendete, senkte Noor den Kopf und schaute sch\u00fcchtern drein. Durch diese ausgekl\u00fcgelten Verh\u00f6rtechniken f\u00fchrten sie scheinbar ein Experiment an der menschlichen Natur durch \u2014 so schamlos! Ich musste an das denken, was Sepideh uns \u00fcber ihre Inhaftierung bei einer geschlossenen Zusammenkunft nach ihrer Entlassung aus der Haft erz\u00e4hlte. Eine Polizistin kam oft zu ihr, um in diesem engen, fensterlosen Raum vertrauliche Gespr\u00e4che zu f\u00fchren, und sagte ihr, dass sie ein leichtes Ziel f\u00fcr die m\u00e4nnlichen Revolution\u00e4re an ihrer Universit\u00e4t sei, weil sie nicht h\u00fcbsch genug sei, ein niedriges Selbstwertgef\u00fchl habe und naiv sei. Und ihr wurde gesagt, dass sie nicht das einzige junge, naive M\u00e4dchen war, das von diesen m\u00e4nnlichen Revoluzzern get\u00e4uscht wurde. In der langen und einsamen Gefangenschaft waren diese vertraulichen Momente f\u00fcr sie \u00fcberraschend warmherzig \u2014 jedes Mal brach sie in Tr\u00e4nen aus, bis zu dem Punkt, an dem sie kurz davorstand, ihre eigenen \u00dcberzeugungen aufzugeben und an die aufrichtigen Worte der Polizistin zu glauben. Als Freunde dies bei dieser Versammlung h\u00f6rten, spuckte Maryam fast auf den Boden und meine Hand ballte sich zu einer Faust.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ach ja, und sp\u00e4t in der Nacht, als die meisten Ermittler*innen entweder in Meetings waren oder schliefen, kam der Polizeibeamte, der Noor verh\u00f6rte, w\u00e4hrend einer Pause in mein Zimmer und tat so, als w\u00fcrde er Smalltalk machen. Er erz\u00e4hlte lebhaft, wie er mich vor einigen Monaten beschattet hatte, als pl\u00f6tzlich ein Vergewaltiger in den Keller gebracht wurde. Er verlor sofort die Konzentration und sagte in einem irritierend flapsigen Ton: \u201eWir sind jetzt in Kurdistan, geh und finde ein paar \u201aHuren\u2018 auf dem Schwarzmarkt, warum sich mit Vergewaltigung abm\u00fchen!\u201c. Ja, er benutzte das Wort \u201eHure\u201c, die schmutzigste und dem\u00fctigendste Sprache, die man gegen\u00fcber Frauen verwenden kann. Kannst du glauben, dass dies aus dem Mund eines Verteidigers der Scharia kam?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Behandlung, die Hedieh bekam, war von einer anderen Art. \u201eDeine Eltern sind noch nicht im Ruhestand, oder? Hast du nicht eine neunj\u00e4hrige kleine Schwester?\u201c Das war definitiv das Abscheulichste an diesem ganzen Verh\u00f6r. Die Drohungen gegen ihre Familie brachten Hedieh dazu, sich v\u00f6llig zu ergeben, und das Verh\u00f6r zielte zugleich darauf ab, ihre ganze Willenskraft zu ersch\u00f6pfen. Das \u00fcberm\u00e4\u00dfig lange Schweigen zwischen den einzelnen Fragen w\u00e4hrend dieser 24 Stunden qu\u00e4lte ihren bereits entkr\u00e4fteten K\u00f6rper. Jedes Mal, wenn ich zur Toilette ging und an Hediehs Verh\u00f6rraum vorbeikam, war sie regungslos, hielt sich an beiden Beinen fest und kauerte auf diesem kalten, metallenen Stuhl \u2014 eine Statue. Sp\u00e4ter erz\u00e4hlte sie uns, dass sie nicht einmal auf die Toilette gegangen war. Wir durften uns zum ersten Mal sehen, als es Zeit f\u00fcr den Urintest war, aber jemand hatte die ganze Zeit ein Auge auf uns und verbot uns zu sprechen. Noor und ich hielten uns diskret an den Fingern, wurden aber sofort aufgefordert, damit aufzuh\u00f6ren. Als Hedieh aus der Toilette kam, war der Becher, den sie trug, voller blutroten Urins, was den m\u00e4nnlichen Polizeibeamten, der die Untersuchung durchf\u00fchrte, erschreckte. Die Polizistin neben ihm kommentierte gelassen: \u201eHast du deine Periode, hm?\u201c. Es war der erste Tag ihres Menstruationszyklus und wer wei\u00df, wie sie den Rest dieser Qual ertragen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Polizist, der mich verh\u00f6rte, war ein hochrangiger Beamter der Teheraner Geheimpolizei und der erfahrenste von ihnen. Sobald er das Passwort f\u00fcr mein Telefon erlangt und es entsperrt hatte, geriet er in Rage und kam in den Raum, um zu fragen, warum der Audiorekorder die ganze Zeit eingeschaltet gewesen sei. \u201eIhr redet gerne \u00fcber Rechte bei der Polizei, oder?! Wenn ein Polizist mit euch spricht, fangt ihr an, aufzunehmen, was?! Ihr glaubt, ihr kennt das Gesetz, oder? Aber dir muss eine Lektion erteilt werden!\u201c W\u00e4hrend der Befragung nutzte er manchmal seine Autorit\u00e4t, um mich einzusch\u00fcchtern. \u201eWas ich am meisten hasse, ist, dass du denkst, die Polizei besteht nur aus dummen Wichsern!\u201c Es war, als w\u00e4re jedes Wort, das ich sagte, falsch und steckte mich in eine immer tiefere Schlangengrube. Zu anderen Zeiten drohte er mir mit Bestrafung, um mir Angst zu machen: \u201eWiederhole, was du eben gesagt hast! Wie viele Jahre willst du weggesperrt werden?\u201c Das ging so weit, dass am Ende fast alle meine Aussagen seine eigenen \u00c4u\u00dferungen waren. Zu anderen Zeiten wurde er pl\u00f6tzlich aufgeschlossen und dr\u00fcckte sein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr diejenigen aus, die versuchen, die Freiheit zu sch\u00fctzen, \u2014 und sein Mitgef\u00fchl f\u00fcr die Misere der iranischen Frauen. Er dr\u00e4ngte mich zu glauben, dass nicht alle Autorit\u00e4ten gleich seien. Aus seiner positionellen \u00dcbermacht heraus schien er es jedoch zu genie\u00dfen, meine Selbstachtung St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck zu zerst\u00f6ren, und die 24 Stunden waren im Grunde ein einziges Minenfeld des Gaslightings, bis zu dem Punkt, dass ich, als mein Wille am schw\u00e4chsten war, fast glaubte, dass er dies zu meinem Wohl tat, dass er mir half, vom System Nachsicht gew\u00e4hrt zu bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich meine abschlie\u00dfende Erkl\u00e4rung zur Durchsicht erhielt, bemerkte ich ganz oben im Protokoll einen Formfehler. Die Zeile \u201eIch muss meinen eigenen Anwalt kontaktieren\u201c war automatisch f\u00fcr mich als \u201eNicht notwendig\u201c ausgew\u00e4hlt worden. Die Antwort auf \u201eIch habe das Handbuch f\u00fcr Verh\u00f6rstandards bereits gelesen\u201c war ebenfalls automatisch als \u201eJa\u201c ausgew\u00e4hlt worden. Obwohl 20 Stunden vergangen waren, wusste ich nicht, was dieses sogenannte \u201eHandbuch f\u00fcr Verh\u00f6rstandards\u201c war. Als ich ihn danach fragte, antwortete er apathisch: \u201eDie k\u00f6nnen ge\u00e4ndert werden.\u201c Dann gab er mir einen Stapel Dokumente \u00fcber Verh\u00f6rstandards. Noor und Hedieh hatten keine Erfahrung im Umgang mit solchen Gewaltmechanismen, und als ich sie sp\u00e4ter danach fragte, hatten sie diese Details weder bemerkt noch ihre Aussagen vor der Unterzeichnung sorgf\u00e4ltig durchgelesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das L\u00e4cherlichste war die Arroganz und Dummheit dieser Polizisten. Das belutschische Gedicht zum Widerstand, das mein Freund geschrieben hat, wurde mir in die Schuhe geschoben, obwohl ich ganz klar kein Belutschi verstehe! Sie k\u00f6nnen nicht einmal den Unterschied zwischen Belutschi und Kurdisch erkennen, ist das zu glauben?! Sie h\u00e4tten einfach googlen k\u00f6nnen, um den Unterschied zu erkennen. Der kurdische Polizist, der die Notizen f\u00fcr den Teheraner Polizisten machte, der das Verh\u00f6r durchf\u00fchrte, sah besch\u00e4mt aus, und ich musste fast laut lachen, als ich mich verteidigte, <em>Insha&#8217;Allah<\/em>!<sup>[7]<\/sup> Er fragte mich sogar in einem schwatzhaften Ton, ob Mani, der sich f\u00fcr sexuelle Minderheiten einsetzt, AIDS hat \u2014 nur weil er schwul ist! Aber seine fiesesten Methoden sparte er sich f\u00fcr die Frage auf, ob ich eine Feministin sei oder nicht. In den anderen R\u00e4umen stachelte die Geheimpolizei auch Noor, Hedieh und Adel an, mich als Feministin zu bezeichnen. Es ist, als ob Feministin zu sein im Vergleich zu allem anderen das absolut schlimmste Verbrechen w\u00e4re! Ich war irritiert. Wenn er mich normal gefragt h\u00e4tte, h\u00e4tte ich ihm, ohne zu z\u00f6gern gesagt, dass ich nat\u00fcrlich Feministin bin. Als er mich dann dr\u00e4ngte, zuzugeben, dass alle unsere Arbeit den Obersten F\u00fchrer verleumdet, wagte er nicht einmal, seinen Namen zu nennen. Was f\u00fcr ein Witz!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir fingen an, uns zu entspannen, als wir dann endlich die Entlassungsprozeduren durchliefen \u2014 und die Polizeibeamt*innen taten es auch. Nahezu jeder der Teheraner Polizeibeamt*innen kam und prahlte damit, wann er gegen mich ermittelt hat, wo er mir auf der Spur war oder mich verfolgt hatte. Aus Angst, sie k\u00f6nnten den Eindruck erwecken, ich sei zu \u201ewichtig\u201c, verga\u00dfen sie nie hinzuzuf\u00fcgen: \u201eAus dir wird nie etwas werden! Was f\u00fcr eine Verschwendung unserer Kr\u00e4fte!&#8221; Der rangh\u00f6chste der kurdischen Offiziere schien diese letzte Gelegenheit nutzen zu wollen, um den hauptst\u00e4dtischen Polizisten seine Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber dem Regime zu zeigen, und er stellte seine gediegene persische Bildung zur Schau, indem er uns belehrte: \u201eVersteht ihr die derzeitige Stellung des Iran in der Welt? Die Vereinigten Staaten und Israel be\u00e4ugen uns wie eine Beute, unsere strategische Freundschaft mit Russland ist instabil, und China und Saudi-Arabien flirten miteinander. Wir werden von vorne und vorm Gesicht angegriffen.\u201c Ich korrigierte ich ihn leise und nannte den richtigen Aphorismus: \u201eVon vorne und von <em>hinten <\/em>angegriffen\u201c, und meine Mitstreiter*innen, die neben mir sa\u00dfen, konnten sich ein Kichern nicht verkneifen. Einer der Teheraner Polizist*innen kam ihm sofort zu Hilfe: \u201eDu hast es dir zu bequem gemacht, der Polizei die Stirn zu bieten, Mahsa!\u201c \u201eDas ist kein Aufbegehren gegen irgendetwas. Ich arbeite nur mit Texten, das ist eine berufliche Angewohnheit\u201c, fl\u00fcsterte ich. Der kurdische Offizier beendete verlegen seine vorbereitete Tirade. Zu diesem Zeitpunkt lachten meine Begleiter bereits lauter, so dass wir nach 24 Stunden der Dem\u00fctigung nun endlich in der Lage waren, uns zu revanchieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das interessanteste Intermezzo lieferte Adel, der einzige m\u00e4nnliche Teilnehmer unserer Zusammenkunft an diesem Tag. Ihm war es gelungen, sein Telefon heimlich zu l\u00f6schen, bevor es beschlagnahmt wurde, so dass er w\u00e4hrend des Verh\u00f6rs v\u00f6llig unerschrocken bleiben konnte. Aber wei\u00dft du, wie ihm das Telefon entrissen wurde? In dem Chaos des \u00dcberfalls hatte er Noors Telefon benutzt, um zu filmen, wie sie hereinst\u00fcrmten, und nachdem er auf die Knie gegangen war und die Polizist*innen ihn zu Boden gedr\u00fcckt hatten, rissen sie es ihm aus den H\u00e4nden. Die Polizist*innen dachten also, sie h\u00e4tten bereits alle unsere Handys mitgenommen, aber seins hatten sie \u00fcbersehen. W\u00e4hrend er darauf wartete, den Verh\u00f6rraum zu betreten, steckte er seine Hand in die Hosentasche und schaffte es, Nachrichten an Freunde zu schicken, in denen er ihnen mitteilte, dass wir verhaftet worden waren. Aber ausgerechnet an einen Gruppenchat, in dem ich mich auch befand, schickte er eine Nachricht, und mein Handy war zu diesem Zeitpunkt gerade in den H\u00e4nden eines Beamten! Also gingen sie sofort zu ihm und beschlagnahmten es.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt nicht viele andere erheiternde Details. Die Wartezeit war viel zu lang, und als ich auf dem Verh\u00f6rstuhl sa\u00df, flammte mein Bandscheibenvorfall wie Feuer auf. Es war, ehrlich gesagt, kaum zu ertragen. Wenn ich nicht auf die Toilette ging, lief ich st\u00e4ndig im Raum hin und her, meist r\u00fcckw\u00e4rts mit kleinen Schritten, um meine R\u00fcckenschmerzen zu lindern. Ich rannte immer wieder gegen den Tisch und die St\u00fchle und zog mir damit die R\u00fcge des grimmigsten aller Polizisten zu, die den Keller observierten. Dieser Polizist mittleren Alters drohte mehrmals lautstark damit, mich an den Verh\u00f6rstuhl zu ketten. Um vier Uhr morgens hatte ich nicht mehr die Kraft, mich zu bewegen, also stellte ich drei Holzst\u00fchle im Raum an die Wand und legte mich zur Ruhe. Ich bin mir nicht sicher, ob es an dem blendenden wei\u00dfen Licht lag oder an meiner ungeheuren Angst und dem Gef\u00fchl der Hilflosigkeit, aber der Schlaf fand nicht zu mir. Ich hielt mich an der Strickjacke fest, die ich aus Hediehs Haus mitgenommen hatte, bevor wir abgef\u00fchrt wurden- das einzige bisschen W\u00e4rme, das mich in diesem eisigen Raum beruhigte. Ich versuchte mit aller Kraft, mir vorzustellen, was Farah und andere inhaftierte Kameraden durchmachen mussten. Ich stellte mir Vida, Sepideh und einige andere Freunde vor: Selbst wenn sie freik\u00e4men, w\u00fcrden sie nur in ein noch gr\u00f6\u00dferes Gef\u00e4ngnis kommen, mit neuen Namen und neuen Identit\u00e4ten, die ihnen von der Regierung gegeben werden, wo sie hermetisch abgeriegelt und \u00fcberwacht werden und ein falsches Leben f\u00fchren m\u00fcssten. Die Bilder von Sepidehs Protestaktionen waren in zahlreichen Berichten erschienen, und nach ihrer Entlassung aus dem Gef\u00e4ngnis sprach sie oft offen und direkt, bei Versammlungen oder \u00f6ffentlichen Veranstaltungen, bei denen ihr unbekannte Personen anwesend waren, ohne R\u00fccksicht auf die Risiken f\u00fcr die Organisatoren und Gastgeber. Sie wollte von anderen erkannt werden. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass sie sich einfach verzweifelt danach sehnte, ihren eigenen Namen zur\u00fcckzugewinnen. Wenn ich mir vorstelle, dass all dies eine Muster meiner eigenen Zukunft sein k\u00f6nnte, falle ich sofort auseinander. In manchen Momenten denke ich: Wenn ich nicht den Mut habe, ein solches Leben zu f\u00fchren, h\u00e4tte ich dann den Mut, mein eigenes Leben zu beenden? Aber dann denke ich an Maryam, Reza und die anderen Mitstreiter*innen drau\u00dfen, die sicher versuchen, einen Weg zu finden, um uns hier rauszuholen, und genauso schnell streiche ich den Gedanken wieder. Ich muss mich auf meinen Glauben verlassen, dass ich nicht vergessen werde, meinen Willen zusammenzuzw\u00e4ngen und versuchen, nicht auseinanderzufallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein aserbaidschanisch aussehender Beamter, der nie ein Wort sagte, hielt mitten im Keller Wache, und irgendwann brachte er einen weiteren Holzstuhl in mein Zimmer und legte ihn vorsichtig unter meine baumelnden Unterschenkel. Er dachte, ich schlafe. In den insgesamt 30 Stunden des Verh\u00f6rs war dies das einzige Mal, dass mir eine Tr\u00e4ne aus den Augen fiel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mutter, hast du den Film <em>Das Leben der Anderen<\/em> \u00fcber die ostdeutsche Stasi gesehen? Als ich ihn vor ein paar Jahren gesehen habe, fand ich ihn schon gut, aber als ich ihn nach diesen Jahren, in denen ich unter immer strenger werdener \u00dcberwachung lebe, noch einmal sah, ber\u00fchrte er mich auf eine andere Weise. Die Szene mit <em>Die Sonate vom Guten Menschen<\/em> ist so bewegend. Als die Geheimpolizei das Haus der ostdeutschen Intellektuellen abh\u00f6rt, ist die Stasi von ihrer Musik, ihren Gef\u00fchlen und Ideen so bewegt, dass sie ihnen stillschweigend hilft, der Strafe zu entgehen. Die heutige \u00dcberwachung wird vollst\u00e4ndig von Big Data und Algorithmen angetrieben, so dass selbst Gedanken, Gef\u00fchle und k\u00fcnstlerisches Schaffen zu mechanischen, fragmentierten \u201eSchl\u00fcsselw\u00f6rtern\u201c werden, die die Beh\u00f6rden alarmieren und die letzten L\u00fccken schlie\u00dfen, durch die das menschliche Leben erwachen k\u00f6nnte. Ich kann nicht umhin, mich zu fragen, ob es, wenn es auch Menschen gibt, die uns geduldig beobachten, wenigstens ein oder zwei von ihnen gibt, diese Handlanger des Staates, die von unserer Arbeit, von unseren Gef\u00fchlen und unserem Denken bewegt werden k\u00f6nnten? W\u00fcrden sie sich bewogen f\u00fchlen, uns zur Seite zu stehen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst ganz zum Schluss, nachdem best\u00e4tigt wurde, dass wir gehen k\u00f6nnen, holten sie endlich den Haftbefehl hervor, der bei der Verhaftung h\u00e4tte vorgelegt werden m\u00fcssen. Wir sollten ein Dokument unterschreiben und r\u00fcckdatieren, in dem als Haftgrund \u201eStreit und Provokation\u201c[8] angegeben war, und sie lie\u00dfen uns nur einen Blick darauf werfen und behaupteten, dass das Haftzentrum vor\u00fcbergehend nicht in der Lage sei, unsere Festnahme zu vollziehen, weil das kurdische Gebiet instabil sei, so dass wir das Dokument nicht mitnehmen m\u00fcssten. Als wir die Polizeiwache verlie\u00dfen, sah ich, dass der aserbaidschanisch aussehende Beamte gerade seine Schicht beendet hatte und mit einigen anderen Wachen vor mir herging. Ich ging schnell zu ihm hin und sagte leise: \u201eDanke.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den letzten zwei Jahren sprechen alle in meinem Umfeld dar\u00fcber, ob sie dieses Land verlassen sollen. Ich erinnere mich, dass Reza und ich vor einem Jahr intensiv \u00fcber seine Erfahrungen nach seiner Verhaftung w\u00e4hrend der Gr\u00fcnen Bewegung 2009 diskutiert haben. Obwohl er sah, wie so viele Menschen das Land verlie\u00dfen, hatte er sich standhaft entschieden, zu bleiben. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende, wir leben noch in ihr. Wir haben Verantwortung! Er sagte, wir m\u00fcssen bleiben, um unser Land zur\u00fcckzuerobern. Er verwies auf all diejenigen, die das Land verlassen haben, und sagte, dass sie am Ende noch weniger zu sagen h\u00e4tten. In diesem Land ist ihr Mund stumm, aber wenn sie weg sind und ihre Stimme wieder frei erheben k\u00f6nnen, wie viele Menschen interessieren sich dann noch f\u00fcr das, was sie zu sagen haben? Ihre Stimmen geh\u00f6ren schlie\u00dflich nur diesem Land. Und am Ende werden ihre Widerstandsbewegungen nicht mehr mit der Geschichte hier in Ber\u00fchrung kommen. Wir haben \u00fcber die links-islamistische Gruppe Mojahedin-e-Khalq gesprochen, die nach 1979 ins westliche Exil gegangen ist.<sup>[9]<\/sup> Mama, du erinnerst dich sicher an die tragischen Erinnerungen an ihre K\u00e4mpfe mit der theokratischen Regierung, nachdem sie versuchten, den Schah zu st\u00fcrzen, aber diese Erinnerungen sind jetzt fast v\u00f6llig umgeschrieben worden, und sie werden als so etwas wie eine sektenartige Verschw\u00f6rungsgruppe dargestellt. Die jungen Widerstandsbewegungen wollen nicht mehr mit ihnen in Verbindung gebracht werden, und man sieht nur noch die Schatten ihrer Existenz in Anzeigen auf Porno-Websites \u2014 wie tragisch!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Nachts, nachdem wir die Polizeiwache verlassen hatten, ging Adel nach Hause und Noor und ich gingen mit Hedieh zur\u00fcck zu ihrem Haus in Sanandaj. Dort schilderten wir einander, was uns widerfahren war \u2014 in einem Moment lachten wir laut \u00fcber die Ignoranz der Beh\u00f6rden, im n\u00e4chsten prahlten wir mit den kleinen Tricks, die wir anwendeten, um uns ihrer Befragung zu widersetzen; in wieder anderen Momenten weinten wir gemeinsam angesichts der Dem\u00fctigung, die unsere Freunde erlitten hatten. R\u00fcckblickend malten wir uns aus, dass es ihre Frustration \u00fcber den Mangel an ausreichenden Beweisen f\u00fcr eine Verhaftung gewesen sein musste, die sie so in Rage versetzte. \u201eIch kapier das verdammt noch mal nicht. Ihr seid nicht hinter Geld her, ihr wollt keinen Ruhm, also was wollt ihr? Ihr seid alle einfach nur verdammt gest\u00f6rt im Kopf!\u201c, spuckte der Beamte mittleren Alters aus Teheran, der Hedieh verh\u00f6rt hatte, nachdem wir unsere Papiere ausgef\u00fcllt hatten und uns gerade auf den Weg machen wollten. Wir lachten bitter, denn nichts in ihrer Vorstellung konnte das Bild der besseren Welt begreifen, nach der wir streben. Sie begreifen nicht einmal, dass Menschen W\u00fcrde und Ideale haben, die nicht auf pers\u00f6nlichen Gewinn ausgerichtet sind! Sp\u00e4ter verbrannten wir alle Druckmaterialien, die mit dem Widerstand in Verbindung standen, und ihre Worte zersetzten sich wie ein Epitaph zu Asche. Die W\u00e4rme, die wir in dieser Nacht beim gegenseitigen Trost miteinander teilten, war so kostbar. Aber es war Hedieh nicht mehr m\u00f6glich, uns weiterhin zu beherbergen, weil wir jetzt noch genauer verfolgt wurden und wahrscheinlich jedem, mit dem wir in Kontakt kamen, \u00c4rger bereiten w\u00fcrden. Noor und ich wussten nicht, wohin wir gehen sollten, aber am n\u00e4chsten Abend beschlossen wir, uns aus dem Polizeiketten zu befreien. W\u00e4hrend wir auf der Flucht waren, konnte ich die Bomben in Richtung Irakisch-Kurdistan leise h\u00f6ren.<a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_edn10\"><sup>[10]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend des langen Wartens am Flughafen erhielt ich einen Anruf von Majid aus Kanada. \u201eFahre durch das kurdische Gebiet und \u00fcberquere die Grenze zum Irak, was auch immer du tust, kehre auf keinen Fall nach Teheran zur\u00fcck! \u201eIch bin nicht bereit, das Land illegal zu verlassen; ich m\u00f6chte nicht, dass ich nie wieder zur\u00fcckkehren kann!\u201c \u201eIch wei\u00df, dass du keinerlei Vorbereitungen treffen konntest, aber du musst verstehen, dass du ins Exil gehst. Das Exil gibt dir keine Zeit, dich vorzubereiten!\u201c Er zwang mich, mich all den Dingen zu stellen, denen ich mich nicht stellen wollte, und wir stritten uns fast. Diese zwei Stunden des Telefonierens haben mich v\u00f6llig ausgebrannt. Majid brachte sogar Parva, die einmal ein Jahr lang in einem Internierungslager eingesperrt war, dazu, mich anzurufen. Nach ihrer Verurteilung gelang es ihr, eine Begnadigung zu erwirken, aber sie musste zwei Jahre lang eine elektronische Fu\u00dffessel tragen und den Kontakt zu allen abbrechen. Gerade als die \u00d6ffentlichkeit und sogar die Polizei sie vergessen hatten, reiste sie still und leise aus und sucht nun in Frankreich Asyl. \u201eSolange ich noch den Pass der Islamischen Republik besitze, ist es egal, wohin ich gehe, ich werde immer noch eine G\u00e4nsehaut bekommen, wenn ich das Gef\u00fchl habe, dass das Mutterland hinter mir steht. Ich kann nur einen vollst\u00e4ndigen Bruch vollziehen\u201c, sagte Parva entschlossen. F\u00fcr den Widerstand hatte sie einst so viel aufgegeben: das Studium, das sie gerade abschlie\u00dfen wollte, ihr komfortables Leben. Aber im elit\u00e4ren System des Westens scheint es f\u00fcr sie die einzige M\u00f6glichkeit zu sein, sich wieder einen Platz zu erobern, wenn sie ihre Opferrolle vermarktet.<a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_edn11\"><sup>[11]<\/sup><\/a> Ich m\u00f6chte nicht fortgehen, und noch weniger fortgehen und nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Im Gegensatz dazu scheint eine kleine Weile im Gef\u00e4ngnis nicht so schwer zu ertragen zu sein. Aber woher wei\u00df ich, ob es nur \u201eeine kleine Weile\u201c sein wird?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Endlich kam ich auf der Insel Kish an. Diese Insel im Persischen Golf scheint au\u00dferhalb der Geschichte zu bestehen. Die Sonne scheint hell, die Luft ist warm und feucht, und es gibt keine Wut, die durch die Menschen tobt, keine Gewalt durch die Polizei. W\u00e4hrenddessen werden die Orte, die jetzt in der Zeitgeschichte stehen, immer k\u00e4lter, und das kalte Wetter treibt die Frauen auf der Stra\u00dfe dazu, ihre Kopft\u00fccher anzuziehen. Einer nach dem anderen werden unsere Freunde aus Teheran abgef\u00fchrt und ohne Grund beschuldigt. Diejenigen, die noch nicht \u201everschwunden\u201c sind, verfallen in Angst und Unruhe, aber das Be\u00e4ngstigendste ist das Misstrauen, das es unter uns s\u00e4t und das uns entfremdet. Mitstreiter*innen versuchen, den Spitzel der Geheimpolizei zu erraten, der eine Chatgruppe \u201einfiltriert\u201c hat. Diejenigen, die verhaftet und wieder freigelassen werden, werden mitunter nicht mit Trost von ihren Freund*innen empfangen, sondern mit dem Verdacht, aufgrund ihrer Zugeh\u00f6rigkeit verwickelt zu sein. Die Begr\u00fcndung f\u00fcr das L\u00f6schen von Freund*innen in Messaging-Apps klingt immer \u00e4hnlich: \u201eIch bin anders als ihr alle. Ich bin nicht bereit, ein Revolution\u00e4r zu sein, will mich nicht opfern!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt so viele mutige Seelen da drau\u00dfen. Sie tauchen in Bildern auf, man spricht \u00fcber sie und lobt sie, aber es gibt auch so viele \u00c4ngste und Schw\u00e4chen, die wir noch \u00fcberwinden m\u00fcssen. Der Exzess an Schwierigkeiten kann daher nur in den dunklen Ecken der Revolution verborgen werden; es gibt keinen Ort, an dem man sie ablegen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Silvesterabend kam Mina aus Teheran mich auf der Insel besuchen. In dieser Nacht schliefen wir in einem Bett und sie berichtete wehm\u00fctig, wie Freunde angesichts drohender Bestrafung anfingen, an der Revolution zu zweifeln. Eine Herrschaft der Angst hielt Einzug und spaltete die Menschen voneinander. Sie war isoliert, weil sie entschlossener und aufrichtiger war. Sie machte ihrem \u00c4rger Luft und sagte, dass sie nicht l\u00e4nger bereit sei, ihr eigenes juristisches Wissen einzusetzen, um Freunden zu helfen, die gerade \u201everschwunden\u201c gemacht wurden. Ich brach das Gespr\u00e4ch vor dem Schlafengehen fast ungeduldig ab. Danach dachte ich, ich h\u00e4tte Angst gehabt, dass sie meine Schw\u00e4chen entdecken w\u00fcrde. Was mich an meiner Vernehmung am meisten qu\u00e4lt, ist der Moment meines Verrats. Unter Druck gab ich die Spitznamen einiger Teilnehmer preis, tr\u00f6stete mich aber damit, dass ich, solange ich nicht ihre echten Namen nannte, ihre Identit\u00e4t nicht wirklich preisgeben w\u00fcrde. Aber ich wusste, dass ich mich nur selbst belog. In diesem Moment verschlang mich der Verrat v\u00f6llig, und ein Teil meines Geistes und all dessen, woran ich glaubte, brach zusammen. Der Schmerz dieser Schuld wird mich immer verfolgen. Als Mina verh\u00f6rt wurde, gab sie ihre Handy- oder Computerpassw\u00f6rter nie preis, und jedes Mal, wenn sie von der Polizei etwas gefragt wurde, wehrte sie sich mit Schweigen und einem unersch\u00fctterlichen Blick. Wir alle wollen diese Art Frauenbild aufgreifen und weitertragen, aber ich denke, sie k\u00f6nnte auch etwas toleranter sein und unserer Generation etwas mehr Zeit geben, um zu lernen, wie man mit Angst lebt. Ich h\u00e4tte jedoch nie vermutet, dass Mina weniger als eine Woche nach unserem Abschied erneut verhaftet werden w\u00fcrde.<a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_edn12\"><sup>[12]<\/sup><\/a> Im vergangenen halben Jahr wusste ich nie, ob jeder Abschied der letzte sein w\u00fcrde. Wie sehr bedauere ich, dass ich ihr an diesem Abend ins Wort gefallen bin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich muss an die Qualen denken, die Katayoon vor ihrer Verhaftung durchlitten hat. Als Ehefrau eines ber\u00fchmten Dissidenten musste sie sich mit dem Image der \u201eEhefrau des Dezemberisten\u201c anfreunden. Sie gab all ihre eigenen Aktivit\u00e4ten auf und nahm den politischen Druck auf sich, um ihren Mann zu unterst\u00fctzen und die Mission weiterzuf\u00fchren, die er nicht zu Ende f\u00fchren konnte. Diese Verantwortung erlaubte ihr nicht die geringste Schw\u00e4che oder den kleinsten R\u00fcckzieher. Als wir erkannten, dass sie die Last nicht mehr tragen konnte, war es zu sp\u00e4t. Kurz bevor sie in Gewahrsam genommen wurde, verfiel sie in eine Depression und begann zu halluzinieren. Ihr Gesicht schwoll an und sie versteckte sich zu Hause in einem Schrank. Ach ja, heute ist \u00fcbrigens ihr Geburtstag. Ich frage mich, wie sie ihn im Gef\u00e4ngnis verbringt.<a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_edn13\"><sup>[13]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vernebelnde Nachricht von der Aufhebung des Kopftuchzwangs und der Sittenpolizei verbreitete sich in der englischsprachigen Welt, und Menschen au\u00dferhalb des Landes begannen, die iranische Frauenrevolution f\u00fcr gewonnen zu erkl\u00e4ren. Sie schenkten jedoch den Verhaftungen und Inhaftierungen im Land selbst keine Beachtung. Im Fernsehen betonte der Oberste F\u00fchrer, dass es sich bei dem Widerstand um eine Verschw\u00f6rung ausl\u00e4ndischer Agenten handele und dass man dringend \u201edie Organisatoren ausfindig machen\u201c m\u00fcsse.<a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_edn14\"><sup>[14]<\/sup><\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Widerstandsstimmung schwindet von Tag zu Tag. Was mich betrifft, so haben Schweigen und Selbstgei\u00dfelung mir keinen Frieden beschert, sondern mich nur abgestumpft und distanzierter werden lassen. Was kommen wird, wird kommen. Diesmal haben sie kein ausgekl\u00fcgeltes Netz gewoben, um mich zu fangen. Ich wurde gezwungen, den Beh\u00f6rden h\u00e4ufig \u00fcber meine Bewegungen zu berichten, und konnte nur mit gefesselten H\u00e4nden auf meine eigene Auslieferung warten. Und es gab kein Verh\u00f6r. Die Liste der Verbrechen, die man mir in diesen Monaten vorwarf, hatten sie bereits ausget\u00fcftelt. Der allgemeine Vorwurf, ein \u201eausl\u00e4ndischer Agent\u201c zu sein, ob wahr oder falsch, ist nicht anfechtbar. Ich wurde sofort in das Qarchak-Gef\u00e4ngnis im S\u00fcden von Teheran zur\u00fcckgebracht, wo ich auf meine endg\u00fcltige Verurteilung warten sollte. Sie haben mir nicht einmal Zeit gelassen, nach Hause zu gehen und dich zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mutter, ich bin sicher, sie werden nach dir suchen und dir sagen, dass mir eine schreckliche Strafe bevorsteht, um dir Angst zu machen, damit du mich dr\u00e4ngst, mich schuldig zu bekennen, so wie sie es immer tun. Ich wei\u00df, du wirst Angst haben und dich um mich sorgen, aber du wirst auch glauben, dass ich nichts verbrochen habe, oder? Unsere Generation hat diese Revolution noch nicht vollzogen. Aber ich denke, das einzige Versprechen, das wir der n\u00e4chsten Generation geben k\u00f6nnen, ist: \u201eDie Angeklagte zeigte keine Reue.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u201eDie Angeklagte zeigte keine Reue\u201c, sind die letzten Worte der 19-j\u00e4hrigen Demonstrantin Yalda Aghafazli. Im November 2022 wurde sie verhaftet und 10 Tage lang im Qarchak-Haftzentrum festgehalten, wo sie geschlagen und gefoltert wurde. Sie trat in den Hungerstreik, entschied sich aber nach ihrer Freilassung, sich das Leben zu nehmen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mahsa<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">13. Januar 2023<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Postskript<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Diese Erz\u00e4hlung schrieb ich, als ich mich in Hainan versteckt hielt, gerade als die Null-Covid-Politik revidiert wurde. Eine gro\u00dfe Infektionswelle durchzog das Land und viele Menschen verloren ihr Leben. Doch schon vor dem Ende der Null-Covid-Politik zeichnete sich ab, dass es schwierig war, die Ausbreitung des Virus zu kontrollieren. Die unvorbereitete Aufhebung der Ausgangssperre schien eine \u201eBestrafung\u201c f\u00fcr die Massen zu sein, die sich w\u00e4hrend des Lockdowns lautstark beschwert hatten. Sowohl die Null-Covid-Politik als auch die n\u00e4chtliche Wieder\u00f6ffnung sind Symptome desselben tr\u00e4gen Regierungsstils, der Menschenleben als blo\u00dfe Statistiken begreift. Die allgegenw\u00e4rtige Erinnerungsschwierigkeit, vereinfacht es, die Wahrnehmung der Menschen zu manipulieren. Im \u00f6ffentlichen Diskurs wurde die Opposition gegen die erste Ma\u00dfnahme als verantwortlich f\u00fcr die Folgen der sp\u00e4teren Ma\u00dfnahme ausgelegt. Zu dieser Zeit begannen die Menschen aktiv, die Anti-Lockdown-Bewegungen zu vergessen oder die Demonstranten sogar zu verfluchen. Die Stimmungen des popul\u00e4ren Widerstands, die im Oktober und November unter der Oberfl\u00e4che kursierten, verstummten zu einem nie dagewesenen Schweigen. Inmitten der Verw\u00fcstung der akuten Covid-19-F\u00e4lle und der Todesf\u00e4lle, inmitten der Verurteilung und des Vergessens der Anti-Lockdown-Proteste, gehen die geheimen Verhaftungen weiter. Aus Angst waren wir nicht in der Lage, uns gegenseitig zu finden, wir wussten nicht, wer weggebracht worden war, und trauten uns nicht, in der \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr unsere verschwundenen Freund*innen zu sprechen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Nachdem ich das Land verlie\u00df, \u00fcbertrug ich Initium Media und Women4China die Ver\u00f6ffentlichungsrechte f\u00fcr die Version der Geschichte mit Fu\u00dfnoten, aber damals verfolgte mich noch die leibhaftige Erinnerung an die Angst, und ich wagte nicht, meinen richtigen Namen zu verwenden. Auch wenn diese kommentierte Version au\u00dferhalb der Gro\u00dfen Brandmauer ver\u00f6ffentlicht wurde, hat sie doch langsam und leise Auswirkungen innerhalb der Mauer. Einige, die \u00e4hnliche Erfahrungen gemacht haben, haben begonnen, die Metapher des Iran zu verwenden, um ihre eigenen Geschichten \u00fcber Teheran oder Isfahan zu schreiben. Die Freunde der in dem Brief erw\u00e4hnten Personen haben begonnen, ihre persischen Namen aus der Geschichte zu verwenden, um \u00fcber ihre j\u00fcngsten Probleme zu sprechen. Inmitten der sich \u00fcberschneidenden Geschichten ist die Metapher des Iran real geworden. Wie jemand nach dem Lesen von \u201eEin Brief aus einem Gef\u00e4ngnis in Teheran\u201c schrieb: \u201eAufgrund ihres Mutes ist der Iran der Iran von allen geworden.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Schlie\u00dflich beantragte ich von Thailand aus erfolgreich ein Visum f\u00fcr Deutschland. Nachdem ich im M\u00e4rz in Berlin angekommen war, wurde mir klar, dass ich meine eigenen Erfahrungen innerhalb der Gro\u00dfen Brandmauer \u00f6ffentlich machen musste, um diese Geschichte mit der chinesischen Realit\u00e4t zu verbinden. Nicht nur, weil es die Verantwortung eines Zeitzeugen ist <\/em>\u2013<em> all den Menschen, die in dieser Welle politischer Verfolgung ausgesetzt waren, wurde die Stimme genommen <\/em>\u2013<em>, sondern auch, weil mein eigenes Trauma eine offene Wunde bleiben w\u00fcrde, die nicht heilen kann, wenn ich weiterhin auf eine Metapher zur\u00fcckgreifen w\u00fcrde. Der Weg an die \u00d6ffentlichkeit hat tats\u00e4chlich Wellen innerhalb der Brandmauer geschlagen. Das Weibo-Reposting, das zu Beginn des Jahres aufgetreten war, hat wieder zugenommen. Mit Hilfe der Fu\u00dfnoten l\u00f6sten diejenigen, die das Original als iranische Geschichte gelesen hatten, ein R\u00e4tsel nach dem anderen. Nach dem Winter und dem erneuten Lesen der Erz\u00e4hlung im Fr\u00fchling erzeugten die unbekannten Namen und Orte neben der Vertrautheit ihrer Details ein be\u00e4ngstigendes Gef\u00fchl des Realismus. Die implizite Botschaft der Erz\u00e4hlung, dass man von der \u201eRealit\u00e4t\u201c unserer Welt nur sprechen kann, wenn sie im \u201eAnderen\u201c und \u201eImagin\u00e4ren\u201c verborgen ist, verleiht diesem St\u00fcck Fiktion einen noch gr\u00f6\u00dferen Realismus. Diese zwei Lesevorg\u00e4nge, wenige Monate voneinander entfernt, ergeben zusammen ein Werk von \u201eNon-Non-Fiction\u201c. Aber wie zu erwarten war, wurde der Text nach weniger als einer Woche auch abgefangen und dem Schicksal als &#8220;404&#8221; \u00fcberlassen. Alle Wiederver\u00f6ffentlichungen des Textes, die in den sozialen Medien innerhalb der Gro\u00dfen Brandmauer geteilt wurden, verschwanden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Unsere Muttersprache ist v\u00f6llig entstellt, durch Tabus undeutlich und unwirksam gemacht worden. Die undurchdringliche Zensur hat das vereinfachte Chinesisch in eine Sprache der L\u00fcgen und der leeren politischen Propaganda verwandelt. Ein unbeschreibliches Monstrum. Mit seinen erhobenen T\u00f6nen und wirbelnden Rhythmen erinnert es die Menschen daran, dass das \u201eWissen\u201c selbst ein gef\u00e4hrlicher Akt ist. Wir sind darauf bedacht, uns hinter verschleierten Codes und Metaphern zu verst\u00e4ndigen und auszudr\u00fccken. Die Gedanken verbannt, Ideen verdr\u00e4ngt. Das Ged\u00e4chtnis ist nicht mehr eine akkumulative Substanz, sondern eine iterative: Das Alte wird rasch durch das Neue \u00fcberschrieben oder umgeschrieben, ohne Kontinuit\u00e4t oder Koh\u00e4renz. Ich frage mich oft, ob aus den unzusammenh\u00e4ngenden Erfahrungen unserer Generation eine neue Form des Schreibens entstehen wird, ob die Sprache selbst fragmentiert, tr\u00fcgerisch und zwischen Realit\u00e4t und Fiktion alternierend sein muss, da unsere Emotionen und Erfahrungen immer wieder Risse erfahren und die \u201eRealit\u00e4t\u201c, in der wir leben, in \u201eanderswo\u201c und \u201eFiktion\u201c versteckt werden muss, um erz\u00e4hlt zu werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Als ich h\u00f6rte, dass \u201eEin Brief aus einem Gef\u00e4ngnis in Teheran\u201c ins Englische \u00fcbersetzt werden w\u00fcrde, f\u00fchlte ich mich \u00e4u\u00dferst unwohl. Die Nuancen dieses Textes sind wahrscheinlich nur in der chinesischen Sprache wirksam. Obwohl ich zweimal im Iran war und die Geschehnisse in diesem Land genau verfolgt habe, ist die Metapher nicht sorgf\u00e4ltig recherchiert oder durchdacht. Einige der Details der Geschichte w\u00e4ren im Iran praktisch nicht denkbar. Ich habe die Details w\u00e4hrend des Schreibens absichtlich nicht \u00fcberpr\u00fcft, in der Hoffnung, dass sich die Geschichte vor dem iranischen Hintergrund abspielt und Bruchstellen im Text entstehen, die es den Lesern erm\u00f6glichen, die F\u00e4den zu erfassen, die sie in unsere Realit\u00e4t zur\u00fcckf\u00fchren. Mit dieser englischen \u00dcbersetzung und der M\u00f6glichkeit, mehr Leser*innen zu erreichen, k\u00f6nnten diese \u00dcberschneidungen zu unsachgem\u00e4\u00dfen Aneignungen werden. Gerade in einer Zeit, in der die Bewegung im Iran so furchtlos war, k\u00f6nnte man sagen, dass diese meine Geschichte, die von Angst und Zaghaftigkeit gepr\u00e4gt ist, die Revolution im Iran schm\u00e4lert. Sollte ich irgendeine Kr\u00e4nkung verursacht haben, so tut mir das zutiefst leid.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>21. M\u00e4rz 2023 (Bearbeitet am 1. Dezember 2023) &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_ednref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Es war der Freitag vor dem 4. Juni. Unmittelbar nach der Aufhebung der Ausgangssperre in ihrem Wohnviertel hatten die Autorin und einige Freunde geplant, sich zum Tanzen bei einer Party im Freien zu treffen. Da die Autorin wegen ihres politischen Aktivismus seit Jahren ins Visier der Geheimpolizei geraten war, vermutete diese, dass es sich um eine politische Versammlung handelte, und stellte sie daraufhin f\u00fcr drei Tage unter Hausarrest.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_ednref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Lu Yuyu wurde 2016 zusammen mit Li Tingyu verhaftet, weil sie \u201eNone-News\u201c mitbegr\u00fcndet hatten, ein t\u00e4gliches Archiv von landesweiten Massenprotesten. Er wurde zu vier Jahren Haft verurteilt, weil er sich nicht schuldig bekannte. Er schrieb \u00fcber seine Erfahrungen im Gef\u00e4ngnis unter dem Titel \u201eIncorrect Memory\u201c und ver\u00f6ffentlichte sie nach seiner Freilassung sukzessive online. Im Juni 2023 floh er aus China und beantragte in Kanada politisches Asyl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_ednref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> Beamt*innen des Pekinger Nationalen Sicherheitsb\u00fcros \u00fcberquerten am 8. November 2022 die Provinzgrenzen, um die Autorin zu verhaften, w\u00e4hrend sie sich im Haus einer Freundin in Guangzhou aufhielt. An diesem Tag wurde der lokale Gesundheitscode der vier Personen, die sich gleichzeitig dort aufhielten, als \u201egelb\u201c eingestuft. Formal bedeutete ein gelber Code, dass man ein enger Kontakt eines Covid-Falls war und weder \u00f6ffentliche Verkehrsmittel benutzen noch \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze oder Gesch\u00e4fte betreten durfte. Es wurde jedoch mehrfach berichtet, dass diese Technologie zur Covid-Pr\u00e4vention von den \u00f6rtlichen Beh\u00f6rden zur politischen Kontrolle von Aktivisten missbraucht wurde. Genau das widerfuhr der Autorin und ihren Freund*innen. Bei dieser Gelegenheit klopften mehrere lokale Mitarbeiter des Gesundheitswesens zur Pandemiepr\u00e4vention an ihre T\u00fcr, um angeblich den Status dieser mit einem gelben Code versehenen Konten zu \u00fcberwachen und sich zu erkundigen, ob jemand aus einem abgeriegelten Gebiet herausgewandert sei. Die Mitarbeiter gaben vor, von allen vier Antigentests zu verlangen, aber sobald ihre Ausweise gezeigt und ihre QR-Codes gescannt wurden, st\u00fcrmten mehrere Beamte in Zivil aus Peking herein, um sie zu verhaften, beschlagnahmten ihre Mobiltelefone und \u00fcberrumpelten sie v\u00f6llig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_ednref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a> Sanandaj ist die wichtigste Stadt der kurdischen Region im Iran. Hier repr\u00e4sentiert sie Guangzhou.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_ednref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a> Der in der Geschichte erw\u00e4hnte persische Akzent Tehrani ist eine Metapher f\u00fcr das Beijing Mandarin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_ednref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a> Zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung zeigte die App \u201eBeijing Health Code\u201c der Autorin bereits seit zwei Monaten Pop-up-Warnmeldungen an, was bedeutete, dass sie nicht nach Beijing zur\u00fcckkehren durfte. Aufgrund der w\u00e4hrend der Pandemie geltenden Ausgangsbeschr\u00e4nkungen hatte die Polizei keine M\u00f6glichkeit, sie zum Verh\u00f6r und zur Inhaftierung nach Beijing zur\u00fcckzubringen, obwohl es sich um eine provinz\u00fcbergreifende Verhaftung handelte. Daher fand das Verh\u00f6r im von der Pandemie betroffenen Guangzhou statt. Durch die Erf\u00fcllung ihrer Pflichten riskierten diese Beamten des Beijing National Security auch, dass ihre Bewegungsfreiheit eingeschr\u00e4nkt wurde und sie nicht mehr nach Hause zur\u00fcckkehren konnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_ednref7\"><sup>[7]<\/sup><\/a> Inspiriert von einem iranischen Protestlied schuf und sang eine Freundin der Autorin im Oktober 2022 eine kantonesische Version des klassischen Protestliedes <em>Bella Ciao<\/em> aus dem 20. Jahrhundert. Als die Beh\u00f6rden, die die WeChat-Nachrichtenaufzeichnungen der Autorin genau \u00fcberwachten, bemerkten, dass sie eine A-Capella-Version des Liedes an mehrere Freund*innen geschickt hatte, glaubten sie, dass es sich um ihre eigene Kreation handelte, obwohl sie kein Kantonesisch versteht. Als die Autorin bei der Befragung auf diese Tatsache hinwies, flippte der Beamte aus und sagte: \u201eDer Text ist offensichtlich in vereinfachten chinesischen Schriftzeichen geschrieben! Glauben Sie, ich habe noch nie Kantonesisch gesehen? Ich war schon einmal in Hongkong; Kantonesisch wird mit traditionellen Schriftzeichen geschrieben!\u201c Zu diesem Zeitpunkt befanden sie sich in einem Verh\u00f6rraum des Guangzhou Public Security Bureau und der Polizist, der neben diesem Beamten Notizen machte, war ein kantonesischer Muttersprachler aus der Provinz Guangdong. In Hongkong sprechen die Menschen Kantonesisch und schreiben in traditionellen chinesischen Schriftzeichen, w\u00e4hrend in allen kantonesischsprachigen Gebieten auf dem chinesischen Festland vereinfachte chinesische Schriftzeichen verwendet werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_ednref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a> Nach dem mehr als 24-st\u00fcndigen Verh\u00f6r (30 Stunden von der Festnahme bis zur endg\u00fcltigen Freilassung, was \u00fcber den gesetzlichen Bestimmungen liegt) wurde die Autorin zu 15 Tagen Verwaltungshaft verurteilt, weil sie \u201eStreit anfing und \u00c4rger provozierte\u201c. Da es aufgrund der Pandemiepolitik f\u00fcr das Haftzentrum in Guangzhou jedoch schwierig war, sie aufzunehmen, wurde die Haft verschoben. Nachdem der Inhalt ihrer Mobiltelefone und Computer kopiert worden war, wurden sie und die anderen freigelassen. Die Autorin muss jedoch seitdem der Geheimpolizei ihren Aufenthaltsort melden und darauf warten, dass die Polizei sie mit den von ihren Ger\u00e4ten kopierten Daten gr\u00fcndlicher untersucht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_ednref9\"><sup>[9]<\/sup><\/a> Die Volksmudschaheddin-Organisation des Iran. Hier vertritt sie die Exil-Demokratieaktivisten von 1989.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_ednref10\"><sup>[10]<\/sup><\/a> Am 11. November 2022 wurde der Bezirk Haizhu in Guangzhou vor Tagesanbruch abgeriegelt, und im allerletzten Moment \u00fcberquerte die Autorin die Haizhu-Br\u00fccke und eilte zum Flughafen, aus Angst, dass ihr Guangzhou-Gesundheitscode erneut rot aufleuchten w\u00fcrde. Sie traute sich nicht, in einem Hotel zu \u00fcbernachten, und wartete stattdessen mehr als 10 Stunden in der Abflughalle des Flughafens, bis sie einen Flug nehmen konnte, der die Stadt verlie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_ednref11\"><sup>[11]<\/sup><\/a> Siehe Fu\u00dfnote 2.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_ednref12\"><sup>[12]<\/sup><\/a> Ziyi wurde verh\u00f6rt, nachdem sie Anfang Dezember 2022 an der A4-Bewegung an der Liangma-Br\u00fccke in Beijing teilgenommen hatte. Nach ihrer Entlassung aus der ersten Haft reiste sie nach Hainan, um sich dort eine Ruhepause zu g\u00f6nnen, und traf die Autorin in Sanya. Kaum eine Woche nach ihrer Abreise aus Sanya wurde sie erneut verhaftet. Zum Zeitpunkt der Ver\u00f6ffentlichung dieses Artikels war Ziyi nach einem Monat Untersuchungshaft freigelassen worden und befindet sich derzeit auf Kaution auf freiem Fu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_ednref13\"><sup>[13]<\/sup><\/a> Li Qiaochu ist eine Gewerkschaftsaktivistin und die Partnerin des Menschenrechtsanwalts Xu Zhiyong. Nachdem Xu wegen \u201eAnstiftung zur Subversion\u201c verurteilt worden war, \u00fcbernahm Li die schwere Aufgabe, sich f\u00fcr die Rechte von Xu einzusetzen. Sie wurde schlie\u00dflich wegen \u201eAnstiftung zur Subversion\u201c verhaftet und strafrechtlich verfolgt. Derzeit befindet sie sich noch in Haft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2023\/12\/20\/a-letter-from-a-tehran-prison\/#_ednref14\"><sup>[14]<\/sup><\/a> Am 28. Dezember 2022 ver\u00f6ffentlichte das B\u00fcro f\u00fcr \u00f6ffentliche Sicherheit eine Bekanntmachung, in der es dazu aufrief, die \u00f6ffentliche Sicherheit w\u00e4hrend des Neujahrs- und Mondfestes zu gew\u00e4hrleisten und alle Arten von Infiltration, Subversion oder st\u00f6renden Aktivit\u00e4ten feindlicher Kr\u00e4fte streng zu unterbinden. Im Anschluss an die Bekanntmachung wurden die A4-Demonstranten erneut stillschweigend in Gewahrsam genommen \u2013 nur kurze Zeit nach ihrer Freilassung aus der ersten Verhaftung und dem ersten Verh\u00f6r. Die meisten wurden schlie\u00dflich im April freigelassen, stehen aber noch immer unter Kaution.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u00dcbersetzt von <a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/artist\/joey-bahlsen\/\">Joey Bahlsen<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chinesisches Original Englische \u00dcbersetzung des Textes Meine Erfahrungen im Jahr 2022 m\u00fcssen schrecklich klingen, aber ich wei\u00df, dass sie nur eine unbedeutende Fu\u00dfnote in diesem absurden Jahr sind, das wir alle gemeinsam durchlebt haben. Ich war eine Wissens- und Kulturarbeiterin auf dem chinesischen Festland. 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