{"id":24062,"date":"2025-07-01T14:25:00","date_gmt":"2025-07-01T12:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/?post_type=stsp_text&#038;p=24062"},"modified":"2025-07-03T11:24:30","modified_gmt":"2025-07-03T09:24:30","slug":"neighbours-encounters-translations-suggestions-2","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/neighbours-encounters-translations-suggestions-2\/","title":{"rendered":"NEIGHBOURS. Encounters, translations, suggestions"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Keynote <a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/event\/parataxe-symposium-xvi-1af2d57b\/\">Parataxe XVI<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum schreiben Autor:innen aus Australien und Aotearoa Neuseeland \u00fcber Berlin? Diese Frage stelle ich mir seit meinem Umzug in diese Stadt vor rund zwanzig Jahren, als sie noch nicht so ein beliebtes Ziel f\u00fcr Schriftsteller:innen und K\u00fcnstler:innen war wie heute. Mein Umzug fiel jedoch mit der Ver\u00f6ffentlichung von Anna Funders popul\u00e4rem Buch <em>Stasiland <\/em>aus dem Jahr 2003 zusammen. \u201eWas h\u00e4ltst du davon?\u201c, fragten mich australische Bekannte, und ich fand es schwierig, meine starke emotionale Reaktion in Worte zu fassen. <em>Stasiland <\/em>zu lesen war, als w\u00fcrde man unvorbereitet auf ein unvorteilhaftes Foto von sich treffen. Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, aber ich ertappte mich dabei, st\u00e4ndig mit dem zu hadern, was ich las.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Funder \u2013 und vielleicht war es das, was ich als Westdeutsche so schwer nachvollziehen konnte \u2013 gibt es eine \u00c4hnlichkeit zwischen Australien und dem Ostdeutschland der Nachwendezeit. Diese \u00c4hnlichkeit hatte beispielsweise zur Folge, dass das Stasi-Hauptquartier auf sie wirkte wie \u201cthe mayor\u2019s office in the down-at-heel council chambers of a small but proud rural town whose people recall fondly the days when wool prices were high.\u201d (71) An anderer Stelle beschreibt Funder diese Erfahrung auch als \u201ehorror-romance\u201c (4) und metaphorisch als \u201eparallel universes\u201c (94); auf beide Begriffe werde ich noch zur\u00fcckkommen. Mit anderen Worten: F\u00fcr Funder war das Schreiben \u00fcber Ostdeutschland immer auch eine Reflexion \u00fcber ihre Beziehung zu ihrem eigenen Land, Australien, und dessen Platz in der Ge- schichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was sehen australische Autor:innen, wenn sie \u00fcber diese Stadt schreiben? Und was erm\u00f6glicht ihnen Berlin, \u00fcber Australien zu sagen? Ich habe damals begonnen, eine lose Sammlung solcher Texte zusammenzustellen, und m\u00f6chte im weiteren Verlauf meine Gedanken zu zwei weiteren Texten vorstellen. Wie Funders <em>Stasiland <\/em>wurden auch Dymphna Cusacks Politthriller <em>Heatwave <\/em>in Berlin aus dem Jahr 1961 und Samuel Wagan Watsons Gedichte aus dem 2004 erschienenen Band <em>Smoke Encrypted Whispers <\/em>mit Blick auf ein Berlin der Gegenwart zum Augenblick der Ver\u00f6ffentlichung dieser Texte geschrieben. Alle drei laden Leser:innen ein, einer besonderen Verbundenheit Australiens mit Berlin nachzu- sp\u00fcren und vermitteln ihren australischen Leser:innen gleichzeitig Botschaften \u00fcber ihr eigenes Land.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Dymphna Cusacks <em>Heatwave <\/em>in Berlin reist die junge und politisch naive Joy Miller mit ihrem in Deutschland geborenen Ehemann Stephen ins Nachkriegsberlin. W\u00e4hrend ihres Aufenthalts bei ihren wohlhabenden Schwiegereltern, den von Mulers, entdeckt Joy beunruhigende Wahrheiten \u00fcber deren Verstrickung in das Dritte Reich und deren aktuelle Rolle bei der Wiedereingliederung von Nazi-Verbrecher:innen in die westdeutsche Gesellschaft. Als sie dann auch noch deren Beteiligung an einem Neonazikomplott zur Durchf\u00fchrung eines faschistischen Staatsstreichs aufdecken, fliehen Joy, Stephen und ihre kleine Tochter in letzter Minute \u00fcber den Flughafen Tempelhof in Sicherheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl der Roman von Kritiker:innen nicht sonderlich gut aufgenommen wurde, scheint <em>Heatwave <\/em>beliebt gewesen zu sein. Er wurde in Australien vom Readers Book Club vertrieben und in mehrere europ\u00e4ische Sprachen \u00fcbersetzt, darunter Ungarisch, Russisch, Estnisch, Rum\u00e4nisch, Bulgarisch, Usbekisch und Albanisch, aber auch Franz\u00f6sisch, Norwegisch, Holl\u00e4ndisch und D\u00e4nisch. Eine deutsche \u00dcbersetzung ist mir nicht bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am meisten beeindrucken mich in diesem Roman die Beobachtungen Cusacks zum urbanen Berlin: der Glanz des Kurf\u00fcrstendamms, die Narben der Kriegsbombardierungen und die Brachfl\u00e4chen rund um den Potsdamer Platz, der zu dieser Zeit noch nicht durch eine Mauer geteilt war. F\u00fcr diese Beobachtungen d\u00fcrfte Cusack auf ihre Zeit in der Stadt und in der DDR zur\u00fcckgegriffen haben, die sie in den 1950er Jahren gemeinsam mit ihrem kommunistischen Ehemann Norman Freehill hier verbrachte (vgl. Freehill).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch diese Beschreibungen des urbanen Berlins, insbesondere des Haushalts von Muhler mit seiner bedr\u00fcckenden Atmosph\u00e4re \u2013 ein Zuhause, in dem sich Joy \u201ein some indefinable way too modern for this setting\u201c (31) f\u00fchlt \u2013, kann Cusack das patriarchale, hierarchische und antidemokratische Westdeutschland mit einem pragmatischen, demokratischen und modernen Australien kontrastieren. So wird beispielsweise das Familienessen aus Joys Sicht als \u201csolid unmoving world\u201c beschrieben,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>expressed by the heavy old-fashioned furniture, the table with its stiffly starched dam- ask cloth, the table napkins large as tea-towels beside each plate, the plenitude of monogrammed silver, the china with its wide rim of royal blue and gold. It was all so unlike their own sunny dining-room with its essentially functional air, contemporary furniture and gay china <\/em>(34)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei einigen Berliner:innen, denen sie begegnet, empfindet Joy jedoch eine \u00e4hnliche Verbundenheit wie Funder Ende der 1990er Jahre gegen\u00fcber ihren Interviewpartner:innen \u201aaus Paralleluniversen\u2018. Meiner Meinung nach wird diese Affinit\u00e4t unter anderem durch eine gemeinsame Verk\u00f6rperung von Geschlecht und Wei\u00dfsein erm\u00f6glicht. Es ist eine Verk\u00f6rperung, die es Funders Alter Ego und in \u00e4hnlicher Weise Cusacks Joy erm\u00f6glicht, als Deutsche durch- zugehen. Dadurch erhalten sie eine Insiderperspektive auf den \u201aHorror\u2018-Teil von Funders \u201ehorror-romance\u201c. Diese schreckliche N\u00e4he in Bezug auf Geschlecht und Wei\u00dfsein wird im Fall von Joy besonders deutlich, da sie und ihre Kinder nun in der Familienbibel als Teil der vermeintlich arischen Blutlinie der von Muhlers aufgef\u00fchrt sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig erm\u00f6glicht diese verk\u00f6rperte N\u00e4he sowohl Funders Alter Ego als auch Joy, eine \u201aRomance\u2018 von Solidarit\u00e4t mit deutschen Wahlverwandtschaften. Dies wird bei Cusack durch einen Eid symbolisiert, den Joy feierlich gegen\u00fcber Brunhilde, einer gleichaltrigen j\u00fcdischen Sozialistin und Holocaust-\u00dcberlebenden, ablegt. Joy verspricht Brunhilde, nach ihrer R\u00fcck- kehr nach Australien die Wahrheit \u00fcber die Geschehnisse in Westdeutschland zu bezeugen,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201ewhatever it may cost\u201d (215). Beim Abschied k\u00fcssen sich die beiden impulsiv, \u201cclinging a moment together as though to annihilate the space and time that must soon set them apart forever\u201d (217). Funder beschreibt eine \u00e4hnliche Erfahrung von Wahlverwandtschaft bei einem ebenso feierlichen, wenn auch nicht ganz so politischen Gespr\u00e4ch mit ihrer Mitbewohnerin Julia. Da Julia und Funder im Jahr 1966 geboren wurden, werden \u201eall kinds of maths \u2026 possible and immediate\u201d (94) und die beiden Frauen erscheinen \u201elike reflections of one another at an old table in an old kitchen in East Berlin\u201d (141).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abschlie\u00dfend m\u00f6chte ich noch auf das Werk eines weiteren Autors eingehen, der seine Beziehung zu Berlin sowie seine Auseinandersetzung mit Fragen der Wahlverwandtschaft und Verbundenheit mit Deutschland auf andere Weise zum Ausdruck bringt. Samuel Wagan Watson ist ein Birra-Gubba- und Munujaali-Dichter, der auch deutsche Vorfahren hat. Im Jahr 2003 wurde er im Rahmen eines \u00dcbersetzungsprojekts des Hauses f\u00fcr Poesie nach Berlin eingeladen. Zu den Texten, die Watson nach dieser Reise ver\u00f6ffentlichte, geh\u00f6rt das Prosa-gedicht \u201cfrom boundary street, west end, to the berlin wall, east Germany\u201d. Ich m\u00f6chte drei kurze Ausz\u00fcge daraus vorstellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>The kill-zones were left bare, these<\/em><br><br><em>blocks of dirt where the landmines had been removed like an<\/em><br><br><em>unfinished pock-marked canvas of Western Desert dot-paintings.<\/em><br><br><em>Boundary Street, West End, was our Berlin Wall, lavish signs<\/em><br><br><em>depicting the redundancy of ghosts.<br><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Concrete sentinels stand to attention on both sides of Karl Marx<\/em><br><br><em>Allee. The old headquarters of these secrets and those secrets,<\/em><br><br><em>reminding me of the midden-mounds back home, shell upon shell,<\/em><br><br><em>where the great chiefs once feasted, discarding the charges of their<\/em><br><br><em>hunger.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Walls and boundaries are the blemishes of our history and the flavour is<\/em><br><br><em>generic. We are all given band-aids to place over the wounds of our<\/em><br><br><em>ancestors; used band-aids will be the bookmarks of my history.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie Funders und Cusacks Texte zeugt auch Samuel Wagan Watsons Gedicht von einer besonderen Verbundenheit mit Berlin. Anstatt jedoch Verbundenheit mit Individuen in der Stadt zu beschreiben oder gemeinsame Perspektiven vorauszusetzen, \u00fcberlagert das Gedicht geografische Orte, um einen multidirektionalen Erinnerungsraum zu er\u00f6ffnen (vgl. Rothberg). Dieser Raum ist erf\u00fcllt von den Echos und Resonanzen durch Grenzen gepr\u00e4gter Leben sowie von verdr\u00e4ngten Erinnerungen an Gewaltgeschichten in Australien und Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Literaturangaben:<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Cusack, Dymphna (1961). Heatwave in Berlin. London: Heinemann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Freehill, Norman, with Dymphna Cusack (1975). Dymphna Cusack. Sydney: Nelson. Funder, Anna (2003). Stasiland. Melbourne: Text Publishing.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Rothberg, Michael (2009). Multidirectional Memory: Remembering the Holocaust in the Age of Decolonization. Stanford, Calif: Stanford University Press.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Watson, Samuel Wagan (2004). Smoke Encrypted Whispers. St Lucia, Qld: University of Queensland Press.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Prof. Anja Schwarz, Berlin <\/em><\/strong><strong><em>f\u00fcr PARATAXE \u00a9 2025<\/em><\/strong><strong><em><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keynote Parataxe XVI Warum schreiben Autor:innen aus Australien und Aotearoa Neuseeland \u00fcber Berlin? Diese Frage stelle ich mir seit meinem Umzug in diese Stadt vor rund zwanzig Jahren, als sie noch nicht so ein beliebtes Ziel f\u00fcr Schriftsteller:innen und K\u00fcnstler:innen war wie heute. 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