{"id":26396,"date":"2026-06-18T15:05:00","date_gmt":"2026-06-18T13:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/?post_type=stsp_text&#038;p=26396"},"modified":"2026-06-18T18:13:17","modified_gmt":"2026-06-18T16:13:17","slug":"west-oestliche-begegnungen-im-dialog-persischsprachiger-und-deutscher-dichtung-literarische-wechselwirkungen-ueber-jahrhunderte","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/west-oestliche-begegnungen-im-dialog-persischsprachiger-und-deutscher-dichtung-literarische-wechselwirkungen-ueber-jahrhunderte\/","title":{"rendered":"West-\u00f6stliche Begegnungen: Im Dialog persischsprachiger und deutscher Dichtung (Literarische Wechselwirkungen \u00fcber Jahrhunderte)\u00a0"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\">Singe<strong> <\/strong>die G\u00e4rten, mein Herz, die du nicht kennst; wie in Glas&nbsp;<br>eingegossene G\u00e4rten, klar, unerreichbar.&nbsp;<br>Wasser und Rosen von Ispahan oder Schiras,&nbsp;<br>singe sie selig, preise sie, keinem vergleichbar.&nbsp;<br>Zeige, mein Herz, da\u00df du sie niemals entbehrst.&nbsp;<br>Da\u00df sie dich meinen, ihre reifenden Feigen.&nbsp;<br>Da\u00df du mit ihren, zwischen den bl\u00fchenden Zweigen&nbsp;<br>wie zum Gesicht gesteigerten L\u00fcften verkehrst.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>(Rainer Maria Rilke, Die Sonette an Orpheus, zweiter Teil, S. XXI,)&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Begriff des \u201ePersischen Kosmopolis\u201c \u2013 wie ihn mein gesch\u00e4tzter Kollege Dr. Harun Badakhshi formuliert hat \u2013 bezeichnet einen weiten und vielgestaltigen Kulturraum. Die persischsprachige Literatur hat, einen nachhaltigen Einfluss auf die klassische Weltkultur ausge\u00fcbt. Die Begegnung der deutschsprachigen Welt mit diesem Kulturraum ist eine vielschichtige Geschichte von Einfluss, Wechselwirkung, Kreativit\u00e4t und Br\u00fcchen, deren ausf\u00fchrliche Darstellung den Rahmen dieses Beitrags \u00fcberschreiten w\u00fcrde. Im ersten Teil dieses Beitrags wird daher ein knapper \u00dcberblick \u00fcber den Eintritt der persischen Literatur in den deutschsprachigen Raum sowie \u00fcber den umgekehrten Prozess der Rezeption deutschsprachiger Literatur im Persischen gegeben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im zweiten Teil richtet sich der Fokus auf die Gruppe iranischer Intellektueller in Deutschland, insbesondere in Berlin, deren Wirken einen nachhaltigen Einfluss auf das kulturelle Verst\u00e4ndnis zwischen dem Iran und Deutschland ausge\u00fcbt hat.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>1.&nbsp;<\/strong><br>Die persische Sprache und Literatur sind wesentlich \u00e4lter als die Sprachen und Literaturen der europ\u00e4ischen L\u00e4nder, insbesondere der Deutschen. Deutschsprachige geh\u00f6rten zu den ersten, die sich mit der Erforschung der Geschichte und Kultur des alten Iran sowie der islamischen Epoche besch\u00e4ftigten und sich der \u00dcbersetzung und Interpretation der Werke persischsprachiger Dichter und Schriftsteller widmeten. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die politischen und wirtschaftlichen, sp\u00e4ter auch kulturellen Beziehungen zwischen dem Iran und Deutschland haben eine nahezu f\u00fcnfhundertj\u00e4hrige Geschichte. Sie reichen zur\u00fcck in jene Zeit, als der Herrscher des Herzogtums Schleswig-Holstein-Gottorf eine Gesandtschaft an den Hof von Shah Safi entsandte. Auf diese Weise begann die Bekanntschaft der Deutschsprachigen mit der klassischen persischen Literatur.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Adam Olearius ver\u00f6ffentlichte nach einem Aufenthalt von \u00fcber einem Jahr im Iran ein Werk unter dem Titel \u201eNeue Beschreibung der muscowitischen und persischen Reise\u201c (1647), in dem er \u00fcber die persische Sprache und die Br\u00e4uche der Iraner berichtete. Seine \u00dcbersetzung des \u201eGolestan\u201c (\u201eRosengarten\u201c, 1654) sowie anschlie\u00dfend des \u201eBustan\u201c von Saadi Shirazi ins Deutsche stellte einen Wendepunkt in der Bekanntschaft der Deutschsprachigen und sp\u00e4ter der Europ\u00e4er mit der persischen Literatur dar.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dichter Paul Fleming, der ihn auf dieser Reise begleitete, war in der Struktur seiner Dichtung und in seiner poetischen Perspektive von der persischen Literatur beeinflusst. Johann Gottfried Herder lenkte im Jahr 1787 die Aufmerksamkeit der Deutschen auf das alte Iran und dessen Literatur. Joseph von Hammer-Purgstall machte durch seine \u00dcbersetzung der Ghasele von Hafez ins Deutsche sowie durch die Abfassung der \u201eGeschichte der sch\u00f6nen Redek\u00fcnste Persiens\u201c (1818) Schriftsteller wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich R\u00fcckert und August Graf von Platen mit den Quellen der persischen Dichtung vertraut.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Goethes \u201eWest-\u00f6stlicher Divan\u201c, eines der gro\u00dfen Meisterwerke der Weltliteratur zu Beginn des 19. Jahrhunderts, entstand unter dem Einfluss eben dieser Autoren. Die \u00dcbersetzungen der Ghasele von Hafez durch Hammer-Purgstall und Platen stellen mit ihrer Betonung der materiellen und \u00e4u\u00dferen Aspekte eine Art \u201eNachdichtung\u201c antiker lateinischer Metren dar, die in einigen Gedichten gelungen erscheint, in anderen jedoch zu einer gewissen Schwere der poetischen Sprache und zu einer Verlangsamung ihres Rhythmus f\u00fchrt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4ter dichtete Friedrich R\u00fcckert das \u201eShahnameh\u201c (\u201eK\u00f6nigsbuch\u201c) von Ferdowsi sowie die Dichtungen von Jami nach, w\u00e4hrend Hermann Eth\u00e9 Teile des \u201eAvesta\u201c Zarathustras in derselben Weise und im selben Versma\u00df ins Deutsche \u00fcbertrug. Dadurch entsteht der Eindruck, als seien diese Werke in derselben Epoche und sogar aus dem Geist eines einzigen Dichters hervorgegangen. Trotz ihrer M\u00e4ngel k\u00f6nnen diese \u00dcbersetzungen als bahnbrechend und einflussreich gelten. Goethe tritt im \u201eWest-\u00f6stlichen Divan\u201c, inspiriert von diesen \u00dcbersetzungen, gegen die Vorstellung eines grundlegenden Gegensatzes zwischen Orient und Okzident auf und sucht in der empathischen Ann\u00e4herung an Hafez sowie in seiner Begeisterung f\u00fcr ihn und andere iranische Dichter nach Gemeinsamkeiten beider Welten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Begegnung mit der Dichtung von Hafez weckte in Goethe den Wunsch, weitere Meisterwerke der iranischen Literatur zu studieren; in der Folge machte er sich mit den Werken weiterer klassischer iranischer Dichter vertraut. Die Verwendung persischer W\u00f6rter in seinem \u201eDivan\u201c zeugt von dem Ausma\u00df seiner Begeisterung f\u00fcr die persische Literatur. Diese Begeisterung beschr\u00e4nkt sich jedoch nicht auf einzelne Begriffe, sondern umfasst auch die Themen, Gleichnisse und Metaphern seiner Dichtung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">R\u00fcckert begab sich im Jahr der Entstehung von Goethes \u201eDivan\u201c nach Wien und \u00fcbersetzte nach dem Erlernen orientalischer Sprachen Dutzende von Werken, insbesondere aus dem Persischen, ins Deutsche. In diesen \u00dcbersetzungen werden neben der genauen Wiedergabe der Bedeutung der Gedichte auch deren Form und charakteristische Merkmale sorgf\u00e4ltig ber\u00fccksichtigt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der Ver\u00f6ffentlichung seiner \u00dcbersetzung \u201eAuswahl aus den Ghasele des Rumi\u201c im Jahr 1820 fand die Gattung der Ghasel erstmals unter dieser Bezeichnung Eingang in die deutsche Literatur. Durch seine eigene dichterische Produktion etablierte R\u00fcckert diese Form im deutschen Sprachraum. Auch die Form des Ruba\u02bfi beziehungsweise des Vierzeilers wurde durch seine Werke in die deutsche Literatur eingef\u00fchrt; zu nennen sind etwa \u201e\u00d6stliche Rosen\u201c (1822) und \u201eFr\u00fchlingsliebe\u201c (1823). Seine sp\u00e4ter ver\u00f6ffentlichten achtzig Ghasele und drei\u00dfig Ruba\u02bfiyat von Hafez z\u00e4hlen zu den vollst\u00e4ndigsten und zuverl\u00e4ssigsten \u00dcbersetzungen dieser Dichtung ins Deutsche.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die \u00dcbersetzungen R\u00fcckerts spiegeln \u2013 im Gegensatz zu denen seines Lehrers Hammer-Purgstall, die aufgrund ihrer Betonung der diesseitigen Dimension von Hafez\u2019 Dichtung zu Missverst\u00e4ndnissen gef\u00fchrt haben \u2013 auch die innere und geistige Dimension dieser Werke wider. R\u00fcckert lernte Ferdowsi durch die Lekt\u00fcre von \u00dcbersetzungen des \u201eShahnameh\u201c kennen und unternahm sp\u00e4ter selbst eine poetische \u00dcbertragung der \u201eGeschichte von der T\u00f6tung Rostams durch Sohrab\u201c. Anschlie\u00dfend \u00fcbertrug er das gesamte \u201eShahnameh\u201c in der Form des Masnawi ins Deutsche und griff bei der Nachgestaltung des heroischen und erhabenen Tons auf die Metren der antiken lateinischen Dichtung zur\u00fcck.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach Auffassung von Annemarie Schimmel bestand sein Ziel darin, die urspr\u00fcngliche Einheit des Menschengeschlechts sichtbar zu machen, die sich in den Dichtungen verschiedener Sprachen manifestiert. Neben diesen Iranisten verfasste Heinrich Heine ein Gedicht \u00fcber das Leben Ferdowsis (\u201eDer Dichter Firdusi\u201c) und lie\u00df sich in seinem \u201eBuch der Lieder\u201c (1827) auch von Hafez inspirieren. Friedrich Nietzsche schrieb unter dem Einfluss zoroastrischer Gedanken \u201eAlso sprach Zarathustra\u201c und widmete Hafez das Gedicht \u201eAn Hafis; Frage eines Wassertrinkers\u201c. Sp\u00e4ter pries Rainer Maria Rilke in den \u201eSonetten an Orpheus\u201c die G\u00e4rten von Schiras und Isfahan.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch andere Iranisten \u00fcbertrugen Meisterwerke der persischen Literatur ins Deutsche, etwa Hermann Brockhaus, Friedrich Martin von Bodenstedt sowie Friedrich von Spiegel, Hellmut Ritter, Fritz Meier, Walter Hinz, Friedrich Rosen und Rudolf Gelpke mit ihren jeweiligen \u00dcbersetzungen und Studien.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Annemarie Schimmel setzte mit ihren \u00dcbersetzungen aus den Werken von Rumi und Hafez sowie mit ihren literaturwissenschaftlichen Studien \u2013 darunter \u201eAuswahl aus der Dichtung des Orients\u201c (1958), \u201eHalladsch \u2013 M\u00e4rtyrer der Gottesliebe\u201c (1968), \u201eDie Sonne Schams\u201c (1978) und \u201eG\u00e4rten der Erkenntnis\u201c (1991) \u2013 den von Olearius begonnenen Weg fort.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem Aufkommen der Modernisierungsbewegung, der Intensivierung kultureller Kontakte und dem Fortschritt der Orientalistik wurden Forschung und \u00dcbersetzungst\u00e4tigkeit vertieft und kritischer ausgerichtet. Gleichzeitig traten iranische sowie deutsch-iranische Autor:innen hervor, die mit ihrer N\u00e4he zur iranischen Kultur sowohl klassische als auch moderne Werke differenzierter vermittelten oder selbst auf Deutsch schrieben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bozorg Alavi ver\u00f6ffentlichte 1961 eine \u00dcbersetzung von \u201eDie blinde Eule\u201c von Sadegh Hedayat. Weitere \u00dcbersetzungen und Studien sowie Arbeiten von Davoud Monshizadeh, Cyrus Atabay und anderen trugen wesentlich zur Vermittlung persischer Literatur bei.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurt Scharf geh\u00f6rt zu den fr\u00fchen Vermittlern moderner persischer Lyrik nach Nima Yooshij. In Zusammenarbeit mit Ali Abdollahi erschienen mehrere Anthologien und Einzelwerke zeitgen\u00f6ssischer Literatur aus Iran, Afghanistan und Tadschikistan.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weitere \u00dcbersetzer wie Touraj Rahnama und Anneliese Ghahraman sowie zahlreiche andere haben Werke bedeutender iranischer Autor:innen ins Deutsche \u00fcbertragen und so zur literarischen Vermittlung beigetragen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch in j\u00fcngerer Zeit leisten Autor:innen wie Mahmoud Hosseini Zad, Lutz Rzehak, Ali Abdollahi, Gerrit Wustmann, Jutta Himmelreich, Susanne Baghestani, Bianca Gackstatter, und Sarah Rauchfu\u00df wichtige Beitr\u00e4ge zur \u00dcbersetzung und Vermittlung persischer Literatur. Parallel dazu setzt sich die Neu\u00fcbersetzung klassischer Werke durch Forscher wie Johann Christoph B\u00fcrgel fort.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der anderen Seite haben deutschsprachige Literatur und Philosophie die iranische Literatur des 20. Jahrhunderts stark beeinflusst. Die Zahl der \u00dcbersetzungen aus dem Deutschen ins Persische \u00fcbersteigt in dieser Zeit die der \u00dcbersetzungen aus dem Persischen ins Deutsche.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Zeit der konstitutionellen Revolution im Iran erfolgte die Rezeption westlicher Literatur zun\u00e4chst \u00fcber russische und franz\u00f6sische, sp\u00e4ter auch \u00fcber englische und deutsche Vermittlung. Erste direkte \u00dcbersetzungen aus dem Deutschen wurden von iranischen Intellektuellen in Deutschland angefertigt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sadegh Hedayat wurde in \u201eDie blinde Eule\u201c unter anderem von Franz Kafka und Rainer Maria Rilke beeinflusst. Autoren wie Stefan Zweig, Franz Kafka, Hermann Hesse, Bertolt Brecht, Thomas Mann und Johann Wolfgang von Goethe wurden von Mahmoud Hosseini Zad, Ali Abdollahi, Mahshid Mirmoezi, Said Firuzabadi, Ali A. Haddad, Mahmoud Haddadi, &#8230; im 20. Jahrhundert ins Persische \u00fcbersetzt und pr\u00e4gten die moderne iranische Literatur nachhaltig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den letzten Jahrzehnten haben sowohl die \u00dcbersetzung deutschsprachiger Literatur ins Persische als auch die Werke iranischer Autor:innen, die auf Deutsch schreiben, stark zugenommen. Autor:innen wie Navid Kermani, Farhad Showghi, Nava Ebrahimi und andere geh\u00f6ren inzwischen zum deutschsprachigen Literaturbetrieb, bleiben jedoch zugleich von der persischen Literatur gepr\u00e4gt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>2.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den letzten Jahrzehnten des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Iran Schauplatz kolonialer Einflussnahme durch Gro\u00dfbritannien und Russland. Die politische Lage war derart instabil, dass der Norden des Landes von russischen Truppen besetzt war, w\u00e4hrend der S\u00fcden unter\u00a0direkter Kontrolle Gro\u00dfbritanniens stand und das Zentrum als neutrale Zone galt. Angesichts dieser Situation suchten iranische Intellektuelle nach Wegen zur \u00dcberwindung dieser Krise und zur Erlangung nationaler Unabh\u00e4ngigkeit. Sie nutzten die Rivalit\u00e4t zwischen Deutschland und dem Osmanischen Reich auf der einen Seite und den beiden Gro\u00dfm\u00e4chten auf der anderen und wandten sich an die deutsche Regierung.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Jahren zwischen 1915 und 1930 beschloss eine Gruppe bedeutender iranischer Intellektueller, in Berlin einen Kreis zu gr\u00fcnden, der sp\u00e4ter von Mohammad Ali Jamalzadeh als \u201edie Berliner\u201c bezeichnet wurde. Eine Gruppe von Intellektuellen war aufgrund ung\u00fcnstiger politischer Entwicklungen in ihrem Heimatland zun\u00e4chst nach Istanbul und anschlie\u00dfend nach Berlin emigriert und gr\u00fcndete mit Unterst\u00fctzung der deutschen Regierung das \u201eKomitee der iranischen Nationalisten\u201c. Bereits zwischen 1910 und 1915 hatte sich eine erste Gruppe aus politischen Gr\u00fcnden oder zu Studienzwecken in Genf, Paris und London aufgehalten und schloss sich sp\u00e4ter diesem Komitee an. Eine zweite Gruppe bestand aus jungen Menschen, die in den Jahren 1921 bis 1922 direkt zu Studienzwecken nach Berlin gekommen waren. Eine weitere Gruppe, die zun\u00e4chst in Istanbul, London, New York, Paris, der Schweiz und Indien lebte, folgte der Einladung der in Berlin ans\u00e4ssigen Intellektuellen, kam in diese Stadt und schloss sich den \u201eBerlinern\u201c an.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie versammelten sich insbesondere im Berliner Stadtteil Charlottenburg, in der Leipziger Stra\u00dfe 61 oder 64, und widmeten sich dort der Forschung und der \u00dcbersetzung. Es ist hervorzuheben, dass sie zun\u00e4chst auch konkrete politische Ziele verfolgten und vom deutschen Ausw\u00e4rtigen Amt finanziell unterst\u00fctzt wurden. Doch \u00e4hnlich wie die Gesandtschaft aus Schleswig-Holstein in der Safawidenzeit, die \u2013 wie zuvor erw\u00e4hnt \u2013 aus politischen und wirtschaftlichen Gr\u00fcnden nach Iran entsandt worden war, gingen auch ihre Aktivit\u00e4ten weit \u00fcber die urspr\u00fcnglichen politischen Ziele hinaus. Diese traten zunehmend in den Hintergrund und f\u00fchrten zu bedeutenden kulturellen Ergebnissen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insgesamt gaben sie zwischen 1916 und 1928 vier bedeutende Zeitschriften heraus: \u201eKaveh\u201c, \u201eIranshahr\u201c, \u201eNameye Farangestan\u201c und \u201eElm o Honar\u201c. Zu den zentralen Pers\u00f6nlichkeiten dieses Kreises geh\u00f6rten Mohammad Ali Jamalzadeh, der Begr\u00fcnder der modernen persischen Kurzgeschichte, Ebrahim Pourdavoud, der \u00dcbersetzer der Yashts aus dem Altiranischen, Hasan Taqizadeh, Gelehrter und Politiker, Moshfeq Kazemi, Schriftsteller, Taqi Arani, antifaschistischer Denker, Ashrafzadeh, Nasrollah Jahangir, Morteza Ravandi, Historiker, Ghanizadeh, Esmail Yekani, Mirza Agha, Esmail Nobari, Amirkhizi, Reza Afshari, Ezzatollah Hedayat, Heidar Khan Amo-Oghli, Mohammad Qazvini, Mojtaba Minovi, Kazemzadeh Iranshahr, Ali Akbar Davar sowie sp\u00e4ter auch Bozorg Alavi, Erz\u00e4hler und Forscher, und weitere.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben den genannten Zeitschriften gr\u00fcndeten sie auch den Verlag und die Druckerei \u201eKaviani\u201c und verfassten zahlreiche Werke zu Themen wie iranischer Nationalismus, persische Literatur, Frauenrechte und gesellschaftliche Fragen. Sie waren von den Entwicklungen der westlichen Zivilisation beeinflusst, verbanden dies jedoch mit einem kulturellen Nationalismus sowie mit dem Widerstand gegen innere Despotie und \u00e4u\u00dfere Bedrohung.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Aktivit\u00e4ten dieser Gruppe begannen mit der Ankunft von Hasan Taqizadeh im Jahr 1915 und endeten mit dem Weggang von Kazemzadeh infolge der Etablierung des nationalsozialistischen Regimes im Jahr 1933. Die erste Generation war in der Zeit des Kaiserreichs und zu Beginn der Republik aktiv, die zweite Generation w\u00e4hrend der Weimarer Republik. Die erste Ausgabe der Zeitschrift \u201eKaveh\u201c erschien am 24. Januar 1916 in der Kaviani-Druckerei in Berlin und wurde in insgesamt 52 Ausgaben fortgef\u00fchrt. Die Zusammenarbeit mit deutschen Intellektuellen und europ\u00e4ischen Orientalisten geh\u00f6rte ebenfalls zu ihren Zielen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Ende der T\u00e4tigkeit dieses Kreises versammelten sich bedeutende Intellektuelle wie Taqi Arani weiterhin um die Druckerei Kaviani. Diese Druckerei spielte eine zentrale Rolle bei der Ver\u00f6ffentlichung persischsprachiger B\u00fccher und bei der kulturellen Transformation des modernen Iran. Der Verlag \u201eKaveh\u201c publizierte Werke wie \u201eGanj-e Shayegan\u201c, \u201eYeki bud yeki nabud\u201c von Jamalzadeh, \u201eKashf al-Talbis\u201c, \u201eTarikh-e Majles-e Iran\u201c sowie eine zweisprachige Ausgabe der \u201eRubaiyat\u201c von Omar Khayyam in der \u00dcbersetzung von Friedrich Rosen und viele weitere Werke.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zeitschrift \u201eIranshahr\u201c erschien zwischen 1922 und 1927 in insgesamt 48 Ausgaben und ver\u00f6ffentlichte Beitr\u00e4ge von Autoren wie Rashid Yasemi, Abbas Eqbal, Taqi Arani und Sadegh Hedayat. Sie hatte feste Abonnenten in Teheran, Tabriz, Istanbul, Kalkutta und auf den Philippinen, w\u00e4hrend Autoren aus Teheran, Kairo und Manila Beitr\u00e4ge einreichten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zeitschrift \u201eName-ye Farangestan\u201c erschien ein Jahr lang in zw\u00f6lf Ausgaben; zu ihren Autoren geh\u00f6rten unter anderem Taqi Arani, Mohammad Qazvini und Rezazadeh Shafaq. Moshfeq Kazemi verfasste 1921 den ersten gesellschaftlichen Roman Irans mit dem Titel \u201eTehran-e makhuf\u201c. Hasan Moghadam schrieb das bedeutende Theaterst\u00fcck \u201eJafar Khan az farang bargashte\u201c. Die erste mo-derne persische Kurzgeschichte \u201eFarsi shekar ast\u201c von Jamalzadeh wurde in der Zeitschrift \u201eKaveh\u201c in Berlin ver\u00f6ffentlicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz darauf erschien sein erster Kurzgeschichtenband \u201eYeki bud yeki nabud\u201c in Berlin (1921), der auf den Erfahrungen des Autors w\u00e4hrend seines Aufenthalts in Kermanshah sowie auf seinen Feldforschungen im Westen Irans basiert und zugleich unter dem Einfluss moderner deutscher und europ\u00e4ischer Literatur steht. Zur gleichen Zeit wurde im Iran das erste Werk der modernen persischen Lyrik, \u201eAfsaneh\u201c von Nima Yooshij, ver\u00f6ffentlicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die herausragenden Ergebnisse der literarischen, kulturellen und gesellschaftlichen Aktivit\u00e4ten der \u201eBerliner\u201c sind f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Entwicklung der Moderne im Iran von zentraler Bedeutung und lassen sich kaum \u00fcbersch\u00e4tzen. Der Einfluss dieser Intellektuellen und Schriftsteller auf die Entstehung eines neuen Denkens in der persischen Sprache ist unbestreitbar und bedarf weiterer umfassender Forschung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Ali Abdollahi, Berlin, <\/em><\/strong><strong><em>f\u00fcr PARATAXE \u00a9 2026&nbsp;<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Singe die G\u00e4rten, mein Herz, die du nicht kennst; wie in Glas&nbsp;eingegossene G\u00e4rten, klar, unerreichbar.&nbsp;Wasser und Rosen von Ispahan oder Schiras,&nbsp;singe sie selig, preise sie, keinem vergleichbar.&nbsp;Zeige, mein Herz, da\u00df du sie niemals entbehrst.&nbsp;Da\u00df sie dich meinen, ihre reifenden Feigen.&nbsp;Da\u00df du mit ihren, zwischen den bl\u00fchenden Zweigen&nbsp;wie zum Gesicht gesteigerten L\u00fcften verkehrst.&nbsp; (Rainer Maria Rilke, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"featured_media":26485,"template":"","categories":[70,12],"class_list":["post-26396","stsp_text","type-stsp_text","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-issue-35","category-non-fiction"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - 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