{"id":2926,"date":"2017-08-09T09:50:44","date_gmt":"2017-08-09T07:50:44","guid":{"rendered":"http:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=2926"},"modified":"2020-11-29T18:09:27","modified_gmt":"2020-11-29T17:09:27","slug":"chinesische-dinge","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/chinesische-dinge\/","title":{"rendered":"Chinesische Dinge"},"content":{"rendered":"<p><b>Was sind chinesische Dinge?<\/b><\/p>\n<p>Chinesische Dinge sind kitschig und bunt.<\/p>\n<p>Chinesische Dinge sind die vier gro\u00dfen Erfindungen: Papier, Feuerwerk, Kompass und Buchdruck.<\/p>\n<p>Chinesische Dinge sind fake.<\/p>\n<p>Chinesische Dinge sind kommunistisch.<\/p>\n<p>Chinesische Dinge sind antik.<\/p>\n<p>Chinesische Dinge sind billig.<\/p>\n<p>Chinesische Dinge sind&#8230;<\/p>\n<p><b>Chinesische Dinge sind kosmischer Herkunft. <\/b><\/p>\n<p>Das Wort f\u00fcr Ding oder Gegenstand lautet auf Chinesisch <span style=\"font-family: Arial Unicode MS;\"><span style=\"font-family: ArialUnicodeMS,sans-serif;\">\u4e1c<\/span><span style=\"font-family: HiraKakuProN-W3;\">\u897f<\/span> <\/span><i>dong xi<\/i> und bedeutet w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt &#8220;Ost&#8221; und &#8220;West&#8221;. Damit sind die zwei Richtungen aus dem &#8220;Acht Trigrammen<span style=\"color: #3b00a4;\"><span style=\"font-family: HiraKakuProN-W3;\">,\u00a0<\/span><\/span><span style=\"color: #0e002d;\">dem kosmologischen Plan des antiken I-Gings gemeint.<\/span> Ost wird dem Element Holz und West dem Element Metall zugewiesen. Daher repr\u00e4sentieren die beiden Richtungen alle materiellen Gegenst\u00e4nde, die von fester und artifizieller Form sind.<\/p>\n<p>Eine andere Legende \u00fcber die Herkunft des Namens verortet die umfassende Spannbreite der materiellen Welt: Es war einmal eine kleine Stadt im historischen China, die von einer Stadtmauer umschlossen war. Am Westtor und Osttor befanden sich zwei M\u00e4rkte, die die materiellen Bed\u00fcrfnisse der Bewohner erf\u00fcllten. Immer, wenn jemand Dinge einkaufen gehen wollte, benutzte er den Ausdruck &#8220;ich gehe Ost-West kaufen&#8221; (<span style=\"font-family: Arial Unicode MS;\"><span style=\"font-family: HiraKakuProN-W3;\">\u6211\u53bb<\/span><span style=\"font-family: ArialUnicodeMS,sans-serif;\">\u5356\u4e1c\u897f<\/span><\/span>).<\/p>\n<p>Durch die Jahrtausende hat sich <span style=\"font-family: Arial Unicode MS;\"><span style=\"font-family: ArialUnicodeMS,sans-serif;\">\u4e70\u4e1c\u897f<\/span> <\/span><i>mai dong xi<\/i> (Ost-West einkaufen) als Volkssport etabliert. Die Gesch\u00e4fte in den heutigen St\u00e4dten sind rundum von morgens bis sp\u00e4t nachts, sieben Tage in der Woche ge\u00f6ffnet. Dazu kommen noch die vielen kleinen Buden <span style=\"font-family: Arial Unicode MS;\"><span style=\"font-family: HiraKakuProN-W3;\">\u5c0f<\/span><span style=\"font-family: ArialUnicodeMS,sans-serif;\">\u5356\u90e8<\/span><\/span>, St\u00e4nde, M\u00e4rkte und fliegende H\u00e4ndler am Rande der Legalit\u00e4t, die alle erdenklichen und unerdenklichen Bed\u00fcrfnisse abdecken. Dieses \u00dcber- und Nebeneinander an Marktkomplexen macht China zum Einkaufsparadies, f\u00fcr In- und Ausl\u00e4nder sowie f\u00fcr jeden Geschmack und jeden Geldbeutel.<\/p>\n<p><b>Was wird eingekauft?<\/b><\/p>\n<p>Es gibt in China den popul\u00e4ren Begriff <span style=\"font-family: Arial Unicode MS;\"><span style=\"font-family: HiraKakuProN-W3;\">\u8863\u98df\u4f4f\u884c <\/span><\/span><i>yi shi zhu xing<\/i>, der die vier Grundbereiche der materiellen Alltagskultur Chinas charakterisiert: Kleidung, Nahrung, Wohnen, Mobilit\u00e4t. Er bietet eine erste Orientierung f\u00fcr die grobe Kategorisierung der <span style=\"font-family: Arial Unicode MS;\"><span style=\"font-family: ArialUnicodeMS,sans-serif;\">\u4e1c<\/span><span style=\"font-family: HiraKakuProN-W3;\">\u897f<\/span><\/span>\/Dinge-Welt. Ihre Reihenfolge wurde entsprechend ihrer Dringlichkeit und Wichtigkeit aufgestellt. Diese 4 Zeichen wurden u.a. auch im japanischen Gebrauch \u00fcbernommen, um die materielle Alltagskultur zu beschreiben, wobei das Zeichen f\u00fcr Mobilit\u00e4t weggelassen wurde in der Vorstellung, dass Mobilit\u00e4t auf der \u00fcberschaubaren japanischen Insel nicht von so elementarer Bedeutung w\u00e4re.<\/p>\n<p><b>Chinesische Dinge \u2013 Einschr\u00e4nkung und Explosion des Konsums<\/b><\/p>\n<p>Nach der Gr\u00fcndung der Volksrepublik unter Mao waren materiellen G\u00fcter nur begrenzt zug\u00e4ngig. In Form von speziellen Marken <span style=\"font-family: Arial Unicode MS;\"><span style=\"font-family: HiraKakuProN-W3;\">\u7cae\u7968<\/span> <\/span><i>liang piao<\/i> wurden Grundlebensmittel wie Mehl oder Reis ab 1955 rationiert. Andere Waren wie Stoffe unterlagen auch der staatlichen Kontrolle. Die Verteilung der G\u00fcter unterschied 9 Kategorien von Verbrauchern vom S\u00e4ugling bis zum hart schuftenden Arbeiter. Sie enthielten unterschiedliche Mengen von Lebensmitteln, die nach ihren T\u00e4tigkeiten bemessen wurden. Die Rationierung von Lebensmitteln war auch eine M\u00f6glichkeit der staatlichen Kontrolle \u00fcber die Einwohner, die nicht einfach im Land umher ziehen konnten, da jede Region ihre eigenen Marken verteilte abh\u00e4ngig von dem g\u00fcltigem <span style=\"font-family: Arial Unicode MS;\"><span style=\"font-family: ArialUnicodeMS,sans-serif;\">\u6237\u53e3<\/span> <\/span><i>Hukou<\/i> der Bewohner. Neben Nahrungsmittel unterlagen Unterk\u00fcnfte auch der Rationierung. F\u00fcr die Verteilung von Wohnungen war lange Zeit die staatliche Einheit <span style=\"font-family: Arial Unicode MS;\"><span style=\"font-family: ArialUnicodeMS,sans-serif;\">\u5355<\/span><span style=\"font-family: HiraKakuProN-W3;\">\u4f4d<\/span> <\/span><i>dan wei<\/i> zust\u00e4ndig. Daher ist es leicht vorstellbar, wie gro\u00df der Hunger nach eigenen und neuen &#8220;Dingen&#8221; in der Bev\u00f6lkerung war.<\/p>\n<p>Dieser Hunger wurde Dank der Reformen Deng Xiao Pings gestillt. Seit der wirtschaftlichen \u00d6ffnung des Landes wuchs die Vielfalt der Dinge auf den M\u00e4rkten. Der gesellschaftliche Wandel zeigte sich in einem Zuwachs an Qualit\u00e4t und Quantit\u00e4t der verf\u00fcgbaren an materielle G\u00fcter. Der Import erm\u00f6glichte die Aneignung von globalen Produkten und Marken. Anfang der 90er Jahre er\u00f6ffneten die ersten Superm\u00e4rkte, die Anfangs noch von vielen Mitarbeitern \u00fcberwacht werden mussten, in der Angst, die Menschen w\u00fcrden sich einfach aus den Regalen bedienen ohne zu zahlen. Die meisten hatten bis dahin eine solche F\u00fclle an G\u00fctern noch nicht erlebt. Das Einkaufen wurde zur Qual der Wahl. Bei dem einfachen Thema Schokolade verdreht man die Augen. Neben chinesischen Marken (zugegeben, Schokolade ist nicht umbedingt ein beispielhaft chinesisches Lebensmittel) findet der K\u00e4ufer internationale importierte Labels wie Dove, Ferrero oder Milka. Dazwischen finden sie interessanterweise auch chinesische Ausw\u00fcchse der beiden: Imitate von Rocher-Kugeln heissen &#8220;Gold Balls&#8221; und f\u00fchren chinesische Verbraucher in den Irrglauben, eine g\u00fcnstigere Variante des italienischen Herstellers gefunden zu haben. Damit ber\u00fchrt man das Ph\u00e4nomen der Imitation oder <span style=\"font-family: Arial Unicode MS;\"><span style=\"font-family: HiraKakuProN-W3;\">\u5c71\u5be8 <\/span><\/span><i>shan zhai<\/i> &#8220;Fake&#8221;-Kultur.<\/p>\n<p>Weil sich immer mehr westliche Dinge als unverzichtbare Statussymbole in China etablierten, geben selbst Wanderarbeiter ihr knappes Gehalt f\u00fcr die neuesten Smartphones oder Markenschuhe aus. Wenn der eigene Geldbeutel f\u00fcr das Original nicht tief genug ist, muss ein preiswerter chinesischer Ersatz.<\/p>\n<p>Internationale Gro\u00dfkonzerne gehen dabei h\u00e4ufig leer aus. Die Imitate bekannter Marken sind vielf\u00e4ltig und \u00e4u\u00dferst fantasievoll. Marketing-Experten von Adidas w\u00fcrde ein Besuch chinesischer M\u00e4rkte sicher zu neuen Inspirationen verhelfen. Hier findet man alle m\u00f6glichen Varianten der Streifen-Anzahl und der Reihenfolge der Buchstaben der Marke wie z.B. &#8220;aidias&#8221;, &#8220;dasabi&#8221;, &#8220;abibas&#8221; usw. Gef\u00e4lschte Dinge bekommen ihre eigenen Werte und \u00c4sthetik durch den Fehler. Mittlerweile gelten Rolexuhren vom Shanghaier Fake-Markt als kultige Mitbringsel bei westlichen Touristen.<\/p>\n<p>Die Statussymbole verlieren auch nicht ihre Bedeutungen nach dem Tod ihres Tr\u00e4gers. In der Vorstellung, dass die Seelen der Verstorbenen noch auf der Erde verweilen und die selben materiellen Bed\u00fcrfnisse haben, werden die geliebten Menschen dementsprechend versorgt. Jedes Jahr zum Qingming-Fest <span style=\"font-family: Arial Unicode MS;\"><span style=\"font-family: HiraKakuProN-W3;\">\u6e05\u660e<\/span><span style=\"font-family: ArialUnicodeMS,sans-serif;\">\u8282<\/span><i> <\/i><\/span><i>qin ming jie <\/i>(Totengedenktag) Anfang April werden die Verstorbenen mit &#8220;Dingen&#8221; versorgt. Eine wichtige Geste ist das Verbrennen von Papiergeld, das liebevoll aus Silberpapier in Geldform gefaltet wird. Heutzutage passen sich die Bed\u00fcrfnisse der Verstorbenen nat\u00fcrlich der modernen Warenwelt an: Miniatur Iphones, Miniaturvillen, sowie &#8220;Hells Dollars&#8221; aus Papier werden ebenfalls durch die Flamme in das Totenreich geschickt. Schlie\u00dflich wollen auch die Geister am Fortschritt teilhaben<b>.<\/b><\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie die Papierdinge durch die Flammen ins Jenseits geschickt werden, verlieren auch immer mehr chinesische Dinge durch die Dominanz der westlichen Konsumg\u00fcter an Bedeutung.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nicht unbedingt, dass diese traditionellen Dinge v\u00f6llig &#8220;aussterben&#8221;. Sie kehren stattdessen in anderem Kontext wieder auf und werden mit neuen kulturellen Werten aufgeladen.<\/p>\n<p><b>Das Verschwinden der chinesischen Dinge und ihre Renaissance<\/b><\/p>\n<p>Das Bewusstsein \u00fcber die Existenz &#8220;chinesische Dinge&#8221; entwuchs erst durch ihr langsames &#8220;Verschwinden&#8221; \u2013 zumindest in den chinesischen Gro\u00dfst\u00e4dten. Menschen sind sich oft nicht bewusst \u00fcber die Eigenheiten ihrer Lebensgewohnheiten und materiellen Kultur, bis sie ihren Verlust bemerken. Die Ver\u00e4nderung des \u00e4u\u00dferen Lebensumfeldes \u00e4nderten auch die damit verbundenen, &#8220;inneren&#8221; Elemente, den Alltagsgegenst\u00e4nden. Wenn alte H\u00e4user und ganze Hofkomplexe abgerissen werden, um Platz f\u00fcr neue Hochh\u00e4userreihen zu machen, l\u00f6sen sich soziale Nachbarschaftsgef\u00fcge und tradierte Gepflogenheiten wie gemeinschaftliches Kochen an offenen Herd- und Wasserstellen auf.<\/p>\n<p>Durch den materiellen Fortschritt wurden viele Dinge \u00fcberfl\u00fcssig: Brickets f\u00fcr \u00d6fen wurden nutzlos, Warmwasser aus der Leitung und Trinkwasserspender verbannten die allseits geliebten Thermoskannen aus Metall, die bunte Gl\u00fcckssymbole wie P\u00e4onien oder Goldfische trugen. &#8220;Wiedergefunden&#8221; wurden die Thermoskannen von ausl\u00e4ndischen Touristen, die den nostalgischen China-Chic suchten. So ergeht es vielen chinesischen Dingen, die ihre Renaissance in Design-Boutiquen oder Kunstmuseen im In- und Ausland erleben.<\/p>\n<p>Im Jahr 2008 sorgte die beeindruckende Installation &#8220;Waste Not&#8221; des Beijinger K\u00fcnstlers <span style=\"font-family: Arial Unicode MS;\"><span style=\"font-family: HiraKakuProN-W3;\"><span style=\"font-size: small;\">\u5b8b\u51ac <\/span><\/span><\/span><i>Song Dong<\/i> im Haus der Kulturen der Welt in Berlin f\u00fcr Furore: der gesamte Haushalt seines verstorbenen Vaters wurde mit Hilfe seiner Mutter sorgf\u00e4ltig sortiert und im musealen Rahmen ausgebreitet. Um das Holzger\u00fcst des traditionellen Hutong-Baus versammeln sich zahlreiche Gegenst\u00e4nde wie gro\u00dfe Plastikschalen, Medikamente und Getr\u00e4nkeflaschen die wie Relikte aus einer anderen Zeit erscheinen. Die enorme \u00e4sthetische Kraft der Exponate erweckte das Interesse der ausl\u00e4ndischen Betrachter f\u00fcr die Alltagskultur Chinas.<\/p>\n<p>Mittlerweile sind &#8220;chinesische Dinge&#8221; auch &#8220;wiedergekehrt&#8221; in die Hauptstadt Beijing. In der <span style=\"font-family: Arial Unicode MS;\"><span style=\"font-family: HiraKakuProN-W3;\">\u5357<\/span><span style=\"font-family: ArialUnicodeMS,sans-serif;\">\u9523<\/span><span style=\"font-family: HiraKakuProN-W3;\">\u9f13\u5df7 <\/span><\/span><i>Nan luo gu xiang<\/i>, einem restaurierten hippen Hutong-Viertel quillen die Souvenirl\u00e4den \u00fcber mit chinesischen Retro-Dingen. Hier finden sich Emaille-Bechern mit Spr\u00fcchen aus der Kulturrevolution und auch die oben genannten altmodischen W\u00e4rmeflaschen. Die selbstironische Haltung der Chinesen gegen\u00fcber der oft beschwerlichen Vergangenheit vermittelt ein neues Bewusstsein der heutigen Generation der in den 80er oder 90er Jahren geborenen &#8220;Wohlstandskinder&#8221;. Auch wenn sie sich nicht mit der patriotisch-kommunistischen Linie identifizieren k\u00f6nnen, versuchen sie sich auf humorvolle Weise diesem Kapitel der chinesischen Vergangenheit zu n\u00e4hern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was sind chinesische Dinge? Chinesische Dinge sind kitschig und bunt. Chinesische Dinge sind die vier gro\u00dfen Erfindungen: Papier, Feuerwerk, Kompass und Buchdruck. Chinesische Dinge sind fake. Chinesische Dinge sind kommunistisch. Chinesische Dinge sind antik. Chinesische Dinge sind billig. Chinesische Dinge sind&#8230; Chinesische Dinge sind kosmischer Herkunft. 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