{"id":4539,"date":"2017-02-21T11:46:39","date_gmt":"2017-02-21T10:46:39","guid":{"rendered":"http:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=4539"},"modified":"2020-11-29T19:59:19","modified_gmt":"2020-11-29T18:59:19","slug":"transkript-diskussion-global-beta-e-book-code-berlin","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/transkript-diskussion-global-beta-e-book-code-berlin\/","title":{"rendered":"Transkript Diskussion Global &#038; beta. E-Book-Code Berlin"},"content":{"rendered":"<h4>im Rahmen des <a href=\"http:\/\/www.stadtsprachen.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Stadtsprachen<\/a>-Festivals am 2. November 2016, Blogfabrik<\/h4>\n<p>Nikola Richter: Ich fange an, ich schmei\u00dfe den Ball in die Runde. Die Frage ist kurz und hoffentlich nicht zu schwierig: Was bedeutet f\u00fcr euch heute Verlegen im Digitalen?<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Alle gucken ein bisschen ratlos. Du hast mich jetzt als erste aufgerufen, weil ich als erste gezuckt habe. Ich habe nur gelacht, weil ich erst im Vorfeld dieser Veranstaltung gemerkt habe, dass ich da als Verlegerin gefragt bin.<br \/>\nDas liegt daran, dass es das <a href=\"http:\/\/techniktagebuch.tumblr.com\/\">Techniktagebuch<\/a> gibt: Das ist ein Blog, das seit zweieinhalb Jahren existiert, ich habe es damals, Februar 2014, gegr\u00fcndet. Es hat inzwischen ungef\u00e4hr 50 regelm\u00e4\u00dfige und ungef\u00e4hr 300 gelegentliche Autorinnen und Autoren. Davon gibt es auch E-Book-Fassungen: <a href=\"http:\/\/techniktagebuch.tumblr.com\/post\/111435405012\/17-2-2015\">Die erste<\/a> haben wir gemacht zum Einj\u00e4hrigen und dann <a href=\"http:\/\/techniktagebuch.tumblr.com\/post\/119357377222\/19-mai-2015\">eine <\/a><a href=\"http:\/\/techniktagebuch.tumblr.com\/post\/119357377222\/19-mai-2015\">dazwischen<\/a> und dann <a href=\"http:\/\/techniktagebuch.tumblr.com\/post\/139487570022\/17-februar-2016\">eine zum zweij\u00e4hrigen Jubil\u00e4um<\/a>. Jetzt allm\u00e4hlich n\u00e4hert sich <a href=\"http:\/\/techniktagebuch.tumblr.com\/post\/157345511777\/17-februar-2017\">das Buch zum dritten Bloggeburtstag<\/a>, und das qualifiziert mich jetzt dazu, \u00fcber das Verlegen zu reden, weil vorher hatte ich das auch noch nie gemacht. Insofern: Da mir das jetzt eben erst wegen dieser Veranstaltung klar geworden ist, dass ich jetzt Verlegerin bin, kann ich nicht sagen, dass ich mir jetzt schon ein berufliches Selbstverst\u00e4ndnis zurecht gelegt h\u00e4tte \u2013 tut mir leid! Habt ihr eines?<\/p>\n<p>Ansgar Warner: Naja, ich w\u00fcrde sagen: Vor allen Dingen digital! Weil das heutzutage doch so einfach ist und der Einstieg nied\u00adrig\u00adschwel\u00adlig. Man kann mit Bloggen anfangen, dann ist man im Grunde schon Publisher, wie das heutzutage hei\u00dft \u2013 es ist ja relativ egal, was man publisht, man kann auch einen YouTube-Kanal haben. Die Distribution \u00fcbernehmen das Internet oder irgendwelche Plattformen.<br \/>\nIm Grunde genommen war es f\u00fcr mich so: Ich habe vorher schon f\u00fcr Zeitungen geschrieben, aber das war eher Print. Irgendwann habe ich angefangen zu bloggen, und irgendwann hat sich das zum Verlegen ausgeweitet. Weil ich auch \u00fcber E-Books gebloggt habe, habe ich angefangen, E-Books zu machen: Ein E-Book \u00fcber die Geschichte des E-Books stand am Anfang. Wenn man irgendwann nicht nur eigene B\u00fccher verlegt, sondern auch von Fremden, dann ist man eben nicht nur Selbstverleger sondern auch Verleger oder Fremdverleger. Irgendwann macht man auch Print: Dann merkt man, dass sich ein Kreis geschlossen hat. Ich habe mir einen Slogan \u00fcberlegt f\u00fcr mein Verlagslabel. Das ist eigentlich kein richtiger Verlag, weil man da fast keine B\u00fccher kaufen kann und auch fast keine B\u00fccher erscheinen, weil ich keine Zeit daf\u00fcr habe \u2013 aber zumindest habe ich eigene ISBN-Nummern. Der Slogan war: Alle B\u00fccher sind E-Books, manche werden ausgedruckt. Das ist heutzutage so, selbst wenn ein Buch nur gedruckt vorliegt, war es ja irgendwann schon mal ein E-Book \u2013 als Manuskript, als Druckvorlage. Und das zirkuliert als PDF durch die Welt. Insofern ist das eigentlich die Grundlage unseres Tuns. Der E-Book-Code \u2013 um diesen Bogen vielleicht mal zu schlie\u00dfen \u2013 ist im Grunde genommen mittlerweile schon der Buch-Code, weil \u00fcber Print-on-Demand alles elektronisch vorliegt. Lustig finde ich auch, dass die reinen E-Book-Verlage irgendwann auf diese Weise wieder bei gedruckten B\u00fcchern angelangt sind. (Zu Nikola Richter:) Du auch mit <a href=\"http:\/\/www.mikrotext.de\">mikrotext<\/a>, ich mache es auch mit <a href=\"http:\/\/ebooknews-press.com\/shop\/\">ebooknews press<\/a> und <a href=\"http:\/\/frohmann.orbanism.com\/\">Frohmann<\/a> macht es auch. Ja, so viel von mir jetzt \u2013 Pong!<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Ich w\u00fcrde gerne direkt dazu etwas fragen. (Zu Gregor Weichbrodt:) W\u00e4hrenddessen kannst du noch ganz kurz \u00fcber deinen Verlegerstatus nachdenken! (Zu Ansgar Warner:) Du hast gerade gesagt, dass mittlerweile alles elektronisch vorliegt und das ist ein Prozess der \u2013 lange bevor es das Wort E-Book auch nur gab \u2013 aufgetaucht ist. Das hat mich ein bisschen \u00fcberrascht an diesem \u201cinternationalen E-Book-Code\u201d: Die Software, mit der B\u00fccher gemacht werden, ist schon seit Jahrzehnten genauso international.<\/p>\n<p>Nikola Richter: Das ist vielleicht eine Frage an die These dieses Abends! Die Grundthese meines Verlags ist ungef\u00e4hr: Ausgedrucktes Internet. Weil es noch weitergeht: Viele Texte, die bei mikrotext erscheinen, wurden zuerst im Netz geschrieben. Was ich mit E-Book-Code meinte \u2013 denn ich bin f\u00fcr diesen Satz verantwortlich \u2013 war: Die Herstellungswege waren schon elektronisch, aber die Art und Weise, dass ein Code, der drumherum gestrickt wird, der weltweit auslesbar ist und auch durch das Netz verteilbar ist als Datei; dass Text sozusagen als standardisierte Datei \u2013 sei es auch auf einem Blog mit HTML und CSS \u2013 eingepackt und verteilt wird, ist doch neuer als diese jahrzehntealte oder -lange Buchherstellung. Nein?!<\/p>\n<p>Kathrin Passig: So wie die Datei aussieht, wenn du sie jetzt mit InDesign oder mit QuarkXPress \u2013 oder womit man klassische Papierb\u00fccher setzt \u2013 machst, gibt es keinen grunds\u00e4tzlichen Unterschied zu dem, was man bei einem E-Book in der Hand hat \u2013 oder eben nicht in der Hand hat.<\/p>\n<p>Nikola Richter: Ok, dann k\u00f6nnen wir also sagen: Das E-Book gibt es eigentlich gar nicht \u2013 alles ist E-Book! W\u00e4re das eine These, die weltweit greift?<\/p>\n<p>Gregor Weichbrodt: Mario Sixtus hat <a href=\"https:\/\/www.buchreport.de\/2014\/11\/11\/mario-sixtus-das-phantom-namens-ebook\/\">einen Artikel<\/a> im Buchreport geschrieben. Er sagt, dass das E-Book vielleicht nichts anderes ist als ein Metaphernger\u00fcst f\u00fcr eine digital vermarktbare Datei. Aber ich wei\u00df nicht, ob wir jetzt thematisch so schnell so tief gehen wollen. Ich kenne mich ja selber auch nicht so wirklich aus! Ich wollte noch etwas zum Thema Verlegen sagen: Ich habe eigentlich keine Erfahrung mit dem Verlegen und bei Frohmann \u2013 ich habe zwei Titel bei Frohmann (<i>I Don\u2019t Know<\/i> und <i>Code und Konzept<\/i>) \u2013 ist es auch nur so schnell m\u00f6glich, weil sie total schnell reagieren kann. Ich habe also eine Idee, erz\u00e4hle es ihr, und das wird innerhalb von einer Woche umgesetzt \u2013 das funktioniert super! Das w\u00fcrde mit traditionelleren Verlagen \u00fcberhaupt nicht funktionieren. Ich habe schon aufgegeben, denen zu schreiben. Die antworten nicht innerhalb von ein paar Tagen, deswegen schreibe ich denen nicht mehr. Um das Projekt zu erkl\u00e4ren, wo ich herkomme bzw. was ich mit dem Hannes Bajohr zusammen mache: Das ist eine Webseite, die hei\u00dft <a href=\"http:\/\/0x0a.li\/de\/\">0x0a<\/a>, das ist ein Blog und vielleicht so eine Art Schaukasten f\u00fcr Texte, die wir dort online stellen und dort zeigen. Die haben vielleicht alle gemeinsam, dass es bei ihnen nicht darum geht, neue originelle Texte zu schreiben, sondern mit vorhandenem Material zu arbeiten. Ich glaube, das will sowieso keiner lesen und das will auch keiner kaufen. Also von daher: Wir ver\u00f6ffentlichen eher, wir verlegen nicht!<\/p>\n<p>Ansgar Warner: Aber ich finde, Kathrin Passig hat auf jeden Fall recht. Wir haben eigentlich ein falsches Konzept von dieser E-Book-Revolution. Die Gutenberg-Revolution war im Kern tats\u00e4chlich die Revolution. Vorher konnte man mit der Druckerpresse lecker Traubensaft herstellen, aber die eigentliche Wirkung war, dass man damit B\u00fccher gedruckt hat. Beim E-Book ist es anders: Da steckt die Digitalisierung dahinter. Die hat aber die gedruckten B\u00fccher vorher erfasst in Form von digitalen Druckverlagen. Irgendwann gab es E-Books \u2013 zu Anfang als pdf und dann in immer weiteren Formen, mittlerweile im HTML- oder XML-Standard. Aber die eigentliche Revolution, die dahinter steht, ist nicht das E-Book. Das E-Book ist zwar eine Revolution in der Buchbranche, aber es ist keine Medienrevolution, sondern eher der Kollateralschaden einer viel gr\u00f6\u00dferen, weiteren Entwicklung. Im Grunde surfen auch die E-Book-Verlage auf dieser Schockwelle, aber sie haben sie nat\u00fcrlich nicht selber verursacht, und sie schockiert immer nur ihr eigenes Umfeld.<br \/>\nEs passieren v\u00f6llig andere Sachen drumherum. Eine Zeit lang habe ich versucht, auf den Buchmessen nach den E-Book-Trends zu suchen, bis mir dann auffiel: Das ist Quatsch. Weil die Trends dort gar nicht entstehen. Man muss zur Gamescom gehen oder zu irgendeiner Computermesse und schauen, was da passiert. Das schwappt dann irgendwann in unseren Bereich her\u00fcber und dann wird es angewendet.<br \/>\nDas w\u00e4re doch die Frage: Wie revolution\u00e4r ist der E-Book-Code eigentlich selbst? Oder ist er einfach zu begrenzt?<\/p>\n<p>Nikola Richter: Das werde ich heute nicht beantworten. Der E-Book-Code erm\u00f6glicht zumindest \u2013 so hat es Gregor gerade schon angesprochen \u2013 diese Geschwindigkeit bzw. die Denke mit dem E-Book-Code. Denn es entstehen auch gedruckte B\u00fccher bei Frohmann, genauso wie in meinem Verlag mikrotext auch. Die einzelne Datei kann in alle m\u00f6glichen Ausgabeformate gesteckt werden, dieses sogenannte Single Source Publishing, wo man sagt: Ok, ich habe erstmal den Text, der kommt ja sowieso schon mal digital zu mir. Die gro\u00dfe Aufgabe eines Verlags besteht und bestand wohl auch immer darin, diesen zu setzen. Jetzt muss man den heute im Code mit Befehlen verkn\u00fcpfen, so dass das sch\u00f6n aussieht und nicht so ein Salat auf dem Bildschirm ist. Wie revolution\u00e4r das ist \u2013 das hast du schon gesagt, diese E-Book-Welle gef\u00e4llt mir ganz gut \u2013 oder wie schockierend das sein kann, merkt man, wenn man \u00fcber so eine Veranstaltung wie heute dar\u00fcber schreiben w\u00fcrde \u201cWarum das E-Book besser ist als das Buch\u201d. Dann w\u00fcrden hier wahrscheinlich sehr viele Leute sitzen. Dann setze ich hier noch jemanden hin, der sagt: &#8220;Ok, die Haptik und die Haptik!&#8221; Und: &#8220;Ich muss das riechen!&#8221; Dann hat man eine wahnsinnige Anne Will-Diskussion und denkt sich: Naja, wir sind jetzt aber keinen Schritt weiter. Wir tasten uns heute \u2013 das war auch die Idee \u2013 ein bisschen an diese Zustandsbeschreibung heran. Wir k\u00f6nnen auch sagen: Es ist alles gar nicht so revolution\u00e4r, wie wir das immer verkaufen m\u00fcssen. Christiane Frohmann oder der CulturBooks Verlag oder auch ich mit den mikrotext-Titeln, wir sagen immer: Wir sind ganz klassisch eigentlich Verleger und Verlegerinnen in dem Sinne, dass wir Texte zug\u00e4nglich machen wollen \u2013 und zwar schneller; oder eben in verschiedenen Sprachen; oder eben weltweit, was halt mit einem gedruckten Buch auch erstmal nicht so ist. Und die Denke ist eine andere: Wenn man schon einmal einen Blog hatte oder verschiedene andere Kan\u00e4le bedient, die ja auch eine Art Publishing-Kan\u00e4le sind, wo man einen Rahmen oder eine Rahmung schafft, in der bestimmte Texte erscheinen k\u00f6nnen, verlegt man meiner Meinung nach schon. (Zu Kathrin Passig:) Deshalb sitzt du auch hier: Weil das Techniktagebuch eine Art kollektive Schreibseite und Archiv f\u00fcr Technologieentwicklungen und -unm\u00f6glichkeiten ist, weil allein durch dieses Blog eine Ver\u00f6ffentlichungs<i>m\u00f6glichkeit<\/i> geschaffen wird.<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Das ist eine interessante Interpretation \u2013 so habe ich das noch nicht gesehen. Aber das ist nat\u00fcrlich eine Art Verlegen aus Versehen. Das hat sich so ergeben, sowohl das Konzept als auch die Tatsache, dass da so viele Leute mitschreiben. Das hat damit zu tun, dass das Techniktagebuch mehr oder weniger per Zufall zu einem Untertitel gelangt ist, der offenbar sehr verlockend auf viele Leute wirkt, n\u00e4mlich: \u201cJa, jetzt ist das langweilig, aber in 20 Jahren!\u201d<br \/>\nIch habe das Gef\u00fchl, das hat so eine lockernde Wirkung: Wenn Leute das Gef\u00fchl haben, sie k\u00f6nnen jetzt nicht etwas ver\u00f6ffentlichen, weil das nicht so unterhaltsam ist, dann ist dieser Untertitel das, was ihnen sagt: Doch, kannst du doch! Weil du gerade gesagt hast Technikwahnsinn: Also es geht ja nicht nur um das schlecht Funktionierende. Das hat verschiedene Aspekte: Das ist einer davon; einer ist ein bisschen Techniknostalgie (Modem-Ger\u00e4usche von an\u00adno da\u00adzumal), aber einer, der mir eigentlich am wichtigsten ist, ist einfach die Dokumentation der Gegenwart: Wie geht man mit der Technik, die einen gerade im Alltag begleitet, um? Wie denkt man \u00fcber die? Wie redet man \u00fcber die? Weil das Dinge sind, die sonst einfach verloren gehen oder nur noch ganz schwer aus irgendwelchen zuf\u00e4llig erhaltenen Chat-Logfiles herauskratzbar sind. Es war so: Ich wollte gerne einmal E-Books machen, weil ich zu dem Zeitpunkt schon regelm\u00e4\u00dfig auf Podien gesessen habe zum Thema E-Book, Zukunft des Buchs und so weiter \u2013 ich hatte aber noch nie eines gemacht und das wurde immer peinlicher! Ich wollte die Gelegenheit nutzen, das jetzt auch mal auszuprobieren. Andr\u00e9 Spiegel, einer der Mitautoren, hat dann, als diese Buchidee auftauchte, ein bisschen provozierend gefragt: \u201cWarum genau muss aus dem Blog jetzt ein Buch werden?\u201d Das Blog hat einfach ganz viele Vorteile, die das Buch dann nicht mehr hat: Man kann es nach Autoren sortieren, man kann es nach der Zeit sortieren, man kann es nach Themen sortieren. Das alles geht mit dem Buch gar nicht mehr, es ist eigentlich eine schlechtere Fassung, die wir danach haben. Und das stimmt nat\u00fcrlich. Insofern habe ich mich einfach nur um des Experiments willen durchgesetzt. Mir ist dann aber etwas anderes klar geworden: Ich arbeite gerade an einem anderen Buch, das auf Papier erscheinen soll in einem traditionellen Verlag \u2013 \u00fcber die Probleme von Online-Communities; die Probleme mit der Innenpolitik von Online-Communities und warum die oft zerfallen, obwohl eigentlich alle Beteiligten an ihrem Weiterbestehen interessiert w\u00e4ren, aber trotzdem zerstreitet man sich; und das Ganze geht zu Bruch. Eine der Erkenntnisse, die da hinein sollen in das noch nicht geschriebene Buch, ist eben, dass man sich mit hoher Wahrscheinlichkeit zerstreiten wird, und dass man Vorkehrungen daf\u00fcr treffen muss, dass wenigstens die Inhalte, die man da gemeinsam geschaffen hat, erhalten bleiben. F\u00fcr mich ist das E-Book eine Art verteiltes Backup \u2013 nicht Backup f\u00fcr uns, sondern einfach nur f\u00fcr die Zukunft. Weil ich glaube, dass das wichtig ist \u2013 gerade diese komische \u00dcbergangszeit, wo noch Leute leben, die noch ohne Internet aufgewachsen sind und f\u00fcr die alles in diesen paar Jahrzehnten gerade neu ist \u2013, dass das dokumentiert werden muss und dass das auch nicht verloren gehen soll. Je mehr Leute sich das E-Book herunterladen \u2013 die Kurzfassung, das Best-of, kostet Geld, aber die Komplettfassung ist gratis \u2013 wird auf irgendeiner der Festplatten der anderen Leute schon eine Fassung davon \u00fcberleben. Auch wenn wir uns zerstreiten, die Lust verlieren oder Tumblr pleite geht und irgendwann nichts mehr von der Blogversion \u00fcbrig ist.<\/p>\n<p>Nikola Richter: Dazu habe ich gerade eine Frage, denn das, was du gerade beschreibst, ist die Archivierungsfunktion, wenn man eine endg\u00fcltige Textfassung erstellt \u2013 egal, ob sie eine digitale Fassung, also eine Datei, ist oder als Papierfassung vorliegt. Die digitale Datei kann sich vervielf\u00e4ltigen und dadurch ist auch sie gesichert. Das w\u00e4re jetzt eine Frage an alle: Ist der E-Book-Code \u2013 in dem Fall bleiben wir jetzt mal ein bisschen dabei \u2013 nicht auch eine Art Archiv? Ich verstehe meine Arbeit mit meinem Verlag zum Beispiel so: Dadurch, dass ich viele Texte nehme, die auf Facebook geschrieben werden und die ich dann sozusagen in eine endg\u00fcltige Textfassung bringe, sind sie dann archiviert, denn Facebook kann man zwar mitlesen, aber man kann es zwei Jahre sp\u00e4ter nicht mehr so lesen. So hat man eine Referenz-Textfassung, \u00fcber die man sich unterhalten kann, \u00fcber die man reden kann, schreiben kann und die man wieder lesen kann \u2013 man kann zweimal in den gleichen Fluss steigen. Das w\u00e4re die Frage \u2013 diese Archivierungsfunktion: Ist die f\u00fcr eure Projekte und f\u00fcr eure Arbeit mit digitaler Textvermittlung auch wichtig?<\/p>\n<p>Ansgar Warner: Ja, im Grunde genommen schon. Weil die Urangst jedes Bloggers ist, dass pl\u00f6tzlich alles weg ist und man leider vergessen hat \u2013 oder das Backup auch nicht funktioniert. Da ist diese Methode, aus dem Blog ein Buch zu machen, immer ein super Argument, allein aus Gr\u00fcnden des Ewigkeitswertes \u2013 oder was hei\u00dft Ewigkeit: Dass zumindest nach zehn oder 20 Jahren \u2013 so lange es noch brauchbar ist, noch da ist \u2013 vielleicht irgendwelche Historiker das noch auf einer alten Festplatte (halten die Dinger \u00fcberhaupt so lange?!) in 100 Jahren auf einem dokumentenechten Ausdruck noch finden \u2013 was wei\u00df ich. Aber das ist auch wirklich nur die eine Seite. Wenn wir jetzt nach dem revolution\u00e4ren Potenzial des E-Book-Codes fragen, w\u00e4re diese Archivnummer nicht so revolution\u00e4r, weil die bisherigen Archive doch besser funktionieren, weil die einfach dauerhafter sind: wenn man etwas ausdruckt \u2013 oder auf Pergament \u2013 und dann in einem Bergwerksstollen vergr\u00e4bt. Ich sch\u00e4tze mal, das ist l\u00e4nger haltbar als eine CD-ROM.<\/p>\n<p>Kathrin Passig: An der Stelle m\u00f6chte ich gleich widersprechen: Das ist ein Thema, das tats\u00e4chlich bei diesen Diskussionen praktisch immer zur Sprache kommt. Ich sage dann leider immer genau dasselbe, wie mit so einem Aufziehschl\u00fcssel im R\u00fccken. Ich sage es auch dieses Mal wieder: Das ist eine ganz alte Diskussion, die gab es schon, als das Pergament dem Hadernpapier gewichen ist. Die gab es wieder, als das Hadernpapier dem Holzpapier gewichen ist. Wahrscheinlich gab es sie auch, als die Steintafeln dem Pergament gewichen sind. Das ist immer ein Tauschgesch\u00e4ft zwischen leichter Verbreitbarkeit und guter Haltbarkeit. Es ist immer so gewesen, dass die geringere Haltbarkeit des neuen Materials dadurch ausgeglichen wurde, dass es mehr Kopien gab und dadurch auch mehr Kopien geben konnte, weil es einfacher und billiger war. So ist das beim Digitalen auch wieder. Das einzige Problem ist, wenn man auf das Schlechteste aus zwei Welten setzt und die Daten nur digital hat und sie dann noch mit Kopierschutz versieht, so dass es ganz wenige Kopien davon gibt und auch nur geben kann \u2013 dann hat man tats\u00e4chlich ein Problem! Aber wenn man <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/digital\/internet\/2013-06\/passig-kopieren-digitales-erinnern\/komplettansicht\">die mangelnde Haltbarkeit durch gr\u00f6\u00dfere St\u00fcckzahl wettmacht<\/a>, dann ist alles so wie immer \u2013 und in der Diskussion ist nichts Revolution\u00e4res passiert.<\/p>\n<p>Gregor Weichbrodt: Das ist nicht mein Thema \u2013 zumindest brauche ich noch eine Zusatzfrage. Unsere Texte sind sehr verg\u00e4nglich. Es geht nicht darum, etwas zu archivieren. Obwohl, doch! Ich habe einen Freund, der nimmt diese Print-on-Demand-Services in Anspruch, um sich digitale Bedienungsanleitungs-PDFs auszudrucken, um sich die in den Schrank stellen zu k\u00f6nnen. Ja!<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Warum? Hat er dir das erkl\u00e4rt?<\/p>\n<p>Gregor Weichbrodt: Weil er so gerne B\u00fccher in seinem Schrank zu stehen hat \u2013 denke ich.<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Ich frage einfach Gregor etwas, damit er mehr \u00fcber 0x0a erkl\u00e4ren kann, weil ich glaube, das ist so ein bisschen erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig. Ich habe auch eine Weile gebraucht, bis ich verstanden habe, was ihr da macht. Also: Das ist ein Kunstprojekt \u2013 sag doch mal im Groben, seit wann es das gibt und warum.<\/p>\n<p>Gregor Weichbrodt: Das gibt es seit Herbst 2014 und zustande gekommen ist es dadurch, dass ich Hannes Bajohr kennengelernt habe, der in der Literaturwissenschaft promoviert. Wir sind uns begegnet, weil er \u00e4hnliche Arbeiten macht und thematisch dar\u00fcber viel wei\u00df. Die l\u00e4ngere Version der Geschichte: Mein Interesse an B\u00fcchern wurde geweckt, als ich im Studium war \u2013 ich habe Kommunikationsdesign studiert. Eine Aufgabe im Fach Typografie und Layout war, ein Buch zu gestalten, bei dem wir uns den Inhalt selber ausdenken konnten. Wir hatten aber nat\u00fcrlich keine Zeit, innerhalb von einem Semester den Inhalt selber zu schreiben. Also haben wir uns \u00fcberlegt: Woher nehmen wir Inhalt? Und das war eine spannende Aufgabenstellung, weil es nicht um den Inhalt des Buches ging, sondern darum, das Drumherum zu gestalten: Wie sieht so ein Buch aus? Wie sieht der Umschlag aus? Welche Schriftarten nimmt man? Welche Schriftarten vermischt man? Wie sieht das Inhaltsverzeichnis aus? Braucht ein Buch \u00fcberhaupt einen Inhalt? M\u00fcssen wir \u00fcberhaupt ein Buch mit Inhalt machen? Dann haben wir die Idee gehabt, eine Fernsehsendung abzutippen \u2013 aber das ist eine andere Geschichte!<br \/>\nIch habe sp\u00e4ter <i>Uncreative Writing<\/i> von Kenneth Goldsmith gelesen, und das fand ich auch sehr spannend, weil er versucht, diesen Textprojekten oder Textwerken, die in den letzten zehn bis f\u00fcnfzehn Jahren im Internet entstehen, die sich an bereits vorhandenen Materialien bedienen und diese in neue Kontexte stellen, theoretischen Background zu verleihen. Das ist n\u00e4mlich gar nicht so neu: Es gibt ganz klare Bez\u00fcge zu der Konzeptkunst und zu den Avantgardisten. Wenn ich jetzt Beispiele nenne, wei\u00df ich nicht, ob das jemandem was sagt: <a href=\"http:\/\/www.googlepoetics.com\/\">Google Autocomplete Poetry<\/a> oder <a href=\"http:\/\/pentametron.com\/\">Pentametron<\/a>, Twitterbots z\u00e4hlen da auch rein. Es ist ein riesiges Gebiet, das Buch liest sich wie ein Pamphlet: Sehr k\u00e4mpferisch, aber ganz spannend. Ich war im Kino und habe die filmische Adaption von <i>On the Road<br \/>\n<\/i> von Jack Kerouac gesehen. Ich fand den Film unglaublich langweilig, bin nach Hause gekommen und habe mich gefragt, was ich aus den letzten zweieinhalb Stunden machen soll. Ich habe mich gefragt, ob jemand diese Orte aufgezeichnet hat, die Jack Kerouac in seinem Selbstfindungstrip gelaufen ist. Das haben nat\u00fcrlich viele Leute gemacht: Es gibt viele Google Maps Karten, wo die Punkte sind, an denen Jack Kerouac war. Aber niemand hat diese Punkte durch den Routenplaner gejagt \u2013 das habe ich gemacht und hatte dann eine <a href=\"http:\/\/ggor.de\/project\/on-the-road\/\">Routenbeschreibung von 56 Seiten<\/a>. Ich habe das wieder in ein Buch gepackt, in die vier Kapitel des Originalbuchs unterteilt und habe das Buch <i>On the Road<\/i> genannt. Das habe ich Kenneth Goldsmith geschickt, der hat mir gleich geantwortet und meinte: \u201cThis is brilliant!\u201d<br \/>\nDer hat das auf eine Ausstellung gestellt, dadurch wurde es auch recht bekannt \u2013 nat\u00fcrlich nicht in Deutschland, nur im englischsprachigen Raum. Dadurch habe ich Hannes kennengelernt \u2013 das war der Ausl\u00f6ser. Hannes hat das aufgeschnappt und hat das in einem Merkur-Text erw\u00e4hnt, weil er einer der wenigen Leute ist, die sich im Deutschen mit dem Thema Digitale Lyrik auseinandersetzen. Das fand ich spannend, weil ich das vorher noch nie gesehen hatte. So haben wir uns kennengelernt und so ist 0x0a entstanden. Und wir haben uns gedacht: Wir besetzen jetzt einfach dieses Thema im deutschsprachigen Raum: Konzeptuelle, digitale Lyrik und unkreatives Schreiben.<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Aber ihr macht ja auch Papierb\u00fccher \u2013 warum?<\/p>\n<p>Gregor Weichbrodt: Warum nicht?! Klar, man k\u00f6nnte nat\u00fcrlich jetzt konsequent sein und sagen: Warum eigentlich \u00fcberhaupt noch B\u00fccher?<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Ich kann schon sagen, warum nicht: Weil es doch ums Konzept geht, um die Idee! Du hast dem Publikum praktisch schon den Gesamtumfang der Idee mitgeteilt. Das ist eigentlich die interessante Leistung. Wirklich ein Buch in der Hand zu halten, in dem man die Routenbeschreibung von <i>On the Road<\/i> in vier Kapitel unterteilt lesen kann \u2013 da w\u00fcrde man sich die ersten zwei Seiten angucken und dann w\u00fcrde man es wieder ins Regal stellen. Insofern ist das schon die Frage: Warum ein physisches Buch, wenn es doch eigentlich um den Reiz der Idee geht?<\/p>\n<p>Gregor Weichbrodt: Es hat ganz praktische Gr\u00fcnde, dass man n\u00e4mlich seinen Freunden etwas in die Hand geben kann und etwas verschenken kann. Ich habe das nicht so reflektiert. Ich habe das schon immer gemacht: Einen Text gemacht, den dann nach Lulu hochgeladen und Lulu-Buch nach Lulu-Buch nach Lulu-Buch produziert \u2013 und es hat Spa\u00df gemacht!<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Das musst du kurz erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Gregor Weichbrodt: Lulu ist ein Print-on-Demand-Service. Es ist eigentlich sehr bekannt und sehr einfach, damit B\u00fccher erstellen zu lassen: Man geht auf diese Seite, registriert sich, l\u00e4dt eine PDF f\u00fcr den Buchumschlag hoch und eine PDF f\u00fcr den Innenteil des Buches \u2013 das Ganze muss nat\u00fcrlich von den Ma\u00dfen her genau so sitzen, dass Lulu es annimmt. Aber wenn man es einmal hochgeladen hat, kann man es auch sofort bestellen und es wird dann produziert. Es kommt dann nat\u00fcrlich nicht innerhalb der n\u00e4chsten drei Tage an, sondern es dauert bis zu einer Woche, aber man bezahlt selber nur die Produktionskosten, was bei einem normalen Paperback von zweihundert Seiten 3,50\u20ac sind \u2013 das ist keine Premium-Qualit\u00e4t, aber es sieht aus wie ein Buch und das kann man sich ins Regal stellen.<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Weil du gerade sagst: Das geht so sch\u00f6n schnell! Das war auch etwas, was f\u00fcr mich eigentlich die angenehmste und tollste Erfahrung an diesem Techniktagebuch-E-Book war. Wir haben das dann unter anderem \u00fcber Amazon gemacht. Ich kannte das bis dahin nur von traditionellen Verlagen, wo viele Monate verstreichen, in denen komplizierte und undurchschaubare Dinge mit Bleistift auf Papier gemacht werden m\u00fcssen, bis dann das Buch fertig ist. Ich war sehr begeistert davon, dass es ungef\u00e4hr eine Viertelstunde dauert, wenn man das bei <a href=\"https:\/\/kdp.amazon.com\/\">Kindle Direct Publishing<\/a> macht. Das funktioniert genauso, wie du das gerade beschrieben hast, deshalb ist es mir eingefallen: Ein PDF f\u00fcr den Inhalt, eine Grafikdatei f\u00fcr das Buchcover und dann ist das Buch fertig \u2013 sofort! Ohne sechs Monate Wartezeit und komplizierte Mails, weil die Vertreterkonferenz wieder mit irgendetwas nicht einverstanden war. Das war eine echt sehr erfreuliche Erfahrung! Nur falls Leute von traditionellen Verlagen das Ergebnis dieser Diskussion lesen, muss man auch dazusagen: Verdient haben wir damit insgesamt bisher so etwas wie 250 \u20ac. Das ist bei einem richtigen Printverlag in der Regel anders, selbst wenn er ganz wenig Vorschuss zahlt \u2013 mehr als 250 \u20ac zahlt er schon.<\/p>\n<p>Viktor N\u00fcbel: Wenn man euch jetzt zuh\u00f6rt: Es geht eigentlich um E-Books und irgendwann am Ende steht vielleicht doch wieder ein gedrucktes Buch. Dann ist mir gerade eingefallen \u2013 als provokante These: Vielleicht ist das E-Book so eine Art Nischen-, Zwischenstadium von einem Buch. Das f\u00fcllt bestimmte L\u00fccken aus \u2013 es gibt heutzutage viel mehr an Informationen und an Ver\u00f6ffentlichungen \u2013 und man kann mit dem E-Book genau das machen \u2013 viel schneller machen. Wenn es aber zu einem Produkt, zu einem Werk gereift ist oder ein gewisses Publikum erreichen soll, dann landet man wieder beim Buch. Ist eine provokante These, die ich jetzt mal so in den Raum stelle &#8230;<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Ich kann dazu gleich etwas sagen, weil das Techniktagebuch kein Papierbuch werden wird. Ich werde ab und zu von Verlegern gefragt, die das reizvoll finden und dann sagen: Habt ihr da schon mal dr\u00fcber nachgedacht, ein Printbuch zu machen? Und dann sage ich: K\u00f6nnt ihr sofort haben, sind 5.000 Seiten \u2013 gerne, jederzeit! Das ist ungef\u00e4hr der Umfang von <i>Game of Thrones<\/i> auf Papier. Inzwischen ist es noch ein bisschen l\u00e4nger geworden, das ist der Stand der letzten PDF-Fassung.<\/p>\n<p>Gregor Weichbrodt: Die Frage ist, ob das Buch nicht das bessere Medium ist, um Leuten Inhalt entgegen zu bringen oder vorzustellen?!<\/p>\n<p>Viktor N\u00fcbel: Naja, es wird anders wertgesch\u00e4tzt. Das ist mein Eindruck.<\/p>\n<p>Nikola Richter: Ja, eine gro\u00dfe Sache ist die Arbeit, die man hineinsteckt, und die Entlohnung, die man daf\u00fcr bekommt. Kathrin, du hast es gerade erw\u00e4hnt: Das E-Book verkauft sich nicht so, wie es auf dem Printmarkt funktionieren w\u00fcrde: Auf dem w\u00fcrde mehr Umsatz gemacht werden. F\u00fcr mich ist es so: Ich kann als Verlag diese Titel schnell herausbringen und f\u00fcr mich ist es wichtig, dass ich auf bestimmte Themen setze. Es ist weniger konzeptuell \u2013 eigentlich kaum oder gar nicht. Es ist etwas ganz anderes als 0x0a macht, aber was ich f\u00fcr meinen Verlag interessant finde, ist, dass es Texte zu sehr aktuellen Themen sind und die viel Aufmerksamkeit durch das Thema bekommen. Es sind disruptive Texte, wenn man so will.<br \/>\nJetzt ver\u00f6ffentliche ich zum Beispiel etwas zum <a href=\"http:\/\/www.mikrotext.de\/books\/nadine-wojcik-wo-der-teufel-wohnt-exorzisten-und-besessene-in-polen\/\">Exorzismus in Polen<\/a>. Ich habe das auf der Buchmesse Leuten aus klassischen Verlagen erz\u00e4hlt, die haben sich teilweise kaputtgelacht. Ich habe immer gesagt: Das ist kein Witz! Es gibt in Polen mittlerweile ungef\u00e4hr 130 Exorzisten. Hier in Deutschland ist Exorzismus verboten. Wenn wir uns politische Nachrichten angucken, reden wir eigentlich die ganze Zeit \u00fcber Radikalisierung. Eine junge Journalistin ist mehrere Monate lang immer wieder nach Polen gefahren, hat sich in dieser Szene umgeh\u00f6rt und hat dar\u00fcber eine Reportage geschrieben. Dieser Text musste \u00fcberhaupt nicht gedruckt erscheinen, weil der diffundiert: Sie hat ein Feature im Radio dazu gemacht, \u2013 der Text, der Content, geht in alle Richtungen! Sie hat das E-Book gemacht, jetzt kommen wahrscheinlich Fernsehbeitr\u00e4ge und so weiter. Das hei\u00dft: Mein Interesse beim digitalen Verlegen ist ganz oft, dass ich mit dem E-Book einen Punkt setzen kann \u2013 eine Sichtbarkeit erzeugen kann \u2013 die ich mit einem gedruckten Buch als <i>eine<\/i> Frau, als eine Ministruktur, gar nicht erreichen k\u00f6nnte. Und alles, was danach kommt, finde ich interessant. F\u00fcr mich ist das f\u00fcr Themen interessant, die disruptiv in Diskurse eingreifen k\u00f6nnen: Da ist die Schnelligkeit wichtig; da ist das schnelle Ausliefern wichtig; da ist diese weltweite Verf\u00fcgbarkeit wichtig; auch, dass ich diese Datei einfach ohne gro\u00dfe Kosten an Journalisten oder an Interessierte schicken kann. Das geht per Mausklick, da muss ich nicht erst einen Brief schreiben, den ausdrucken, in den Umschlag tun, das Porto ausrechnen und so weiter. Das mache ich teilweise auch bei den gedruckten Titeln, aber das ist einfach sehr, sehr m\u00fchsam und sehr kostenintensiv.<br \/>\nSo wie ich deine Frage verstanden habe, ging es ja auch schon um das Produkt Buch. Damit kann man im Endeffekt dann mehr verdienen, aber die Investitionsleistung ist erstmal viel h\u00f6her.<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Ich w\u00fcrde auch gerne noch etwas zu der Produktfrage sagen. Ich glaube schon, dass das so stimmt, aber das ist halt nicht ganz unproblematisch: Weil viele Gr\u00fcnde, ein Buch zu kaufen oder zu besitzen, nichts mit dem Inhalt des Buches zu tun haben. Da geht es darum, dass man ein Buch verschenken will, dass man irgendeinen Gegenstand verschenken will, dass man mit diesem Geschenk verschiedene Dinge ausdr\u00fccken m\u00f6chte, dass man \u2013 wie du es von deinem Freund beschrieben hast \u2013 gerne etwas im Regal stehen haben m\u00f6chte. Jetzt kann man sagen, das ist unter wirtschaftlichen Aspekten ganz hervorragend, dass Leute das alles wollen, aber das deckt sich nicht unter allen Umst\u00e4nden mit dem Interesse, das die Autoren haben, was mit den Texten passieren soll.<\/p>\n<p>Kathrin Passig zu Gregor Weichbrodt: Ich frage dich noch etwas zu den 0x0a-B\u00fcchern: Wenn es die M\u00f6glichkeit g\u00e4be, das in sch\u00f6ner und bibliophiler zu machen, w\u00fcrdest du davon Gebrauch machen?<\/p>\n<p>Gregor Weichbrodt: Wenn es die M\u00f6glichkeit g\u00e4be, die B\u00fccher noch handwerklich h\u00fcbscher zu gestalten!? Es funktioniert mittlerweile. Die Print-on-Demand-Services bieten recht viel: Man kann Hardcover drucken, es gibt auch Print-on-Demand-Services, die unterschiedliche Bindungsarten anbieten. Aber mir ist das gar nicht so wichtig, so ein handwerklich h\u00fcbsches Buch zu machen, sondern eher ein Artefakt zu kreieren oder ein Abbild von einem Buch \u2013 nur um zu sehen, dass dort ein Buch ist. Ich lese es ja auch nicht.<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Wie ist denn dein Verh\u00e4ltnis zum Papierbuch? Spielt das in deinem Alltag eine Rolle?<\/p>\n<p>Gregor Weichbrodt: Ja, nat\u00fcrlich \u2026 aber eigentlich: Nein! Ich habe mir neulich ein Buch gekauft \u2013 wenn ich jetzt Buch sage, dann rede ich von einem physischen Buch. Dann merke ich wieder, dass es eigentlich umst\u00e4ndlich ist: Man muss sich Gedanken dar\u00fcber machen, wo man es hintun soll, wenn man auf Reisen ist, weil es irgendwie etwas wiegt und weil es eigentlich nur ziemlich l\u00e4stig ist. Wenn es mir darum geht, etwas zu verstehen und den Inhalt zu begreifen, dann lese ich doch lieber auf meinem Smartphone oder auf einem E-Book-Reader. So ist das Verh\u00e4ltnis!.<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Das ist jetzt eine Erkenntnis aus zweieinhalb Jahren Techniktagebuch: dass es so etwas wie objektive Umst\u00e4ndlichkeit gar nicht gibt. Die Deutung dessen, was man als umst\u00e4ndlich bezeichnet, verschiebt sich. Und es leben ja auch zur selben Zeit wie du gen\u00fcgend Leute, die sagen w\u00fcrden: Dass ich so ein Smartphone immer aufladen muss, das ist umst\u00e4ndlich! Und beim Buch muss ich das nicht \u2013 und das ist einfacher. Ich glaube, dass das nachtr\u00e4gliche Rationalisierungen des Leseverhaltens sind und wenig mit den tats\u00e4chlichen Beweggr\u00fcnden zu tun haben.<\/p>\n<p>Ansgar Warner: Ja, ich kann gerne noch eine Frage von meiner Liste abarbeiten. Es gibt eine Insel im Atlantik auf halber Strecke zwischen Island und Spitzbergen, die hei\u00dft Jan Mayen. Da gibt es eine norwegische Forschungsstation, auf der haben die Forscher ein gro\u00dfes Schild aufgestellt \u2013 auf Norwegisch nat\u00fcrlich: \u201cWir arbeiten hier an der perfekten Kombination von Theorie und Praxis, und wir sind schon im Endzustand angelangt: Nichts funktioniert und keiner wei\u00df warum!\u201d Das fand ich ganz interessant, weil ich immer das Gef\u00fchl habe, dass wir beim E-Book-Code so ein bisschen zum anderen Extrem kommen: Alles funktioniert super und jeder wei\u00df auch warum! Da fehlt mir, dass Dinge nicht funktionieren; dass man nicht mehr wei\u00df, wo es hingeht. Da frage ich mal Kathrin, weil du dich mit Codes auskennst: Ist das alles zu gut kontrollierbar? Fehlt da das Problem, dass mal eine ganze Menge nicht funktioniert und man nicht wei\u00df warum? Wissen wir zu viel \u00fcber das, was funktioniert und zu wenig \u00fcber das, was nicht funktioniert beim E-Book-Code?<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Also den Eindruck hatte ich nicht. Aber es kann sehr gut sein, da es ja das erste Mal f\u00fcr mich war, dass einfach nur ich zu wenig dar\u00fcber wusste. Irgendjemand hat mal \u2013 und dieses Zitat ist schon diverse Jahre alt \u2013 gesagt: \u201cPublishing ist kein Beruf mehr, Publishing ist ein Knopf!\u201d<br \/>\nSo ist es ja oft bei Dingen, die man ins Netz schreibt. In dem Fall war es aber so, dass ich mehrere Wochen lang ganz sch\u00f6n viele Kn\u00f6pfe dr\u00fccken musste, bis aus dem Blog eine andere digitale Darreichungsform desselben Textes wurde. Es gibt an\u00adge\u00adneh\u00admer\u00adwei\u00adse eine Reihe von Tools, die Leuten wie mir, die erstmal keine Ahnung davon haben, es \u00fcberhaupt erm\u00f6glichen, innerhalb von wenigen Wochen zu einem Ergebnis zu kommen. Zum Beispiel <a href=\"http:\/\/pandoc.org\/\">Pandoc<\/a> \u2013 so eine Art Schweizer Taschenmesser der Dateiformatumwandlung, mit der man aus fast allen Textformaten fast alle anderen Textformate erzeugen kann. (Sternchen\/Fu\u00dfnote: Au\u00dfer die, die man gerade vor sich hat oder die, die man gerade erzeugen m\u00f6chte \u2013 also auch da gibt es L\u00fccken, aber es ist schon ziemlich super.) Dann gibt es fertige Tools, mit denen man zum Beispiel aus EPUB wieder andere gebr\u00e4uchliche E-Book-Formate erzeugen kann. Das ist schon ganz gut! Um aus dem HTML des Blogs die PDF-Version zu machen, habe ich lange gerudert und schreckliche Dinge mit Perl-Skripten von Hand gemacht. Das ist ohne Weiteres ein Verfahren, das man nach Jan Mayen verfrachten und da einsortieren k\u00f6nnte. Aber wenn du die Frage in f\u00fcnf Jahren noch einmal stellst, muss man sich mehr Gedanken dr\u00fcber machen, glaube ich.<\/p>\n<p>Nikola Richter: Also, ich kann zu den Problemen dieses so einfach erscheinenden E-Book-Codes schon einiges sagen. Den Weg zur EPUB-Datei kann man auf vielen Stra\u00dfen laufen: Man kann das E-Book mit Code selbst schreiben oder man benutzt diese Umwandlungs-Tools. Ich selber benutze mit meinem Verlag ein Tool, das hei\u00dft Booktype, und wir haben ein Jahr gebraucht, um das hinzukriegen, dass das so aussieht, wie ich es haben will. Oft ist das, was man hat, nicht das, was dann rauskommt. Das ist das gro\u00dfe Problem, dass diese Datei in den Bildschirm rein muss und dass EPUB-Programm viel weiter ist als viele dieser Leseger\u00e4te oder viele dieser Shops. Wenn ich bei meinem Vertrieb eine Datei hochlade \u2013 ein E-Book \u2013 dann dauert das teilweise bis zu zehn Tagen, bis die \u00fcberall angekommen ist. Und das ist problematisch, weil ich nat\u00fcrlich nicht mehr dieses Instant-Publishing habe, von dem wir hier alle so schw\u00e4rmen, sondern in der Realit\u00e4t des E-Book-Publizierens ist die Datei nach zehn Tagen irgendwo \u2013 \u00fcberall, aber sie ist bei Amazon zuerst. Das ist der gro\u00dfe Vorteil von Amazon. Deshalb sind die auch Marktf\u00fchrer nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA. Die Tolino-Allianz hat das ja auch noch nicht geschafft \u2013 und grunds\u00e4tzlich ist das das, wogegen man k\u00e4mpft. Ich hatte das gerade wieder: Eine Datei wird hochgeladen, nur nicht bei iTunes. Dann finde ich heraus: Es gab scheinbar zu hohe Bildgr\u00f6\u00dfen \u2013 also musste ich Bilder rausnehmen. Da denkt man sich: Greift Apple jetzt schon in meine Bilder ein? Also muss ich reduzierte Dateien schaffen, damit die Smartphone-User ihren Speicher nicht so voll laden, weil iTunes nicht will, dass die so viele Dateien in solchen Gr\u00f6\u00dfen kaufen? Das fand ich schon relativ grenzwertig und solche Erfahrungen sind gar nicht so revolution\u00e4r, sondern man \u00fcberlegt sich: Brauche ich nicht meinen eigenen Shop, \u00fcber den ich alles ausliefere? Hatte ich schon! Habe ich wieder abgestellt, weil es diese gro\u00dfartige One-Stop-Shop-Richtlinie in Europa seit 1. Januar 2015 gibt. Die fordert, dass man als K\u00e4ufer von digitalen Programmen \u2013 ein E-Book ist kein Kulturgut, sondern ein digitales Programm und deshalb auch mit 19 Prozent Mehrwertsteuer ausgestattet, noch! \u2013 in dem Land Mehrwertsteuer zahlen soll, in dem man wohnt. Fr\u00fcher war es so, dass man die Mehrwertsteuer des Verk\u00e4ufers zahlte. Weil Amazon und andere Firmen sich eine goldene Nase verdient haben, wurde diese Richtlinie ver\u00e4ndert. Das bedeutet aber, dass man \u2013 wenn man einen kleinen Shop hat \u2013 auf einmal Mehrwertsteuern f\u00fcr Israel, Schweden oder Holland abrechnen muss und am Ende des Jahres dann diese kleinen Minibetr\u00e4ge auch noch dort an die Finanz\u00e4mter \u00fcbermitteln muss, so dass ich mir gesagt habe: Vielen Dank! Mein eigener Shop ist jetzt wieder geschlossen. Es macht mir einfach zu viel Arbeit. Da f\u00fchrt die Befreiung des Netzes zu einer absurden Finanzknebelung. Das sind die Probleme, \u00fcber die man ruhig sprechen kann, und da sind wir in Europ\u00e4ischer Gesetzgebung! Gerade wenn wir \u00fcber die Mehrwertsteuer sprechen, die eigentlich absurd ist: Die Mehrwertsteuer f\u00fcr E-Books \u2013 wenn wir jetzt beim E-Book bleiben \u2013 ist in jedem Land anders. Dass es noch immer nicht geschafft wurde, europaweit eine gleiche Mehrwertsteuer einzuf\u00fchren! Dann k\u00f6nnte ich meinen Shop n\u00e4mlich wieder haben. Das w\u00fcrde dann keinen gro\u00dfen Unterschied machen, dann k\u00f6nnte ich die Prozente aller Einnahmen in diese L\u00e4nder abf\u00fchren. Das w\u00e4re einfacher. Das sind dann aber alles Themen, die sind nicht sexy und auch nicht cool. Es hat nichts mit Haptik zu tun, mit sch\u00f6ner Gestaltung, einer sch\u00f6nen Fadenheftung und \u201cOh, ich fasse es aber gerne an!\u201d \u2013 nein, das ist Mehrwertsteuer und Shopsysteme, das ist uninteressant.<\/p>\n<p>(Zu Ansgar Warner:) Aber um dich ins Gespr\u00e4ch zu bringen: Du bist ja nun jemand, der dieses Thema schon seit Jahren verfolgt. Du hast gerade gesagt, um solche interessanten Entwicklungen festzustellen, schaust du nicht mehr auf die Buchmessen, sondern an andere Orte. Wenn du in die Zukunft schauen solltest \u2013 vielleicht auch nur ein Jahr: Was sind denn Sachen, die sich gerade entwickeln, die interessant sind? Gibt es da \u00fcberhaupt etwas, oder sind wir heute so ein bisschen in einer Totengr\u00e4berstimmung und sagen: Es ist nichts Revolution\u00e4res am E-Book! \u2013 was ich hier vorhin herausgeh\u00f6rt habe?<\/p>\n<p>Ansgar Warner: Naja, wir haben jetzt in vielen Beispielen B\u00fccher gehabt, die die E-Book-Version des Printbuches waren oder die Printbuchversion des E-Books. Ich glaube, revolution\u00e4r und interessant wird es da, wo wir ein Storytelling haben \u2013 um das ganz allgemein auszudr\u00fccken \u2013 was man nicht einfach in ein E-Book, in eine endg\u00fcltige Datei pressen kann oder auch nicht drucken kann.<br \/>\nIch habe den Eindruck, dass zum Beispiel die interaktive Fiction, der Hypertext-Roman so ein kleines Comeback erlebt. Auch dieses Text-Adventure, das man fr\u00fcher mal hatte, dass das wieder im Kommen ist \u2013 viele M\u00f6glichkeiten also, die im Grunde versteckt immer schon da waren. Es ist kein gro\u00dfes Problem, ein normales E-Book so umzubauen, dass man bestimmte Sprungmarken hat, wo man hin und her springt, wie fr\u00fcher in diesen Rollenspielb\u00fcchern, wo es das auch schon gab. Manche Sachen kann man jetzt schon umsetzen, manche Sachen gehen eben nur als Webprojekt oder als App. Zum Teil muss das kein multimedialer Overkill sein: Dieses Spielerische, dieses Experimentelle, was sich eben nicht in Buchform pressen l\u00e4sst, was gar nicht von der L\u00e4nge abh\u00e4ngen muss, sondern sich durch die tats\u00e4chliche Form dieses Spontanen bei der Lekt\u00fcre ergibt, die eben auch bei jeder Lekt\u00fcre anders ist, dieses Einmalige, was vielleicht bei Computerspielen das entscheidende Element ist \u2013 das w\u00e4re meine Prognose, dass wir da noch einiges sehen werden! Denn immer diese Idee des E-Books als digitale Version eines Printbuchs \u2013 da kann man nicht mehr viel machen! Da kann man an den Fonts feilen und den Satz noch sch\u00f6ner hinkriegen, dass es sich irgendwann gar nicht mehr unterscheidet, aber damit hat man nur ein Simulacrum geschaffen \u2013 aber nichts wirklich Neues! Ich glaube auch, dass diese Technologie es erm\u00f6glicht, Strukturen aufzubrechen, die vorher festgef\u00fcgt waren. (Zu Kathrin Passig:) Du hast es gesagt: Bei der Geschwindigkeit, der Art der Distribution, aber auch der Anzahl der Autoren \u2013 beim Blog ist es so, dass Multiautoren B\u00fccher schreiben: Book Sprints und solche Geschichten. Da erwarte ich mir noch viel in Zukunft, bei so experimentellen Geschichten und vielleicht auch bei Algorithmen gesteuerter Literatur: <a href=\"http:\/\/nanowrimo.org\/inspiration\/\">National Novel Generation Month<\/a>, was da entsteht, wird immer komplexer, oder?!<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Ja, du hast das jetzt schon ein bisschen vorweggenommen. Es tut mir leid, wenn das so angekommen ist, dass am E-Book gar nichts Revolution\u00e4res ist. Ich glaube, dass an seinen technischen Grundlagen nicht viel Revolution\u00e4res ist. Aber tats\u00e4chlich glaube ich schon, dass da viele interessante Dinge passieren, die vorher gar nicht m\u00f6glich waren, dass die aber gar nicht so sehr, (zu Ansgar Warner) wie du das jetzt beschrieben hast, bei den Inhalten passieren \u2013 mir fehlt nach wie vor der Glaube an den Hypertext-Roman \u2013 aber dass die Rahmenbedingungen auf eine ganz interessante Art in Bewegung kommen. Dass es rein technisch m\u00f6glich ist, mit ganz vielen Leuten zusammen an Texten zu arbeiten \u2013 auch was das f\u00fcr eine Erleichterung bei der Arbeit am Buch, also der dann irgendwann eingefrorenen Textversion, bedeutet. Dass man gleichzeitig mit Leuten auf den Text zugreifen kann ohne das Herumschicken von Word-Dokumenten \u2013 das finde ich extrem spannend. Nat\u00fcrlich auch \u2013 dem noch vorgelagert und kein technischer Vorgang \u2013 eine Art <i>work in progress<\/i>: Dass Leute das im Netz finden, lesen, feststellen: \u201cHey, dazu habe ich auch etwas zu sagen!\u201d und dann anfangen, von Lesern zu Mitschreibenden zu werden. Das ist etwas, was wir jetzt auch machen: Es ist ein Text, der zu einem schon existierenden E-Book hinzugef\u00fcgt wird. Ein Buch, das im Moment der Ver\u00f6ffentlichung auch nicht abgeschlossen ist, sondern, dass man sich weiter daran beteiligen kann. Das sind revolution\u00e4re Prozesse, die tats\u00e4chlich interessante Dinge in Bewegung bringen!<br \/>\n(Zu Gregor Weichbrodt:) Du k\u00f6nntest etwas sagen, zu den Andeutungen eben \u00fcber den National Novel Generation Month und algorithmisches Geschehen.<\/p>\n<p>Weichbrodt: Soll ich erkl\u00e4ren, wie das funktioniert?<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Ja, und dann irgendwelche steilen Thesen \u00fcber die Zukunft aufstellen &#8230;<\/p>\n<p>Gregor Weichbrodt: &#8230; und dann irgendeine gute neue Idee haben. Der National Novel Generation Month: Es gibt den <a href=\"http:\/\/nanowrimo.org\/\">National Novel Writing Month<\/a>, wo man selber schreibt. Dann gibt es den National Novel Generation Month, wo es darum geht, in einem Monat viel Text zu produzieren unter der Zu\u00adhil\u00adfe\u00adnah\u00adme von Programmiersprache und von Material aus dem Internet. Das Ganze funktioniert in einer Programmier-Community auf einer Plattform, die GitHub hei\u00dft: Da laden die Leute ihren Code hoch \u2013 den Code, der den Text generiert, und den Text selber. Das sind beides Ergebnisse!<br \/>\nJetzt ist die Zeit, wo wir die Runde \u00f6ffnen wollten, f\u00fcr Fragen aus dem Publikum.<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Das hat er jetzt nicht aus Verlegenheit gesagt, wir sind wirklich schon zehn Minuten \u00fcber der Zeit.<\/p>\n<p>Gast 1: Dieses Techniktagebuch-Modell ist f\u00fcr mich sympathisch und plausibel, weil ich wirklich zu den Leuten geh\u00f6ren, die sagen: Ok, ich zahle 2,99 \u20ac oder 3,99 \u20ac f\u00fcr ein Best-of. Und so geht mir das bei ganz vielen eurer Projekte, dass das Interessante nicht ist, welche Texte da produziert werden, sondern dass da jemand ausw\u00e4hlt und f\u00fcr mich kuratiert \u2013 so abgeschmackt dieses Wort mittlerweile auch ist. Inwiefern ist euch das Produzieren wichtig und inwiefern seid ihr nicht eher die Leute, die die Expertise und das Auge haben und die relevanten Sachen zusammenpfl\u00fccken?<\/p>\n<p>Gregor Weichbrodt: Da kann ich zustimmen: Manchmal ist es ja auch so, dass man auf eine Quelle, auf eine Seite oder auf Material st\u00f6\u00dft, was an sich schon poetischen Wert hat und was gar nicht mehr bearbeitet werden muss, weil es so rar ist oder so abgefahren. Oder weil man herausgefunden hat, dass man nur eine Kleinigkeit \u00e4ndern muss, um es aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten.<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Das habe ich nicht verstanden.<\/p>\n<p>Gregor Weichbrodt: Zum Beispiel: Ich habe mich mal aus Experimentiergr\u00fcnden auf einer Dating-Plattform angemeldet und zwar bei ElitePartner. Nein, es war OkCupid, weil die Daten da zug\u00e4nglicher sind. Ich habe dann ein Programm geschrieben, was die Profiltexte herunterl\u00e4dt: Das waren ungef\u00e4hr 55.000 Profiltexte auf Englisch. Ich habe den unstrukturierten Text in S\u00e4tze unterteilt und hatte ganz viele S\u00e4tze mit Ich &#8230; . Die habe ich dann alphabetisch sortiert. Das war ganz spannend, weil man 200 S\u00e4tze hatte, die anfingen mit: \u201cI am a really nice guy and I like to go out.\u201d Das war gut!<\/p>\n<p>Nikola Richter: Ich kann das eigentlich nur best\u00e4tigen, dass man etwas ausw\u00e4hlt, wenn man verlegt. Aber das ist ja unabh\u00e4ngig vom Gedruckten oder vom Digitalen, aber vielleicht w\u00e4hlt man eben anders aus, wenn man schon mehr digital \u2013 wie ich zum Beispiel \u2013 liest: Wir haben heute noch nicht dar\u00fcber gesprochen, wo Text gefunden wird oder wo Text entsteht. Das hat sich schon sehr ver\u00e4ndert. Ich habe auch schon ein paar S\u00e4tze, die ich automatisiert heraussp\u00fclen kann: Eine Sache ist, dass man fr\u00fcher Verleger sah, die hinter gro\u00dfen Schreibtischen sa\u00dfen und dann stapelten sich die Manuskripte \u2013 das stand f\u00fcr einen sehr tollen Verlag, der viele Manuskripte bekommt! Nat\u00fcrlich kommen heute Manuskripte oft digital, manche Verlage wollen das aber auch nicht \u2013 das ist auch interessant. F\u00fcr mich ist das, was Autoren auf Facebook schreiben, auf Blogs oder auf Twitter das <a href=\"https:\/\/schriftstelle.wordpress.com\/2015\/05\/30\/das-unendliche-manuskript\/\">Manuskript<\/a>: Das ist dieser Feed, der meinen Verlag f\u00fcttert, der kuratiert wird. Also, erstmal muss ich diese Stimme finden: Ist das etwas, was re\u00adpe\u00adti\u00adtiv witzig ist und au\u00dferhalb des Kontextes von kleinen Schnipseln, die dann aufpoppen? Dann m\u00f6chte ich das auch als einen Textteppich lesen, ohne dass da zwischendurch andere Sachen aufpoppen und dass ich abgelenkt bin. So funktioniert lesen heute: Dass man hin- und herswitcht, zwischen verschiedenen Fenstern und Tabs \u2013 also kann ein Text auch wie so eine Art Folge von ganz vielen Tabs gelesen werden. Und so sind auch die Texte, die ich bei mikrotext ver\u00f6ffentliche. Das ist mir allerdings auch erst sp\u00e4t aufgefallen \u2013 jetzt bin ich im vierten Jahr. Alle Texte, die ich verlege, sind episodisch, also portioniert. Das liegt auch daran, wo ich sie herbekomme, da sie eben digital zu mir kommen und nicht als Manuskriptstapel. Das Kuratieren oder das Ausw\u00e4hlen hat viel mit Geschmack oder mit eigener Lekt\u00fcre zu tun und dem, was man mag oder wo man \u00fcberrascht wird. Aber das ist dann vielleicht auch die Handschrift, die man seinem verlegerischen Projekt, seinem Blog oder einem Kunstprojekt gibt, woraus das eigene Interesse dann auch besteht.<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Beim Techniktagebuch ist das eigentlich viel trivialer: Das Best-of-Tag ist eines von vielen. Unten an den Texten sind immer Tags dran, wie \u201c<a href=\"http:\/\/techniktagebuch.tumblr.com\/tagged\/Telefonverhalten\">T<\/a><a href=\"http:\/\/techniktagebuch.tumblr.com\/tagged\/Telefonverhalten\">elefonverhalten<\/a>\u201d, \u201c<a href=\"http:\/\/techniktagebuch.tumblr.com\/tagged\/Github\">GitHub<\/a>\u201d, \u201c<a href=\"http:\/\/techniktagebuch.tumblr.com\/tagged\/Papier\">Papier<\/a>\u201d oder \u201c<a href=\"http:\/\/techniktagebuch.tumblr.com\/tagged\/handschriftlich\">handschriftlich<\/a>\u201d \u2013 und eben auch \u201c<a href=\"http:\/\/techniktagebuch.tumblr.com\/tagged\/best%20of\">b<\/a><a href=\"http:\/\/techniktagebuch.tumblr.com\/tagged\/best%20of\">est<\/a><a href=\"http:\/\/techniktagebuch.tumblr.com\/tagged\/best%20of\">of<\/a>\u201d. Und ich habe das Dokument gerade noch einmal angeschaut, in dem die Diskussion vor der Anfertigung des ersten E-Books festgehalten ist, wo wir noch \u00fcberlegt haben: Es muss irgendeinen Unterschied geben zwischen kostenpflichtiger und kostenloser Fassung. Was k\u00f6nnte der denn sein? Dann gab es eben verschiedene Konzepte, zum Beispiel: Das alles nach den Tags zu sortieren, so wie fr\u00fcher so Konversationslexika waren \u2013 Band 1: Adapter bis Bitcoin. Weil unter jedem Text ganz viele Tags stehen, h\u00e4tte sich dadurch die Textmenge, die ohnehin schon gro\u00df ist, nochmal vervielfacht und es w\u00e4ren dann 50.000 Seiten geworden. Ich fand das wahnsinnig attraktiv, einfach aus absurd viel Text noch absurd viel mehr Text zu machen, der sich dann auch noch st\u00e4ndig wiederholt, was ja \u2013 wenn man sich Facebook oder Twitter anguckt \u2013 anderswo auch der Fall ist. Also warum soll das im Buch anders sein? Die wichtigen Sachen kommen alle noch mal wieder. Dass es dann letztlich dieses Best-of-Tag wurde \u2013 der Weg dahin war nicht so vorgezeichnet. Und es ist auch nicht so, wie du es gerade beschrieben hast, dass sich da irgendein individueller Geschmack Bahn bricht: Jeder, der das will \u2013 unter den Leuten mit Autorenrechten \u2013 kann das Tag vergeben und dann ist es da halt.<\/p>\n<p>Nikola Richter:<br \/>\nDas w\u00e4re jetzt meine Folgefrage gewesen: Wer hat dieses Best-of-Tag vergeben? Also, die Autoren konnten selbst ihren Text als Best-of kennzeichnen, aber auch die, die in dieser Blog-Software angemeldet sind? Ok! So \u00e4hnlich ist es dann auch bei Texten, die ich oft ausw\u00e4hle, von Leuten, die zum Beispiel auf Facebook schreiben. Die Texte, die dann viele Likes haben, landen oft eher im Buch \u2013 nat\u00fcrlich kann ich auch einen Text ausw\u00e4hlen mit wenig Likes, das wird auch passieren. Aber da gibt es diese Leserschaft, die eine Meinung vorher abgegeben hat. Oder man sieht: Da sind besonders viele Kommentare und keine Likes \u2013 da gibt es also auch noch so ein Element, was von meinem Geschmack wegf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Das ist beim Techniktagebuch tats\u00e4chlich auch so: Es gibt zwei Wege in die Best-of-Sammlung. Das eine ist: Es gibt viele Likes von au\u00dfen, also deutlich mehr als bei anderen Texten. Das andere ist: Irgendeine einzelne Person ist zu dem Schluss gekommen, dass da dieses Tag drunterstehen sollte.<\/p>\n<p>Gast 2: Ich habe eine Frage und so ein bisschen schlie\u00dfe ich mich an eine Aussage an, dass eine Menge entsteht mit Hypertext oder vielleicht wieder zur\u00fcckkommt, was es vielleicht auch schon seit 20, 30 Jahren gab. Ich unterrichte Interaktionsdesign an einer Berliner Hochschule und hatte im letzten Semester eine Bachelorarbeit mit dem Arbeitstitel \u201cStell dir vor, du bist mit Dr. Faust in einer WhatsApp-Gruppe\u201d. Die Studierenden haben sich damit befasst: Wie kann man Literatur in Messenger-Apps darstellen? Sie haben viele Bots gebaut, viel experimentiert und sind mit manchen Experimenten grandios gescheitert. Ich mache dieses Semester einen Kurs dazu, wie man mit literarischen Texten interagieren kann: Was passiert da auf diesen kleinen Telefonen? Die Studenten sind alle zwischen 20 und 23; und f\u00fcr die ist es eine Art Grundvoraussetzung, dass es irgendeine Art von Interaktion mit jeder Form von Text geben muss.<br \/>\nEs w\u00fcrde mich interessieren: Was sch\u00e4tzt ihr, was kommt da mit all diesen Menschen, die heute alle 14, 15, 16, 17 sind. Wie wird sich das ver\u00e4ndern? Oder was seht ihr da am Horizont kommen? Es ist immer schwierig zu sagen, klar! Ich wei\u00df es auch nicht, deswegen bin ich interessiert.<\/p>\n<p>Ansgar Warner: Das ist wirklich interessant, dass du das sagst, weil gerade, bevor ich losgefahren bin, lief eine Meldung \u00fcber den Ticker, dass Amazon in den USA eine neue App f\u00fcr Kinder entwickelt hat: Rapids. Da passiert das Storytelling in Dialogform von Messenger-App-Sprechblasen. Die Geschichten werden so erz\u00e4hlt, wie die Kinder oder die Jugendlichen das aus dem Kommunikationsalltag kennen. Was wiederum nicht ganz so revolution\u00e4r war: \u00c4ltere Kindern k\u00f6nnen das auch ausschalten. Sie haben dann ganz normalen Flie\u00dftext. Insofern w\u00e4re die Frage: Wie revolution\u00e4r ist das, oder ist das einfach nur die Form?<\/p>\n<p>Gast 2: Das gibt es auch f\u00fcr Erwachsene: Es gibt ganz viele Apps, die genauso funktionieren, die Geschichten in so einer Conversational UI erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Nikola Richter: Ich hatte nur so eine Idee, w\u00e4hrend du das vorhin erz\u00e4hltest, wie man Dialogisches oder Interaktives verlegt oder vermittelt. Das ist ja interessant und \u2013 ich habe keine Antwort darauf \u2013 aber was mir gerade einfiel: Das Schreiben ist heutzutage schon dialogisch interaktiv. Wenn jemand auf Facebook schreibt oder auf Twitter oder sogar auf Wattpad. Die Texte, die geschrieben werden, werden meist kommentiert, weitergedacht, weitergeschrieben \u2013 das finde ich ganz interessant, dass diese vielen Schreibtools, die wir haben, eigentlich schon versteckt oder sogar sehr offensichtlich dialogisch und interaktiv sind. Aber die Frage ist nat\u00fcrlich: Wie kann man diesen Lesevorgang weiter vermitteln? Wie kann man diese Interaktivit\u00e4t dann wieder abbilden? Ich habe das mal versucht in einem E-Book, aber es ist komplett nicht interaktiv: Wir haben mal ein E-Book (<a href=\"http:\/\/www.mikrotext.de\/books\/jan-kuhlbrodt-das-elster-experiment-sieben-tage-genesis\/\"><i>Sieben Tage Genesis<\/i><\/a> von Jan Kuhlbrodt) sieben Tage lang, wie die Sch\u00f6pfung, auf einem Blog entstehen lassen. Dazu konnte dann kommentiert werden und in dem E-Book sind dann auch ausgew\u00e4hlte Blogkommentare mit abgebildet \u2013 aber nat\u00fcrlich wieder vom Autor und mir ausgew\u00e4hlt, insofern ist es dann wenig interaktiv gewesen, wie das Ergebnis zustande gekommen ist. Das f\u00fchrt aber dazu: Wenn man diese Texte liest, ist man danach wieder in einer Debatte, die im Blog stattgefunden hat. Das ist wie abfotografiert, aber da ploppt nichts auf und man kann auch nicht weiter mitschreiben.<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Ich lehne mich jetzt weit aus dem Fenster \u2013 ich versuche das sonst immer zu vermeiden, insbesondere, wenn es aufgezeichnet wird, weil die Zukunft dann erf\u00e4hrt, dass man Quatsch geglaubt hat: Aber ich glaube nicht, dass solche Apps eine Zukunft haben. Das ist jetzt die klassische Man-ist-nicht-mehr-23-These, aber ich halte das f\u00fcr ein Experiment, das kommt und auch wieder geht. Ich glaube, dass das interaktive Element wichtig ist; dass es aber nicht da wichtig ist und da stattfinden muss, wo man liest oder wo der fertige Text ist. Sondern dass es an anderen Stellen im Schreib- und im Leseprozess eine Rolle spielt \u2013 zum Beispiel wie Fan-Fiction funktioniert; dass man gemeinsam an den Vorgaben arbeitet: \u201cWas ist jetzt gerade das aktuelle Schreibthema, die Schreibaufgabe, die alle gleichzeitig in einem bestimmten Zeitraum bew\u00e4ltigen?\u201d; dass \u00fcber die Texte geredet wird; dass der Weg vom Lesen zum Schreiben ein ganz kurzer ist \u2013 das sind alles Punkte, wo die Interaktion eine Rolle spielt. Aber dass der Text die Form von Sprechblasen und Dialog annehmen muss, glaube ich nicht. Da kann man mich in Zukunft f\u00fcr verh\u00f6hnen, wenn es doch alles ganz anders kommt.<\/p>\n<p>Gast 3:<br \/>\nDagegen w\u00fcrde sprechen, dass ich auf Twitter neulich einer Autorin gefolgt bin, und sie hat Twitter genutzt, um eine Geschichte zu erz\u00e4hlen \u2013 und das war irrsinnig aufregend! Weil sie zum einen eine spannende Geschichte erz\u00e4hlt hat, aber weil es zum anderen nach und nach aufgeploppt ist, und man kurz warten musste. Ich kann mir das schon vorstellen, dass das gut funktionieren kann! Es ist dann wie mit den Seiten im Buch: Man bl\u00e4ttert sie um \u2013 das kennt man auch, dass man gerne schon umbl\u00e4ttern w\u00fcrde, weil man so gespannt ist. Aber glauben Sie nicht, dass es das spannend machen kann \u2013 dieses Interaktive und das Aufpoppen, dass man dadurch neu erz\u00e4hlen kann?<\/p>\n<p>Gast 4: Ich w\u00fcrde mich dem anschlie\u00dfen und noch eine Frage hinterher schie\u00dfen: Was mich interessiert, ist nicht, was technisch m\u00f6glich ist, sondern: Gibt es eventuell Aspekte der Interaktion, die aus Sicht des Autors f\u00fcr das Storytelling interessant sein k\u00f6nnten? Nicht nur weil wir es k\u00f6nnen, sondern wie es Sinn machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ansgar Warner: Was ich mir vorstellen kann, ist, dass man verschiedene Chatbots gegeneinander antreten l\u00e4sst. Aber das gab es in den 1980er Jahren auch schon: ELIZA gegen einen paranoiden Chatbot, den es damals schon gab \u2013 dass man diesen Dialog aufzeichnet, oder einfach nur zuschaut, wie der entsteht. Diese Chatbots k\u00f6nnen an literarischen Figuren entlang entwickelt worden sein mit Material, das man aus dem Internet auf der Grundlage von Algorithmen gezogen hat \u2013 das kann ich mir auf jeden Fall vorstellen! Die Frage ist immer: L\u00e4sst sich das in ein normales Buch pressen? Die zweite Frage ist: Muss das \u00fcberhaupt sein? Nicht alles muss im Buch funktionieren und wenn es nicht funktioniert, dann hat es keinen Erfolg als Buch. Aber das hei\u00dft nicht unbedingt, dass es sich nicht im Dunstkreis der Literatur oder des Storytellings als eine andere Form etabliert: beispielsweise Point-and-Click-Adventures. Viele Formen des Storytellings, die noch etwas Buch\u00e4hnliches haben, haben sich doch etabliert. Aber sie funktionieren nicht im Buch, und das m\u00fcssen sie auch nicht. Insofern kann dieser Ausblick, der jetzt hier gefragt war, auch bedeuten, dass sich bestimmte Formen des Storytellings mithilfe des Codes \u2013 nicht unbedingt des E-Book-Codes, aber des erweiterten Codes \u2013 irgendwo anders etablieren, oder?<\/p>\n<p>Gregor Weichbrodt: Vielleicht ist dann schon Gamedesign und nicht Literatur. Das einzige Interaktive in der Literatur, das mir einf\u00e4llt \u2013 aber es ist ein Witz: \u201cWenn Sie keine Lust haben weiterzulesen, bl\u00e4ttern sie auf Seite 200! Wenn Sie weiterlesen wollen, bl\u00e4ttern sie einfach um!\u201d Bei <i>Per Anhalter durch die Galaxis<\/i> war das so, glaube ich!<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Das mit dem Gamedesign glaube ich auch; und zwar weil nat\u00fcrlich genau dort das verteilte Erz\u00e4hlen stattfindet: Bei gro\u00dfen Multiplayer-Spielen, wo alle Beteiligten gleichzeitig eine Handlung entstehen lassen; und diese Handlung nochmal auf ganz vielen Kan\u00e4len begleiten. Da gibt es immer Zusatztexte, zu dem was im Spiel passiert: In Blog, Video und tausend anderen Formen. Das sieht einem Buch \u00fcberhaupt nicht mehr \u00e4hnlich, aber da passiert das von allein und auf eine viel interessantere Form; als wenn man jetzt Text in Dialogblasen zwingt.<\/p>\n<p>Nikola Richter: Ich finde es interessant, dass wir jetzt beim Storytelling gelandet sind und abgekommen sind von den Themen E-Book-Code und global und beta. Aber das ist oft so. Auf der Frankfurter Buchmesse habe ich auch verschiedenen Veranstaltungen beigewohnt, und das Fazit war immer: Am Ende brauchen wir die guten Geschichten. Ich glaube, wir haben heute Abend doch etwas interessantere Feststellungen getroffen \u2013 das freut mich!<br \/>\nVielen Dank an unser experimentelles Ping-Pong-Panel \u2013 hat funktioniert. Danke. Danke f\u00fcrs Kommen!<\/p>\n<p>(Applaus)<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Ich habe mir die ganze Zeit Sorgen gemacht um deine Aufnahme!<br \/>\nNikola Richter: Das habe ich auch! Das werde ich jetzt wissen.<br \/>\nKathrin Passig: Schau doch bitte gleich mal nach, damit ich aufh\u00f6ren kann, mir Sorgen zu machen!<\/p>\n<p>Nikola Richter: Sie lief aber \u2013 ja, sie l\u00e4uft!<\/p>\n<p>Kathrin Passig: Puh!<\/p>\n<p>Nikola Richter: Jetzt blo\u00df nicht l\u00f6schen \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"button\"><a href=\"http:\/\/stadtsprachen.de\/en\/gallery\/global-beta\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gallerie des Events<\/a><\/p>\n<p>Transkript: Nils Tiemann<br \/>\nKorrektorat: Jan Kuhlbrodt \/ Nikola Richter<\/p>\n<p>Das E-Book mit dem gesamten Gespr\u00e4ch und anderen Texten der Diskutierenden und in Berlin verorteter digital schreibender Autoren gibt es hier zum kostenlosen Download:<\/p>\n<p class=\"titel-meta\"><a href=\"http:\/\/bit.ly\/2md12vL\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">EPUB<\/a><\/p>\n<p class=\"button\"><a href=\"http:\/\/bit.ly\/2mEv2hu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">MOBI<\/a><\/p>\n<p class=\"button\"><a href=\"http:\/\/bit.ly\/2msj51p\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">PDF<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>im Rahmen des Stadtsprachen-Festivals am 2. 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