{"id":6608,"date":"2017-11-07T11:40:45","date_gmt":"2017-11-07T10:40:45","guid":{"rendered":"http:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=6608"},"modified":"2022-11-20T16:59:01","modified_gmt":"2022-11-20T15:59:01","slug":"malaria","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/malaria\/","title":{"rendered":"Malaria"},"content":{"rendered":"<p>zuerst kommen die kleinen durchsichtigen<br \/>\ngeister weben einen kokon aus geduld<br \/>\nsch\u00fctzender zeit und wispernden geschichten<br \/>\nund dann tanzen sie mit den tr\u00e4umen durch<br \/>\ndein blut<\/p>\n<p>und dein blut beginnt ganz neu dich zu zeichnen<br \/>\npl\u00f6tzlich erkennst du die vielfalt der wege in deinem<br \/>\ninnern begreifst all deine farben und gewinnst an<br \/>\ngestalt und beginnst zu pulsieren und nicht mehr<br \/>\nes dich<\/p>\n<p>und das einverst\u00e4ndnis im puls erh\u00f6ht die<br \/>\nbewegung es beginnt das aufundabfest mit g\u00e4sten<br \/>\nin deinen adern mit besuchern die neugierig<br \/>\nnach interessanten gelegenheiten ausschau halten<br \/>\nin dir<\/p>\n<p>und dann bricht schon im s\u00fcden der krakatau dein<br \/>\nherz und im norden st\u00fcrmen die wogen die sterne<br \/>\ninsekten schw\u00e4rmen aus im grellen licht des bluts<br \/>\nmilliarden wesen sehn dich an und schweigen laut<\/p>\n<p>das auf und ab von liebe \u00fcberdru\u00df und schmerz<br \/>\nraubt dir den sinn f\u00fcr fragen des geschmacks<br \/>\nund deine prall gef\u00fcllten adern tanzplatz der \u00e4onen<br \/>\numarmen dich im \u00fcbermut es mangelt nicht<\/p>\n<p>dies ist ein dies ist ein dies ist ein \u00fcber<br \/>\nfluss an leben<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"bibliography\"><em>Aus: Martin Jankowski: Detik-Detik Indonesia, IndonesiaTera, Magelang\/Yogyakarta 2005,<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p class=\"bibliography\"><em>Anmerkungen hier:<\/em><\/p>\n<p><strong>SASAKANANAS<br \/>\n(Auszug aus dem Nachwort)<\/strong><\/p>\n<p>&gt;&gt; \u2026<\/p>\n<p>Das mit Abstand meist zitierte und auch \u00fcber Indonesien hinaus bekannt gewordene Gedicht aus dem INDONESIEN MATERIAL ist der Text <em><strong>Malaria<\/strong><\/em>, dessen Grundidee sich in einem gedruckten Buch eigentlich leider gar nicht wirklich widergeben l\u00e4sst. Schon die \u201eUrauff\u00fchrung\u201c dieses merkw\u00fcrdigen kleinen Sprachwerkes im August 2003 am Goethe-Institut in Jakarta geriet zu einer kleinen Sensation in der indonesischen Lyrikgemeinde und wurde umgehend von der Presse gew\u00fcrdigt, wobei vor allem ein Bericht des KOMPAS (etwa vergleichbar mit der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT, jedoch mit bedeutend gr\u00f6\u00dferer Auflage) f\u00fcr landesweite Beachtung sorgte, die rasch Reaktionen aus allen Teilen des Archipels generierte. Das Besondere an diesem Gedicht ist, dass man es eigentlich in mehreren Sprachen gleichzeitig vortragen muss. Schon bei jener ersten Lesung wurde, neben der deutschen, von zwei Sprechern auch noch eine indonesische und eine englische Fassung gleichzeitig vorgetragen. Und obwohl im Saal eigentlich niemand wirklich etwas vom Text verstanden haben konnte, brach anschlie\u00dfend frenetischer Beifall aus \u2013 ein Ph\u00e4nomen, das sich seither weltweit\u00a0 immer mal wieder ereignet, wenn der Text in der hier geschilderten, vorgesehenen Weise aufgef\u00fchrt wird\u2026 <strong>Der Hintergrund ist folgender:<\/strong> Im Fr\u00fchjahr 2003 erkrankte ich nach einer l\u00e4ngeren Reise an Denguefieber, das bekanntlich nicht geheilt werden kann, sondern \u00fcberstanden werden muss \u2013 am besten in einer Fachklinik. Weil ich zeitgleich auch noch mit Malaria infiziert war, was zun\u00e4chst wegen des klar erkennbaren Dengues auch von den erfahrenen indonesischen Tropen\u00e4rzten nicht bemerkt wurde, war ich einige Tage dem Tode sehr nah und nur gl\u00fcckliche Umst\u00e4nde und meine aufmerksame Begleiterin sorgten daf\u00fcr, dass es dabei nicht blieb.<br \/>\n&#8230;In diesem Zustand besuchte mich der Dichterfreund Agus R. Sarjono in der Klinik. Und w\u00e4hrend ich im Fieberwahn unentwegt mit den D\u00e4monen Sumatras und Javas parlierte, fragte er mich eine scheinbar banale Frage: \u201eSag, wie f\u00fchlt es sich an Malaria zu haben?\u201c Ich war damals au\u00dferstande, diese Frage sinnvoll zu beantworten. Aber sie lie\u00df mich nicht los. Zwei drei Wochen sp\u00e4ter, nachdem ich wieder halbwegs genesen war, schrieb ich meinem Freund diesen Text als Antwort \u2013 und weil er Deutsch nicht lesen konnte, schuf ich mit Hilfe von Freunden auch gleich noch eine englische und eine indonesische Variante \u2013 damit er mich auf jeden Fall verstehen w\u00fcrde. Und dann fiel mir auf, dass diese Dreisprachigkeit genau dem entsprach, was ich w\u00e4hrend meiner t\u00f6dlich-fiebrigen Krankheitsphase erlebt hatte: Man h\u00f6rt verschiedene Stimmen und Diskurse gleichzeitig in seinem Kopf.<br \/>\n&#8230;Also bedeutete ich ihm, dass er die Antwort auf seine Frage von mir erhalten w\u00fcrde, wenn wir einen von mir vorbereiteten Text gemeinsam mit einem dritten Sprecher auf unserem gemeinsamen Lyrikabend im Goethe-Institut vortragen w\u00fcrden. Meine beiden Mitleser wussten also nicht genau, was wir da tun w\u00fcrden, ich erkl\u00e4rte lediglich ein paar simple Grundregeln und sie folgten meiner Idee gl\u00fccklicher Weise vertrauensvoll und pr\u00e4zise \u2013 mit durchschlagendem Erfolg. Jeder, der einmal das Gedicht Malaria\u00a0 in mehreren Sprachen gleichzeitig zu h\u00f6ren bekam, der a) vergisst die Wirkung nie wieder und b) kann sich danach tats\u00e4chlich vorstellen, wie es sich anf\u00fchlt, Malaria zu haben. (Es gibt dieses Gedicht inzwischen auch noch auf Holl\u00e4ndisch und Spanisch, man k\u00f6nnte es also auch einmal mit f\u00fcnf Sprachen* auff\u00fchren, dann w\u00e4re auch der Einfluss meines Denguefiebers von damals noch literarisch mit abgebildet.)<\/p>\n<p>&#8230;\u00a0 &lt;&lt;<\/p>\n<p><em>Aus: Martin Jankowski: sasakananas Indonesien Material, gedichte &amp; notate, Leipziger Literaturverlag, 2015.<\/em><\/p>\n<p>* Anmerkung des Autors: <em>Auf der skandinavischen Etappe des europ\u00e4ischen CROWD-Leseprojektes im Fr\u00fchjahr 2016 gelang es, das Gedicht \u201eMalaria\u201c in Oslo, Stockholm, G\u00f6teborg, Malm\u00f6, Aarhus, Odense und Kopenhagen gemeinsam mit sprach- und rezitationsbegabten Helfern sowie den \u00fcbersetzenden Dichtern in letztendlich zehn Sprachen gleichzeitig aufzuf\u00fchren. Der damals filmende Tournee-Assistent Ville H\u00e4m\u00e4l\u00e4inen aus Finnland wird herzlich und dringend gebeten, sich mit dem kostbaren Bildmaterial beim Autor zu melden.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zuerst kommen die kleinen durchsichtigen geister weben einen kokon aus geduld sch\u00fctzender zeit und wispernden geschichten und dann tanzen sie mit den tr\u00e4umen durch dein blut und dein blut beginnt ganz neu dich zu zeichnen pl\u00f6tzlich erkennst du die vielfalt der wege in deinem innern begreifst all deine farben und gewinnst an gestalt und beginnst [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"featured_media":6610,"template":"","categories":[27,11],"class_list":["post-6608","stsp_text","type-stsp_text","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-issue-4","category-lyrik"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Malaria - stadtsprachen<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"zuerst kommen die kleinen durchsichtigen geister weben einen kokon aus geduldsch\u00fctzender zeit und wispernden geschichten und dann tanzen sie mit den tr\u00e4umen durch dein blut\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/malaria\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"en_US\" \/>\n<meta property=\"og:locale:alternate\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Malaria - 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