{"id":6639,"date":"2017-11-07T11:45:32","date_gmt":"2017-11-07T10:45:32","guid":{"rendered":"http:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=6639"},"modified":"2022-06-05T18:04:56","modified_gmt":"2022-06-05T16:04:56","slug":"wie-ich-gewohnt-bin-von-da-wo-ich-begonnen-wurde-woher-ich-gehe-da-bin-ich-gewohnt","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/wie-ich-gewohnt-bin-von-da-wo-ich-begonnen-wurde-woher-ich-gehe-da-bin-ich-gewohnt\/","title":{"rendered":"Wie ich gewohnt bin von da wo ich begonnen wurde&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Wir sitzen mit dir \u2013 lass es bei mir sein, und \u2013 lass das Wir. Weil bei mir das so gesagt wird. Auch wenn es nur zwei sind, die da sitzen: wir mit dir, also. So vermeidet man sich als erstes zu nennen. Aus Eigenheit sage ich das nur, solltest du fragen. Aber du stellst fest. Von dir aus. Dass du zu wenig wei\u00dft. Und ich wei\u00df nicht, wo ich beginne.<\/p>\n<p>Ich bin gewohnt \u2013 erst mal \u2013 auf einem schiefen Fu\u00dfboden eines den Hang hinunter rutschenden Hauses. Es wurde nichts gerichtet, die Murmeln rollten von selbst. Eine ganze Wohnung f\u00fcr eine einzige Familie, ererbt aus dem Parteiglauben unerlebter Gro\u00dfv\u00e4ter. Hei\u00dft Luxus. Hie\u00df Zuhause. Weintrauben klettern in den vierten Stock zu meinen H\u00e4nden hoch, die sie stets in verschiedenen Graden der Unreife pfl\u00fccken, die ich gelernt habe zu unterscheiden. Ungez\u00e4hlte Kleinigkeiten entfallen dem K\u00fcchenfenster, aus diesen H\u00e4nden, verschwinden auf dem Grund eines ausufernden Sandkastens, beim Gl\u00fcck spielen. Nicht wieder ausgegraben, Pech gehabt. Wo nur kommt das Verlorene an. Die ber\u00fcchtigten Hauseing\u00e4nge, offen, riechend nach \u00f6ffentlichen Toiletten \u2013 und dann die \u00f6ffentlichen Toiletten erst. Wozu noch saubermachen, besser deutlich Spuren hinterlassen. Sascha und Vanja waren hier. Und eine Wandvoll anderer. Ein gro\u00dfes Fahrrad, dessen Sitz sich in die Schulterbl\u00e4tter bohrt, f\u00e4hrt mich gegen Bordsteine, Mauern, Menschen. Pf\u00fctzen f\u00fcr Korkenschiffe und Fenster f\u00fcr B\u00e4lle und tief innen im Hof wachsen Kinder. Wie \u00fcblich, warteschlangenfest auftreiben, was es gibt. Geben, was man hat. Heute Mandarinen, morgen Milch. Der Mann der Kollegin aus der Autoteilfabrik. Schwer zu sagen, welche Teile eigentlich. Die haben normalerweise gefehlt. Wir brauchen ohne Auto Schuhe \u2013 die fehlen auch \u2013, aber der Mann der Kollegin wei\u00df, wie man zaubert. Der Vater eines Sch\u00fclers macht selbst Wurst. Man entlohnt in Sahnegl\u00e4sern, Pralinenschachteln oder Kristallschalen. Oder Wurst eben. Eigentlich zahlt man in Alkohol, in jeder Form. Ecken als Einrichtung der Erziehung, dort Finger z\u00e4hlen und die Wand spr\u00fcngig starren. Sp\u00e4testens mit der Geburt entschieden, was es wird. Schulen f\u00fcr alle, f\u00fcr besonders Begabte, f\u00fcr Besondere und den Rest. F\u00fcr die Musik. Verwurzelt in Hintert\u00fcren, wo im Verborgenen Finger laufen lernten, die Angst vor Versagen verbergend. L\u00e4rm und sich wiederholende Passagen, mit Geschrei und Tr\u00e4nen, auch von Sch\u00fclern, mit Schuldgef\u00fchlen und Scham verletzten Stolzes. Pubert\u00e4re Jungen mit zitternden Unterkiefern, das Instrument in der Hand. Unsauber, unsauber, falsch, unsauber, nochmal. Von Anfang.<\/p>\n<p>Ein Tag ohne zu \u00fcben ist ein verlorener Tag. Musiker h\u00f6ren keine Musik, sie ern\u00e4hren sich davon. Sie str\u00f6mt aus jedem Spalt, rollt aus den Schallplatten, sendet aus dem Amerika eines eingewanderten Ghettoblasters in unser kleines, schon seit Jahrhunderten an Existenzmarkierungen lebendes Daheim. Haben wir verkauft. Gab zum Leben nicht viel her. Mehr gegeben, verschenkt, sich abnehmen und klauen lassen. Nun \u2013 nicht mehr genug. Zu wenig \u00fcbernommen, von anderen. Von den \u00c4lteren, die die Schule kannten und unanst\u00e4ndige Worte, die ausgesprochen verh\u00e4ngnisvoll wurden, hatte ich bef\u00fcrchtet und bereits bei der ersten Silbe in den Himmel aufgeblickt und Bestrafung erwartet. Zu wenig gelernt, um darauf selbst verzichten zu k\u00f6nnen. Ich habe gehen und gehend lieben gelernt. Weite Stra\u00dfen mit B\u00e4umen und Teerkratern und Schuttfl\u00e4chen ausgetretener Pfade der k\u00fcrzesten Wege zur Haltestelle. Lange Strecken auf Geburtstage, zu Besuch oder einfach nur lange. Man kam ohne Anruf, man war einfach da. Was sp\u00e4ter kam \u2013 L\u00e4den mit Essen, heile Schaufenster, Aufbruchswehen, hatte sich schon angedeutet. Bis zum erneuten Verfall der Werte, weil man sie nicht verwalten konnte und keinen Grund sah. Klauen wird nicht alt. Dazu kam ich nicht. Wir gingen, klinkten uns aus der Gleichschaltungsnot. Wir h\u00e4tten an der Grenze alles zur\u00fccklassen m\u00fcssen, h\u00e4tten wir. Betrunkene Zollbeamte schleppten fremde Fernseher durch die Nacht eines polnischen Autobahnparkplatzes. Stunden im Wartezustand auf ein Weiterwarten. Wir hatten es nicht eilig. Es gab nichts, wohin.<\/p>\n<p>Unvorbereitet traf Wohlstand ein. Unbegreiflich greifbare Unterschiede in feierlich-bunten Produktbuchstaben auf gl\u00e4nzender Verpackung: wer soll so viel essen k\u00f6nnen. Fieberhaftes Sichnichtentscheidenm\u00fcssenwollen. Verinnerlichtes Sichnicht\u00e4u\u00dfernk\u00f6nnen. Nach der Uhrzeit fragen langweilt auf Dauer alle Beteiligten. So h\u00f6rte ich auf, den einzigen Satz mit Spielkameraden zu teilen, h\u00f6rte auf mit den Spielkameraden, bis den vielen S\u00e4tzen nur noch der richtige Dialekt fehlte, h\u00f6rte auf mit dem Spielen. Es wurde sp\u00e4t. Man fragte uns, warum wir da seien. Ich musste mir bewusst werden, warum. Man fragt mich, wie viel ich noch wisse und ich sage: nicht viel. Ich kenne nur unverwandte Friedh\u00f6fe von n\u00e4chtlichen M\u00e4dchenmutproben, wie ich die gern erinnerten Trickfilme aus dem Fernsehen kenne \u2013 nicht aus der Kindheit. Angeeignete Erfahrungen anderer Zugeh\u00f6rigkeit. Weihnachten und Kommunion, Feiern in G\u00e4rten vor Familienh\u00e4usern blieben f\u00fcr andere vorbestimmt. So knapp daneben.<\/p>\n<p>Hier: unser in Sorgen versch\u00fcttetes Au\u00dferhalb. \u00dcbersch\u00e4umend und niederdr\u00fcckend warm, wenn kleine f\u00fcllige \u00fcberarbeitete Frauen, in k\u00e4mpferisch unsicheren Schritten durch \u00c4mter rennen, an Blusen zupfend, in dicken Parf\u00fcms, wenn sie B\u00f6den wischen, mit Diplomen im Koffer, in engen K\u00fcchen versuchen Geborgenheit zu kochen, mit viel Brot und \u00d6l, mit Zwiebeln und Knoblauch und wenn sie vor dem Flimmern des Fernsehers \u00fcberlassene Hosen k\u00fcrzen und Beziehungen flicken, z\u00e4hlen und zahlen, am Telefon angeeignete Begriffe in ihre Sprache konjugieren, wohlmeinende Ratschl\u00e4ge geben und immer mitleiden, gerne helfen. Wo alles gerne gut wird. Unbeklagt opfernd habt ihr euren Kindern M\u00f6glichkeiten geschenkt. Wenn ich euch wiedersehe, wie habe ich euch angetroffen, erinnert mich. Wie ich gewohnt bin, wo anders. Zu wenig und nicht genug, um gew\u00f6hnt zu sein. Wir sitzen so selbstverst\u00e4ndlich, von einander verschieden. Bei uns werden in Abstellkammern Sch\u00e4tze verstaut. Ganze Rucksackladungen ungeahnter Reisen. Wie einholen, was nicht mehr wird. Du brauchst nur gegangen zu sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sitzen mit dir \u2013 lass es bei mir sein, und \u2013 lass das Wir. Weil bei mir das so gesagt wird. Auch wenn es nur zwei sind, die da sitzen: wir mit dir, also. So vermeidet man sich als erstes zu nennen. Aus Eigenheit sage ich das nur, solltest du fragen. 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