{"id":6747,"date":"2018-01-09T11:20:09","date_gmt":"2018-01-09T10:20:09","guid":{"rendered":"http:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=6747"},"modified":"2021-02-07T18:32:49","modified_gmt":"2021-02-07T17:32:49","slug":"wir-sind-andere-2","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/wir-sind-andere-2\/","title":{"rendered":"Wir sind andere"},"content":{"rendered":"<p>Keynote f\u00fcr das Parataxe Symposium <a href=\"http:\/\/stadtsprachen.de\/event\/ostpol-berlin\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>OSTPOL BERLIN<\/em><\/a> am 23. November 2017<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"st\">\u201e<\/span>Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, sagte Edgar, wenn wir reden, werden wir l\u00e4cherlich.\u201c<\/p>\n<p>Mit diesem Satz beginnt Herta M\u00fcllers Roman <i>Herztier<\/i>.<\/p>\n<p>Damit k\u00f6nnte ich auch schon aufh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Wir reden heute \u00fcber die osteurop\u00e4ische Literaturszene Berlins und Deutschlands, deren verschiedenste Vertreter_innen immer vielz\u00e4hliger und sichtbarer werden. In den vielen erwarteten und gelesenen B\u00fcchern dieser Kategorie, B\u00fcchern, die einen pers\u00f6nlichen Bezug zu mir haben, deren Autor_innen mir geistig und emotional nahe gehen, habe ich mich nicht wiedergefunden.<\/p>\n<p>Immer wieder warte ich darauf, immer wieder muss ich feststellen, dass es doch nicht um mich geht, dass etwas fehlt, was mich ausmacht &#8211; und ich mich mit dem Text, der Figur, den Autor_innen nicht identifizieren kann. Immer wieder <i>muss<\/i> ich das feststellen. Die Sehnsucht nach Zugeh\u00f6rigkeit und die Abgrenzung davon sind zum einheitsstiftenden Ritual meiner selbst geworden. Dem Aufruf, mich zu desintegrieren m\u00f6chte ich genauso wenig folgen wie der Aufforderung das vermeintliche Gegenteil zu tun.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde im \u00dcbrigen auch lieber nichts wissen m\u00fcssen von diesen Kategorien, die wir heute verhandeln; lieber einer Vielzahl einzelner Stimmen zuh\u00f6ren, statt selbst in gespaltenen Stimmen sprechen. Eine andere \u2013 ist nicht meine Geschichte.<\/p>\n<p><i>Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, wenn wir reden, werden wir l\u00e4cherlich.<\/i><\/p>\n<p>Es nicht die Feststellung des Erz\u00e4hlers, nicht Herta M\u00fcllers Behauptung, sie l\u00e4sst Edgar, einen der Protagonisten, sprechen. Als g\u00e4be es kein Entkommen aus dieser unm\u00f6glichen Entscheidung zwischen Sprachlosigkeit und Trivialisierung.<\/p>\n<p>Kann das Reden genauso wenig retten wie das Schweigen? Entrei\u00dft das blo\u00dfe Benennen dieses Existenzzwiespalts einen aus dem <i>Wir<\/i>?<\/p>\n<p>Haben <i>wir<\/i> die Wahl? Haben <i>wir<\/i> einen gemeinsamen Kampf, oder haben ihn andere gef\u00fchrt? Wir &#8211; sind andere.<\/p>\n<p>Ich habe mehrere Leben und kein bestimmtes. Ein Leben hat aufgeh\u00f6rt, als ein anderes weiterging, ohne auf mich gewartet zu haben. Zu diesen Leben geh\u00f6ren Existenzen, Sprachen, Geschichten. Keine davon geh\u00f6ren mir.<\/p>\n<p>Als ich frisch in Deutschland mit rudiment\u00e4ren Deutschkenntnissen eingeschult werden sollte, meinte eine Lehrerin zu meiner Mutter ich sei \u201ezur\u00fcckgeblieben\u201c. Meine Mutter musste im W\u00f6rterbuch nachschlagen, was das bedeutet.<\/p>\n<p>In den folgenden Jahrzehnten tat ich alles, um mir das in der \u00d6ffentlichkeit nicht anmerken zu lassen. Emilia Smechowski beschreibt, wie <i>Wir Strebermigranten <\/i>auf der Stra\u00dfe die Stimme senkten, unsere andere Sprache nicht preisgeben wollten.<i> <\/i>Dieses Versteckspiel hat mich meine ganze Schulzeit begleitet. Ich habe einen Teil meines Wissens so erfolgreich geleugnet, dass ich beim Studium feststellen musste, wie viele L\u00fccken mir geblieben waren: Die Geschichte meiner Herkunft bestand f\u00fcr mich bis dahin aus der sowjetischen Generation meiner Eltern, die gerne dar\u00fcber stritten, wer die h\u00e4rtere Kindheit hatte; einem stigmatisierten Viertel am Rande der Kleinstadt, und den migrantischen Mitleugner_innen meines Freundeskreises. Jede Art von <i>Russendisko<\/i> ersch\u00fctterte mich in meinen Grundfesten. Im Studium, bei einem meiner ersten Dolmetscheins\u00e4tze geriet ich in Wortfindungsnot, als unverhofft Selbstbefriedigung zur Sprache kam: Ich hatte noch nie auf Russisch \u00fcber dieses Thema gesprochen. Zwischen der jungfr\u00e4ulichen Kinderkommunikation der Wendezeit und Dostojewski tat sich auf einmal eine Kluft auf. In meiner Scham hatte ich eine \u00c4quidistanz zwischen den Kulturen, Sprachen, Bezugsgruppen hergestellt: Ich f\u00fchlte mich aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden \u00fcberall in etwa gleich fehl am Platz. Ich wei\u00df, dass es auch vielen meiner autochthon deutschen Freunde so geht, es ist auch nicht so, dass es mir daf\u00fcr an pers\u00f6nlicheren Gr\u00fcnden fehlen w\u00fcrde als einer Herkunft. Das macht es nicht richtiger.<\/p>\n<p>Bei einem k\u00fcrzlich besuchten Vortrag \u00fcber Tendenzen der zeitgen\u00f6ssischen deutschsprachigen Literatur war ein ganzes Kapitel der Migrantenliteratur gewidmet. W\u00e4hrend Ter\u00e9zia Mora sich noch in guter alter \u201ek.u.k. Tradition\u201c eher deutsch w\u00e4hnen durfte, war bei den Migrantinnen neben Olga Grjasnowa und Fatma Aydemir, die sich nach den Worten des Referenten \u201ealso auch ganz gut integriert\u201c habe, die in F\u00fcrth geborene Natascha Wodin mit von der Partie. Die zweisprachige in Iowa geborene Ann Cotten durfte indessen der Kategorie experimentelle Literatur mit eigener Stimme zugerechnet werden. Auch der problematische Fall um Sa\u0161a Stani\u0161i\u0107s zweiten Roman <i>Vor dem Fest<\/i> machte klar, dass manche von uns besonders bedacht sein sollten bei ihren Themen. Dass sie immer auch schweigen, wenn sie reden. Dass sie vor eine Wahl gestellt sind, die ihnen nicht geblieben ist: ewige Ein- und Auswanderer zugleich, ewig gef\u00f6rdert oder diskriminiert, ewig unter- oder \u00fcbersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Und mir scheint, dass bestimmte Faktoren diese Wahrnehmung und den entsprechenden Habitus beg\u00fcnstigen, und diese Faktoren sind in den sozialen Gef\u00fcgen und ihrer Geschichte zu suchen \u2013 der Herkunfts- und Ankunftsorte gleicherma\u00dfen. Sind es doch bestimmte Gruppen, bestimmte Sprachen, f\u00fcr die sich die Strebermigrant_innen eher sch\u00e4men: polnisch, russisch, t\u00fcrkisch, arabisch. Weniger wahrscheinlich f\u00fcr franz\u00f6sisch, englisch oder niederl\u00e4ndisch. W\u00fcrde \u00fcberhaupt in allen gleicherma\u00dfen dieses Selbstverst\u00e4ndnis heranreifen, sich in der Gesellschaft bew\u00e4hren zu m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Eine Gesellschaftsordnung, die zu einem wesentlichen Teil auf Angst aufbaut, wird diejenigen, die sie gewaltsam verst\u00f6\u00dft immer auch gewaltsam zur\u00fcckhalten. Mir scheint, nur die kollektive Auseinandersetzung und \u00dcberwindung der Angstherrschaft kann erm\u00f6glichen, wirklich zu gehen \u2013 und zu bleiben, wo man will.<\/p>\n<p>Die Revolution von 2014 in meinem Geburtsland Ukraine markiert f\u00fcr mich pers\u00f6nlich so einen <i>point of no return<\/i>. Auf dem Weg zur Gleichschaltung haben die Menschen unter Lebens- und Existenzbedrohung einen anderen Weg eingeschlagen und eine Gesellschaft erk\u00e4mpft, in der Korruption, wirtschaftliche Probleme oder soziale Ungleichheit nicht abgeschafft, aber Eigenverantwortung, Offenheit und Pluralismus zul\u00e4ssig sind. Dieser Kampf wurde an einem Ort gef\u00fchrt, den ich kenne, von Menschen, die ich kenne. Nichts davon war mein Verdienst. Es ist nicht meine Geschichte. Den Kampf haben andere gef\u00fchrt. Aber das erste Mal in meinem Leben hatte ich das Gef\u00fchl, mich f\u00fcr meine Herkunft und die damit verbundenen Umst\u00e4nde, f\u00fcr alles und alle, die mir daran lieb und teuer sind, f\u00fcr mein Leben hier &#8211; nicht erkl\u00e4ren oder gar sch\u00e4men zu brauchen.<\/p>\n<p>Das erste Mal in meinem Leben habe ich mit aller Deutlichkeit gesp\u00fcrt, was f\u00fcr eine gro\u00dfe emanzipatorische Freiheit es ist, sich nicht zwanghaft identifizieren zu m\u00fcssen. Auch das ist es, wof\u00fcr Menschen in mehr oder weniger freiheitlichen Gesellschaften k\u00e4mpfen: f\u00fcr die M\u00f6glichkeit einzelner Stimmen; viele Stimmen h\u00f6rbar zu machen und zu h\u00f6ren; f\u00fcr das Recht, nicht Geisel einer Position oder Positionierung zu werden; f\u00fcr die M\u00f6glichkeit, auf Angst zu verzichten. Nicht umsonst wurde der <i>Euromaidan<\/i> als Revolution der W\u00fcrde bezeichnet. Ich habe das Gef\u00fchl, dass genau diese W\u00fcrde, diese Freiheit derzeit auch in der deutschen \u00d6ffentlichkeit zunehmend allzu leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird.<\/p>\n<p>Die Freiheit, nicht in einem Existenzzwiespalt zu leben, einer Wahl ohne Wahl zwischen entweder\/oder, f\u00fcr oder gegen, Pest und Cholera, ist unermesslich wertvoll. F\u00fcr diese Freiheit sind Menschen bereit, alles hinter sich zu lassen und woanders neu anzufangen. In meinem genetischen Ged\u00e4chtnis findet sich dazu nichts als verbrannte Erde. Aber Edgars Worte aus jenem ersten Satz klingen nach, treffen und treffen zu, verfolgen mich bis in alle Ewigkeit, oder sollte ich sagen: uns.<\/p>\n<p>Auch, wenn ich mir nichts sehnlicher w\u00fcnsche, als eine Auss\u00f6hnung, die M\u00f6glichkeit der zwanglosen Existenz zwischen den Sprachen, den geteilten Leben, Ost und West, Ab- und Ausgrenzung, zwischen Zur\u00fcckbleiben und Vorw\u00e4rtskommen, zweifle ich manchmal daran, dass es mir gelingen kann. Aber ich wei\u00df, dass es ein Kampf ist, den es Wert ist, zu f\u00fchren, selbst mit Worten. Auch und vor allem f\u00fcr die anderen m\u00f6glichen \u2013 Wir.<\/p>\n<p><i>Es k\u00f6nnte viel bedeuten.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keynote f\u00fcr das Parataxe Symposium OSTPOL BERLIN am 23. November 2017 &nbsp; \u201eWenn wir schweigen, werden wir unangenehm, sagte Edgar, wenn wir reden, werden wir l\u00e4cherlich.\u201c Mit diesem Satz beginnt Herta M\u00fcllers Roman Herztier. 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