{"id":9142,"date":"2018-05-15T19:35:38","date_gmt":"2018-05-15T17:35:38","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=9142"},"modified":"2020-11-23T12:41:39","modified_gmt":"2020-11-23T11:41:39","slug":"entbabylonisierung-psychologien-der-integration","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/entbabylonisierung-psychologien-der-integration\/","title":{"rendered":"Entbabylonisierung: Psychologien der Integration"},"content":{"rendered":"<p>Ich wei\u00df das Datum nicht mehr genau, an dem ich in den Bus Richtung Deutschland stieg. Vielleicht war es der 7. Juli 2000, ein Freitag, vielleicht war es der 8. Juli 2000, ein Samstag. Ich wurde gerade 13 und brach also auf zu neuen Ufern. Ein Scheidungskind, unterwegs von seinem Vater zu seiner Mutter und seinem Stiefvater, eine 20 st\u00fcndige oder noch l\u00e4ngere Fahrt vor sich habend. Ein zweimonatiges Aufenthaltsvisum in der Tasche \u2013 oder im Pass in der Tasche. Aber keiner dachte mehr ernsthaft daran, dass ich jemals dauerhaft zur\u00fcck nach Rum\u00e4nien finden w\u00fcrde. Auch ich nicht.<\/p>\n<p>Mein erstes deutsches Wort, das ich aufschnappen konnte, d\u00fcrfte das Wort \u201eAusfahrt\u201c gewesen sein. Wenn nicht schon auf der Autobahn in \u00d6sterreich, dann sp\u00e4testens auf der Autobahn in Deutschland. Wir fuhren \u00fcber Ungarn und \u00d6sterreich. Ich h\u00e4tte mir den Sinn dieses Wortes, n\u00e4mlich von \u201eAusfahrt\u201c, und seine exzessive Verwendung auf Autobahnen sicherlich vage zusammenreimen k\u00f6nnen, w\u00e4re ich jemals zuvor auf irgendeiner rum\u00e4nischen Autobahn gefahren. Aber damals gab es in Rum\u00e4nien nur zwei Autobahnlinien, so weit ich wei\u00df, und die lagen nicht in der n\u00e4heren Umgebung von Alba Iulia, der Stadt, die ich soeben verlie\u00df.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht: Im Augen eines Kindes, welches des Deutschen nicht m\u00e4chtig ist, ist \u201eAusfahrt\u201c vielleicht der Name eines gro\u00dffl\u00e4chigen Stadtstaates, in den alle Ausfahrten hineinf\u00fchren, so dass jede Ausfahrt eine Ausfahrt der Ausfahrt ist. Oder ganz einfach: \u201eAusfahrt\u201c ist ein Synonym f\u00fcr Rom. Bekanntlich f\u00fchren alle Wege dorthin.<\/p>\n<p>Ich erreichte Bayern, endlich den Ankunftsort, die auch als das \u201ebayerische Nizza\u201c bezeichnete Stadt Aschaffenburg. Ich wei\u00df noch, wie ich mir das Z\u00e4hlen beibrachte: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, vielleicht noch 11 und 12, bevor ich im deutschen Bildungssystem angemeldet werden sollte. Ich war motiviert und ehrgeizig, hatte in Rum\u00e4nien soeben die sechste Klasse als Drittbester abgeschlossen. Nun wurde ich in Aschaffenburg an eine sogenannte \u201eVolksschule\u201c gegeben. Wahrscheinlich ist dieser Terminus gar nicht mehr bekannt, weil inzwischen weder in Landesverfassungen noch in Schulgesetzen gebr\u00e4uchlich. \u201eVolksschule\u201c bezeichnete eine schulische Einrichtung, die eine Mindestausbildung sichern sollte. Sie war vergleichbar mit der Hauptschule, aber noch niedriger einzustufen, weil man sie schon nach acht Jahren beendete. Ausnahmslos alle meine Mitsch\u00fcler waren Migranten, Migranten aus allen Ecken dieser Welt. Anf\u00e4nglich kommunizierten wir mit Hand und Fu\u00df.<\/p>\n<p>Hand und Fu\u00df begleiteten unsere Kommunikationsversuche. Jeder von uns hatte den Impuls, in der jeweiligen Muttersprache zu kommunizieren. Jeder Kommunikationsversuch setzte dann auch in ihr an. Beim wahrscheinlich dritten oder vierten Wort wurde einem bewusst, dass man den anderen nicht verst\u00e4ndlich war, so dass sich Hand und Fu\u00df der Aufgabe annahmen. So begann die Entw\u00f6hnung von der eigenen Sprache zugunsten einer anderen oder zugunsten von mehreren anderen.<\/p>\n<p>Ich wurde sogleich auch mit einem Einstufungstest konfrontiert. Ob ich in einen h\u00f6heren Deutschkurs \u201eDeutsch als Zweitsprache\u201c eingestuft werden sollte, hing an der Frage: \u201eWelche Farbe hat dieser Vorhang?\u201c Es handelte sich um einen dickstoffigen, alten, fusseligen, recht h\u00e4sslichen Vorhang, wenn ich mich recht entsinne. Auf gut Gl\u00fcck antwortete ich mit: \u201eGr\u00fcn!\u201c Ich kannte einige Farbw\u00f6rter, aber ich glaube nicht, dass ich sie damals schon der tats\u00e4chlichen Farbe zuordnen konnte. Meine Antwort war also im Grunde genau so unsinnig wie einer der ber\u00fchmtesten S\u00e4tze der Wissenschaftsgeschichte: \u201eFarblose gr\u00fcne Ideen schlafen w\u00fctend.\u201c Sie kennen diesen Satz vielleicht?! Er stammt vom Linguisten Noam Chomsky und tauchte erstmals im Jahr 1957 auf. Inzwischen k\u00f6nnte man diesem Satz einigen Sinn abgewinnen, mit dem ich nicht einverstanden w\u00e4re. Wie dem auch sei: Mit \u201eGr\u00fcn!\u201c lag ich unsinnigerweise richtig und wurde unsinnigerweise h\u00f6her eingestuft. Aber ich holte schnell nach und wurde [ich zitiere aus dem Jahreszeugnis] zum \u201eTraum eines jeden Lehrers\u201c. Das harte rum\u00e4nische Schulregime half mir, die deutsche Volksschule, in der ich eine sch\u00f6ne Zeit verbracht hatte, schnell wieder zu verlassen. Sie unterforderte mich, zumal alle anderen Fremdsprachen gar nicht gelehrt wurden: kein Franz\u00f6sisch, kein Englisch, kein Latein etc. Es war ungef\u00e4hr so: Es verhielt sich das deutsche Fernsehen zu seinen Zuschauern wie die Volksschule zu ihren Sch\u00fclern: Sie durften nicht \u00fcberfordert werden. Eine recht arrogante Haltung!<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend durfte ich aufs Gymnasium, auf ein bayerisches Gymnasium, mit der Bedingung, die soeben sehr erfolgreich abgeschlossene siebte Klasse freiwillig zu wiederholen. Nat\u00fcrlich lie\u00df ich mich darauf ein. Jetzt holten mich aber die schulgesetzlichen Vernachl\u00e4ssigungen der Fremdsprachen ein: Franz\u00f6sisch \u201ebefriedigend\u201c, Englisch sogar nur \u201eausreichend\u201c. Und im Zwischenzeugnis war das Fach Deutsch \u201evon der Bewertung noch ausgenommen\u201c. Im Jahreszeugnis: \u201eDer Sch\u00fcler unterlag im Fach Deutsch noch keiner Leistungserhebung. Er hat in diesem Fach erhebliche Fortschritte erzielt.\u201c<\/p>\n<p>Zwei Jahre hatte ich also in Aschaffenburg verbracht, und man war der Meinung, dass meine sprachlichen Fortschritte \u201eerheblich\u201c seien. Ich sah das anders. In Aschaffenburg lebten auch viele Russen und Russlanddeutsche. Ich wei\u00df nicht, ob das auch heute der Fall ist. Von einem erfuhr ich, dass er seit 20 Jahren in Aschaffenburg lebe. 20 Jahre?! Wie konnte das sein?! Er sprach kaum Deutsch! Ich erinnere mich an eine Begegnung mit ihm in der Nachbarschaft \u2013 dort, wo es in den unterirdischen Parkplatz geht. Schon damals hatte ich das Bild im Kopf, dass mein Weg, sollte ich in Aschaffenburg bleiben, sollte es weiter so gehen wie in den vergangenen zwei Jahren \u2013 dass mein Weg nur \u201ekellerw\u00e4rts\u201c f\u00fchren k\u00f6nnte, d.h., nach unten. Denn irgendwann w\u00fcrden die sprachlichen Fortschritte stagnieren.<\/p>\n<p>Zuhause sprach man ja noch weitgehend Rum\u00e4nisch. Und je mehr die Deutschkenntnisse meiner Mutter zunahmen, w\u00e4hrend ihre Rum\u00e4nischkenntnisse abnahmen, sprach man dort vermehrt eine Art Rum\u00e4nischdeutsch oder eine Art Deutschrum\u00e4nisch. Das empfand ich nicht als Bereicherung, sondern es verwirrte mich und verkleinerte zudem meine k\u00fcnftigen beruflichen M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Vielleicht kennen sie Alfred Kerrs \u201eRum\u00e4nienlied\u201c und wie er sich darin \u2013 ja, man k\u00f6nnte sagen \u2013 \u00fcber die frisch emigrierten, der Landessprache noch nicht kundig seienden Rum\u00e4nen lustig macht, in dem er die deutsche Sprache in die rum\u00e4nische Grammatik hineinmutieren l\u00e4sst, sie in einem siebenb\u00fcrgischen Dialekt mit rum\u00e4nischen Flektionsendungen verziert:<\/p>\n<p>\u201eIn den klainsten Winkelescu<br \/>\nFiel ein Russen-Trinkgeldescu,<br \/>\nFraidig ibten wir Verratul \u2014<br \/>\nPolitescu schnappen Drahtul.<\/p>\n<p>Alle Velker staunerul,<br \/>\nSan me gro\u00dfe Gaunerul.<br \/>\nUngarn, Siebenb\u00fcrginescu<br \/>\nMechten wir erw\u00fcrginescu.<\/p>\n<p>Gebr\u00fcll escu voll Triumphul<br \/>\nMitten im Korruptul-Sumpful<br \/>\nIn der Hauptstadt Bukurescht,<br \/>\nWo sich kainer Fi\u00dfe w\u00e4scht.<\/p>\n<p>Leider kriegen wir die Paitsche<br \/>\nVun Bulgaren und vun Daitsche;<br \/>\nZogen flink-flink in Dobrudschul,<br \/>\nFeste Tutrakan ist futschul!<\/p>\n<p>Aigentlich sind wir, wai\u00df Gottul,<br \/>\nDann heraingefallne Trottul,<br \/>\nHaite noch auf stolzem Ro\u00dfcu,<br \/>\nMurgens eins auf dem Poposcu!\u201c<\/p>\n<p>So ungef\u00e4hr sprachen wir auch Zuhause, und diese \u201eFehlerhaftigkeit\u201c konnte die reine Schulzeit nicht aufwiegen, aufheben. Diese \u201eFehlerhaftigkeit\u201c und der seit 20 Jahren in Deutschland lebende, aber kaum Deutsch sprechende Russe oder Russlanddeutsche machten mir Angst. Ich musste etwas tun. Ich stellte mir eine quasi Falladeske Frage: \u201eKleiner Mann \u2013 was nun?\u201c<\/p>\n<p>Ich brachte meine Mutter und meinen Stiefvater dazu, mich an ein Sportinternat zu schicken. Das Sch\u00fclerbaf\u00f6g sorgte f\u00fcr den Unterhalt. Und das war im Grunde meine Rettung. Dort konnte ich mich auch durch die geographische Distanz zur Muttersprache abschotten. Ich war fortan f\u00fcr sechs Jahre bis zum Abitur gezwungen, Deutsch zu sprechen. Nicht einmal an Wochenenden wollte ich nach Hause. Und das musste ich auch nicht. Denn die Internatspolitik war sehr liberal.<\/p>\n<p>Ich hatte mir letztendlich vorgenommen, meine Geschichte samt der Sprache dieser Geschichte, mein Rum\u00e4nisch, auszuradieren, zu vergessen. Was nat\u00fcrlich nur eine Illusion ist, eine fr\u00fcher oder sp\u00e4ter nach au\u00dfen wollende Unterdr\u00fcckung. Aber es funktionierte, die gr\u00f6\u00dften Fortschritte fanden im Internat statt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig erlebte ich an keinem anderen Ort solche Sprachschikanen und solches Sprachmobbing wie dort, im Sportinternat. Der gr\u00f6\u00dften Sprachpr\u00fcfung unterzog mich Till, so hie\u00df er. Oder so hei\u00dft er. Er lebt ja noch. Er war der gr\u00f6\u00dfte Schikaneur. Er war skrupellos, meinem Akzent und meiner Unf\u00e4higkeit gegen\u00fcber, zwischen langen und kurzen Vokalen zu unterscheiden. Und dann hie\u00df er im Nachnamen auch noch H\u00f6hler; \u00f6, h: Noch immer, wenn ich in Stresssituationen gerate, w\u00fcrde ich \u201eH\u00f6ller\u201c sagen, und nicht \u201eH\u00f6hler\u201c. Er machte und hielt mich klein.<\/p>\n<p>Auch die deutschen Redewendungen bereiten mir Schwierigkeiten. Hie und da w\u00fcrde ich gerne schlagfertig mit einer Redewendung antworten, aber von nichts kommt nichts: In der Zeit, wo ich ein Gesp\u00fcr f\u00fcr sie entwickelt h\u00e4tte, konnte ich nicht ahnen, dass ich irgendwann in Deutschland leben und auf Deutsch schreiben w\u00fcrde. Und dann die deutschen Artikel: der, die, das. Am Anfang war es furchtbar, ich habe alles durcheinandergebracht, aber mir fiel auf, dass, sobald ich nur noch in Diminutiven rede, zwei von drei Artikeln wegfallen und nur noch \u201edas\u201c \u00fcbrigbleibt. Also habe ich eine Zeitlang nur noch in Diminutiven geredet, mit dem Suffix -chen nat\u00fcrlich, bei dem Suffix -lein war ich noch nicht. Vielleicht war ich zu dem Zeitpunkt eine Figur in einem OuLiPo-Roman, in einer Welt en miniature: \u201eIm Kneipchen trank er zu viel Bierchen. Einmal drau\u00dfen \u2013 fiel er hin und brach sich das Rippchen.\u201c<\/p>\n<p>\u2026 und dann die weiterbestehende Scham vor dem eigenen Akzent, was nat\u00fcrlich nur eine gr\u00f6\u00dfere Angst ist, n\u00e4mlich davor, aufzufallen; die Angst, jemand zu sein, der von der sprachlichen Norm abweicht.<\/p>\n<p>Selbstanspruch und \u00e4u\u00dferer Anspruch waren also, sich so umzustellen, dass man nicht mehr auff\u00e4llt. Das ist aber illusorisch, weil nicht zuletzt man selbst es ist, der immer genug Fremdes an sich, d.h., dem Rum\u00e4nen in sich, findet.<\/p>\n<p>Wenn ich meine Deutschjahre zusammennehme, dann komme ich auf achtzehn. Ich bin seit diesem Jahr vollj\u00e4hrig. In diesen achtzehn Jahren war mir die rum\u00e4nische Sprache eine mehr oder weniger verbotene Frucht, Verbot, dem ich unbedingt folgen musste. Ich nahm ja an, dass ich ansonsten niemals \u201erichtig\u201c Deutsch sprechen k\u00f6nnen w\u00fcrde. Jetzt, in der Vollj\u00e4hrigkeit, kehrt das Rum\u00e4nisch allm\u00e4hlich zur\u00fcck. Das h\u00e4ngt bei mir auch mit der gr\u00f6\u00dfer werdenden Rolle der Lyrik in meinem Leben zusammen, in der die Frage nach Sprachurspr\u00fcngen eine wesentliche ist. Freilich ist es nur noch ein gebrochenes Rum\u00e4nisch, zu dem mein antiuniversalistischer Ansatz gef\u00fchrt hat, wenigstens eine (!) Sprache \u201erichtig\u201c zu beherrschen.<\/p>\n<p>Von hier aus lie\u00dfe sich in meinen Augen gegen bi- und multilinguale Erziehungsp\u00e4dagogiken argumentieren. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich doch sagen, dass sich zwei oder mehr Sprachen einander im Wege stehen, dass das gleichzeitige Sprechen zweier oder mehrerer Sprachen zu einer Vermittelm\u00e4\u00dfigung des Sprachverm\u00f6gens in der jeweils anderen Sprache f\u00fchrt, dass sich das Kollidieren zweier oder mehrerer Sprachen traumatisch auf die Psyche des Kindes auswirken kann. Sie werden mir vielleicht sagen, es sei etwas Anderes, von Grund auf bi- oder multilingual aufzuwachsen denn ab 13. Darauf werde ich irrational antworten, dass ich mich nicht traue, dieses Experiment mit offenem Ausgang an meinem Sohn auszuprobieren. Au\u00dferdem w\u00fcrde ich ihm sowieso nur ein gebrochenes Rum\u00e4nisch anbieten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/event\/polylinguale\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>Parataxe Symposium IV \u2013 Berlin POLYLINGUAL<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wei\u00df das Datum nicht mehr genau, an dem ich in den Bus Richtung Deutschland stieg. Vielleicht war es der 7. Juli 2000, ein Freitag, vielleicht war es der 8. Juli 2000, ein Samstag. Ich wurde gerade 13 und brach also auf zu neuen Ufern. 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