{"id":9148,"date":"2018-05-15T18:15:57","date_gmt":"2018-05-15T16:15:57","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=9148"},"modified":"2020-11-26T20:14:16","modified_gmt":"2020-11-26T19:14:16","slug":"plastikgabel","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/plastikgabel\/","title":{"rendered":"Plastikgabel"},"content":{"rendered":"<p>Viele meinen, die Multilingualit\u00e4t sei eine Art Superpower, eine freudige, expressive F\u00e4higkeit, die eigene Grenzen enorm erweitert. Nicht f\u00fcr mich. F\u00fcr mich bedeutet sie Frustration, Verzweiflung, Notl\u00f6sung. Was ich meine, l\u00e4sst sich leicht mit einer Metapher erkl\u00e4ren:<\/p>\n<p>Man sitzt in einer Gef\u00e4ngniszelle (Russen haben eine seltsame Neigung zu Gef\u00e4ngnisvergleichen) und versucht sich in die Freiheit durchzugraben. Zuerst benutzt man daf\u00fcr einen Holzl\u00f6ffel, das w\u00e4re in dieser Metapher die Muttersprache, sie ist nicht ganz daf\u00fcr geeignet, man erreicht nicht sehr viel, man schafft nicht wirklich tief: zum Teil sind es handwerkliche Einschr\u00e4nkungen, zum anderen &#8211; nat\u00fcrliche allgemeine Einschr\u00e4nkungen, die mit der Verwendung einer Sprache zusammenh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Lange Jahre arbeitet man mit dem Holzl\u00f6ffel. Dann bekommt man noch eine Plastikgabel dazu &#8211; die deutsche Sprache. Man versucht auch damit weiterzugraben, sie ist sehr zerbrechlich, leicht kaputt zu machen, eine Plastikgabel, das, was von einem Currywurst-Verzehr \u00fcbrig blieb. Ist nicht optimal, doch das ist etwas. H\u00e4tte ich einen Zugang zu einem weiteren Werkzeug, h\u00e4tte ich das auch benutzt.<\/p>\n<p>Verstehen Sie? Keine freudige, blutr\u00fcnstige Eroberung eines fremden Sprachraumes. Angstgetrieben und verunsichert, so bin ich zu der deutschen Sprache gekommen. Was ist besser, ein Holzl\u00f6ffel oder eine Plastikgabel? &#8211; im Verh\u00e4ltnis zu der Aufgabe, die kaum l\u00f6sbar zu sein scheint, die Grenzen des eigenen Ichs zu \u00fcberwinden &#8211; ist es fast schon egal. Wie mein Fahrschullehrer sagte: Du hast zu viel Respekt vor den Dingen. Die praktizierende Multilingualit\u00e4t verleiht mir wenigstens eine Illusion, das man eine aktive Rolle annimmt, das man etwas macht.<\/p>\n<p>Ausgerechnet Nabokov war viele Jahre lang mein Idol und mein Begleiter, ein Schriftsteller, der seinen Switch zu der englischen Sprache als das gr\u00f6\u00dfte Trauma seines Lebens verkauft hat. Dabei war Englisch seine eigentliche Muttersprache, er wuchs in der Familie eines anglophilen Aristokraten auf. Ich geh\u00f6re wahrscheinlich zu der letzten russischen Generation, f\u00fcr die die Unm\u00f6glichkeit einer Fremdsprache eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit war &#8211; nie, niemals, unter keinen Umst\u00e4nden. Bis zu meinem 18. Lebensjahr war mir absolut klar, dass ich niemals in meinem Leben eine andere Sprache verstehen w\u00fcrde, vom Sprechen ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Ich bin noch relativ jung, doch in dieser Hinsicht bin ich uralt, ich trage in mir ein Muster, so archaisch wie Sklavenhandel. Und damit ausgestattet marschiere ich durchs Leben. Wenn ich Deutsch spreche, bin ich selbst so schockiert, dass ich einfach das Konzept einer Fremdsprache ablehne. Eine Plastikgabel, Punkt. Dann geht\u2019s. Ich konnte wenigstens ein bisschen meine innere Ruhe finden, indem ich verstanden habe, dass ich diese innere Spaltung nie \u00fcberwinden werde, ich bleibe f\u00fcr immer dazwischen. Ich lebe in einem russischen Ghetto in Deutschland. Meine Plastikgabel gibt mir wenigstens die Chance geh\u00f6rt zu werden: Ich kann sagen, wie es mir geht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/event\/polylinguale\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>Parataxe Symposium IV \u2013 Berlin POLYLINGUAL<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele meinen, die Multilingualit\u00e4t sei eine Art Superpower, eine freudige, expressive F\u00e4higkeit, die eigene Grenzen enorm erweitert. Nicht f\u00fcr mich. F\u00fcr mich bedeutet sie Frustration, Verzweiflung, Notl\u00f6sung. 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