{"id":9152,"date":"2018-05-15T18:20:00","date_gmt":"2018-05-15T16:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=9152"},"modified":"2020-11-23T14:40:54","modified_gmt":"2020-11-23T13:40:54","slug":"translocal-underground","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/translocal-underground\/","title":{"rendered":"Translocal Underground 2018"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\"><span lang=\"de-DE\">Ich glaube, ich sitze hier im Prinzip wegen eines Artikels, den ich vor gut zehn Jahren in einer englischsprachigen Literaturzeitschrift aus Berlin ver\u00f6ffentlicht habe, die leider, wie so oft, genau die dritte Ausgabe nicht \u00fcberlebt hat. Allerdings hat dieser Artikel in den Jahren danach ein klein wenig Resonanz bekommen, zumindest in den englischsprachigen Literaturszenen von Berlin, Prag und Amsterdam.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span lang=\"de-DE\">Der Artikel hie\u00df <\/span><a href=\"https:\/\/longbarrowpress.files.wordpress.com\/2011\/04\/translocal-underground-by-alistair-noon.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span lang=\"de-DE\"><i>Translocal Underground: Anglophone Poetry and Globalization<\/i><\/span><\/a><span lang=\"de-DE\">. Globalisierung war bereits damals kein frischer Begriff, aber nicht ganz so ausgelutscht wie jetzt. Und was englischsprachige Lyrik angeht, denke ich im nachhinein, h\u00e4tte ich ruhig den Horizont ein bisschen weiter fassen k\u00f6nnen, aber es war damals \u2013 und jetzt \u2013 das, was ich als englischsprachiger Lyriker am besten kenne, auch wenn ich in den letzten Jahren verst\u00e4rkt mit russischsprachiger Lyrik zu tun hatte. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span lang=\"de-DE\">Also \u2013 was hei\u00dft <\/span><span lang=\"de-DE\"><i>Translocal<\/i><\/span><span lang=\"de-DE\">. Das ist ein Begriff, der damals relativ neu in der Geschichtswissenschaft und der Anthropologie war, und benutzt wurde, um vor allem nichtnationale Perspektiven auf die Geschichte respektive die Kultur zu beschreiben und zu erm\u00f6glichen. Das schien mir gleich ein brauchbarer Begriff zu sein, einerseits f\u00fcr das, was meine englischsprachigen Kollegen und ich hier in Berlin veranstaltet haben \u2013 besagte Literaturzeitschrift mit Johannes Frank, der im n\u00e4chsten Panel sprechen wird, ein kleines Lyrikfestival, Lesungen und so weiter, also das \u00dcbliche, nur dass wir das alles in einer sprachlichen Umgebung gemacht haben, in der wir quasi nicht von Haus aus zu Hause sind. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span lang=\"de-DE\">Andererseits, f\u00fcr viel weitergehende und \u00e4ltere Prozesse in der Literatur: einmal, die physische Anwesenheit von Autoren an einem sage ich Nicht-Meine-Muttersprache-Ort. Und einmal auch, das Ph\u00e4nomen des sage ich Sich-In-Einen-Anderen-Ort-Denkens, was selbstverst\u00e4ndlich nicht unproblematisch ist, unter anderem unter post- oder besser neokolonialistischen Aspekten, aber doch durchaus zur k\u00fcnstlerischen Freiheit geh\u00f6ren kann, meine ich. Und keineswegs zuletzt, das \u00dcbersetzen, das aus meiner Sicht das Translokalste ist, was es gibt, indem es Gedichte, Romane, Ideen an einen anderen Ort bringt.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span lang=\"de-DE\">Was mir auch an diesem Begriff \u2013 <\/span><span lang=\"de-DE\"><i>translocal<\/i><\/span><span lang=\"de-DE\"> \u2013 gefiel, war dass er sch\u00f6n neutral und offen ist, und das ist nicht unwichtig, angesichts der Vielfalt an Erfahrungen, die abzudecken sind. Da sind einmal Autorinnen und Autoren, die zum Beispiel in Deutschland geboren sind und auf Deutsch schreiben, wo aber der Migrationshintergrund der Eltern inhaltlich und vielleicht sprachlich mitschwingt, und die inzwischen gewisserma\u00dfen in den Mechanismen des hiesigen Literaturbetriebs aufgehoben sein k\u00f6nnen. Dann gibt es Autorinnen und Autoren, die in ihrem Geburtsland gewisserma\u00dfen Fu\u00df gefasst haben, und die dann f\u00fcr kurzer oder l\u00e4nger oder vielleicht auch immer nach Deutschland kommen, und dann gewisserma\u00dfen von Institutionen wie der DAAD aufgefangen werden, was die Aufmerksamkeit angeht. Und dann gibt es Autorinnen und Autoren, deren Muttersprache nicht deutsch ist, die nicht oder nicht prim\u00e4r auf Deutsch schreiben, und die sich erst einmal aus Deutschland heraus beziehungsweise in Deutschland etwas Aufmerksamkeit erarbeiten m\u00fcssen, und das ist nicht einfach. Selbstverst\u00e4ndlich sind diese Kategorien flie\u00dfend und vereinfacht, aber die Unterschiede gibt es.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span lang=\"de-DE\">So, wie sieht&#8217;s aus bei der Konkurrenz. Wir sitzen hier in einer Veranstaltung, deren Titel den Begriff Polylingual benutzt, und den Begriff finde ich auch gar nicht so schlecht, ehrlich gesagt, weil er auch sch\u00f6n neutral und umfassend ist. Ich werde jetzt etwas pedantisch sehr kurz auf ein paar konkurrierende Begriffe zielen, die ich als bestenfalls partiell betrachte, und schlimmstenfalls als durchaus irref\u00fchrend. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span lang=\"de-DE\">Es kursieren manchmal Begriffe wie cosmopolitan poetry, Exildichtung, oder \u2013 speziell f\u00fcr Inselaffen und verwandte Spezies \u2013 Expat poetry. Alle mit Zeug im Gep\u00e4ck, was einfach unsch\u00f6n oder sachlich falsch ist. Dann gibt es ein Haufen Begriffe, die alle Variationen auf ein Thema sind: interkulturell, transkulturell, multikulturell, transnational\u00a0\u2013 international ist wieder was anders vielleicht. Hier gibt es durchaus legitime Verwendungen f\u00fcr diese Begriffe. Allerdings kommt man dadurch relativ schnell in essenzialistische Positionen, einfach weil die Worte Kultur und Nation da drin sind und inzwischen seit Jahrhunderten nicht nur wissenschaftlich sondern auch politisch strittig sind. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span lang=\"de-DE\">Insbesondere muss ich etwas querulantisch auf den einen Begriff hier schie\u00dfen, und zwar \u201einterkulturell\u201d. Dieser Begriff impliziert nicht nur Autoren sondern auch Menschen generell seien \u201ezwischen den Kulturen\u201d und das denke ich beschreibt die Lebenswirklichkeit oft sehr schlecht. Man ist nicht zwischen Kulturen sondern in mehr als einer, und nicht immer nationalen Kultur.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span lang=\"de-DE\">Die Vorsilbe \u201etrans-\u201d ist mir deutlich sympathischer, weil dynamischer, und ohne Differenzen negieren zu wollen, die Fokussierung auf den Ort \u2013 oder besser die Orte \u2013 des Schreibens und Lesens und letztendlich des Lebens finde ich besser und verbindender, als eine implizierte Prioritisierung von Kategorien wie Kultur und Nation, wenn man nicht jedes mal eine halbe Stunde erkl\u00e4ren muss, was man damit meint und was nicht. Elina Mikkil\u00e4 hatte vorhin vom gr\u00f6\u00dften gemeinsamen Nenner gesprochen, und vielleicht ist das \u201etranslokal\u201c. Wir sind ja alle hier, aber auch irgendwie woanders.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/event\/polylinguale\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Parataxe Symposium IV \u2013 Berlin POLYLINGUAL<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich glaube, ich sitze hier im Prinzip wegen eines Artikels, den ich vor gut zehn Jahren in einer englischsprachigen Literaturzeitschrift aus Berlin ver\u00f6ffentlicht habe, die leider, wie so oft, genau die dritte Ausgabe nicht \u00fcberlebt hat. 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