{"id":9432,"date":"2019-02-13T12:59:54","date_gmt":"2019-02-13T11:59:54","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=9432"},"modified":"2020-11-17T15:53:49","modified_gmt":"2020-11-17T14:53:49","slug":"die-worte-anderer","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/die-worte-anderer\/","title":{"rendered":"Die Worte Anderer"},"content":{"rendered":"<p><em>words about words, framed by words about the world <\/em>(<em>or vice versa<\/em>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Bis heute teilt sich die Literatur in zwei Lager. <\/em><em>Das eine glaubt, dass W\u00f6rter die Welt, das andere, dass W\u00f6rter W\u00f6rter spiegeln. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Stefan Ripplinger<strong> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9434 size-full\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-rinne-17-questions.jpeg\" alt=\"\" width=\"870\" height=\"1518\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-rinne-17-questions.jpeg 870w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-rinne-17-questions-172x300.jpeg 172w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-rinne-17-questions-768x1340.jpeg 768w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-rinne-17-questions-587x1024.jpeg 587w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-rinne-17-questions-173x302.jpeg 173w\" sizes=\"auto, (max-width: 870px) 100vw, 870px\" \/><\/strong><em>17 questions<\/em>, aus <em>l\u2019usage du mot<\/em>, kookbooks, Berlin 2017<\/p>\n<p>Mehrsprachig zu schreiben ist f\u00fcr mich kein Ziel an sich. L\u00e4ngere Texte k\u00f6nnen durchaus auch v\u00f6llig einsprachig ausfallen, beinah jedenfalls \u2013\u00a0so zum Beispiel der<em> Dualog<\/em> (Dialoge zum Dualismus), den ich auf Deutsch schrieb, ins Englische \u00fcbertrug und der letztes Jahr in d\u00e4nischer \u00dcbersetzung erschien. Vor einiger Zeit wurde ich gebeten, ein Libretto f\u00fcr eine Oper zu schreiben, und da es noch unklar war, f\u00fcr welche Stimmen ich schrieb, w\u00e4hlte ich Englisch als Ger\u00fcstsprache, belie\u00df jedoch s\u00e4mtliche Zitate aus literarischen Quellen in ihrer Originalfassung. In meinen kurzen Texten, die als minimalistische, konkrete Poesie bezeichnet werden k\u00f6nnten, gibt es keine Hauptsprache. Der gr\u00f6\u00dfte Teil ist auf Englisch, Deutsch und Franz\u00f6sisch verfasst, mitunter tauchen auch Italienisch, Spanisch und vereinzelt auch andere Sprachen auf. Die Sprachwahl ist dabei keine bewusste Entscheidung, sondern im Grunde schon gegeben, weil der Sinn oft bereits in der jeweiligen Sprache enthalten ist und die Arbeiten in anderen Sprachen gar nicht funktionieren w\u00fcrden. Die Texte operieren mit minimalen semantischen Verschiebungen qua Klang oder Bedeutung, \u00fcber Sprachen hinweg oder auch nur innerhalb einer Sprache. Die meisten w\u00e4ren nicht angemessen \u00fcbersetzbar \u2013 oder \u00dcbersetzungen sind durchaus m\u00f6glich, aber nicht notwendigerweise sinnvoll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vieles ist inspiriert von der Philosophie, Kunst oder Musik, oder nimmt Ausgangspunkt in Zitaten, deren Sprache ich nicht \u00e4ndern m\u00f6chte. Wahrscheinlich passen die plurizentrischen europ\u00e4ischen Sprachen in gewisser Hinsicht besser zu den recht abstrakten Arbeiten als beispielsweise das Schwedische, das f\u00fcr mich mit ganz anderen Lebenssph\u00e4ren verbunden ist. Dem russischen Dichter und Mitbegr\u00fcnder des Moskauer Konzeptualismus Lew Rubinstein zufolge operiert ein k\u00fcnstlerisches System nicht so sehr mit Sprache, sondern vielmehr mit dem Bewusstsein: \u201cUm es genauer zu sagen, mit der komplexen Interrelation zwischen individuellem k\u00fcnstlerischen und allgemeinem kulturellen Bewusstsein. Daher das Gef\u00fchl des Hin-und Herflackerns zwischen eigener\/fremder Sprache, An-und Abwesenheit des Autors im Text, und so weiter.\u201c Die neueste Arbeit, die zun\u00e4chst als Ausstellung gezeigt und nun in Kopenhagen als Buch erschienen ist, sind ganz einsprachig Englisch: die <em>sentences<\/em> spielen unter anderem mit der Doppeldeutigkeit des englischen Begriffs, und nehmen Walter Benjamins Diktum <em>Jede Sprache teilt sich selbst mit<\/em> sozusagen w\u00f6rtlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-9433\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-image-lcb-page-001.jpg\" alt=\"\" width=\"1535\" height=\"1240\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-image-lcb-page-001.jpg 1535w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-image-lcb-page-001-300x242.jpg 300w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-image-lcb-page-001-768x620.jpg 768w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-image-lcb-page-001-1024x827.jpg 1024w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-image-lcb-page-001-374x302.jpg 374w\" sizes=\"auto, (max-width: 1535px) 100vw, 1535px\" \/><\/strong><\/p>\n<p><em>this sentence would prefer to be an image<\/em>, aus <em>sentences<\/em>, Forlaget Gestus, Kopenhagen 2019<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr mich liegt wohl genau hier die urspr\u00fcngliche Faszination mit der Sprache, die, ein klein wenig zweckentfremdet, ihre <em>raison d\u2019\u00eatre<\/em> gleichsam in Frage gestellt sieht. Und doch nutzen wir sie gerade so als sei sie ein perfekter Satz Werkzeug, ohne sie weiter zu hinterfragen. Dies, obgleich jener Werkzeugsatz in einer anderen Sprache vielleicht ganz anders aussehen w\u00fcrde und es nicht ohne weiteres m\u00f6glich w\u00e4re, das Gleiche zu denken oder zu sprechen. Wie kann ich mir dessen, was ich denke, \u00fcberhaupt noch sicher sein oder auch nur glauben, was ich sage? Sind meine Gedanken nicht immer schon gefangen in einer bereits existierenden Sprache? Sind wir nicht <em>prisonnier(s) des mots d\u2019autrui<\/em> (Gefangene der Worte anderer), wie Barthes sagt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Besonders bedenklich wird dies, wenn diese Worte anderer sich in der Sprache so zu Ausdr\u00fccken verfestigen, dass sie an sich schon eine Wahrheit postulieren und sozusagen am Denken hindern. \u201eKlischees, g\u00e4ngige Redensarten, konventionelle standardisierte Ausdrucks- und Verhaltensweisen\u201c haben Hannah Arendt zufolge \u201edie gesellschaftlich anerkannte Funktion, gegen die Wirklichkeit abzuschirmen, gegen den Anspruch, den alle Ereignisse und Tatsachen kraft ihres Bestehens an unsere denkende Zuwendung stellen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr Henri Chopin war die Sprache ein so gro\u00dfes Verh\u00e4ngnis, dass er sich schlie\u00dflich weigerte, sich von <em>le Verbe<\/em> (dem Wort) einschr\u00e4nken zu lassen; denn es sei ein \u201eHindernis daran, zu leben, es l\u00e4sst uns die mickrigen Jahrzehnte unserer Existenz damit verschwenden, uns einem sogenannten spirituellen, politischen, sozialen oder religi\u00f6sem Gericht zu erkl\u00e4ren. Durch es m\u00fcssen wie Rechenschaft vor der ganzen Welt ablegen&#8230;\u201c Folgerichtig fand er mehr Freiheit und Ausdrucksintegrit\u00e4t in Kompositionen von \u201ea-signifikanten menschlichen T\u00f6nen, denn der menschliche Ton erkl\u00e4re nicht, behaupte nicht pr\u00e4zise, sondern sei pr\u00e4zise.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der letzte Text ist Henri Chopins <em>l\u2019insecte lettrivore<\/em> (<em>Le homard cosmographique<\/em>, Supportico Lopez 1968) nachempfunden, hier ist das Insekt m\u00f6glicherweise etwas verw\u00f6hnter; es verzehrt ausschlie\u00dflich Vokale.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-9435\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-rinne-les-derniers-insectuels.jpg\" alt=\"\" width=\"1120\" height=\"1215\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-rinne-les-derniers-insectuels.jpg 1120w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-rinne-les-derniers-insectuels-277x300.jpg 277w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-rinne-les-derniers-insectuels-768x833.jpg 768w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-rinne-les-derniers-insectuels-944x1024.jpg 944w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/cia-rinne-les-derniers-insectuels-278x302.jpg 278w\" sizes=\"auto, (max-width: 1120px) 100vw, 1120px\" \/><\/strong><\/p>\n<p><em>les derniers insectuels<\/em>, aus <em>l\u2019usage du mot<\/em>, kookbooks, Berlin 2017<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Quellen<\/em><\/p>\n<p>Stefan Ripplinger, Schiefe Bahn\u00a0 K\u00fcnstler, die schreiben. Wiens Verlag, Berlin 2013<\/p>\n<p>Lev Rubinstein, <em>Compleat Catalogue of Comedic Novelties<\/em>, Ugly Duckling Presse 2014<\/p>\n<p>Hannah Arendt, in: Marie Luise Knott, <em>Verlernen<\/em>,<em> Denkwege bei Hannah Arendt<\/em>, Matthes &amp; Seitz, Berlin 2017<\/p>\n<p>Henri Chopin, <em>Why I Am The Author of Sound Poetry and Free Poetry<\/em>, Concrete Poetry, 1967<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>words about words, framed by words about the world (or vice versa) &nbsp; Bis heute teilt sich die Literatur in zwei Lager. Das eine glaubt, dass W\u00f6rter die Welt, das andere, dass W\u00f6rter W\u00f6rter spiegeln. 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