Langues
Contenu Qui ? À propos Événements Submissions Sous-menu
« retour

Entropische Literaturen

Andrea Scrima (2018)

Désolé, cet article est seulement disponible en Allemand. Pour le confort de l’utilisateur, le contenu est affiché ci-dessous dans une autre langue. Vous pouvez cliquer le lien pour changer de langue active.

Ich möchte gerne mit einer Behauptung anfangen: Eine deutsche Nationalliteratur muss nicht unbedingt auf Deutsch geschrieben sein.

Zahlreiche nichtdeutschsprachige Autoren, von denen viele seit Jahrzehnten in Deutschland leben, haben ihre Verlage, ihre gesamte Infrastruktur, ihre Leser hier. Nicht wenige werden primär im deutschsprachigen Raum wahrgenommen; die meisten bewegen sich zwischen Kulturen und sind als Essayisten, Kritiker, Moderatoren, usw. aktiv im Austausch zwischen den Sprachen. Dies alles übt einen enormen Einfluss auf die deutschsprachige Literatur aus und beleuchtet auch Themen in der Gesellschaft und der Politik, die vielleicht nur von „vertrauten Fremden“ beleuchten werden können.

Und doch: Angesichts der immer fremdenfeindlicher werdenden Atmosphäre, angesichts der Tatsache, dass die AfD die Kultur als Kampffeld für sich entdeckt hat und nun u.a. die Strategie der parlamentarischen Anfragen verfolgt, um sozialkritische Arbeiten zu diffamieren und die Kulturförderung an sich immer wieder in Frage zu stellen, ist eine derartige Behauptung höchst politisch.

In meinen Überlegungen darüber, wie ich die Funktion und Wirkung dieses fremd-vertrauten Blicks beschreiben soll, sind mir zwei Fälle aus den bildenden Künsten eingefallen. Vielleicht ist eine leichte Verschiebung dieser Art sogar nützlich, denn es geht hier nicht um bestimmte Autoren, sondern um eine Art der Wahrnehmung, die den gewohnten nationalen Blick relativiert, korrigiert.

Die 1990er Jahre waren bekanntlich eine turbulente Zeit in Berlin, und es brauchte eine Außenstehende, die französische Künstlerin Sophie Calle, um auf etwas hinzuweisen, das beinahe keinem meiner deutschen Bekannten auffiel: die Tatsache nämlich, dass dieses Land im Begriff war, nach der Wiedervereinigung in eine selektive Amnesie zu verfallen. In ihrer Arbeit Die Entfernung (1996) bat sie Passanten, die politischen Embleme der DDR zu beschreiben, die man entfernt hatte, einschließlich des gigantischen Kranzes mit Hammer und Sichel am Palast der Republik. Eindringlich dokumentiert Calle eine Zeit der kollektiven Verdrängung, in deren Verlauf die Geschichte umgeschrieben wurde. Die Leerstellen, die nach der Entfernung eines Denkmals oder einer Gedenktafel zurückblieben, wurden zu Leerstellen im Gedächtnis, die mit den größtenteils sehr ungenauen Beschreibungen der Passanten nicht gefüllt werden konnten, wie stark ihre Gefühlsbindung oder wie nah an ihrem Zuhause die Gedenkorte auch gewesen sein mochten.

Ein Jahrzehnt zurück, als ich zum ersten Mal, als junge Kunststudentin, die Arbeiten von Joseph Beuys in der großen New Yorker Ausstellung im Guggenheim sah, verstand ich so gut wie nichts: große Blöcke Fett; Schlitten, die wie Hunde aus einem offenen VW-Bus fortzulaufen schienen; ein in Filz gewickelter Flügel. Ich würde erst fünf Jahre später, als ich 1984 nach West-Berlin kam, anfangen zu begreifen, wie Beuys das psychologische Drama der Nachkriegsbundesrepublik verkörperte. Es hat allerdings noch länger gedauert, bis mir klar wurde, dass Beuys auch einiges über Amerika zu sagen hatte.

Im Mai 1974 ließ sich Beuys, in Filz gewickelt von dem Augenblick an, da sein Flugzeug amerikanischen Boden berührt hatte, in einem Krankenwagen direkt zur René Block Gallery nach SoHo bringen. Der Plan war, dort für mehrere Tage gemeinsam mit einem Kojoten in einem Raum gesperrt zu sein. I Like America and America Likes Me war der Titel seiner kryptischen, poetischen Kritik an dem Land und seiner gewalttätigen Geschichte. Indem er ein Tier wählte, das seit über einer Million Jahren in Nordamerika heimisch ist, ein Totemtier der uramerikanischen Mythologie, Inspiration für die mehr als 10.000 Jahre alten Geschichten von der Kojote-Gottheit – die älteste bislang bekannte Literatur des Kontinents –, das trotzdem Opfer einer schlimmen, großflächigen, erbitterten und gnadenlosen Ausrottungskampagne wurde, zielte Beuys instinktsicher auf Amerikas Achillesferse: das Urtrauma der ausgelöschten indianischen Kultur. Seine Aktion trug Züge eines schamanischen Rituals: Amerika ist spirituell krank, so sein Befund, was aus der gewalttätigen psychologischen Unterdrückung resultiere. „Mit dem Kojoten ist eine Rechnung zu begleichen“, sagte er, „erst dann kann diese Wunde geheilt werden.“

Die nationale Identität ist ein Konstrukt, das dem psychischen Bedürfnis nach Schutz, Wertschätzung und Zugehörigkeitsgefühl dient. Sie ist ein Narrativ: Sie erzählt sich Geschichten von sich selbst. Doch Identität ist auch ein Reflex, ein in Gruppen aufgeführter Stammesgesang, der die Gefahr, das Andere, selbst das Unausweichliche abwehren soll. Auf die Literatur übertragen, geht es darum, sich über die hypnotisierenden Effekte einer kollektiven Identität hinauszuwagen; zu erkennen, dass ein nationales Narrativ ein Hindernis sein kann, uns selbst und die Welt, die uns umgibt, in einer objektiven Weise wahrzunehmen. Die Kunst und die Literatur bieten die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Analyse, die uns unsere eigenen Widersprüche vorführt und uns unsere blinden Flecken sichtbar macht. Und es sind die hybriden Identitäten dieser Gesellschaft, die am ehesten dazu geeignet sind, die Halluzinationen einer Kultur mit denen anderer zu vergleichen, um den Bann zu brechen.

 

Parataxe Symposium IV – Berlin POLYLINGUAL

≡ Menu ≡
Page d'accueil Contenu
Événements Submissions
Auteurs Traducteurs Présentateurs
À propos Partenaires Galerie
Contact Blog Facebook
Festival 2016 Événements Presse