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Ilia Ryvkin (2020)

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zum gruß dröht ein vertikales motorrad
am lenker fahnen in lippenstiftrot und zerkautem betel
ein moskito schlagartig wiederauferstanden
schädel und ringelblumen
die zerschundene hand baut ein fahrrad zusammen aus fetzen
der schrift

Bamm! Bamm! – der Concierge, ein junger Gurkha, klopfte an meine Tür und erklärte: Es ist verboten, das Zimmer zu verlassen, nachher kommt ein Offizier der NSC und befragt Sie, wer und warum Sie hier sind. Unser wunderbarer Föderalstaat steht ausländischen Gästen erst seit kurzem offen! In den Bergen an der Grenze zu Burma streifen immer noch Partisanen umher. National-sozialistische Räte.

„अच्छा, schon gut, fremdes Blut kann ich nicht gebrauchen!“

Gestern Abend rief jemand von einer unbekannten Nummer an, sagte, er sei von einer Tourismusagentur:

„Wo sind Sie untergebracht?“

„Warum wollen Sie das wissen?“

„Wo sind Sie untergebracht?“, nochmal mit Nachdruck.

„In einem Hotel.“

„In welchem?“

„In einem, das ich gefunden habe, den Namen weiß ich nicht mehr.“

Aufgelegt. Das Hotel hieß „Shalom Jehova“ und wurde von enthusiastischen Endzeitchristen geführt. Ich hockte den halben Tag im Zimmer, der Officer kam nicht, dafür der Concierge. Diesmal erfuhr ich, dass der Staat wegen der Corona-Pandemie für Ausländer bis auf weiteres wieder geschlossen wurde und ich mich besser beeilen sollte, um noch einen Bus nach Guwahati zu erwischen.

Der Mann am Schalter wedelte mich weg wie eine lästige Fliege: „No service! Der Bus nimmt Sie nicht mit! Nehmen Sie ein Taxi!“

Bis dahin hatte die Panik in den nördlichen Ländern noch grotesk gewirkt. In Indien war es genauso schön wie immer. Die Hühner saßen friedlich in den offenen Transportkäfigen. Versuchten nicht zu fliehen, gackerten nicht, tschilpten eher wie Spatzen. Ein schwarzer Hund nagte an abgehackten Hühnerfüßen. Die milchprallen Zitzen einer gescheckten Hündin schwangen bei jedem Schritt hin und her. Der Fahrer, rechts am Steuer, trug einen „Russia Wrestlings“-Pulli und einen Turban im Leopardenprint, plauderte mit einer jungen Frau angeregt in Ao und warf plötzlich ein englisches „biological weapon“ ein. Die Schriftzüge an den hiesigen Lkw erinnerten an Tätowierungen: Kreuze, Sterne, Augen, Blumen. Die Dämmerung war uns seit dem Gebirgspass auf den Fersen gewesen und holte uns am Bahnhof von Dimapur ein. Die ganze Stadt war ohne Strom, und als er wieder eingeschaltet wurde, sah ich eine Frau, die ihr rechtes Bein, knochig, deformiert, über die Schulter geworfen und in den Nacken gelegt hatte. Ihre grünen Augen lachten über mich. Sie nahm das Almosen und kroch davon: ein Schritt mit dem gesunden Bein, die beschuhten Hände in den Boden gestemmt, der Hintern voran.

Ein Ticket für den Schnellzug, ein Ticket für den Schnellzug, mich zur Seite schubsend, drängten unzählige indische Jungs zum Schalter, auf ihren eigenen Routen unterwegs.

Ein junger Assamese half mir, meinen Platz im Liegewagen zu finden.

„Ich bin Elektriker“, sagte er stolz. „Ich komme aus einer Stadt auf Pfählen, am Nordstrand des Brahmaputra. Dahin kann man nur schwimmen, aber ich kann nicht schwimmen.“ Er spielte mit einem Goldring an seinem Finger.

„Bist du verheiratet?“

„Nein, das ist ein Ring der Muttergöttin Kamakhya.“

„अच्छा!“

Die Fahrt dauerte knapp vierundzwanzig Stunden. Durch den Wagen lief eine junge Hijra. Das Trans-Mädchen hatte sich aus längs gefalteten Zehnrupienscheinen einen Fächer zusammengelegt und wedelte sich Luft zu. Die Passagiere gaben Almosen fürs Glück. An der Decke wackelte zu Rattern der Räder eine schief getackerte Verkleidung und drehte sich träge ein wuchtiger Ventilator, vom Zugwind in Bewegung versetzt. Menschen, Ratten und Affen hausten in den Müllbergen neben den Gleisen. In Papphütten qualmte Räucherwerk zu Ehren der vielarmigen Muttergöttin. Eine winzige Gestalt in weißem T-Shirt und roten Dhoti durchpflügte mit einem Ochsen das Feld. Ich versuchte zu schlafen, aber der Schaffner weckte mich ständig, brachte mal Tee, mal Frühstück, mal Mittag oder eine Zeitung. In der Zeitung war nichts als Corona.

Bei der Station Varanasi hielt der Zug da, wo er hielt. Es war dunkel vor lauter Moskitos, bis zum Bahnsteig musste man noch zu Fuß über die Schwellen. Ich kletterte auf den Bahnsteig und machte mich daran, eine Rikscha zu suchen.

„Corona! Corona!“, schrien die Rikscha-Fahrer in feuerrotem Turban und zeigten mit dem Finger auf mich.

Nur so, zum Scherz.

„Corona! Corona!“, plärrte am nächsten Tag der Fernseher ununterbrochen.

„Corrrrona!“, tönte es von überall – im Scherz, aus Angst, mit Abscheu. Verschwunden war die listige Gastfreundlichkeit, angespannte Vorsicht trat an ihre Stelle.

„Was machst du in Indien?“

Der Betel-Verkäufer sprach in sein Smartphone, das eine Übersetzung ausspuckte: „Russe? Unsere Religion ist Menschlichkeit“ und noch irgendetwas Unerwartetes mit Ghandi und Tolstoi. „Im Fernsehen sagen sie: Die Sache ist ernst. Ab morgen gibt es eine Sperrstunde. Internationale Flüge sind gestrichen. Du solltest dich mit deinem Wohnort melden, wie es für Ausländer vorgeschrieben ist, und du brauchst eine Bescheinigung, dass du nicht ansteckend bist, die Polizisten messen nur Fieber.“

Ich war fast schon wieder oben, als mich auf der steilen Treppe am Ufer des Ganges ein kleiner, dunkelhäutiger Mann rief.

„Du heißt … und wohnst in …“

Irgendwoher wusste er ganz schön viel über mich. Beim Sprechen kreiste der Bursche mit seinen dunklen magnetischen Augen: „Komm mit, ich zeige dir unseren Tempel. Übermorgen mache ich ein Festessen für die Kinder. Ich rufe die Gäste, Mama wählt sie aus.“

„Kali?“

„Ma! Wir sagen nicht Kali Ma, wir sagen nur Ma!“, sagte er. „Ich opfere mein Blut. Ma braucht auch etwas zu essen.“ Er zeigte einen Kratzer. „Und aus der Zunge auch.“ Er streckte die Zunge heraus. „Ich diene der Mutter, ich bin ein Krieger, weißt du, ein Krieger! Und ich bin Bengale! Ich heiße Chariom.“ In Charioms düsterem Blick blitzten Funken von Opium. Er beugte sich über einen kranken Welpen, der auf der Brücke lag, holte einen Cracker aus einer angebrochenen Packung heraus. Der Welpe robbte mühsam zu dem Futter und begann daran zu knabbern.

„Manchmal deale ich mit Drogen“, fügte er hinzu.

„Kein Problem“, erwiderte ich.

Wir tauchten in ein krummes Labyrinth, gelangten auf eine touristische Straße, auf der die Farbe noch nicht trocken war, dann kamen Hinterhöfe, Flure, Treppen und schließlich ein himmelblauer Innenhof. In den Ecken saßen Leute und schwiegen konzentriert. Wir zogen die Schuhe aus. Chariom führte mich durch Enfiladen, in jeder eine vergitterte Nische mit einer Statue: Kali, Tara, Lalita, Bhu va ne shvari, D h u v a m a t i, schwarz oder blau mit herausgestreckter Zunge, eingehüllt in Brokat und purpurne Blumengirlanden die kopflose Chinnamasta … die Stufen mit roter Paste bedeckt … wir tauchen die Finger hinein … berühren die Stirn, Chariom deutet auf ein Fenster im Untergeschoss: „Hier wohnte früher meine Mama.“

Wir gehen zum Ganges, setzen uns auf die mit trockenem Dung beschmierten Stufen und rauchen schweigend Beedi.

„Willst du einen Schädel haben?“ Chariom zog ein Knochengefäß unter seiner Kutte hervor.

„Wie soll ich den nach Deutschland kriegen?“

„Ich hätte ihn dir verkauft, obwohl das ein Diksha ist, ich gebe die Kraft an dich weiter… Gebetsketten“, sagte er, „aus echten Menschenknochen. Die, die sie am Ufer verkaufen, sind nicht echt. Die echten muss man bei Neumond in Blut tränken. Hast du schon mal Menschenblut getrunken?“

Chariom lächelte. Ich schüttelte unentschieden den Kopf.

„Und Menschenfleisch gegessen? Das kriegt man nicht einfach so runter wie Hühnchen. Ich teile das Stück in elf Teile…“ Chariom strich mit den Fingern durch die Luft, als schneide er Fleisch.

„Niemand weiß, wer ich bin, alles bleibt drin. Wenn ich mit Mama spreche, denken alle, ich wäre verrückt, aber es ist das Opium, und Mama…“

Dichter Nebel hatte sich aus dem Rauch der Begräbnisfeuer gebildet und zog vom Ganges aufwärts in den verblassenden Himmel.

Wir hörten die Götterdämmerung:

„Was ihr begehrt, ich geb’ es euch: aus meiner Asche nehmt es zu eigen! Das Feuer, das mich verbrennt, rein’ge vom Fluche den Ring! Ihr in der Flut löset ihn auf!“

Welche Gottheit hat eine matte Mohnblume auf dem Labrys? Wie heißen die gehörnten Viecher mit den Leopardenfellen in Shivas Hochzeitsgefolge? Zur Nacht hin hatte sich unter der Decke meiner Klosterzelle allerlei Getier versammelt. Ich vergiftete es mit Gas. Zunächst brach über meinem Kopf die Hölle los, dann fielen die Insekten auf den Boden und die Bettdecke, vollendeten dort ihren krampfhaften Chemietanz.

„Denn der Götter Ende dämmert nun auf. So – werf’ ich den Brand in Walhalls prangende Burg.“

Eine daumengroße Kakerlake rammte die Schnauze gegen die Wand, hochkrabbeln konnte sie nicht, die drei Paar Beine gehorchten nicht. Unter meinem Bett huschte eine Ratte hervor. It said it was disturbed to find that ‘all the seven deaths were summarily dismissed as unrelated to vaccinations without in-depth investigations …’ the speculative causes were suicides, accidental drowning in well (why not suicide?), malaria, viral infections, subarachnoid hemorrhage (without autopsy) etc.

Man separiert uns bereits nach dem Prinzip des Code-Fragments – was ist Rasse, wenn nicht eine Art des Codes? Auf dem Labrys ist eine matte Mohnblume.

„Fühl’ meine Brust auch, wie sie entbrennt; helles Feuer das Herz mir erfaßt, ihn zu umschlingen, umschlossen von ihm, in mächtigster Minne vermählt ihm zu sein! Heiajoho! Grane! Grüß’ deinen Herren! Siegfried! Siegfried! Sieh! Selig grüßt dich dein Weib!“

Am Morgen machte ich mich auf den Weg zum nächsten Polizeirevier, wurde aber von Kindern aufgehalten:

„Sir, um die Ecke sind Wachposten, Draußensein ist verboten. Sie werden verhaftet.“

Wieder zurück, bemerkte ich einen entgangenen Anruf vom deutschen Konsulat. Während man darauf wartet, durchgestellt zu werden, ertönt im Hörer eine dieser Drehorgelmelodien, nur in der elektronischen Fassung …

„Die Regierung evakuiert deutsche Staatsbürger mit zwei Sonderflügen aus Delhi, in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag und am Freitag. Der Zugverkehr wurde bereits eingestellt, auf den Straßen patrouillieren Wachposten, die einzige Möglichkeit nach Delhi zu gelangen, ist ein Inlandsflug, versuchen Sie ein Ticket zu bekommen. Sie können im Hotel Mariott übernachten.“

Ich wollte am nächsten Tag aufbrechen, aber es gab keine Flüge mehr, nur noch einen für denselben Abend, achtzehn Uhr noch was. Ein Ticket bekam ich zwar übers Smartphone, aber wie sollte ich zum Flughafen kommen, wenn auf den sonst proppenvollen Straßen weder Rikschas noch Motorradtaxis waren und nur mit Schlagstöcken ausgestattete Wachen ihre Runden drehten? Ein Nachbar kam zu Hilfe, kreisrunder Buckel, der Blick entrückt und dennoch wachsam. Er spürt Affen auf und schießt sie mit einer Schleuder ab. Die Schleuder lässt er nie aus der Hand. Meinen Transport zum Flughafen übernahm einer seiner Verwandten: ein hochaufgeschossener Oberschüler in rotem Jogginganzug. Ich packte meine Sachen und wir balancierten mit einem riesigen Rucksack los. Schwerfällig umging das Motorrad die Wachposten. Die Straßen der Stadt, die schon alle Epidemien gesehen hatte, waren beinahe menschenleer (mach’s gut, Alter), nur an den Kreuzungen prügelten Wachposten auf die Ungehorsamen ein. Masken sind ein asiatisches Detail. Die ältere Generation erinnert sich noch an den schwarzen Tod und die Cholera. „Im Winter ist es kalt, im Sommer ist es heiß, und ab und zu kommt eine Seuche“.

Roman Michailow erwähnt auf eine recht frivole Weise den „Menschenaffen, der von Wesen besessen ist, die für gewöhnlich Affen bewohnen.“ Nun lernen wir die Wesen kennen, die für gewöhnlich Fledermäuse und Schuppentiere bewohnen! Die Häuser auf dem Weg zum Lal Bahadur Shastri-Flughafen sind nach oben hin angebaute Ruinen. Das letzte Stück nur noch eine glühend heiße, leere Landstraße.

Der Abflug verzögert und verzögert sich. Maskierte biologische Einheiten drifteten auf der Oberfläche des Wartesaals maximal weit auseinander wie gleichgeladene Teilchen. Neue topographische Kristalle wuchsen sich aus im öffentlichen Raum. Ich unterhielt mich mit einem weißen Kerl mit roten Dreads. Ihn hatte es härter erwischt: Vor einer Woche waren die Hostels für Ausländer geschlossen worden, und Selbstisolation draußen heißt Schlagstöcke der Quarantäne-Wachen. Jenseits der Übermüdung changierte mein Zustand: „Ich kann weder schlafen noch nicht schlafen.“ Dark Dawn … Glasperlen unterm Flügel und Girlandenfäden: Delhi rollte in Wellen an wie ein Brechreiz.

Das Hotel Mariott befand sich wenige Kilometer vom Terminal entfernt. Ich lief durch die Dunkelheit, nach der Sperrstunde war der öffentliche Verkehr eingestellt, Taxis gab es auch keine, nur Privatleute, Geier, die horrende Summen forderten. Das Mariott war geschlossen, aber das Hyatt nahm noch Ausländer auf. Mit weichen Teppichen und Heißwasser. Würfel des indischen Konstruktivismus bleckten mich an.

Die verfaulte Sonne der Moderne suchen. Brahmas Körper fügt sich in eine Pyramide, deren Höhe sich in vier gleiche Teile gliedert. Der obere ist das goldene Dreieck eines strahlenden Delta, und darunter – darunter. Nicht auf das biologische Substrat projizieren wir die Metaphysik, im Gegenteil, die Körperlichkeit drückt sich im Sozialen aus. Jede Korporation erfüllt einen organischen Zweck, während die Politik etwas Therapeutisches ist. Du sollst keine Nahrung zu dir nehmen, die von niederen Kasten zubereitet wurde, du vergiftest dich. Und die geschlossene Gesellschaftsordnung taste nicht einmal mit deinem Schatten an. So spielen die guten Götter mit ihrer glänzenden Swastika, vertreiben böse Geister. Jedwede Information hat eine imperative Spitze. Noch ein Schritt und „die Information wird zur Kontrolle“. Und der Körper Christi war einige Stunden ein Leichnam.

Den nächsten Tag verbrachten wir mit Schlangestehen. Ein kompetenter deutscher Mitarbeiter in hygienischem Kittel und mit einer Waffe am Gürtel maß Fieber mithilfe eines kontaktlosen Thermometers, als scanne er einen apokalyptischen Stempel auf der Stirn. Eine Schlange vor dem Bus. Eine Schlange am Tor zur deutschen Botschaft. Eine Schlange vor dem Metalldetektor. Eine Schlange für eine Nummer. Eine Schlange für die Abgabe des Fragebogens.

Hunderte Europäer warteten auf ihre Evakuierung im kleinen Innenhof der Botschaft. Manche machten Yoga, andere hörten Trance. Ein improvisierter Chor sang Bhajans. Ein polnischer Vishnu erläuterte mir leidenschaftlich die Überlegenheit seiner Religion, verglichen mit meiner trüben Sekte.

„Har! Har! Selbst die Moslems feiern mit uns und rufen ‚Har!‘, in deren Sprache heißt ‚har‘ Dieb, und Krishna ist doch der Diebesgott, der die Kleider der Badenden stahl!“

Im tiefhängenden Himmel zwitscherte der indische Vogel Maina und wir traten den Rückweg an. Wieder eine Schlange vor dem Bus. Wieder Fiebermessen. Eine Schlange bei der Gepäckkontrolle. Eine Schlange vor dem Metalldetektor. Eine Schlange vor dem Ticketschalter. Eine Schlange bei der Passkontrolle. Die Verkaufsautomaten am Flughafen waren in Plastik eingepackt. Wir sind an Bord, ich schließe die Augen, als ich sie wieder aufmache, bin ich im indischen Himmel – weich wie ein Ei.

Im Himmel träume ich von künstlichen Inseln und unterirdischen Kasernen, als ich wieder zu mir komme, hat der Raum die Formen des Frankfurter Flughafens angenommen. Steril und menschenleer. So kann es gern bleiben! Die Passkontrolle übernahm ein Roboter. Das Sicherheitspersonal des Flughafens plauderte untereinander Arabisch. Der Zug nach Berlin war auch fast leer. Ticketkontrollen blieben aus. Die Schaffner versteckten sich vor den aus Risikoländern eingeflogenen Fahrgästen in ihrem Dienstabteil. Vier Stunden später fuhr der Zug in die rosa Blütenpracht des Berliner Aprils ein. Eine für südliche Breitengrade unwahrscheinliche Schönheit!

Am selben Abend ging ich mit meinem Freund Karl auf die leere Straße. Man könnte meinen, wenn die Straßen leer sind, müssten alle Fenster leuchten – nichts dergleichen, die meisten Fenster waren dunkel, als wären alle schon tot. Der Bürgersteig wurde von einem herrenlosen Rad versperrt. Ich machte einen Versuch, damit zu fahren, aber die Bremsen waren kaputt, also parkte ich es vorerst an der U-Bahnstation am Rosa-Luxemburg-Platz. In einer der Straßen blitzte plötzlich helles Licht auf, zwei Schatten huschten vorbei. Unten in der U-Bahn hing kopfüber eine Gestalt in schwarzer Robe, Kapuze, Sonnenbrille und Mundschutz von der Decke, sie hatte sich mit den Knien am Haltegriff eingehakt und brüllte:

„Corrrona! Corrrona!“

Am nächsten Morgen kam ich wieder, um das Fahrrad zu holen. Rückwirkend kann ich sagen, dass es der letzte Samstag im März war, danach folgten dispergierte Euphorien weißer Flora. Dort, wo es am Vorabend aufgeblitzt hatte, stand der verkokelte Rest einer Tanne – der Stamm und ein paar Äste, keine Asche, alles war in Flammen aufgegangen.

Ich setzte mich auf eine Bank unter einen Apfelbaum gegenüber vom Roten Salon. Etwas weiter pöbelten ein paar Alkoholiker, ein Kampfweib versuchte rauszukriegen, wer behauptet habe, sie hätte mit XY gepennt (den Namen habe ich vergessen).

„Benutz mal dein Hüüüürrn!“, keifte sie und bestäubte ihre Umwelt mit ihrer überbordenden Obszönität. „Als würde ich mit nem Kokser pennen! Da knutsch ich lieber ne Mülltonne!“

Auf der Wiese neben der Skulptur vom Räuberrad – ein Gaunerzinken, der „Gefahr“ besagt – saßen mit Pappschildern der Dramaturg Anselm Lenz und seine Freundin. Ich steuerte auf sie zu, um den Kollegen zu begrüßen, aber er sprang auf, holte einen Zollstock heraus und schrie, wir müssten Abstand halten, zwei Meter, zwei Meter! Ist gut. Ich ging zu den Alkis. Anselm nahm eine Box mit dem Grundgesetz und machte sich daran, die Zettel an Passanten zu verteilen.

AAAAAAAAAAAA

RAD

Das war eine Aktion, politischer Protest gegen die Quarantäne, dem die Mitarbeiter des Rechtsapparates beiwohnten. Sie rannten auf mich zu und verlangten, dass ich den Platz verlasse. Platzverweis. Bananeneis. Ich gehe. Ich renne nicht. Hallo Jakob! Wieder schleifen mich Bullen zu einem Polizeibus und pressen mich an dessen Wand zum vitruvianischen Menschen.

 

Aus dem Russischen von Maria Rajer

(c) Parataxe 2020

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