Sprachen
Inhalt Wer? Über uns Termine Submissions Untermenü
« zurück

30. 1. 2015

Dora Kaprálová (2016)

Aus lauter Gram vor dem, was endet, habe ich wahrscheinlich Grippe bekommen. Solch eine, die ich nur aus meiner Kindheit kenne. Mit hoher Temperatur, mit der ich bis heute mit F. um die Wette gefiebert habe… Gegen Morgen hatte ich sogar Halluzinationen; mein Mann fragte mich in meinen Wahnvorstellungen: „Are you hardcore?“ Warum hatte er mich auf Englisch gefragt, und warum solchen Blödsinn? Trotzdem muss ich seit dem Morgen daran denken, ich bin ohnehin nur zum halbwachen Herumwälzen in der Lage. Hardcore… das könnte mir eigentlich sogar gefallen, aber bin ich nicht eher weichcore, wie ein Lappen? Entschieden mehr weich, jedenfalls heute. Und weil ich im Fieber wie ein Lappen bin, nichts anderes als ein nasser, müder, vorsichtiger Lappen, verabschiede ich mich mit einem Bericht, der im Sommer in Košice einen älteren Košicer zum Weinen gebracht hat und der, so denke ich jedenfalls, wie geschaffen ist für den heutigen, frostigen Tag, den ich in meinem Hardcore-Zustand allerdings nur aus dem Bett betrachten kann…

Ich stieg in einen Bus. Es fror und schneite, genau wie heute in Berlin, nur dass es vor fünfzehn Jahren geschah, in Brünn, von dem einige meinen, es würde nicht existieren – aber ich weiß, dass es existiert – wie sonst hätte ich dort in der Kälte auf einen Bus warten können? Der Bus kam pünktlich, aber wegen des Schneesturms fuhr er zeitweise Schrittgeschwindigkeit. Die Fahrt von Brünn nach Strmilov sollte am Ende sieben Stunden dauern. Schon ab Rosice klapperten die Menschen in Mänteln und Mützen mit den Zähnen, husteten, seufzten, scharrten nervös mit ihren klammen Füßen, die Glücklicheren schälten Mandarinen, die, die Mobiltelefone besaßen, tippten geräuschvoll Berichte, denn damals konnten nur die wenigsten Handys lautlos gestellt werden… Bis nach Třebič war es eine seltsam träumerische Schifffahrt durch den Schneesturm…. Am Bahnhof in Třebič stiegen eine Frau und ein Mann in den Ikarus. Ein sehr aufgeschwemmter Mann mit Wasserkopf und seine Begleiterin mit dick umrandeten Brillengläsern und einem Blindenstab. Er hinkte und sie stützte ihn. Die Frau artikulierte in der unverständlichen Sprache einer Hörgeschädigten: „Zweimal hin.“ „Wohin hin“, fragte der erschöpfte Fahrer. „Wo sie hin, da wir hin…“ antwortete der Mann geheimnisvoll. Der Fahrer nickte mit dem Kopf schweigend in Richtung Frontscheibe, hinter der, zwischen einem schwingenden Plüschteddybären und einem Duftbäumchen, ein Schild Brünn – Budweis klemmte. Wahrscheinlich begriff er erst jetzt, dass auch der Mann ein wenig sehbehindert war. Aha – und die Frau hingegen sehend?… Der Mann zeigte einen Ausweis, zahlte ermäßigt und schob sich schlaff hinkend mit seiner Partnerin in den Sitz hinter den Fahrer. Die Leute wurden unruhig. Das Pärchen, Dämmerlicht, unendliche Langsamkeit, Schneesperren, verwischt hinter den beschlagenen Fenstern des kalten Busses, auf den Fensterscheiben hier und da Eisblumen, ein südböhmisches Novosibirsk. Der Mann legte seinen Stock beiseite, seine Handfläche fuhr leicht über das Gesicht der Frau, suchte ihre Nase, dann ihre Augen, Schläfen und Mund… „Sag nichts, fahr einfach nur mit mir“, sagte er auf Slowakisch… Und sie lächelte, biss sich auf die Lippe. In Mrákotín jedoch wurde die Frau unvermittelt unruhig, sie schwankte von vorne nach hinten und klagte. In diesem Augenblick erhob sich der Mann und forderte taumelnd zwischen Bolíkov und Studená vom Busfahrer, dass er sofort anhalte, denn sie müssten… „Hier kann ich nicht“, antwortete der Fahrer und schob sich weiter durch die weiße Dunkelheit der schönsten Landschaft der Welt, den Wald unter dem Jaborschützberg.

„Sie müssen!“

„Ich darf nicht.“

„Wir müssen!“

„Ich weiß nicht, was ich machen soll.“

„Wir wissen es, wir müssen.“

Von hinten meldete sich ein alter Mann: „Lassen Sie sie, es ist doch ihr Wunsch.“

Irgendjemand rief von vorne: „Ihr Recht.“

Irgendjemand lachte bösartig auf, jemandem tropfte Speichel auf den Sitz und jemand machte lieber gar nichts.

Der Bus fuhr sowieso wieder Schrittgeschwindigkeit. Schritt für Schritt bis er anhielt, der Fahrer öffnete in ängstlicher Erleichterung und räusperte sich aggressiv…

Und die beiden, befohlen von seiner mächtigen Majestät (als würden sie schon gar nicht mehr zu unserer Welt gehören: Sag nichts, fahr einfach nur mit mir…) verließen den Ikarus…

Sie betreten den verschneiten Wald. Die Frau und der Mann. Auf der Autobahn sind noch für einen Moment ihre verschwindenden, unförmigen Körper zu sehen, der stechende Blindenstock, ihre Spuren. Aber auch die werden bald schon vom Schnee bedeckt. Alles wird am Ende verschwinden. So, wie auch dieser Satz, wie auch dieses Notizbuch. So, wie alles, was wir leise und ängstlich mit der Faust umklammern – jenseits des Greifbaren.

 

 

Aus dem Tschechischen von Ruben Höppner

Aus: Dora Kaprálová: Berliner Notizbuch. Balaena Verlag, Landsberg am Lech 2018.

 

≡ Menü ≡
Startseite Inhalt
Termine Submissions
Autor_innen Übersetzer_innen Moderator_innen
Über uns Partner Galerie
Kontakt Blog Facebook
Festival 2016 Events Presse