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Annett Gröschner: Abgesang in der Ringbahn

Ewa Maria Slaska (2018)

(Annett Gröschner: Heimatkunde Berlin. Hamburg, Hoffmann und Campe 2010, S. 113-119)

Ich sitze in der Ringbahn und drehe meine Runden. 37 Kilometer Gleise trennen die Innenstadt von den Außenbezirken. Die Stadt zieht vorbei und ist gleichzeitig im Raum. Es ist ein idealer Ort, um lange Romane zu lesen und trotzdem unterwegs zu sein, ein Ort, um sich ungestört zu küssen, Geheimgespräche in Fremdsprachen zu führen oder zu überwintern, wenn man kein Zuhause hat. Hier mache ich Schluss, ohne Schluss zu machen, denn die Bahn fährt unablässig um und um, genau nach einer Stunde ist sie wieder an dem Punkt, wo man eingestiegen ist. Aber so ganz stimmt das nicht. Man kommt nie wirklich wieder am Ausgangspunkt an. Nach jeder Runde hat sich Berlin verändert und der eigene Blick auf die Stadt.
Die Ringbahn verbindet Ost und West, Nord und Süd und ihre Kreuzungspunkte. Mit dem Mauerbau 1961 wurde die Strecke ohne Ende an zwei Stellen unterbrochen, zwischen Sonnenallee und Treptower Park und zwischen Gesundbrunnen und Schönhauser Allee. Heute wechseln hier nur noch die Boulevardzeitungen: Von Schönhauser Allee bis Treptower Park herrscht der Berliner Kurier der Rest ist Einzugsgebiet der BZ. Erst seit Juni 2002, als die letzte Lücke geschlossen wurde, ist Berlin für mich wiedervereinigt.
In meinem Lieblingsbuch über die Stadt, Berlin und die Berliner, von 1905, heißt es am Ende: Warum lieben wir Berlin? Man könnte eine exakte Untersuchung darüber anstellen. Mit A, B, und C. Als Rechenexempel, wahrhaftig. Du mußt nur bedenken, was ein Globetrotter deiner Art überall auszusetzen weiß. und daß in Berlin ein Überschuß an Gründen da sein muß, der dicb festhält. Formuliere diesen Überscbuß.
Hier also eine unvollständige Liste.
Was mir fehlte, müsste ich woanders wohnen (eine grässliche Vorstellung):
Berlin an und für sich und im Besonderen;
die alten Trinker bei Breesch und bei Latschenpaule und in allen anderen Altberliner Kneipen;
die Grazien auf der Kastanienallee und die Huren auf der Oranienburger;
die aufgebrezelten Mädchen in der Schlange vom Berghain;
das spitz zulaufende Haus am Ostkreuz;
die Dichterin Elke Erb auf dem Fahrrad in Wedding;
zehntausend Stimmen, die »Eisern Union« schreien;
die Punks auf dem Alex, abzüglich ihrer Hunde;
der Müggelsee kurz nach dem Sommer und der Wannsee aus dem Dachgeschoss des Literarischen Colloquiums Ende April, wenn die Boote nach dem Winter ihre Segel setzen;
das Zentrum für Berlinstudien und alle anderen Archive;
der Holunder an der Friedrichsgracht und die Schlossfreiheit vom Schloss befreit;
die Skater am Polendenkmal;
das Filmtheater am Friedrichshain nach der letzten Vorstellung;
der Flughafen Tegel am frühen Morgen mit der ersten Maschine aus New York;
der Frühzug aus Kaliningrad, der am Bahnhof Lichtenberg endet;
der Sternenhimmel über dem Weißen See in einer Sommernacht und sein weiches, warmes Wasser;
die Flugzeuge, die sich wie Fische am Himmel tummeln;
der Geruch des Waldes neben dem Gefängnis Tegel;
der mürrische Busfahrer der Nachtbuslinie 22;
Gerd und Elisabeth in der Tucholskystraße, Robinson in der Straßenbahn, der Hungerhunger schreit, und der Bohemien Feix auf dem Georgenfriedhof, noch aus dem Grab Touristen beschimpfend;
der Ku’damm am Abend des 26. Dezember;
die Oberbaumbrücke bei Tag und bei Nacht;
der schläfrige Fahrgast im Blaumann frühmorgens um Vier in der Ringbahn am Montag;
die übers Arschficken diskutierenden Arab-Boys frühmorgens um vier in der Ringbahn am Sonntag;
die Ringbahn gegen den Uhrzeigersinn;
die Ringbahn im Uhrzeigersinn;
die Pizza im Brot und Rosen, die Falafel im Maroush, das Chicken Curry im Asia Tiger und das Palak Panir in der Hufeland;
das verwunschene Grundstück Immanuelkirchstraße 14 mit den vier Toten im Erdreich, die nach dem Bombenangriff nie wieder gefunden wurden;
das Scheunenviertel im Nachkriegszustand, die Spuren der früheren Bewohner wie Hieroglyphen an den Fassaden;
die aufgehäuften Trümmersteine der Häuser um den Bunkerberg im Volkspark Friedrichshain;
die Stille zwischen den alten Fassaden kurz vor Weihnachten, wenn die Zugezogenen bei Mutti in der Heimat sind;
der Geruch der letzten Kohleöfen;
der Gewürzstand auf dem Markt am Landwehrkanal;
die Kneipe Babel nachts um vier, wenn die Bürger schlafen und die Aschenbecher überquellen;
die Restauration Walden, wenn die Bolschewistische Kurkapelle aufspielt;
die Kœpi, der Knaack und der Franz und, nicht zu vergessen, das SO36;
das Freiluftkino an der Nationalgalerie, der alten wie der neuen;
die Friedrichsbrücke freitags neun Uhr vor dem Ansturm der Touristen und die Admiralsbrücke mit Musik;
die müden Wartenden im Arbeitsamt Westend;
das Licht in den Berlingemälden Konrad Knebels;
der Flieder auf dem Städtischen Friedhof Gotlindestraße;
die Dachterrasse des Theaters an der Parkaue;
das bunte Laub auf den Hinterhöfen im Herbst;
die Kastanien, die Ulmen und andere bedrohte Pflanzen;
der Savignyplatz frühmorgens um sechs, wenn die Füchse spazieren gehen;
das Atmen der Stadtbahn, der UBahn, aus und ein;
die Oranienstraße in ihrer ganzen Länge und mit allem Inventar;
der russische Supermarkt in der Landsberger Allee, wenn die Frauen in Nerzmänteln einkaufen;
der Prenzlauer Berg ohne Angeber und Popanze;
die Straßenbahn M10 zu jeder Tages- und Nachtzeit und auf ganzer Länge;
der Lakritzstand auf dem Kollwitzmarkt und nur der dort;
der Gasometer in Schöneberg;
der Hauptbahnhof von weitem;
das Ufer der Spree im Regierungsviertel sommers;
der Magdeburger Platz an einem Sonntagnachmittag;
der Reichstag, aber nur eingepackt;
die Ostschrippen im Bäcker am Arnswalder Platz;
die Spatzen im Tierpark und das Dreifingerfaultier im Zoo;
die Spitze von Stralau mit Blick auf Liebesinsel und Kraftwerk;
das Riesenrad und die Dinos im Plänterwald, von der Vegetation verschlungen;
das Kraftwerk Klingenberg an einem klaren Winternachmittag;
die vereiste Rummelsburger Bucht mit Schlittschuhläufern;
das Berlin, das nicht New York sein will, Paris oder München;
der Stadtplan, der U-Bahn-Plan und der Plan der Kanalisation;
der Garten des Exils im Jüdischen Museum, wo man den Boden unter den Füßen zu verlieren glaubt;
das Stadtbad Oderberger mit Wasser;
der große Wasserspeicher ohne Wasser;
der Mauerstreifen ohne Mauer, unbebaut;
das Berlin, das nicht hip sein will und fern von Locationscheiß;
das Berlin, das kreativ ist, ohne es laut herumzubläken;
das Berlin, das ohne Goldkettchen und ohne Geld auskommt;
der Fernsehturm vom nördlichen Berliner Ring aus;
das Biotop der Anhalter Bahn und das Gleisdreieck bei Sonnenuntergang;
der Potsdamer Platz vor der Bebauung;
der Privatklub in Kreuzberg am Freitag;
die Amaryllis in den von der Arbeit rauen Händen der kleinen Vietnamesin in der Greifswalder;
Rixdorf zu Weihnachten und die Altstadt von Köpenick im Frühherbst;
das Dorf Lübars, wenn die Luft steht im Sommer;
die Fruchtstraße, als sie noch die Fruchtstraße war und nicht die Straße der Pariser Kommune;
die Granateinschüsse am Eckhaus zum Kupfergraben;
die Erinnerungen der Emigranten an ein Berlin des Lichts und der langen nackten Beine;
der Froschtümpel in der Hufeisensiedlung in Britz;
der Kreuzberg mit Blick nach Norden;
das Spreeufer, unbebaut;
der Dorotheenstädtische Friedhof nach der abendlichen Schließung;
Berlin vom Schiff aus;
der Dong-Xuan-Markt bei Siemens Plania in Lichtenberg;
die Ruine der griechischen Botschaft am Tiergarten;
die siamesischen Zwillinge in Formaldehyd im Medizinhistorischen Museum;
das Treppenhaus des Neuen Museums;
das Badeschiff morgens um acht mit Blick auf die Oberbaumbrücke;
die Kleingartenanlage Paradies verschneit;
und alles, was ich vergessen habe.

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