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Antrag auf doppelte Staatsbürgerschaft

Salah Yousif (1999)

Neun Monate
hat meine Mutter mich getragen.
Sie hat mich mit der Milch
der wilden Flüsse gestillt.
Ich bin Goethes Schritten gefolgt,
und seine Worte haben mich
an die große Tür zur Welt geführt.
Wenn die Linden in ihrem Duft entbrennen
nach einem Sommerregentag,
wenn mitten auf einer großen Wiese
eine Mutter und ihr Kind
zusammen toben und lachen,
erkläre ich dieser Stadt meine Liebe.

Kann ich sagen: “Du bist meine Stadt“?
Ich fürchte den Todesgeruch,
den Du nicht von Dir weist.
Ich fürchte, daß du mich nicht kennst
am Tag des großen Feuers.
Ich fürchte die alten Stimmen,
die nicht schweigen werden,
wenn ich gestorben bin.

Ein verschlossenes Amulett
ist meine Seele.
In der Tiefe der Nacht
teile ich mich in zwei Menschen.
Wer bin ich in der Raserei der Masken?
Meine Mutter steht auf
von ihrem tiefen Schlaf.
Mit ihrer warmen Hand
nimmt sie die Maske fort.
Sie nimmt den Nebel von meiner Kindheit.
Sie erzählt mir, daß mein Vater
und meine Geschwister auf mich warten.

Morgens schluckt mich die Stadt,
und mein altes Gesicht verschwindet.
Meine erste Stimme,
der Sonne und Ebenholz
ihre Gestalt verliehen haben,
verabschiedet sich von mir.
Nackt bin ich mitten zwischen den Messern
der Augen, die vorübergehen.
Wer ich bin, mein Herr?
Ich bin das Kind zweier Welten.

Januar 1999

 

Übersetzt aus dem Arabischen von Salah Yousif & Manuel Simon

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