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Neuanfang, nächster Versuch

Shane Anderson (2019)

Machen also – aber wie?

Du befragst ein Orakel. Du bringst ihm Gaben dar: Gold und Silber, Getöpfertes. Dann schlachtest du, was du zu Schlachten hast. Du bringst Opfer dar, in Delphi, im Tempel des Apoll. Vergiss nicht, du hast das Orakel befragt, weil du dein Leben ändern willst – zumindest ein bisschen. Du hast gehört, dass das Orakel dir einen Weg weisen wird. Du wappnest dich für seine Botschaft. Du bekommst sie.

In den folgenden Tagen verbringst du viel Zeit damit, die Rätsel der Pythia zu entwirren. Auch wenn der Orakelspruch eindeutig zu sein scheint, heißt das noch lange nicht, dass er sich nicht als zweideutig herausstellen wird, wenn du ihn befolgst. Das Delphische Orakel hatte Krösus, dem König von Lydien, prophezeit, dass ein großes Reich zugrunde gehen werde, wenn er gegen Persien in den Krieg zieht – aber er kam nicht auf den Gedanken, dass damit auch sein eigenes gemeint sein könnte. Als er die Pythia danach ein weiteres Mal aufsuchte, machte sie ihm Vorwürfe. Krösus hatte sich zu dem Angriff hinreißen lassen. An seiner Niederlage war einzig und allein er selbst schuld.

Okay, was machst du also als nächstes? Bei dir steht zwar nicht so viel auf dem Spiel wie bei Krösus, aber trotzdem hast du manchmal das Gefühl, dass du dein Leben verpfuscht hast. Ein Leben, das du ebenfalls mit Hilfe von außerhalb verändern wolltest: mit Ratgeberbüchern, die wie die Pythia in Rätseln sprechen. Du markierst oder unterstreichst die ganzen bedeutungsschwangeren Aphorismen darin, du versuchst sie auf dein Leben anzuwenden, du scheiterst – was jetzt? Wenn dir schlecht ist, schiebst du es dann auf den Kuchen, den du gegessen hast, oder verfluchst du dein Verdauungssystem? Vielleicht machst du dir Vorwürfe, weil du eine Schachtel mit Zigaretten nicht einfach wegschmeißt. In so einem Buch, das dich angeblich garantiert zum Nichtraucher machen wird, hast du gelesen, dass du die Leute bemitleiden sollst, die an kalten und regnerischen Tagen in Hauseingängen herumstehen und rauchen müssen – aber in Wirklichkeit beneidest du sie. Außerdem fühlst du dich wie ein Versager, warum also solltest du dich in diesem Gefühl nicht ein bisschen suhlen? Du kaufst dir eine neue Packung Zigaretten, saugst genüsslich den Rauch ein, und dir wird klar, dass du aus dem Nichtraucherbuch wirklich überhaupt nichts gelernt hast. Ja, noch schlimmer: Das Buch hat seine magische Wirkung verfehlt – und es hat so viel gekostet hat wie eine halbe Stange Zigaretten im Duty Free am Flughafen.

Also, was machst du? Du gibst dir selbst die Schuld, du verfluchst dein Schicksal. Du vergleichst dich mit anderen Leuten. Alle scheinen sie ihr Leben im Griff zu haben, der Bäcker, deine Freunde, dein Nachbar, alle haben sie ihre Zukunft im Blick, nur du bist so verpeilt, dass du einen Astrologen oder eine Kartenleserin brauchst. Wir haben es hier mit einer eher verqueren Spielart des Narzissmus zu tun – aber immerhin, denkst du, stammt sie von mir! Ich bin am Ende, und deshalb etwas ganz Besonderes.

Dir wird klar, dass Leute, die gute Ratschläge erteilen, immer auch lügen. Sie tun so, als würde das Leben immer geradeaus verlaufen, als gäbe es keine Kurven. Manchmal hast du einfach keine Lust, dir von irgendwelchen erfolgreichen Menschen erklären zu lassen, warum sie ihren sagenhaften Aufstieg verdient haben oder weshalb es total okay ist, dass sie so reich sind. Manchmal willst du einfach bis abends im Bett liegen bleiben oder allein eine Flasche Wein kippen. Leute, die gute Ratschläge erteilen, scheinen zu vergessen, dass manche Aufgaben einfach unlösbar sind, oder dass man ihre Ratschläge befolgen und trotzdem scheitern kann. Sie verstehen nicht, dass man hin und wieder auch einfach Glück braucht, und dass Glück manchmal wichtiger ist als ein guter Charakter. Es wäre diesen Leuten peinlich, wenn sie zugeben müssten, dass der einfachste Weg zum Reichtum darin besteht, dass man bereits reich ist, und wenn man ihnen sagen würde, dass Erfolg vielleicht nicht das Wichtigste im Leben ist, würden sie vehement widersprechen. Und das Schlimmste: Ihre ganzen guten Ratschläge führen dazu, dass du dich noch dreckiger fühlst, als es dir ohnehin schon geht.

Aber was, wenn du erkennst, dass das Orakel recht hat? Wenn du ganz tief in deinem Innern eingestehen musst, dass du tatsächlich dein Leben ändern willst – ja, dass du vollkommen vergessen hast, wer dieser bessere Mensch, der du doch eigentlich werden wolltest, überhaupt ist? Was machst du dann? Nun: Wenn du dir keine irreparablen Schäden zugefügt hast – reparier, was noch zu retten ist. Schmeiß die Ratgeberbücher weg, die dein negatives Selbstbild nur verstärken, und fang noch mal von vorne an. Und wenn das nicht klappt – fängst du eben noch einmal an. Und dann noch einmal, wieder und wieder. Du fängst nochmal von vorne an, bis du irgendwann tot bist. Vielleicht ist das die einzige Möglichkeit, um am Leben zu bleiben und nicht allmählich zu sterben.

 

Aus dem Englischen von Florian Werner

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