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Berlinasia – Faszination und Verflechtung

Martin Jankowski (2019)

Keynote. FernostBerlin. Parataxe Symposium V. 23. Mai 2019.

1. Berlinasia?

Was hat Berlin mit Asien zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel: Asien ist zu fern, zu fremd, viel zu komplex. Berlins Bezugspunkte sind Paris und Prag, Brüssel und Rom, Amsterdam und London – und am äußersten Horizont des deutschen Hauptstadtbewohners liegen für gewöhnlich New York und Moskau. Und sind in der Tat unsere Kulturen und Mentalitäten (die asiatische und die europäische) nicht viel zu unterschiedlich und in jeder Hinsicht (geografisch, historisch, religiös etc.) zu weit voneinander entfernt, als dass eine Annäherung denkbar wäre? Zweifellos! Dass aber aus Asien nicht nur ein großer Teil der Rohstoffe (etwa das unselige Palmöl für unseren Biokraftstoff oder das Rattan oder Tropenholz für unsere Terrassenmöbel) kommt, die unser Leben reicher machen, sondern dass wir auch eine lange gemeinsame und bis in die Wurzeln verflochtene Kulturgeschichte haben und dass auch aktuell zahlreiche wechselseitige Einflüsse bestehen, soll mit diesem Panel bewusst gemacht werden: Die kulturellen Verbindungen zwischen Asien und Deutschland sind tiefer und reichen weiter zurück, als vielen von uns bekannt und bewusst ist. Natürlich ist ASIEN als Begriff für eine kulturelle Herkunft viel zu ungenau und grob. Welches Asien, müsste man sofort fragen, Vorder-, Mittel-, oder Südasien, oder gar Südostostasien? Und welche von den Tausenden kultureller Traditionen und Sprachen dort sind gemeint? In unserem Symposium gehen wir nicht geografisch und schon gar nicht geografisch ausgewogen vor, das würde den Rahmen eines solchen Vorhabens sprengen und der Sache nicht gerecht: Wir fragen anders, und zwar „In welchen asiatischen Sprachen entsteht in Berlin derzeit Literatur – und wer sind deren Autorinnen und Autoren?“ Wir werden also zunächst die zwei einflussreichsten asiatischen Literaturszenen Berlins, die chinesische und die vietnamesische, im Austausch mit ihren Protagonisten und Kennern näher erforschen, anschließend den Blick weiten, auf verschiedenste Sprachen und Einflüsse, die die asiatischen Literaturen auf die Gegenwartsliteratur der deutschen Hauptstadt prägen. Und wir werden einige der wichtigen Literaten und ihre Positionen näher kennenlernen, die, von Berlin aus, die heutige Literatur maßgeblich mitprägen – und zwar bedeutend stärker, als den meisten Berlinerinnen und Berlinern bewusst sein dürfte. Wo man Asien in Berlin als erstes und sehr prägend bemerkt, das ist beim Essen. Unzählige asiatische Restaurants, Bistros, Streetfood-Stände, Obst-Gemüse-Blumen-Spätis, aber auch große Läden und Märkte sind seit dem Mauerfall überall in der Stadt aufgepoppt und prägen das Leben Berlins so alltäglich und selbstverständlich, als seien sie schon seit der Erstbegründung einer Siedlung durch die slawischen Havelen und Spreewanen vor 10.000 Jahren ebenfalls hier ansässig …

In welchen Sprachen schreibt Berlin heute? Unter den aktuell (2017) Zugezogenen befinden sich mehrheitlich Ausländer: Polen machen mit etwa 6.000 Neuberlinern die größte Gruppe aus, es folgen Amerikaner, Rumänen, Bulgaren und Italiener. China liegt als stärkstes asiatisches Land mit einem Zuzug von 2.330 an sechster Stelle. Die Zukunft Berlins ist ohne Einwanderer schlicht nicht vorstellbar. Von den Berliner Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren haben heute bereits 44,7 Prozent ausländische Wurzeln. Unter den 25 häufigsten Staatsangehörigkeiten in Berlin (sie ergeben zugleich auch ein Abbild der insgesamt mehr als einhundertzwanzig Sprachen, die in unserer Stadt gesprochen werden) liegt im Jahr 2017 als führendes Land Vietnam an zehnter Stelle, noch weit vor den hier lebenden chinesischen Staatsbürgern. Berlin und insbesondere der Bezirk Lichtenberg werden immer attraktiver für Vietnamesinnen und Vietnamesen. Seit Jahren wächst die Zahl der vietnamesischen Einwohner in der Stadt stark an. Aktuell wohnen laut statistischem Landesamt 16.652 vietnamesische Staatsangehörige plus 9.652 deutsche Staatsangehörige mit vietnamesischem Migrationshintergrund in der Stadt. Das macht in der Summe mehr als 26.000 Menschen mit vietnamesischen Wurzeln in der deutschen Hauptstadt. Damit leben in Berlin mit großem Abstand die meisten Vietnamesen im Vergleich zu allen anderen Bundesländern. Waren Vietnamesen viele Jahre lang die größte außereuropäische Zuwanderergruppe für Berlin, so wurden sie in den letzten Jahren von zwei anderen Gruppen überholt: Aus Syrien kamen zahlreiche Flüchtlinge in die Stadt, sodass die Syrer heute mit 30.999 die größte Zuwanderergruppe stellen, die aus einem anderen Kontinent als Europa stammen. Auch US-Amerikaner leben inzwischen zumindest offiziell etwas mehr in Berlin als Vietnamesen (18.677).

Berlin hatte übrigens bereits im Sommer 2018 eine wachsende „ausländische Bevölkerung“ von 725.458 bei insgesamt 3.723.914 Einwohnern – das sind etwa 19 % Ausländeranteil. Erweitert man die Perspektive auf Menschen „mit Migrationshintergrund“, ergibt sich für Berlin die Zahl von 1.244.297 (33,4 %), das heißt: Fast jeder dritte Berliner hat bereits 2018 seine Wurzeln im Ausland – bei den unter 18-Jährigen laut Berliner Zeitung sogar jeder zweite. Diese kleine statistische Einordnung macht vielleicht auch klar, warum wir uns mit unserem Projekt PARATAXE so vehement der Erforschung der „nichtdeutschsprachigen“, wir sagen anderssprachigen Berliner Gegenwartsliteratur widmen. Ihre Bedeutung und ihr Einfluss sind – auch international – bedeutend größer, als den meisten Berlinern und auch den meisten Berliner Kulturinstitutionen bislang bewusst ist. Wenn wir von der Literaturstadt Berlin sprechen, sprechen wir zugleich auch von einer Literatur, die zu einem nicht unbedeutenden Teil in anderen Sprachen als Deutsch geschrieben wird!

 

2. Die Berliner Vietnamesen

Als ich 2002 begann, mich als literarischer Autor und Veranstalter für die asiatischen Literaturen und ihre Anwesenheit auch in der Realität Berlins zu interessieren, wunderte ich mich bereits, wie deutlich die chinesischen, vietnamesischen, japanischen oder koreanischen Restaurants oder Dienstleistungsangebote im Stadtbild waren und wie sehr man andererseits suchen musste, um auch die kulturellen Angebote zu entdecken – man musste sie wirklich suchen: Kulturell bleiben die asiatischen Berliner gerne unter sich und suchen nur selten die Aufmerksamkeit der deutschen und internationalen Berliner für ihre kulturellen Ereignisse. Meine erste literarische Arbeit zu diesem Thema war dann dem Klischee folgend auch eine Erzählung (namens „Fu“) – über einen Aussteiger aus der vietnamesischen Zigarettenmafia Berlins … In den folgenden Jahren veranstalteten wir in Berlin zahlreiche internationale Lesungen, etwa mit Manjushree Thapa aus Nepal, Rattawut Lapcharoensap aus Thailand oder Arundhati Roy aus Indien, und jedes Mal musste ich mit den Schultern zucken, wenn mich diese Autorinnen nach der asiatischen Szene unserer Stadt befragten. Insbesondere fiel mir damals auf, dass jeder in Berlin zumindest die Namen von Literaten der größten Westberliner Einwandererguppe, der Türken, kannte, aber was war eigentlich mit der größten Einwanderergruppe Ostberlins, den Vietnamesen? Jeder konnte ihre Anwesenheit in der Stadt deutlich erkennen – ihre Bistros und Läden waren und sind ja äußerst populäre Alltagstreffpunkte unserer Kieze. Aber wo waren die vietnamesischen Literaten? Es dauerte tatsächlich Jahre, bis ich erste Spuren in die vietnamesische Literatur Berlins fand – dank des Dichters The Dung und seiner Freunde, die in Berlin Lichtenberg den kleinen, aber einflussreichen zweisprachigen Exilverlag edition vipen betreiben. Erst 2014 konnte ich so zum ersten Mal zwei vietnamesische Schriftsteller aus Berlin in unseren Weltliteratursalon einladen – aus dem sich übrigens inzwischen das heute stadtweite und auch international beachtete PARATAXE-Projekt entwickelt hat. „Die Unsichtbaren“ hat der Berliner Fotograf Than Long vor zwei Jahren seine Berliner Ausstellung über die in Deutschland lebenden Vietnamesen genannt, und inzwischen verstehe ich auch etwas besser, warum gerade die vietnamesischen Autor*innen für uns deutsche Leser so schwer zu finden sind: Viele von ihnen sind gerade hier, um abseits der Öffentlichkeit in Ruhe zu schreiben und literarisch etwas zur Sprache zu bringen, was in der vietnamesischen Gesellschaft mitunter nur unter Schwierigkeiten offen geschrieben werden kann. Erst mit der sogenannten Zweiten Generation der Einwanderer, also Deutschvietnamesen wie Than Long oder den ZEIT-Autorinnen Vanessa Vu oder Khue Pham ändert sich das: „Wir neuen Deutschen“ nannte etwa Khue Pham ihr Buch über das „postmigrantische Selbstverständnis“ dieser Generation, das sie 2012 gemeinsam mit einer deutsch-polnischen und einer deutsch-türkischen Kollegin veröffentlichte. Für den vielversprechenden jungen deutsch-vietnamesischen Dichter Thien Tran (geb. 1979) jedoch kam dieser Diskurs zu spät, er nahm sich vereinsamt und innerlich zerrissen 2010 das Leben. Heute wissen wir, auch dank des hier und heute realisierten Panels, dass es in Berlin etliche wichtige vietnamesisch schreibende Autor*innen gerade auch der ersten Generation gibt (z.B. auch die einflussreiche Romanautorin, Übersetzerin und Bloggerin Pham Thi Hoai), dass es hier einen vietnamesischen Literaturverlag gibt und auch regelmäßige Literaturfeste der Berliner Vietnamesen – von denen wir auch deshalb nur so wenig wissen, weil wir das Vietnamesische kaum schätzen … Vor allem dank Dr. Dang-Lanh Hoang und seiner unschätzbaren Arbeit als Übersetzer (im literarischen wie im menschlichen Sinne!) zwischen der vietnamesischen und der deutschen Literatur und Szene konnten wir mit der PARATAXE nun erstmals einen intensiveren Austausch mit der vietnamesischen Literaturszene Berlins ermöglichen – und wir hoffen, dass sich diese geöffnete Tür nicht wieder schließt, sondern weitere Schritte des Austausches und der Zusammenarbeit möglich macht!

 

3. Indonesien in Berlin

Das asiatische Land, mit dessen Literatur ich mich seit 2002 am intensivsten beschäftigt habe, ist Indonesien, mit seinen 260 Millionen Einwohnern nach Indien und den USA die drittgrößte Demokratie der Welt. Es gibt eine ganze Reihe einflussreicher indonesischer Gegenwartsautoren, die sich Berlin eng verbunden fühlen und auch literarisch hier wirkten bzw. über unsere Stadt schrieben. Neben dem 2009 verstorbenen großen Dichter und Theatermann Rendra sind dies auch die Schriftstellerin Ayu Utami, der Lyriker und Theatermann Agus R. Sarjono, der Dichter und Verleger Goenawan Mohamad sowie in jüngster Zeit auch die Romanautorin Laksmi Pamuntjak, deren jüngster Erfolgsroman „Herbstkind“ teilweise in Berlin angesiedelt ist (sie wollte kommen, lässt grüßen). Sie alle haben zeitweise in Berlin gelebt, sind aber keine dauerhaften Einwohner geworden. Der einzige mir bekannte indonesische Schriftsteller, der in Berlin lebt, ist Husen Chiawi, ein gewitzter Zeitgenosse, der in den Neunzigerjahren für seine experimentellen Literatursalons in Charlottenburger Privatwohnungen gemeinsam mit Thomas Kapielski berühmt wurde – seine wichtigste Veröffentlichung damals hatte den sprechenden Titel „Leck mich am Text“ – leider hat Chiawi nach 2000 das Schreiben aufgegeben und lebt heute als Tangotänzer und Barbesitzer ein nach wie vor ruheloses Berliner Künstlerleben. Als wir im Sommer 2011 im Auftrag des Regierenden Bürgermeisters (Wowereit) erstmals ein JAKARTA BERLIN ARTS FESTIVAL in Berlin realisierten, luden wir auch zehn Dichter und Schriftsteller aus der indonesischen Hauptstadt nach Berlin ein und brachten sie literarisch in Kontakt mit Berliner Dichtern – eine Kombination, die bis heute zu immer neuen Kooperationen führt. Da derzeit also keine indonesisch schreibenden Autoren dauerhaft in Berlin leben, kooperieren wir zu diesem Thema – wie schon seit vielen Jahren – mit der Berliner Verlegerin Eva Streifeneder, die mit ihrem regiospectra Verlag sowohl literarisch als auch fachlich das profundeste Angebot an Literatur zum deutsch-indonesischen Thema anzubieten hat. Seit zwei Jahren besitzt Berlin nun auch ein indonesisches Kulturhaus rumah budaya, das in Tempelhof von der indonesischen Botschaft betrieben wird und auch eine eigene literarische Lesereihe Temu Sastra (Literaturtreff) veranstaltet.

 

4. Chinesisches Berlin

Was nun die einflussreiche und wachsende Gruppe der chinesischsprachigen Berliner Autoren angeht, verlassen wir uns seit einigen Jahren auf die Expertise der deutsch-chinesischen Autorin und Buchgestalterin Yimeng Wu und der Lyrikerin und Übersetzerin Lea Schneider, deren heutiges Panel mit seinen Gästen uns alles liefert, was zu diesem Thema derzeit zu wissen lohnt. Lea Schneiders Erkundung der asiatischen Literaturszenen Berlins auf literaturport.de bringt Ihnen übrigens 16 Orte in Berlin näher, die Sie kennenlernen sollten, wenn Sie sich für dieses Thema interessieren. Die Anwesenheit weltweit bekannter Dichter wie Liao Yiwu, Yang Lian und Ai Weiwei in Berlin verdeckt oft, dass in dieser Stadt noch eine ganze Reihe weiterer hochinteressanter Autor*innen in chinesischer Sprache schreiben; in unserem heutigen ersten Panel haben wir einige von ihnen vorgestellt. Eine echte Entdeckung unseres STADTSPRACHEN Festivals von 2016 war zum Beispiel der aus Taiwan stammende Schriftsteller (und Schauspieler) Kevin Chen – während er in Taiwan eine stetig wachsende Schar begeisterter Leser hat, haben wir damals eine der wenigen deutschen Textübertragungen seiner Prosa vorstellen können – und wir freuen uns sehr, dass er als Autor mittlerweile auch in Berlin wahrgenommen wird und insbesondere, dass er heute Abend hier in seiner Arbeitsheimat Berlin eine weitere Kostprobe seiner Literatur erstmals auf Deutsch vorstellen wird.

 

5. Die japanische Literatur Berlins

Ein geradezu einzigartiges Phänomen der asiatischen Literaturszene Berlins ist die aus Japan stammende Schriftstellerin Yoko Tawada, deren deutsch-japanische Grenzgänge (sowohl sprachlich als auch kulturell) inzwischen weltweit Beachtung finden. Ihre Arbeit ist ein Kapitel für sich. Sie schreibt sowohl Japanisch als auch Deutsch, Lyrik wie Prosa – aber ihr unnachahmlicher, eigenwilliger Stil und ihre ungewöhnlichen Bücher beschäftigen inzwischen auch international ganze Seminare von Literaturwissenschaftlern. Weil wir die Ehre und Freude haben, sie heute persönlich unter uns zu haben, will ich jedoch hier nicht weiter über ihre bemerkenswerte Arbeit sprechen (das bräuchte ein eigenes Symposium), sondern darüber, welche japanischen Autoren noch in unserer Stadt leben: Grüßen soll ich an dieser Stelle von dem in der Berliner Szene bestens vernetzten, experimentellen Lautdichter und Musikperformer Tomomi Adachi (geb. 1972), der unser Programm gerne mit einer Performance bereichert hätte, wenn er nicht schon seit langem fest für ein Festival in Münster gebucht gewesen wäre.

Im Gespräch mit Frau Tokiko Kiyota, die stellvertretende Generalsekretärin des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin, das ja regelmäßig auch öffentliche literarische Veranstaltungen anbietet (dort hat man heute leider eine seit langem geplante eigene Konzertveranstaltung, freut sich aber sehr über unser Symposium und ist offen für Kooperationen) erfuhr ich, wer derzeit in Berlin auf Japanisch schreibt: Herr Masato Nakamura schreibt als freier Autor/Journalist hauptsächlich auf Japanisch für Japaner, die in Deutschland wohnen. Die japanische Journalistin Frau Ichika Rokuso/Rossow lebt seit über 30 Jahren mit ihrem deutschen Mann in Berlin, erklärt den Japanern mit Magazinartikeln die Deutschen und betreibt einen Blog für Japaner über Berlin und seine Umgebung und hat einen Roman über den japanischen Arzt Dr. Nobutsugu Koyenuma geschrieben, der von September 1945 bis zu seinem Tod 1946 das Krankenhaus der brandenburgischen Stadt Wriezen im Oderbruch geleitet hatte. Sie hat zudem (auf Japanisch) zwei Bücher über das langjährige Geheimnis um die deutsche Freundin des Autors Mori Ogai (1862–1922) geschrieben, die in „Maihime“ („The Dancing Girl“) als Vorbild für die Protagonistin galt. Rokuso hat in ihren beiden Büchern – 2011 und 2013 – ihre Erkenntnisse über Ogais reale Freundin Elise Marie Caroline Wiegert in Deutschland zusammengestellt.

Und damit sind wir bei der wichtigsten (und einzigen) japanischen Literaturgedenkstätte, die sich in Berlin findet: Die von der HU betreute Mori-Ogai-Gedenkstätte in der Luisenstraße in Mitte gedenkt mit einer Ausstellung sowie mit regelmäßigen Veranstaltungen des Arztes und Dichters Mori Ogai, der 1887 als Schüler Robert Kochs nach Berlin kam und mit seinen Erzählungen und Romanen seine deutschen Erlebnisse verarbeitete und Ende des 19. Jahrhunderts in Japan sehr populär war. Mit seinen Übersetzungen deutscher Literaturklassiker von E.T.A. Hoffmann bis Goethe (u.a. „Faust“) brachte er zudem deutsche Einflüsse in die japanische Literatur seiner Zeit. Er gilt als einer der Gründungsväter der literarischen Moderne in Japan und war schließlich bis zum Ende seines Lebens (in den frühen 1920ern) Präsident der Japanischen Akademie der Künste. Zu den japanisch schreibenden Autor*innen dieser Stadt gehörten des Weiteren die Übersetzerin und Bloggerin Frau Ito Ogawa sowie Frau Leiko Ikemura – die international berühmte Malerin ist vorrangig Kunstprofessorin an der UdK, aber sie schreibt auch Gedichte, die in den Ausstellungen zwischen den Kunstwerken ausgestellt werden. Es gibt auch ein Künstlerbuch mit ihren Bildern und Gedichten. Auch die japanische Berlinerin Frau Sakae Nasuda, Mitarbeiterin an der Kulturabteilung des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin ist aktive Literatin: Unter dem Künstlernamen Sakae Kimoto übersetzte sie deutsche Kinder- und Jugendbücher ins Japanische, etwa „Tschick“, „Mimus“ u.a.m.

Unsere Recherchen zu den koreanischen Literaten verliefen bislang noch relativ ergebnisarm, allerdings haben wir auch erst im Vorfeld des Symposiums damit begonnen. Entdeckt haben wir vorerst zwei junge polyglotte Koreanerinnen, die beide vorwiegend auf Englisch schreiben – die in Dublin in kreativem Schreiben ausgebildete Dichterin Dasom Yang begegnete uns als Redaktionsmitglied des befreundeten Berliner Literaturmagazins SAND, Sie werden sie am Ende dieses Panels als Lyrikerin und unser featured poet persönlich erleben können. Und auch Aly Cha, die mit japanischem Vater und koreanischer Mutter aufwuchs und in Japan, Korea, Amerika, Kanada und der Schweiz lebte, bevor sie sich in Berlin niederließ, werden Sie selbst näher kennenlernen können – sie liest in unserem abendlichen Leseprogramm aus ihrem Roman „Schnee im April“.

 

6. Was fehlt?

Bleibt noch die andere größte Kulturnation Asiens, der indische Subkontinent. Der indischste Berliner – oder berlinischste Inder, wie Sie wollen – unter den wenigen dauerhaft in der deutschen Hauptstadt ansässigen Autoren ist das Urgestein der hiesigen Literaturszene, der Autor, Aktivist und erfolgreiche Synchronsprecher Rajvinder Singh. Er schreibt mehrsprachig (Panjabi, Englisch, Deutsch u.a.m.), ist zugleich Berliner und Inder, Aktivist und Sikh und kennt die Berliner Szene wie kaum jemand sonst seit Jahrzehnten. Zugleich ist er ein umtriebiger Kulturvermittler zwischen Indien und Berlin – wie Sie in unserem Panel feststellen können werden, wo Raj, wie ihn seine Freunde nennen dürfen, gleich sprechen wird, deswegen will ich alle weiteren Erklärungen ihm überlassen. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang auch die regelmäßigen Salons, die die indische Designerin Mini Kapur in ihrer Schöneberger Galerie Under the Mangotree veranstaltet. Bemerkenswert u.a. auch deswegen, weil die indische Künstlerin eine ausgeprägte Vorliebe für klassische deutsche Lyrik, etwa von Heinrich Heine und anderen, hat und diese mit entsprechend anspruchsvollen Lesungsabenden pflegt. Auch die Berliner Literarische Aktion hatte in den letzten Jahren immer wieder mehrsprachige literarische Begegnungen mit indischen Autoren gepflegt, etwa 2008 mit Kiran Nagakar (Bombay) oder wie schon erwähnt 2009 Arundhati Roy, 2011 Altaf Tyrewala (Mumbai) sowie Chandrahas Choudhury (Bombay) und Santosh Kumar Brahma (Kalkutta) 2012 u.a.m. Von in indischen Sprachen schreibenden Literaten in Berlin ist uns in all diesen Jahren jedoch nichts bekannt geworden (für Hinweise sind wir also jederzeit dankbar).

Was ist mit schreibenden Berliner*innen aus Thailand? Myanmar? Kambodscha? Den Philippinen? Ostasien und Südostasien, Südasien, Mittelasien, Vorderasien (mitunter auch Westasien genannt), Nordasien, Zentralasien … die ungeheure Vielfalt der Sprachen, Staaten und Kulturen, die wir hinter dem Begriff Asien verstecken ist geradezu unermesslich, insofern ist das Wort ein ganz grober Keil – und zugleich auch Ausdruck unserer – jetzt meine ich vor allem uns deutsche und mitteleuropäische „Westler“ – Ahnungslosigkeit. Ein Berliner, der aufgrund seiner Herkunft mit dieser Ahnungslosigkeit tagtäglich konfrontiert wird, ist der auf Sri Lanka geborene Berliner Schriftsteller Senthuran Varatharajah, der in Deutschland aufwuchs, unter anderem klassische europäische Philosophie und evangelische Theologie studiert hat und dennoch immer wieder als „asiatischer Autor“ klassifiziert wird. Insofern freue ich mich besonders, dass dieser kluge und im Thema erfahrene deutsche Autor unser anschließendes Panelgespräch leiten wird, wobei er hoffentlich auch einige seiner eigenen Erfahrungen und Positionen mit einbringen wird.

Die indifferente geografische und kulturelle Schublade Asien ist vielleicht auch ein Ausdruck unserer Bequemlichkeit, uns mit der Andersartigkeit (andere Werte, andere Mentalitäten – wollen wir das überhaupt?) und Komplexität des bevölkerungsreichsten Teils der Erde genauer beschäftigen zu müssen, in dem jedoch sprachlich wie kulturell die Ursprünge und Quellen unserer eigenen Kulturen liegen. Die wuchtige Dynamik, die den asiatischen Kulturen derzeit innewohnt und die momentan dabei ist, spürbar (auch bis nach Berlin) die Welt zu verändern, bleibt vielleicht manchem Europäer, der sich eigentlich für weltoffen hält, unverständlich, egal oder gar suspekt. Insofern hilft es unserer bequemen Ahnungslosigkeit vermutlich sehr, wenn wir uns mit der Literatur der asiatisch sprechenden Berliner – also unseren freundlichen Nachbarn! – beschäftigen, um so einen Einstieg zu bekommen in eine thematische und kulturelle Kraft, die weder bedrohlich noch unwichtig für unsere Gegenwart und Zukunft ist – eher im Gegenteil: Die asiatischen Autor*innen Berlins treten derzeit aus dem literarischen Schatten und beginnen, mit ihren Texten die Gegenwartsliteratur unserer Stadt allmählich offener und deutlicher zu prägen – ganz egal, in welcher Sprache sie schreiben.

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