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Berlinoise

Wilfried N’Sondé (2015)

Zum Buch:

Rückblickend erzählt Stan von seiner Ankunft in Berlin im Dezember 1989 zusammen mit seinem Freund Pascal und von seiner Begegnung mit Maya. Sie ist in der DDR aufgewachsen und die Tochter eines Exilkubaners. Stan ist fasziniert von ihr und eine berauschende Liebesgeschichte beginnt. Genauso fasziniert ihn aber die Stadt Berlin. Pascal und er beschließen zu bleiben und gründen eine Band mit der Schlagzeugerin Clémentine. 


Erstes Kapitel

Ich lernte Maya am 30. Dezember 1989 kennen. Am selben Morgen waren Pascal und ich am Berliner Bahnhof Zoo eingetroffen, mit schwammigen Gesichtern, das Gehirn noch vernebelt von den Alkoholdünsten, müde und aufgekratzt nach einer kurzen Nacht im Zug in der Gesellschaft anderer Touristen, die darauf brannten, sich in die Party zu stürzen. Ab der belgischen Grenze waren die Bier-, Wein- und Sektflaschen zwischen den Abteilen und Waggons hin- und hergegangen. Wir fühlten uns zusammengehörig, da wir alle an die Illusion glaubten, die ganze Welt träfe sich am Schauplatz der Geschichte: Berlin, die Überschwängliche, war wiederauferstanden, sie hatte Festtracht angelegt, eine Art Karneval, improvisiert zur Kakophonie der Hammerschläge auf Beton. Euphorie und echte Sorglosigkeit durchströmten die Pulsadern der überschäumenden Stadt, ihre Kneipen und Cafés, ein Aufsprudeln, jugendlicher Übermut lag in der Luft. Ganz selbstverständlich ließen wir uns von der allgemeinen Ausgelassenheit mitreißen, warum auch nicht ein paar graffitibemalte Betonstücke mitnehmen, als Trophäen, um später einmal voller Stolz sagen zu können, dass wir dabei gewesen waren.

Passanten, die sich über den Tumult ärgerten, rieten uns, dem Hämmern von Stahl auf Stein zu folgen, das aus der Ferne zu uns herüberdrang. So gelangten wir zu den Menschentrauben im Niemandsland, das der Potsdamer Platz immer noch war.

Pascal verschmolz sofort mit seiner Umgebung, er zog einen Hammer aus seinem Rucksack und machte sich ans Werk. Ich sah mich lieber erst einmal um, die Szene hatte etwas Irreales, fröhliche Frauen und Männer stießen mit aller Kraft ihre Meißel und Pflöcke in den Beton, um große Stücke herauszulösen, manche hatten sich auf die Mauer gehievt, wo sie sich feierlich umarmten oder anderen die Hände entgegenstreckten, um ihnen hinaufzuhelfen.

Ich bemerkte sie, als sie hinunterkletterte und mit eiligen und stolzen Schritten auf die Stelle zusteuerte, die wir uns als Steinbruch ausgesucht hatten. Mit dem Blick folgte ich Maya, wie sie auf uns zukam, ich war gefesselt von ihrem geschmeidigen und selbstbewussten Gang. Ihr grauer, offenstehender Mantel enthüllte einen blasslila Rollkragenpullover und lange Beine in hautengen schwarzen Hosen und Lederstiefeln. Während sie an mir vorüberging, ohne mich wahrzunehmen, wickelte sie sich ihren Schal um den Hals und streifte meine Kleidung. Ich wünschte mir, dass sie stehenblieb, aber sie lief weiter auf Pascal zu und reichte ihm ein größeres Werkzeug aus ihrer Tasche. Sie wechselten ein paar Worte, dann drehte sie sich um. Da stand Maya, zwei Meter vor mir. Trotz des Dämmerlichts bemerkte ich sofort die dunkle Hautfarbe ihres schönen Gesichts, den schillernden Regenbogen auf ihrer Iris und darüber die harmonischen Schwünge ihrer dichten Brauen. Ihre wohlgeformten, markanten Züge, ihr wunderbarer, sinnlicher Mund mit den fein gezeichneten, herzförmigen Rundungen in der Mitte der Oberlippe, darunter das volle, sich vorwölbende Fleisch – eine Einladung.

Sie wirkte erstaunt, ein wenig verunsichert, während ich sie anstarrte, für den Bruchteil einer Sekunde blieb ihr Blick auf mir haften. Ich genoss ihren Anblick aus der Entfernung, unverstellt und gedankenlos, ein Rest von Anstand hinderte mich daran, zwei Schritte auf sie zuzumachen, eine Hand um ihre Taille zu legen und ihr einen langen lautlosen Kuss zu schenken. Sie fasste sich wieder etwas und fragte Pascal, ob er mit dem neuen Hammer besser zurechtkam, dann wollte sie offenbar wissen, warum ich dort stand und nichts tat, bevor wir schließlich ein Lächeln, ein paar Sätze, Banalitäten austauschten. Als ihr klar wurde, dass ich gerade erst in der Stadt angekommen war, erbot sich Maya, mich herumzuführen, sie wollte mir unbedingt alles genau erklären.

Sie konnte es einfach nicht fassen, diese besonderen Zeiten mitzuerleben, das sagte sie mit einem Kopfschütteln. Sie kam aus Thüringen in der DDR und war im November gleich nach der Grenzöffnung nach West-Berlin gezogen. In nur wenigen Tagen hatte sie ihr Leben neu erfinden müssen, mit einem großen Schritt über die Mauer von einer Welt in eine andere treten. Zu den Ruinen kehrte sie zurück, um wieder und wieder in die Atmosphäre der friedlichen Revolution einzutauchen. Maya wollte mich davon überzeugen, dass die Gegenwart die Vergangenheit endgültig überwunden hatte, und dass aus dem hier und da aufgehäuften grauen Schutt im Staub um sie herum eine wunderbare Zukunft erstehen würde.

Gemeinsam schritten wir die Mauer auf und ab, an manchen Stellen klafften Löcher. Mein Herz schlug wie verrückt. Schon jetzt hatte ich sie gern an meiner Seite, ich mochte den Klang ihrer Stimme, den Fluss ihrer Worte. Wenn sich unsere Blicke kreuzten, erschauderte ich, spürte einen angenehmen Stromschlag, ein Kribbeln in der Bauchgegend, sie lächelte, schüchtern, ein wenig verlegen.

Wir schlenderten Seite an Seite durch das Gewühl, gutgelaunt wurden Sektbecher aneinandergestoßen, wir tranken ebenfalls auf Glück und Freiheit für alle, während die Leute um uns herum sangen, lachten und tanzten. Aber ich bemerkte auch die verstohlenen, neugierigen, manchmal verunsicherten Blicke derjenigen, die sich nach Jahrzehnten der Sehnsucht nun gegenüberstanden. Die Sprache war dieselbe, der Akzent verschieden, genauso wie der Kleidungsstil.

Wir kehrten zu Pascal zurück, der sich mit immer größerer Begeisterung der Zerstörung widmete, ich freute mich, dass er solchen Spaß hatte, dass er endlich seine Hemmungen fallen ließ. Maya und ich setzten uns auf einen Schutthaufen, sie breitete ihre Arme aus, atmete tief ein und aus, eine Meditation inmitten des Höllenlärms. Lichter tanzten im Meer ihrer verschiedenfarbigen Augen, das eine grau oder blau, die Dunkelheit trübte meinen Blick, das andere haselnussbraun, ein einzigartiges Kaleidoskop, das ihr etwas Katzenhaftes verlieh, einen sanften und gleichzeitig machtvollen Zauber, den das intensive Schwarz im Zentrum der Augenhöhlen und die ein wenig über die ganze Iris verstreuten, winzigen, flackernden Goldkörnchen noch betonten. Das Mysterium Maya zog mich in seinen Bann.

 

Sie nahm einen weiteren Becher, den ein Unbekannter ihr reichte, und bat mich, näher zu rücken, um sie besser zu verstehen. Mein Ohr berührte fast ihren Mund. Für sie bedeutete der Neuanfang vor allem das Ende der tagtäglichen Verstellung in einem Doppelleben, das einerseits aus ihrem echten, wahren Ich und andererseits aus einer Fassade bestand, um sich dem Überwachungssystem der DDR zu entziehen, denn es war schrecklich, sich – zu Recht oder zu Unrecht – vorzustellen, dass einer ihrer besten Freunde oder ein enges Familienmitglied sie wegen einer kritischen Äußerung über die Einheitsdoktrin beim Staatsapparat hätte anzeigen können. Sie hielt kurz inne, heftete ihren Blick auf mich, und erzählte mir dann von ihrer Heimatstadt Jena, die, da war sie sich sicher, wieder so werden würde, wie der Romantiker Goethe und der Tyrannenfeind Schiller – beide vernachlässigt, aber unvergessen – sie geliebt hätten. Bald würden sie wieder den ihnen gebührenden Platz einnehmen über den stumpfen und strengen Fresken des sozialistischen Realismus.

Ich hörte aufmerksam zu, Maya fing Feuer. Die effiziente und praktische Organisiertheit, die sie seit jeher kannte, wollte sie durch das Regime der Exzentrizität, der Fantasie und Eleganz ersetzen. Erst vor rund einem Monat hatte sie sich der Last des allseitigen Argwohns entledigt und lernte nun, sich ohne Furcht und Beklemmung im öffentlichen Raum zu bewegen, ihren Gedanken ohne den Schraubstock der Angst freien Lauf zu lassen, Kopf hoch, Brust raus. Lachen, singen, schreien, wann immer ihr danach war. Maya las Zustimmung in meinem Gesicht, ich trank ihre Worte erfüllt von dem starken Wunsch, mich an sie zu kuscheln. Ich glaubte, sie würde mich jetzt küssen, aber sie stand auf, begann sich um sich selbst zu drehen und hörte gar nicht mehr auf, ein Tanz wie eine Hymne. Jubelrufe und Applaus um uns herum. Maya kehrte zu mir zurück, die Pupillen geweitet, überschwänglich, eine fast kindliche Freude, selig, ihr Glück zu teilen, jenen ein Gesicht geben zu können, die sie gestern noch auf der anderen Seite wähnte, hinter den bedrohlich bellenden Wachhunden, die nachts entlang der Stacheldrähte patrouillierten.

Sie wünschte mir, niemals in die kalten und regungslosen Gesichter der Zollbeamten blicken zu müssen, die penibel die Menschen an den Grenzübergängen kontrollierten. Maya, befreit von dem schrecklichen Gefühl, in ihrem eigenen Land eingesperrt zu sein, glücklich, keine unfreiwillige Inselbewohnerin mehr zu sein, mit Aussicht auf Wachtürme und entschlossene Grenzsoldaten, die bereit waren anzulegen. Ich begriff, dass die Frau, die ich soeben kennengelernt hatte, einen langen Reifeprozess hinter sich hatte.

Maya setzte ihren Gedankengang fort, sie wollte, dass ich mir über die außergewöhnliche Bewegung im Klaren war, dass ich ihren Stolz verstand, seit Oktober an der Ereigniskette beteiligt gewesen zu sein. Der Aufstand, zunächst diffus, hatte sich in eine gewaltige Woge verwandelt, von der auch sie erfasst wurde. Zunächst Geflüster, Gespräche in den Kirchen, Diskussionen auf den Straßen, in den Schulen, dann die Demonstrationen, Schulter an Schulter. Zögern auf beiden Seiten, die Polizei fassungslos, außerstande, das Feuer zu eröffnen. Und Maya, mit einem leichten Unbehagen, zitternd, aber entschlossen, mitten in der Menge, die nach vier Jahrzehnten Unterwerfung und Ergebenheit die Kraft fand, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und sich gegen die herrschende Ordnung aufzulehnen.

Die Minuten vergingen, der Augenblick der Trennung rückte in gefährliche Nähe, ich fürchtete, dass dieser Höhenflug ganz plötzlich enden könnte. Zum Glück schlug Maya ein Treffen gleich für den nächsten Tag vor. Spontan verabredeten wir, zusammen Silvester zu feiern, sie kritzelte den Namen der U-Bahn-Station Kottbusser Tor auf einen Zettel, den ich seither immer bei mir trage.

***

Der Sommer 1990 war großartig. Er begann mit einem Paukenschlag am 1. Juli: Zur allgemeinen Überraschung wurde für die Währungsunion der beiden deutschen Staaten ein Eins-zu-eins-Umtauschkurs beschlossen, was eine klare Überbewertung der Ostmark bedeutete. Die eiserne Finanzpolitik der Bundesrepublik schien zu zersplittern, eine Revolution. Die Veränderungen stellten das euphorische Berlin völlig auf den Kopf, die Stadt verlor jedes Maß, mit Seifenblasen im Kopf, Flitter vor den Augen und wahrscheinlich Propellern am Rücken schien Unglaubliches möglich, alles lachte ihr entgegen. Manche bösen Zungen grummelten in ihrer Ecke vor sich hin, Berlin stehe ein schmerzhaftes Erwachen bevor, mit Kater und riesigen Löchern in der Brieftasche. Aber im Augenblick befand sich die Stadt im Größenwahn. Sie hielt sich ein bisschen für den Nabel der Welt und träumte davon, wieder die Hauptstadt des Landes zu werden. Sie berauschte sich immer aufs Neue und alles gelang ihr.

Eine Woche später erstürmte Berlin die Spitze des Erdkreises, da die westdeutsche Fußballmannschaft im Stadion von Rom zum Weltmeister gekürt wurde. Direkt nach dem Schlusspfiff entlud sich aus den Eingeweiden der Stadt ein Jubelgeschrei, von Hohenschönhausen im Osten bis Spandau im äußersten Westen, vor den Großbildschirmen, in den Cafés und Biergärten, noch einmal Freudentaumel, ein gemeinsamer Sieg für zwei Völker. Die Bierkrüge klirrten aneinander, Schaum auf den Schnurrbärten, Ruhmgesänge an den Sport und das Land, begleitet von brüderlichem Geschunkel, die Stimmen angeschlagen von der Rührung und vom Alkohol, der unaufhörlich weiterfloss. Die Straßen, die während des Spiels fast ausgestorben dalagen, füllten sich allmählich mit Fangruppen in größter Aufregung.

Maya wurde mitgerissen von der ungeordneten Bewegung dieser lärmenden Menschenmenge, während sie zu unserem ersten Open-Air-Konzert unterwegs war. Für sie, die der Fußball nicht interessierte, war es eine große Überraschung. Ihr würde dieser Sport immer ein Rätsel bleiben, ein Ausdruck der menschlichen Dummheit, ein Haufen erwachsener Männer in kurzen Hosen, die sich um einen Ball stritten, vor den verzerrten Gesichtern einer Armee von Zuschauern, die sich auf den Tribünen zusammenpferchten und bereit waren, sich zur Verteidigung ihrer Mannschaft gegenseitig umzubringen … Maya schob sich an den Häuserwänden entlang, um sich zu schützen und der Hysterie auszuweichen, sie hatte Angst, denn irgendwo hatten sich beunruhigende falsche Töne in den freundlichen Chor der ausgelassenen Stadt geschlichen. Rasierte Glatzköpfe hatten sie mit drohender Miene angeschrien: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ Auf den Straßen des wiederauferstandenen Berlins frönte so mancher dem unheilvollen, lange vergessenen Nationalstolz.

Verstört gelangte Maya zu uns in den Hof des Tacheles in der Oranienburger Straße. Das rebellische Berlin zeigte den Sportlern den Mittelfinger, indem es in Konkurrenz zum Finale ein Musikfestival organisierte. Wir hatten diesem Konzert voller Beklommenheit und Ungeduld entgegengefiebert, schließlich würden wir in der Kultstätte der Alternativszene spielen. Maya kam mitten im Programm, ich erkannte sie kaum, während sie sich nach vorne durchschlängelte, um dann links neben der Bühne stehen zu bleiben. Meine Sicht war vom Schweiß getrübt. Pascal hatte den Nachmittag über so viel geraucht, um seine Nerven zu beruhigen, dass er jetzt total stoned war und das Tempo nicht halten konnte. Clémentine blieb über alles erhaben. Ich bemühte mich, so gut ich konnte, mit den beiden im Takt zu bleiben, dann fing Pascal sich wieder. Er ging auf das Publikum zu, entschlossen, egal was für die Zuschauer zu tun, außer sie zu langweilen. In wenigen Sekunden kippte alles! Der Bass stürzte sich in eine Improvisation, schwebte, stellte sich auf die Zehenspitzen, ohne Halt, für einen kurzen Moment trat Stille ein, dann nichts mehr. Pascal griff wieder in die Saiten, eine furiose Attacke, die den Rhythmus sprengte. Die ersten Reihen fingen an, sich zu bewegen, Fäuste reckten sich zum Himmel.

Wir wirbelten gemeinsam unter dem Sternenhimmel herum, Pascal überflutete den Hof mit seinem Bass-Solo in atemberaubender Geschwindigkeit, er berauschte uns mit unbekannten Akkorden, fingerfertig wie ein Wunderkind. Er führte uns weit, sehr weit weg, Clémentine und ich begleiteten ihn auf seiner Reise. Das ergebene Publikum schloss sich an, verzaubert. Pascal wagte es, den Fuß kurz auf das Verzerrer-Pedal zu setzen, brachte die Lautsprecherboxen beinahe zur Implosion und löste vor uns eine Woge von Köpfen aus, die unablässig vor- und zurückschwappte, bis plötzlich der Break wie ein Blitz einschlug und uns alle überrumpelte. Drei Sekunden später stiegen wir wieder ein, um mit dem letzten Refrain zu enden. Der Song hieß: Let it out!

Danach Applaus und Zurufe, während Pascal kichernd den Hals seines Instruments liebkoste, als ahmte er dessen Töne nach. Ich selbst hatte zwischen Singen, Schreien und Klagen hin- und hergewechselt. Mich faszinierte Clémentines Gesichtsausdruck, er war von Wut in Ekstase, von Panik in vollkommene Ruhe übergewechselt. Sie schlug dreimal ihre Sticks aufeinander, ich kündigte die Zugabe an.

Während wir spielten, tanzte Maya, unter Tränen gab sie sich einer leicht unkoordinierten, aber aufrichtigen und fließenden Symphonie der Bewegung hin. Als wäre sie ein Tier ohne Skelett, dem so etwas wie Anmut piepegal war. Später sagte sie, sie hätte mir ihre Traurigkeit und Verlassenheit dargeboten, sie hüpfte und drehte sich, als ob ihr der ganze Hof gehörte, bemüht darum, wenigstens für diesen Augenblick alles loszulassen. Sie versuchte die Worte des Hasses, die sie auf der Straße gehört hatte, zu vergessen.

Die Berlinoise meiner Träume fühlte sich in der wiedervereinigten Stadt fremd, in ihrem eigenen Land wurde sie zum Eindringling, zurückgewiesen wegen ihrer dunklen Hautfarbe.

Die Gerüchte über die Zunahme des Fremdenhasses und rassistischer Übergriffe dauerten an. Maya erzählte mir manchmal vom Ausmaß der Katastrophe, wenn sie von ihren immer selteneren Besuchen in Jena zurückkam. Zerstreut hörte ich zu, ich konnte mich nur auf ihre Reize und die Musik konzentrieren… Nach dem Mauerfall und dem Anbruch der Freiheit waren Arbeitslosigkeit und Verdruss bis in Mayas engsten Familienkreis vorgedrungen. Ihnen folgte die Bissigkeit, die nach einem Sündenbock Ausschau hielt und schlussendlich Feinde auserkor. Wenn sie in ihre Heimatstadt fuhr, um ihre Mutter zu besuchen, brüllten ihr Passanten Rauswurfparolen entgegen. Der Freudentaumel wich einer bedrückenden Stimmung der Desillusion und Intoleranz. Maya entzog sich dieser Welt, mit Kopfhörern auf den Ohren kapselte sie sich ab und ignorierte die Beleidigungen, während sie den Bahnhof verließ. Sie entwickelte eine exakte Wissenschaft darüber, welche Wege sie wählen konnte, um den unangenehmen Begegnungen an Orten zu entgehen, die sie seit jeher kannte. Den Provokationen standhalten. Sie begab sich in ein fernes Exil innerhalb ihrer selbst, um die Feindseligkeit zu überleben. Allein fand Maya Trost, isoliert, völlig abgetaucht in die poetischen Schilderungen eines Goethe-Textes, angeregt durch die fiebrige Rede Schillers, aufgesogen von philosophischen Werken oder kunsthistorischen Abhandlungen. Sie fuhr widerwillig nach Jena, unfähig, sich den Grund für so viel Abneigung bis in ihre eigene Familie hinein zu erklären.

Nachdem ihr Onkel wegen der Übernahme seines Betriebs entlassen und arbeitslos geworden war, durchbohrte er sie mit finsteren Blicken voller Groll. Er redete nicht mehr mit ihr. Ihre Tante, niedergedrückt durch die zahllosen Ernüchterungen, senkte den Blick und steckte die Hände in die Schürzentaschen, stumm. Die Implosion der DDR hatte das Ende der Schimäre von Kollektivität und Gleichheit besiegelt, die für manche ein Zufluchtsort, ein Kokon gewesen war. Verschwunden waren auch die Leitsätze und Losungen, die die Staatsmacht so hochgehalten hatte: Die bedingungslose Liebe zwischen den Völkern stürzte zunächst unter dem Schlag des Verdachts, bevor sie einfach zertrampelt und aus den Köpfen von Frauen und Männern verbannt wurde, die es so sehr nach Neuem dürstete. Sie hatten eine Kehrtwende vollzogen und grenzten Maya und ihr Anderssein tagtäglich mehr aus.

Von nun an unternahm sie allein, ohne ihre Cousinen Kerstin und Bettina, lange Ausflüge in die Natur der Umgebung, ganze Vormittage und Nachmittage schritt sie die Pfade ab. Lange Stunden, um über die Möglichkeit nachzusinnen, nie mehr zurückzukehren. Maya stumpfte ab, ernüchtert und enttäuscht empfand sie weder Freude noch all die anderen Reize des Lebens. Schließlich entschied sie sich für die Nichtmehr-Wiederkehr, das Exil in ihrem eigenen Land, und ließ ganze Teile von dem zurück, was sie einmal gewesen war.

 

Aus dem Französischen von Laura Haber

Aus: Wilfried N’Sondé: Berlinoise. Actes Sud, Arles 2015.

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