Sprachen
Inhalt Wer? Über uns Termine Submissions Untermenü
« zurück

Bis zur Apfelblüte

Ilia Ryvkin (2020)

Mit Hepatitis kann man Jahrzehnte leben, aber aplastische Anämie ist unheilbar. Nun ist der wehrlose Körper abhängig von Ärzten, die seine doppelte Erkrankung verschuldet haben.

Jans einzige Rettung war, den Musiksender für Teenager zu schauen. Früher – nie im Leben!, aber jetzt liegt er da und schaut. Und zwar mit demselben Gefühl, mit dem sich jemand, der sich in der Wüste verirrt hat, auf einen Wasserkanister stürzt oder ein Gläubiger auf das Sakrament. Nun gab es nichts mehr zu kritisieren, niemanden, vor dem man sich schämen oder rechtfertigen müsste. Auf dem Bett im Einzelzimmer lag ein sterbendes Tier aus der Familie der Hominiden und beneidete die Stuten, die ihre Schokohintern im Takt hin und her wiegten und die zärtlichen jungen Hengste, die sich vor Verlangen verzehrten.

Lebenskraft, Bios, das, was er früher mit … nein, nicht mit Verachtung betrachtet, sondern … einfach nicht bemerkt hat, vermutlich. Der Körper ist ein Gefäß für den unsterblichen Geist, die unterste Ebene in der Hierarchie des Seins und sonstige papierene Weisheiten. Genauso passiert es, dass der Gutsherr sein Volk nicht bemerkt – der Samowar ist heiß, auf dem weißen Leintuch stehen Teeschalen bereit –, bis ihm das Volk davonläuft, ausstirbt oder sein Gut in Brand setzt.

Er merkte, dass er sich in die einfachsten Dinge der Welt verliebte: die Augen öffnen, Häuserreihen aus dem Fenster betrachten, die gleichsam erbaut wurden, damit sie jemand mit Buntstiften ausmalt, mit Leuten sprechen, ganz egal mit welchen. Im Sarg gibt es dann niemanden mehr zum Reden. Menschen beobachten, diese zweibeinigen Wunder voller Dankbarkeit. Einfach so. Die Freude leben, die aus der Substanz des Seins herausspritzt wie aus einer reifen Frucht und alles ringsum mit ihrem süßen Saft beschmiert. Noch einmal die Sonne sehen, bevor der erste Nagel auf den Sargdeckel trifft. Dabei hat dieser Winter nur wenige Sonnenstunden.

In Ebersberg war Karnevalszeit. Am frühen Abend wurde Jan von Motorenlärm, Rasseln und Helau-Rufen geweckt. Eine Menschenmenge fuhr auf mit Girlanden verzierten Traktoren und grölte Schlagersongs, ihr nach folgte in ständig wechselndem Abstand eine lärmende Schar dunkler Holzmasken. Sie hatten hervorstehende Augen, Säbelzähne, die unter umgestülpten Lippen hervorbleckten, Hakennasen, strubbelige Perücken und Kleider aus schwarzem Ziegenfell. Erbost reckten sie die Arme empor und wedelten mit langen Holzstäben, als wollten sie den Clowns drohen.

Schon den ganzen Monat erwachte Jan in widerwärtig riechendem kaltem Schweiß. Scheinbar traten die Alpträume durch die Haut aus und wurden vom Bett aufgesaugt, er musste die Bettwäsche täglich wechseln. Heute hatte er geträumt, er sei auf dem Weg irgendwohin, richtig, nach Hause, aber nicht in das kleine Mietshaus am Moor, sondern in den fünfstöckigen rosa Bau, wo er aufgewachsen ist. Das Haus war übersät von Lüftungsrohren und Klimaanlagen, wie ein Holzklotz unter Pilzbefall. Aus irgendeinem Grund lief er rückwärts. Wie ist er hierhergekommen? Wie krank geworden?

Abends geht er hinaus zum Joggen, tritt in die Dunkelheit auf den leicht verschneiten Weg, überwindet die Erschöpfung und die Schwäche. Die Dunkelheit wächst an wie der Wasserspiegel bei Flut, sie durchflutet den schwimmenden Kopf, das Herz, die wackligen Knie. „Wozu gehst du joggen?“, fragt ihn Alissa – kantig, sommerspossenübersät, einer Fee aus einem Kinderbuch ziemlich ähnlich. Weg will ich, weg von mir, weg vom eigenen Herrn, hinein in den vertrauten dunklen Wald, weiter als die Leine es zulässt, kommt man nicht, das ist klar. Weg davon, dass du nichts für mich empfindest, außer Mitleid. Wahrscheinlich wäre es gut gewesen, den Arzt zu fragen, ob man während der Therapie joggen darf. Die letzte Blutuntersuchung hatte ergeben, dass die Anzahl der Neutrophile und der Thrombozyten den kritischen Wert um das Fünffache unterschreitt.

Der behandelnde Arzt, Dr. Tobias Gross, ein dynamischer Mann mit großen Ambitionen, las den New Yorker, was in einem bayerischen Dorf schon fast einem Affront gegen die herrschenden Wertvorstellungen gleichkommt. Seine Praxis machte nicht den Eindruck einer Klinik, eher den eines Kurzwarenladens. „Woher haben Sie die Hepatitis?“, fragte er in einem Ton, der den Verdacht auf die schnödeste und anstößigste Ansteckung verriet. Dr. Gross hätte die Therapie aussetzen sollen, mit Hepatitis lebt und lebt man, und jetzt kann jeder Tag der letzte sein. Aber nein, der Arzt verringerte nur die Dosis und riet zur Vorsicht, er solle sich bemühen, sich nicht zu verletzen.

Alles in ihm sträubte sich gegen die Spritze, der Körper hätte aufgeschrien, hätte ihn jemand gehört – Nein! „Tu deine Pflicht, und komme, was wolle.“ Also tat er es. Der rationale Mechanismus griff einwandfrei. Jan warf einen Blick auf die bulgarische Ikone des Heiligen Georg mit dem Drachen und rammte die Ribavirin-Spritze in die Vene wie St. Georg den Speer in den Drachenschlund. Schied Gut und Böse, nur dumm, dass jenes Gewebe, das Gut und Böse band, das Leben selbst war. Bei dieser Anzahl der Neutrophile und Thrombozyten konnte einen jedes Niesen und jeder Kratzer ins Jenseits befördern.

In diesem verhängnisvollen Winter jagte ein Unglücksfall den nächsten. Die Firma, für die Jan arbeitete, stand kurz vor dem Ruin, und der noch ganz junge Kater wurde krank. Er war erst anderthalb, gesellig und verspielt. Das Katzenjunge war als einmonatige Waise ins Haus gehüpft, hatte sich an seinem Pullover festgekrallt, ihn mit den riesigen blauen Augen eines Außerirdischen angesehen – und war geblieben. Solange es sich die Sitten der kämpferischen Kindheit nicht abgewöhnt hatte, biss und kratzte es bis aufs Blut, war scheu, leckte sich nicht das Fell. Aber schon bald wurde er der Kater aller Kater.

Wenn er auf die Wiese trat, schnupperte er zunächst an der blauen Glockenblume. Die Nachbarskatze kam herbei, streckte sich schmachtend, präsentierte sich, doch er geniert sich, beobachtet sie aus seinem Versteck. Dann folgte das zügellose Leben, sorglose Streifzüge Tag und Nacht, Jagd durch die Baumkronen, den Eichhörnchen hinterher, Kämpfe mit den fetten Katern aus der Nachbarschaft – er kehrte jedes Mal voller Wunden zurück. Später wurde er sehr anhänglich, er kam sogar mit, wenn Jan spazieren ging. Wie andere Leute ihre Hunde Gassi führen, so trottete bei Jan ein Kater nebenher und wich ihm nicht von der Seite.

Doch diesen Winter schlief der Kater die ganze Zeit, sein Bauch blähte sich immer mehr auf als wäre er mit irgendeiner Flüssigkeit angefüllt.

Jan brachte ihn zum Tierarzt. Auf dem Tisch im Behandlungsraum sprang ihm ein Gefäß mit blutigen Katzeneierstöcken in die Augen. „FIP, infektiöse Bauchfellentzündung im unheilbaren Stadium“, lautete die Diagnose, „es wäre besser, ihn einzuschläfern, um ihm das Leid zu ersparen.“ Jan wollte ihn nicht einschläfern lassen. Im Internet fand er einen Homöopathen, der FIP durch Entgiftung mit einer Nosodentherapie behandelte. Das Einnahmeschema war merkwürdig und kompliziert. Erst musste man ein halbes Gramm Kot in hundert Millilitern abgekochtem Leitungswasser auflösen, es mit einem Glasstäbchen fünfzig Mal mit und fünfzig Mal gegen den Uhrzeigersinn rühren, einen Tropfen dieser Flüssigkeit dem Kater in den Fang spritzen und danach die Konzentration immer mehr verdünnen, dabei die Geschwindigkeit der fünfzig Umdrehungen zunehmend erhöhen. Auf den fünftägigen Zyklus folgt eine Woche Pause. Dann dasselbe mit dem Urin und schließlich dem Blut. Ob sich Gleiches durch Gleiches heilen lässt, hat Jan nie erfahren, die kleine Einheit der Krankheit verhält sich zur Krankheit selbst wie die verstandesbeleidigende Manipulation zu der Angst um das Leben des geliebten Wesens.

Einen Tag nach dem Tierarztbesuch kroch nachts die Angst vor dem Schnee durch den Spalt unter der Tür hindurch, nicht die Angst vor der Kälte, die einen erfrieren lassen könnte, sondern vor dem Schnee. Jan wand sich im Schlaf und zog die schweißnassen Laken zu erdrückenden Knoten zusammen. Zum Morgen hin träumte er von einem Sonnenaufgang im weißen Feld und es durchdrang ihn das seltsame Gefühl, das Leben sei fast verronnen. Da klopfte es an der Tür. An der Schwelle stand die Empfangsdame aus seiner Firma und rieb sich vor Kälte die Hände. Sie hielt ihm einen Briefumschlag mit dem Kündigungsschreiben hin – die Firma war pleite – und rannte verlegen einen Abschiedsgruß murmelnd und in die eigenen Fußstapfen tretend davon. Über Nacht hatte der Schnee den Weg mit sanften Hügeln bedeckt.

Nachdem Jan den Brief überflogen hatte, lief er los, um das Interferon für den Kater zu besorgen, unterwegs machte er einen Abstecher in ein Lebensmittelgeschäft und kaufte Traubensaft. Er öffnete die Packung und nahm ein paar Schlucke, doch plötzlich musste er sich übergeben. Im Schnee breitete sich ein roter Fleck aus, der aussah wie Blut. Beide sind wir todgeweiht, schoss es ihm durch den Kopf.

Die sechste Ampulle vom Katzeninterferon hat sich als die letzte herausgestellt. Die ganze Nacht saß der Kater neben der Eingangstür und schaute sie aufmerksam an, vertiefte sich ins Unbekannte, als erwartete er, dass die Tür plötzlich aufgeht. Später kam er ins Schlafzimmer gekrochen, legte sich mit dem Kopf Richtung Kissen auf Jans Bett und hauchte sein Leben aus. Es widerstrebte Jan, den kleinen Leichnam zum Tierfriedhof zu fahren, also entschied er sich dafür, in den Wald zu gehen und den frostigen Lehmboden mit der Schaufel zu bearbeiten, ihn mit einer Brechstange zu traktieren. Beim Anziehen bemerkte er viele kleine Geschwüre an seinen Knöcheln. Ungewohnt helles, purpurrotes Blut sickerte durch die Haut und perlte auf ihrer Oberfläche. Er wische die winzigen, zitternden Perlen ab, zwängte sich in die Jeans und verließ das Haus bei Tageslicht mit einem Schuhkarton unterm Arm.

Im Wald fiel das Atmen leicht. Schneekissen auf Tannenzweigen gleichsam Verdichtungen der greifbaren Entrückung. Hier würde der Kater, der liebe Freund seine Ruhe finden.

So sehr Jan sich auch bemüht hatte, erkältete er sich dennoch. Das Fieber stieg und fiel, als schlugen Wellen gegen eine rostige Anlegestelle. Er ging in die Küche, schnitt ein Stück Brot ab und – nicht zu fassen – verletzte sich mit der Kruste am Zahnfleisch. Angewidert spuckte er den blutdurchtränkten Teig wieder aus. Es war genau wie der Arzt vorhergesagt hatte, die Blutung hörte nicht auf. Mit Watte ließ sich nichts ausrichten und ein Pflaster würde wohl kaum auf dem Zahnfleisch kleben bleiben. Wenn man so wenige Thrombozyten hat, wird sogar eine Brotkruste zur tödlichen Gefahr.

Am Morgen wollte er ins städtische Krankenhaus. Er bestellte sich ein Taxi, doch es erschien nicht. Also nahm er die S-Bahn nach Ebersberg, ein kleines, am Hang der Alpen festgefrorenes Städtchen mit einem ehemaligen Kloster und einer altertümlichen Burg. Die feuchte, dämmerige Barockkirche war permanent vom Baugerüst umringt, wie ein chronisch Kranker, der die Mutter Gottes anfleht, jetzt und in der Stunde seines Todes für ihn zu beten. Einen Krankenwagen zu rufen konnte sich Jan – nun arbeitslos – nicht leisten: Würde man die Krankheit als nicht gefährlich genug einstufen, müsste er die Kosten selbst tragen, und die konnten schnell mal Tausend Euro übersteigen. Blieb also nur, sich in der S-Bahn durchrütteln zu lassen, wo zwischen den Passagieren nur scharfe Zugluft ist, und danach eine halbe Stunde wankenden Schrittes zur Klinik, die aussieht als wäre sie aus Legosteinen erbaut. Dort hatte man es nicht eilig, Jan aufzunehmen, und ließ ihn erst einmal drei Stunden im Wartebereich. Warum hat noch niemand einen Gedichtband von Verwünschungen über diese Welt verfasst, fragte sich Jan. Doch schließlich, nachdem eine ältere Krankenschwester etwa ein halbes Dutzend Reagenzgläser mit Jans Blut gefüllt hatte, bekam er ein Einzelzimmer und eine Infusion mit einem Antibiotikum, um das Fieber zu senken. Fünf Prozent der Norm am Neutrophilen und noch weniger Thrombozyten. Weder die einen noch die anderen ließen die Absicht erkennen zu steigen, der Hämoglobinwert fiel auf dreiunddreißig, aber immerhin sank das Fieber.

Die Worte „aplastische Anämie“ fielen zum ersten Mal bei der Morgenvisite. Insuffizienz oder völliges Fehlen von Knochenmark. Die leichte Form kann von allein wieder vergehen, bei der schweren ist das eher unwahrscheinlich. Das Handbuch der Medizin ist lakonisch: „Die Letalität von unbehandelten Patienten beträgt bis zu 70 Prozent, die durchschnittliche Lebenserwartung des Erkrankten beträgt drei bis fünf Monate.“ Nur jeder Fünfte lebt länger als ein Jahr. Bei besonders schweren Fällen von Aplasie fällt die Prognose wesentlich schlechter aus. Darin finden sich auch die zwei Therapiemöglichkeiten: allogene Knochenmarktransplantation oder immunsuppressive Therapie. Bei einer Entscheidung für die Transplantation muss man einen Spender finden, aber wie, wenn noch nicht einmal mit der eigenen Schwester eine vollständige Übereinstimmung besteht. Und sogar, wenn sich ein Spender fände, in Jans Alter überlebt nur einer von fünf Patienten eine Knochenmarktransplantation. Nach einer immunsuppressiven Therapie, erklärt der Arzt, sei die Wahrscheinlichkeit dreimal so hoch, allerdings währt das Leben danach nicht lang: Der Mechanismus, der ein unkontrolliertes Zellwachstum verhindert und somit vor Krebs schützt, wird abgeschaltet. Genau das ist es ja, was Jan braucht – wachsende Zellen. Nur folgt dann die Leukämie. Die sprichwörtliche Heilung von Pest durch Cholera. Und bis dahin Bluttransfusionen: rote Plastiksäckchen mit Erythrozyten- und weiße mit Thrombozytenkonzentrat. Der Infusionsschlauch – eine Nabelschnur aus Plastik (als Kinder haben wir aus solchen Schläuchen Fische oder Teufelchen gebastelt, haben sie von innen mit Jod oder Brillantgrün angemalt) verbindet dich mit den Blutkonserven; halbtotes Blut eines Fremden, das für kurze Zeit zu deinem Blut und Leben wird. Darum bist du auch nicht ganz du selbst, nicht ganz Mensch, eine Menschkonserve, fließend gehst du in das Reich der Zentauren, der Chimären, der Sphinxe, und nicht zuletzt der Vampire über. Leukozyten aber, sprich Neutrophile, lassen sich nicht transferieren, beim Immunsystem ist es so: Man hat entweder sein eigenes oder gar keins. Also keins. Jeder potenzielle Krankheitsüberträger löst eine Panikwelle aus.

Eine Woche später teilt der junge Arzt mit dem unbestimmbaren Äußeren – der entweder dem Torwart des hiesigen Fußballklubs oder vielleicht doch einem Polizisten aus einem dieser Weltuntergangsfilme ähnelt – Jan am Ende der Morgenvisite mit, dass eine Privatpatientin im Krankenhaus eingetroffen sei. Eine ältere Dame, die die Behandlungskosten selbst trägt und sie nicht über eine Versicherung abrechnet. Es bestehe also die Möglichkeit, dass man ihn in ein Mehrbettzimmer oder ins Städtische Klinikum nach München verlegt, wo es allerdings eine eigene Abteilung für Hämatologie und Onkologie gibt.

Ohne lange zu zögern, entschied sich Jan für München. Zwei Stunden später waren alle Formulare ausgefüllt und ein Wagen der Ersten Hilfe stand bereit. Während der Fahrt kam Jan mit den Sanitätern ins Gespräch: einer stämmigen jungen Frau mit der Haarfarbe von reifem Weizen und einem Burschen, der ihr recht ähnlich sah, aber etwas jünger war als sie. Die Arbeit sei hart, erzählten sie, erst gestern mussten sie einen schweren Körper aus dem fünften Stock eine steile, schmale Treppe hinuntertragen. Die Arbeitszeiten seien ungeregelt, Noteinsätze mitten in der Nacht nicht ungewöhnlich, und dann jeden Tag der Schmerz, das Geschrei, die Angst und das Leid. Aber sie arbeiten weiter. Weil sie Menschenleben retten. Nicht im übertragenen Sinn, sondern buchstäblich und unmittelbar.

Die gelben Pavillons der Städtischen Klinik erstrecken sich zwischen dem Park am linken Ufer der Isar – der Park ist von Wegen und Pfaden durchfurcht, nachts spielen sie das Fadenspiel, winden und verknoten sich, bis sie aussehen wie Spaghetti auf einem Teller – und dem Luitpoldpark mit seinen steilen Hügeln. Die Hügel sind nicht natürlichen Ursprungs, unter ihnen liegen Ruinen zerbombter Häuser von 1945. Aber die Kliniken stehen immer noch da, nach wie vor betont modern, solide, und künden von Zeiten, in denen alles noch echt war.

Jan bekam ein geräumiges Zimmer mit gewölbter Decke. Seine Fenster gingen, wie bei allen Zimmern in dem Krankenhaus, Richtung Süden. Jan betrachtet die alten Kastanien, er beneidet sie um jene Kraft, die sie emportreiben lässt, und beschwört seine Stammzellen zu wachsen. Das Knochenmark ist wie die Bäume, das Kleine wie das Große, von Innen wie von Außen – murmelt er bei jeder Ein- und jeder Ausatmung. Doch die Bäume können den erdrückenden Schlaf nicht abschütteln, graue Linien auf weißem Papier, Teile einer Hieroglyphe, die sich nicht entziffern lässt. Eine furchterregende Welt von Schneeflocken, kleine, weiße, kristalline Spinnen, die das warme Blut aussaugen, dringt mit jedem Husten des Nachbarn in sein Zimmer. Herr Gruber, ein Mann mittleren Alters, Inhaber einer Raststätte im nahegelegenen Dorf gleich hinter der Autobahn. Dort werden ungenießbare Kartoffeln angebaut und allesamt zu Schnaps verbrannt. Herr Gruber erleidet immer wieder viertelstündliche Hustenanfälle, Feuchtigkeit und dichter weißer Schaum dringen nach außen. Sein Akzent lässt vermuten, dass er aus Transsilvanien stammt, vielleicht ist er aber auch ein Donauschwabe. Jedenfalls hat er eine ausgeprägte Vorliebe für Gespräche über das richtige und gute Leben. „Du musst Kinder kriegen, Jan, wer soll denn sonst unsere Rente zahlen?“ Wozu zum Teufel brauchst du noch eine Rente, wo du doch krepierst!

Mit Mundschutz schläft es sich nicht gut, man erstickt an der Mullbinde, aber nimmt man sie bei einem der nicht enden wollenden Hustenanfälle ab, erstickt man sogleich an der Angst. Mit dem Kopf unter die Decke kriechen und aus Traumfetzen Origami falten. Stachelige Kügelchen – die Kletten einer Mikrowelt, und halbdurchsichtige Zäpfchen, winzig kleine Schlangen, winden sich kaum sichtbar auf der Oberfläche des Salats, auf der Apfelschale, in Fisch, Fleisch, Eiern, roher Milch, im Käse mit Schimmel und auch ohne. Das Essbare ist auf Gekochtes, Gegartes und Gebratenes, also unweigerlich Weiches, zusammengeschrumpft. Blut fließt aus der winzigen Wunde im Zahnfleisch und über den rechten Flussarm davon, die Haut wird immer durchsichtiger, die Lippen blasser.

Die Knochenmarkpunktion am hinteren Beckenkamm wurde am fünften Tag unter Lokalanästhesie durchgeführt. Der betäubte Knochen verwandelte sich in etwas Anorganisches, in ein Gemenge aus Mineralien, war nicht länger Knochen, sondern ein Brocken aus vulkanischem Gestein, in den jemand hineinbohrt, auf der Suche nach einem Erzgang. Wie konnte da noch Knochenmark sein? Man fand Knochengewebe, Fett, Stromazellen – aber keine Stammzellen. Besonders schwerer Fall von Aplasie, ein Todesurteil.

Es ist, als würdest du in einem Schnellzug die Notbremse ziehen: Koffer und Passagiere werden von ihren Plätzen geschleudert. Mitten im Zwielicht der Steppe den Zug anhalten und verlassen. Bloß nicht die letzten Wochen des Lebens auf einem Krankenbett verbringen. Die diensthabende Schwester hat versucht, ihm zu verbieten, das Krankenhaus zu verlassen, aber Jan gab nicht nach, wir leben in einer Demokratie, also haben sie kein Recht, jemanden gegen seinen Willen festzuhalten. Nur eine Unterschrift auf dem Formular: Erklärung über die Entlassung auf eigenen Wunsch, gegen den ärztlichen Rat und auf eigene Verantwortung. Die wichtigste Unterschrift im Leben.

Draußen fiel das Atmen leicht, ein paar Schneeflocken, die sich vom Schwarm entfernt hatten, und die grauen Lichter der Stadt begrüßten Jan. Alle zwanzig Schritte nach Luft ringend, mit einem Mundschutz im Gesicht und gläsern vor Blutarmut, lächelte er. Das ist nicht euer Leben, mischt euch nicht ein! Euch habe ich schon einmal vertraut, habe schon einmal für euch gelebt. Mein Leben gehört mir, ich lebe es so, wie ich will. Und solange ich lebe, fahre ich heim, nehme meine Freundin in den Arm, lege Bowie oder T-Rex auf, und wenn es dann so weit ist, gehe ich zum Sterben in den Wald.

Die Nacht vernähte den gestrigen Tag kurzerhand mit dem morgigen. Mit großen Stichen heftete die Straßenbahn die verwaschenen Vororte mit ihren gezeichneten Häuschen daran. Schwer zu sagen, ob Jans Haus aus dem Moor erwuchs oder darin versank. Und ob es überhaupt ein Haus war oder doch nur ein riesiger Schimmelpilz in Form eines Hauses. Fünf Jahrzehnte nach Bauende war der Mörtel immer noch nicht trocken. Sträucher drangen durch den feuchten, schwindenden Beton, im Frühling schlangen sich grüne Zweige die Innenwand entlang und sprießten ins Rauminnere. Die Hausherrin war eine achtzigjährige, aus Alexandria stammende Malerin namens Haliza. Ihre Kindheit fiel in die Zeiten von Blüte und Verfall dieser vielsprachigen Stadt, in die Vierziger und Fünfziger, den Zenit des Königreichs Ägypten. Wie es wohl sein mag, für eine Infantin in einem zwölfzimmerigen Labyrinth auf der Rue Cherif Pacha, für eine Schönheit, die einer Safranblüte im Scherbett gleicht, umgeben von den Freunden und Freundinnen des Vaters – Kaufmännern, Dichtern, Magiern, Nymphen –, von einem Augenblick auf den anderen alles zu verlieren. Mit der Machtergreifung der Freien Offiziere wurden die Griechen 1952 aus der Stadt vertrieben. Wie Haliza nach München gekommen ist, wusste Jan nicht. Auch ihre Gemälde, auf denen Grün auf Grün Ruinen abgebildet waren, verrieten dieses Geheimnis nicht. Eines der Bilder war Jan im Gedächtnis geblieben: ein entschwindender Engel aus Sandstein.

Schwere Vorhänge in der Farbe von Myrte verbergen vor dem Nachbarauge die Ruhe der Dinge samt ihrer verworrenen Vergangenheit, Kleinodien von Flohmärkten, Zeilen ungelesener Bücher, widernatürliche Posen katholischer Heiliger, unsichtbare Teichlandschaften von Schwermut und schwarzer Galle, die anstatt von Algen realer Schimmelpilz durchzieht. Die Gegenstände werden mal größer, mal kleiner, im Takt zu dem beschleunigten, unregelmäßigen Puls in den Schläfen, und kreisen mit dem Kopfschmerz im Tanz. Manchmal scheint es, sie seien aus dichter Angst, und wenn man nur aufhörte, sich zu fürchten, würden sie schmelzen.

Dieser Friedhof all dessen, was nie sein wird, ist sein Haus. Jan konnte stundenlang auf der Matratze liegen und der Spinne bei der Arbeit zusehen, Rockmusik aus den Siebzigern oder Bach hören, mit Alissa durch graue Schneemassen spazieren. Durch diese simplen Beschäftigungen fühlte er sich unbeschwert, leicht wie eine Flaumfeder. Gibt es Hoffnung? Mit der Nadel von Koschtschei hatte sich Jan einige Monate zuvor die todbringende Arznei gespritzt, nun galt es, Koschtscheis Nadel zu finden und zu brechen.

In der Packungsbeilage des Ribavirin heißt es, man solle während der Therapie und weitere sieben Monate nach der Beendigung effektive Verhütungsmaßnahmen treffen. Also wird erst sieben Monate nach der Einnahme der Wirkstoff vom Körper wieder vollständig abgebaut? Und das Knochenmark beginnt sich zu regenerieren? Das ist eine Chance! Hört ihr? Eine Chance! Nur bis zur Apfelblüte durchkommen, dann kommen schon die Rosen, und wo Rosen sind, da ist auch Blut, so heißt es doch in den Liedern.

„Niemand hat dich verflucht“, hallt die Stimme des Voodoo-Priesters, des Prinzen von Dahomey durch den Hörer, „aber deine Ahnen sind unzufrieden mit dir.“ Als das Elend begann – der Kater war gestorben, die Firma pleite, und dann noch diese Krankheit – hatte Jan ihm ein Foto von sich zugeschickt. „Ob du es überleben wirst? Und ob!“, lachte der Voodoo-Priester, „wir werde deinen Ahnen im Tempel des Lichts in Benin Opfergaben erbringen – einen Ziegenbock und ein paar Hühner. Dann werden sie uns sagen, was zu tun ist.“ Jan lehnte ab. Mit seinen Ahnen würde er schon selbst fertig werden. Außerdem hatte er ja unterschrieben, die Verantwortung für sein Leben selbst zu übernehmen.

Das „Ich“ ist die Haut. Das Individuelle, welches das „Noch-nicht-Ich“ im Inneren, das Fleisch und die Innereien, von dem „Nicht-mehr-Ich“ außen trennt.

Auf Jans halbdurchsichtigem Körper traten Inseln hervor, Archipele von Hämatomen: Blaugrau zunächst, später erblühten sie rot, gelb, grün, rosa, und schließlich lösten sich langsam in der weißen Gallertmasse auf. Die inneren Blutungen ließen sich genauso widerwillig stoppen wie die äußeren. Jedes Mal, wenn der Hämoglobin-Wert fiel und nicht wieder anstieg, sah Jan durch das Dämmerlicht seines blutleeren Gehirns hinaus aus dem Fenster und betrachtete den Krüppel aus Tafelschiefer an dem kleinen Springbrunnen. Jan beneidete ihn – er lebt und wird es auch weiterhin tun. Jan hingegen blieb nur, sich an dem festzukrallen, was er sieht und fühlt, wie an einem Anker in der Welt der Lebenden.

Alle paar Tage fuhr Jan zu Transfusionen. Je seltener man das Blut transfundiert, desto besser, dachte er. Nach jeder Transfusion wurde er sich selbst fremd, das in ihm zirkulierende Leben verwandelte sich in ein fremdes, feindseliges Leben. Jede Zelle seines Körpers war ihm zuwider, jaulte, brüllte wie ein verwundetes Tier. Mit jedem Mal wurde sein Körper besser darin, die fremden Blutkörperchen abzustoßen, die Zahl der Antikörper wuchs, das transfundierte Blut wurde schneller zerstört, die Transfusionen mussten immer häufiger erfolgen. Das Verhältnis der Menge des benötigten Blutes zu den Zeitabständen zwischen den Transfusionen stellte sich Jan als eine gleichseitige Hyperbel vor. Wenn die Berechnung stimmte, konnte man etwa drei Monate durchhalten, danach schnellt die Linie der Hyperbel senkrecht nach oben.

Die Erinnerung ist wie ein Bienenstock, eine unangenehm süße Matrix aus sechseckigen Zellen, angefüllt mit Sonne aus dem Vorjahr. Vor einigen Monaten, als Jan und Alissa an einem endlosen Novemberabend über den Weihnachtsmarkt schlenderten, schenkte ihnen ein stämmiger, rotbäckiger Imker, der mit Wachskerzen handelte, ein Glas Lindenhonig aus einem Hain in der Umgebung. Vielleicht versprach er sich damit, Kunden anzulocken, vielleicht war es aber auch bloß die Seelenregung eines einfachen Mannes vom Dorf, wo noch Kruzifixe statt Vogelscheuchen Felder schützen. Unwichtig. Doch für solche Geschenke, um sie zu machen und zu empfangen, wollte man leben. Bis zur Apfelblüte überleben! Doch der Frühling kam und kam nicht. „Du schaffst es bis zur Apfelblüte“, flüsterte Alissa, wenn sie ihn umarmte, „und die frischen Äpfel im September kosten, noch viele, viele Male!“

Ein hellenischer Hoplit – Februar – wirft seinen Speer, er geht zu der Stelle, wo der Speer sich in die feuchte Erde, in den gefrorenen Schlamm unter der Eisdecke eingegraben hat, er wirft den Speer erneut, durchmisst den Abschnitt grauer Unendlichkeit erneut, immer und immer wieder, ohne je den Horizont zu erreichen, ohne umzukehren. Eigentlich begann der Wald unmittelbar hinter dem Haus, doch nun, nachdem er die Wände durchtränkt hatte, war er hineingelangt, und das Haus saugte seine Lunge voll mit dem Geruch von geschmolzenem Schnee und Sägespänen. Oder war es Jan, der diesen Duft durch seinen ganzen Körper strömen ließ? Geschmolzener Schnee duftet nach Kindheit, und so wie sich kleine Kinder beim Spazieren an einem Band mit Ringen festhalten, so tapsen jetzt Huflattich-Blumen diesem Geruch im Gänsemarsch hinterher aus der Welt der ersten Erinnerungen, der Grundwasser, die die Seele nähren, hinein in die Welt der Gegenwart. Da ist der Horizont – reflektierendes Amalgam, schmutzige Erdinseln in einer Schneelandschaft – eine Spiegelung von Lichtschimmern in einer Wolkenfront, und Huflattich, das allererste Staunen in Jans Leben – eine Spiegelung der halbwarmen Nordsonne. Dort nehmen kalte schwarze Rinnsale mit Benzinschlieren ihren Anfang, um im Fortlauf zu erstarken. Genauso lange, und noch einmal doppelt so lang würde er leben, würde er lernen, wie man Papierschiffe bastelt. Jan geht auf die Knie und küsst die flauschige gelbe Blüte.

Der Vater hat ihm eine Postkarte mit einem Kandinsky-Motiv geschickt: ein länglicher blauer Fleck mit gelber Halbumrandung, durchquert von losen Mastbäumen, die Rahsegel sind aufgezogen, das Lateinersegel am Großmast bläht sich im Wind, beunruhigende schwarze Tintenkleckse und wie ein Lächeln – das Boot. Wie dumm wäre es zu sterben, ohne je gesegelt zu sein, dem Papierschiff nie entwachsen zu sein zur echten Brigantine.

Um zehn geht es zur Transfusion. Die Straßenbahn rast das Möbiusband entlang, durch endloses gräuliches Zwielicht. Schnipp, der Mundschutz ist mit einem Gummiband an den Ohren befestigt. Dem fremden Husten entgehen, wie ein Soldat dem Kugelhagel und den Bombenangriffen! Manchmal beginnt ein Passagier zu husten und der Husten geht zum zweiten über, zum fünften, schon ergießen sich alle Bronchien des Wagons als Gebell, wie ein Rudel, das seine Beute endlich eingeholt hat. Die Kolonialisierung der gelben Straßenbahnluft durch Krankheitserreger. Winzige Tröpfchen kreisen in Zeitlupe. Am Ausgang schleppt sich Jan die Treppe hinauf. Ringt nach Luft. Eine alte Frau schüttelt bei seinem Anblick den Kopf, sie weiß, wie es ist, wenn das Herz nicht mitmacht. Um die Ecke und dann in Schlangenlinien an den Gebäuden vorbei. Desinfektionsmittel wabert in der Luft. Am Eingang der Onkologie-Hämatologie sitzt wie immer das kleine Gerippe in Pantoffeln und Jogginghose, als hielte es dort Wache. Er ist knapp über Dreißig. Das Gerippe stützt sich auf einen Ständer mit Blutbeuteln. Die Welt ist zerknautscht von seinem Blick, der die Dinge entstellt, um einen Sonnenstrahl aus ihnen zu bergen. Die Sonne war schon mehrere Monate nicht mehr zu sehen. Auf dem länglichen, kahlen Schädel ist ein Wollmützchen. Er raucht, also existiert er. Schneeregen beim Einatmen, Schneeregen beim Ausatmen.

Nach der Behandlung rein ins Februarzwielicht. In den Unterführungen unter dem Marienplatz verschwinden tausende Gesichter im Dunst der Energiesparlampen wie Buchstaben im Schmierheft. Tausende Münder stoßen jeder auf seine Weise irgendetwas hervor, das sich als Blase gen Oberfläche bewegt. Was, wird nie jemand hören. Ein betrunkener Teenager mit verschwommenem Gesicht bemerkt den Mundschutz, deutet mit dem Finger auf ihn und brüllt: „Der hat Aids!“ Hätte er Aids – wäre er schon tot. Keine Wut, kein Jähzorn, schlichtweg der durchsichtige Anflug von Leben lässt Jans Oberkörper sich wie in Zeitlupe drehen, das Bein geht nach oben, das Knie auf Hüfthöhe, das rechte Standbein rotiert und das linke streckt sich auf Gesichtshöhe seines Beleidigers. Der ganze Körper – ein einziger Muskel. Stopp! Jan versteht selbst nicht, wie es passiert ist, woher kam die Kraft? Er lässt sich in die offene Tür einer eingefahrenen S-Bahn fallen und kneift die Augen zusammen.

Ein Knacken geht durch alle Knochen. Für eine Sekunde schien es, als hätte das Knochenmark seine Arbeit wieder aufgenommen. Blut strömt in die Schläfen. Der Puls jagt über hundert. Unter der Schädeldecke rauscht ein roter Ozean. Jeder Wellenschlag ein dumpfer Schmerz. Wer pocht da unaufhörlich und drängt hinein? Der Brustkorb ist zusammengedrückt, ihm schwindelt von den giftigen Dämpfen, die dem Moor der Angst entsteigen. Millionen Liter Panik unter einer morschen, unzuverlässigen Kruste bestehend aus dem Produkt der Halbverwesung von Nichtgelebtem. Nur nicht das Bewusstsein verlieren. Während die Seele in den berauschenden Wirren des Limbus umherirrt, kann es passieren, dass das Herz eine Pause einlegt und dann beschließt für immer zu ruhen. Der Herzrhythmus rast schon seit Wochen in einer Achterbahn, windet sich wie ein durchtrennter Wurm. In solchen Nächten darf man nicht schlafen, lieber mit seinen Schritten den Zenitwinkel der Dämmerung vermessen, ein Zwiegespräch mit der eigenen Angst führen, dem Ungeheuer ins Auge blicken. Hier sind sie. Es ist die Angst des Gewebes, der Zellen, der intelligenten Windungen der DNS – die Sprache des Immunsystems, die Stimme des Leibes selbst. Sie kriecht aus dem Knochenmark ins Hirn, Stück für Stück, mit jedem Herzschlag bahnt sie sich ihren Weg, verästelt sich in dunkle Tunnel.

Jan ist ganz in Rot gekleidet, wie ein Priester zur Ostermesse. Umgeben von Purpur saugt der Körper die Farbe auf, erzeugt Rotes aus Rotem in Rotem. Heute hat er sich für ein Hemd im Stil der Sechziger entschieden, himbeerfarbene Blüten auf purpurnem Grund. Rüschen an der Brust. Als er es kaufte, ahnte er noch nichts von der Krankheit, die schon hinter der nächsten Ecke auf ihn lauerte. Es wäre zu ärgerlich, zu sterben ohne die neueste Anschaffung je getragen zu haben.

Hallo, Abwesenheit eines Menschen! Der junge Mann mit dem Wollmützchen, der immer vor dem Eingang rauchte, ist nicht da. Warum hat er sich nie mit ihm unterhalten? Warum hat er ihn nie kennengelernt? Dabei hätten sie Freunde werden können, Jan hätte jener Lichtstrahl sein können, nach dem er suchte. Ob er noch lebt? Alle leben. All unsere Nichtbegegnungen sind eine Begegnung. Jan schüttelte eine unsichtbare Hand und betrat die Ambulanz.

Er nahm in dem Transfusionssessel Platz, eine rothaarige Krankenschwester mit Sommersprossen fand die Vene, traf sie allerdings erst beim zweiten Versuch und hinterließ einen blauen Fleck so groß wie ein Fünfcentstück. Bei Herrn Gruber, im Sessel gegenüber, war das Beutelchen mit dem Blutpräparat schon fast leer, noch ein bisschen und in seine Vene tröpfelt die Leere. Jan nickte ihm zu, er wollte jetzt nicht reden, und starrte aus dem Fenster. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Herrn Gruber der Katheter entfernt wurde, wie er aufstand, einen wackligen Schritt zur Seite tat und dann langsam an der Wand niedersank. Das Gesicht mit den dunklen Adern begann zu zucken – ein Fremdkörper, eine Maske aus trockener, fahler Haut. Der Mund bewegte sich wie von selbst, als versuchte er zum Abschied noch etwas Wichtiges zu sagen, doch im selben Augenblick zerfiel Herr Gruber in die Buchstaben eines nicht ausgesprochenen Textes.

Die Märzwochen glichen wachsenden Zweigen: ein Tag eine Knospe, der nächste ein Trieb. Die Zeit entfaltete sich nach dem goldenen Schnitt, hinauf, zu den Seiten, schlug aus, verlief in einer Wurzelspirale, teilte sich, toste im Regenschauer und reckte sich den Strahlen entgegen. Die Hyperbel schnellte nicht nach oben. Der Schnee schmolz und die dunkle Erde verhieß Glück: Bald würde Jan auf dem warmen Sommerboden liegen, unterm Sternenhimmel in den Klettenblättern. Aus welchem Grund hatten die höheren Mächte ihm das Leben wiedergegeben? Einfach so, ganz unverdient, so wollte es das Sandmuster von einer der vielen Wellen des ewig regen Ozeans.

Die weniger strenge katholische Fastenzeit neigte sich dem Ende, es war Karfreitag. Man schöpfte das Wasser aus den Weihbecken neben dem Eingang und rieb es trocken. Die Heiligen schimmerten mit dem Blattgold. Die Könige in Gewändern aus einer dicken Staubschicht blickten vorwurfsvoll und mitleidig auf die Touristen, die das Dämmerlicht geradezu gottesfürchtig aussehen ließ. Die Altare und die Gesichter der Heiligen waren mit schwarzem Stoff verhüllt. Die Kathedrale war bereit für die abendliche Aufführung der Matthäus-Passion. Der Apfelbaum erblühte.

 

Aus dem Russischen von Maria Rajer

 

 

≡ Menü ≡
Startseite Inhalt
Termine Submissions
Autor_innen Übersetzer_innen Moderator_innen
Über uns Partner Galerie
Kontakt Blog Facebook
Festival 2016 Events Presse