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Das Lächeln der Axt

Julia Kissina (2005)

Die Musik begann so leise und so tief unten, quasi unter den Fußsohlen, daß dem im großen Saal der Philharmonie versammelten Publikum entging, daß das Konzert bereits begonnen hatte. Es hustete,  hielt den Atem an, rutschte ungeduldig auf den Plätzen herum und wartete auf das ersehnte Signal des Dirigenten. Der Dirigent aber – ein dünner, blasser junger Mann, wie erschrocken vor der Öffentlichkeit – zuckte bereits wie von Stromstößen geschüttelt und gab den Musikern heimliche Zeichen. Die Geigen holten tief Luft und säuselten leise, als pfiffe in ihren Hälsen der Wind. Die Musiker beugten sich über ihre Zauberhölzer und berührten sie so behutsam, als wären es kranke Säuglinge, als befänden sie sich im schweigenden Wald.

Die Komponistin – eine strenge kleine Frau mit Augen wie glühende Kohlen – saß in der ersten Reihe, von Kopf bis Fuß in ein Spitzentuch gehüllt. Sie schien das respektlose Husten des Publikums gar nicht wahrzunehmen und reckte stolz das spitze Kinn. Das Publikum indes, vom langen Warten vollends enthemmt, schnäuzte sich nun laut und ungeniert. Hier und da vernahm man Triller erkälteter Nasen, oder beim vorsichtigen Ausatmen eines Zuhörers hörte man den verfluchten Schleim auf den Stimmbändern gurgeln.

Leider fiel das erste Berliner Konzert der russischen Avantgarde-Komponistin Irina Georgijewna Medwed in den Herbst, und jeder war bereits infiziert mit der schrecklichen Erkältung, die sich gemeinhin besonders bei Konzerten bemerkbar macht. Doch Irina schien das Unwohlsein des Publikums gar nicht wahrzunehmen. In ihr flauschiges Tuch gehüllt, klein und schwarzhaarig, wirkte sie wie eine Lehrerin, die ein strenges Auge auf die Musikerschlingel hatte, und man sah ihrem Gesicht an, daß sie über deren Gesäusel schwebte und mit ihrem laserharten Willen in ihren Herzen Gehorsam entzündete.

Inzwischen hatte das Publikum gemerkt, daß das Konzert begonnen hatte. Die Damen, in strenge Kostüme geschnürt, ließen ihr teures Makeup aufblitzen. Auf ihren Gesichtern breitete sich Konzentration aus, in ihren Augen flammte das graue Feuer von Kulturbewußtsein auf, das so gleich, von einem immateriellen Wind weggeblasen, wieder erlosch und lediglich erwartungsvolle Geduld hinterließ.

In der letzten Reihe saß ein Obdachloser. Betrunken und glücklich. Im Gedränge der Menge in den warmen, hellen Konzertsaal gelangt, ruhte er sich aus.

Hin und wieder holte er aus seinem schmutzigen weiten Mantel eine winzige Flasche und träufelte sich etwas daraus in die Kehle. Dann verzog sein Gesicht sich zu einer nervösen Grimasse, und er begann zu zittern. Ihn dünkte, der wundervolle Raum mit seinen eisigen Leuchten verwandelte sich in ein Schneefeld. Schwarze Nasenkrähen hackten auf den Schnee weißer Männerhemden ein. Aus dem Orchester heulte Wind, der Penner fror immer heftiger, und ein Lächeln, das in eine Grimasse überging, irrte über sein asphaltbleiches Gesicht.

Bald wurden die blauen Tätowierungen an seinem Hals lilaschwarz, und er roch plötzlich nach Erde, so intensiv, daß dieser Geruch über sämtlichen hinteren Reihen hing.

Dann bildete sich unter ihm eine große Urinpfütze, die im Takt zum Geigengezupfe heruntertropfte. Innerlich darauf gefaßt, daß dies das letzte Stadium des Erfrierens sei, wartete er voller Angst und Freude auf das Aufwallen innerer Hitze.

Inzwischen hatten die Musiker aufgehört, mit den Saiten zu säuseln, nun klopften sie auf Holz. Das Wort »Avantgarde« wanderte im Flüsterton durch die vorletzten Reihen, und der Obdachlose erwachte aus seiner Erstarrung. Dieses Wort kannte er gut. Er hatte sich nun wohl ein wenig aufgewärmt; ihm schien, als wäre dieses Zauberwort wie ein blasser Blitz über seinen erkaltenden Körper gehuscht. Er trank noch einen Schluck von seiner flüssigen Medizin. Sie rann wie ein Feuer durch seine Speiseröhre und verharrte im Magen, der hart war wie eine Höhle. Er zuckte zusammen, denn das Leben war in ihn zurückgekehrt. Fassungslos fragte er sich, wieso er wieder in die fünfziger Jahre geraten war. Wir haben doch schon das einundzwanzigste Jahrhundert, überlegte er, und mich hat’s wieder zurückgeschleudert in die Vergangenheit, in die Avantgarde!

Er öffnete die müden Lider und betrachtete den Nordpol, an dem er sich befand. Vor ihm saßen gleichförmige Hinterköpfe in schwarzen Smokings – grau und meliert, braun, kahl oder flachshell. Die Damen dublierten das Ganze mit dekorativen Ornamenten. Ach, ich bin ja in einem Konzert, entschied der Obdachlose, und ein schwaches Lächeln zog seinen blauen Mund in die Breite. Im Konzert, so was!

Früher einmal war er selbst Musiker gewesen. Er wandte sich nach rechts, dann nach links. Die Musiker klopften nicht mehr, nun zupften sie die Saiten. Der Dirigent erstarrte erneut in einer energischen Biegung und gab einem Geiger ein Zeichen. Der erhob sich zu voller Größe, legte widerwillig die Geige beiseite, nahm aus einem samt gefütterten Kasten eine scharf geschliffene Axt, legte sie vor dem Publikum ab und setzte sich wieder auf seinen Platz.

»Die Axt!«, ertönte die melodische Stimme der kleinen Komponistin, die von ihrem Platz aus den Titel des nächsten Werkes verkündete. Die Zuhörer erhoben sich ein wenig von ihren Plätzen und betrachteten das Orchester. Einer der alten Männer fiel dem Obdachlosen auf, und er verspürte einen Stich im Innern: Das ist doch nicht etwa John Cage! Der Alte! Ich bin also unter den Toten!

Ein bärtiger, seriös aussehender Musiker im obligaten schwarzen Frack stand auf, schob sein Notenpult beiseite, griff nach der Axt und ging daran, den Kontrabass zu zerhacken. Über das Gesicht der kleinen Komponistin huschte ein triumphierendes Lächeln. Der Musiker hackte nach den Anweisungen des Dirigenten, und man sah, daß er eigentlich nicht mit einer Axt umgehen konnte. Doch alle begriffen, daß dies eine symbolische Handlung war. Er hackte ohne jeden Enthusiasmus auf den Kontrabass ein, ihm tat es offensichtlich leid um das unschuldige, gute alte Instrument. Schließlich hatte er es so weit bearbeitet, dass die Saiten rissen und eine magische Vibration in der Luft hing.

»Die Toten, die verstanden was von Provokation«, brummte der Obdachlose zufrieden und lächelte spöttisch. Er spürte Freiheit und Licht und mochte nicht auf die nasse, schmutzige Straße zurückkehren. Er stand auf und ging zu den Musikern. Die Zuhörer drehten sich empört nach ihm um, wagten aber nicht, ihn aufzuhalten.

»Das ist eine künstlerische Geste!«, flüsterte ein semmelblonder Bursche mit glatt zurückgekämmten Haaren, der aussah wie eine bayrische Weißwurst. Die Komponistin war beunruhigt und stand von ihrem Platz auf. Inzwischen hatte der Obdachlose, von einem mächtigen Energieschub übermannt, das Podium mit den Musikern erklommen.

»Jedes Kunstwerk ist eine abgedungene Untat«, mümmelte er mit seinem zahnlosen Mund und riss dem Bärtigen die Axt aus der Hand.

»Jetzt hack ich mal!«, fuhr er fort und holte nach dem Bärtigen aus. »Herr Cage«, warf er in die Menge, »schauen Sie her, ich bin Ihr ergebener Diener.« Er kicherte zahnlos.

»Nicht mir wird übel, übel wird der Bourgeoisie, fuck!«, schrie er. Er rammte die Axt ins Podium und schritt zum Flügel.

»Schafft ihn doch endlich fort!«, rief die Komponistin bestürzt, doch der Saal schien in hypnotischer Verstörung erstarrt.

Der Obdachlose schlurfte zum Flügel, machte es sich daran bequem und hieb auf die Tasten. Die Musiker wichen zurück ins Publikum.

»Ich hab euch schon zu Lebzeiten nicht besonders gemocht!«, wandte sich der Obdachlose an die Menge.

Nun krachten bereits Stühle. Einige Zuschauer wandten sich empört zum Gehen. Andere schauten begeistert zur Bühne.

»Nun schafft ihn doch weg! Er gehört nicht zu uns!«, schrie die Komponistin.

Der Obdachlose lockerte seine steifen Finger und spielte eine muntere Melodie. Er spielte ziemlich flüssig, doch zwei Polizisten bahnten sich, Stühle umwerfend, bereits einen Weg zu ihm. Der eine war übertrieben dick, der andere streng und finster. Sie näherten sich drohend und warfen den Obdachlosen auf die Bühne. Sein Kopf prallte auf das Holz, und er verlor das Bewußtsein.

Auf dem Polizeirevier war es warm. Man gab ihm Würstchen aus dem Imbiss um die Ecke und führte ihn in Hand schellen zum Verhör. Er trug keine Papiere bei sich.

»Name«, fragte ein Polizist, der am Tisch saß.

»Cage«, antwortete der Obdachlose ohne zu überlegen, und der Polizist schrieb das sorgfältig ins Protokoll, nachdem er sich erkundigt hatte, wie das geschrieben werde.

»Vorname.«

»John.«

»Staatsangehörigkeit.«

»Amerikaner.«

»Warum haben Sie keine Papiere bei sich?«, mischte sich der zweite Polizist ein.

»Ich hab sie aufgegessen.«, bekannte der Obdachlose.

»Sie sind hier nicht im Zirkus.«, bemerkte der Polizist.

»Das ist mein Ernst.« Der Obdachlose schüttelte den Kopf. »Ich war hungrig, da hab ich sie gegessen!«

»Haben Sie einen Beruf?«, erkundigte sich der Polizist.

»Komponist«, antwortete der Obdachlose ungerührt.

»Außerdem schreibe ich Gedichte.«, mümmelte er, erhob sich und rezitierte mit letzter Kraft:

 

»Torheit, Sünde, Geiz und Irrtum zehren

An unserem Leib, besetzen unseren Geist,

Und jeder seine lieben Skrupel speist,

Wie Bettelleute Ungeziefer nähren.

Verstockte sind wir, die nur lau bereun,

Doch wenn es lohnt, auch manches eingestehn,

Dann munter auf dem Sumpfweg weitergehn

Und glauben, Tränen waschen alles rein.

Der Teufel hält die Fäden, die uns leiten!

Wir finden Lust an widerlichen Dingen,

Die täglich uns der Hölle näher bringen,

Furchtlos, durch üblen Dunst und Dunkelheiten. [1]«

 

Die Polizisten lauschten gebannt.

»Haben Sie das selber geschrieben?«

»Was denn sonst?«

Der Polizist wählte rasch eine Telefonnummer und rief in den Hörer:

»Wir haben ihn gefunden. Endlich. Komm her. Schnell.

Na den, du weißt schon, euer Genie! «

Dann lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und sagte respektvoll:

»Wir suchen Sie schon so lange!«

Der Obdachlose starrte ihn verständnislos an, und Tränen liefen ihm über die eingefallenen Wangen.

 

[1] Aus: Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen, An den Leser; dt. von Monika Fahrenbach-Wachendorff.

 

Aus: Julia Kissina: Vergiss Tarantino. Aufbau Verlag, Berlin 2005.

 

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