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Das Leben des Herrn Leguat

Nicolas Cavaillès (2018)


Kapitel 4

Seither gibt es in Holland zu viele Protestanten. Für diverse wirtschaftliche oder philosophische, imperialistische oder utopische Zwecke werden einige von ihnen auf die Inseln entsandt. Das Eden könnte ein Zukunftsmarkt sein.

François Leguat ist so frei, dass er alles Erdenkliche tun kann, auch eine Insel im Indischen Ozean kolonisieren. Ob er jemals ein Schiff betreten hat? Über fünfzigjährig, die Sorge um sein Leben los, kann er gut am anderen Ende der Welt sterben – fünf Jahrzehnte festen Bodens in die Fluten des Atlantiks erbrechen, auf einem einsamen, windgepeitschten Felsen die Träger eines Schicksalstempels meißeln, um auf dem angrenzenden Friedhof erster Mieter zu sein, die Fauna und Flora besehen, die Gott vor Menschenhand bisher beschützt hat, sich durch unbekannte Frucht vergiften, in erbittertem Kampf einem namenlosen Wildschwein unterliegen, oder hier und da ertrinken, mit dem Schiff gekentert bei Dünung und Sturm, von einer Welle fortgerissen beim Betrachten des blauen Horizonts, des roten Mondes.

Das oberste Ziel, das einzige Ziel unseres Daseins besteht darin, das Ableben erträglicher zu machen. Ob man sich sagt, dass man gut oder lange genug gelebt hat, oder ob man sicher ist, dass es im Diesseits nichts mehr zu erwarten oder zu erledigen gibt – das Wesentliche auf Erden ist darauf beschränkt, möglichst viele Hindernisse zu beseitigen, um aus der Welt zu scheiden.

Kaum hat er Amsterdam erreicht, hört Leguat von einem gemeinschaftlichen Projekt auf der Île Bourbon, entworfen von Henri Duquesne, einem exilierten Calvinisten, für andere Exilanten, die in der holländischen Zuflucht nichts hält. Leguat ist frei und nackt wie ein Dichter, gerne würde er reisen, die Trauer um das Paradies von Bresse bewältigen, sein Lebensgefühl vielleicht nur durch harte Arbeit und die Natur zurückgewinnen, ohne mehr fürchten zu müssen, von Verrückten umgeben zu sein. Die beschauliche Insel, aufgrund ihrer Vortrefflichkeit das Eden genannt, wie Leguat berichten wird, scheint in der Lage, ihn die Mühen seines früheren Daseins vergessen zu machen.

Eine Melange aus dräuendem Unheil und unendlich vielen Möglichkeiten erzeugt die Stimmung am Hafen von Amsterdam. Endlos dort zu streunen, leidgeprüft aber zu allem bereit, unglücklich aber voll Sehnsucht, heißt der Verbitterung schmeicheln ohne der Träumerei abzuschwören. Es herrscht ein merkwürdiger Überdruss, der im Augenblick seines Auftretens die wilde Hoffnung auf eine neue Reise weckt – gar aus dieser Hoffnung schöpft –, so als könnte diese weitere Reise mehr sein als nur die Krönung eines Fiaskos. Niemand besitzt mehrere Leben; wer glaubt, ein neues Leben zu beginnen, hat in Wahrheit sein altes nicht richtig gelebt, ist durchs Leben gegangen, ohne sich dessen bewusst zu sein, auch nicht der Möglichkeit eines vorzeitigen oder schleichenden Todes, der das Leben verraten hätte. Und doch: Am Hafen glaubt man trotz lachender Möwen und gramvoll dreinblickender Einwanderer an die Möglichkeit eines anderen Lebens. Das Meer ist schön, der Wind sanft. Das Herz ist schwer und die Einsamkeit dem Wind preisgegeben, aber noch hat es den Anschein, als könnte etwas daraus erwachsen. Hat man denn eine Wahl?

Tage des Müßiggangs unter den verdrießlichen Gesichtern der anderen Zuwanderer; schlaflose Nächte auf einer dünnen Unterlage; eingefrorene Erinnerungen an das gelebte Leben und dieser falsche, zynische, strudelnde Tod namens Exil durch Flucht; Beleidigung und Erschütterung der fehlgeleiteten, mitgeschleiften, irregeführten Identität auf tausendundeinem Weg, der diese Identität von sich selbst entfremdet, wonach sich das Dasein, seiner Wurzeln und Grenzen beraubt, in einem Unfallchaos auflöst, das man niemandem mehr anzulasten wagt – all dem widersetzt sich die Insel als rundes, abgeschlossenes, weites, frisches, fruchtbares und bald vertrautes Paradies von unwiderstehlicher Schönheit.

Jene Zeiten sind tieftraurig: Entschlossen, alles hinter sich zu lassen, bewaffnet man sich mit der Vorstellung von einem besseren Leben und sinniert über das ideale Reiseziel, als ob die Kontemplation mit ihren närrischen Träumen und ihrer blinden Logik dem Schicksal unter die Arme greifen, den mangelnden Antrieb aufwiegen könnte. Sonniges Land; ehrbare, bescheidene Brüder und Schwestern; der Duft einer unverdorbenen Fremde; die Seligkeit einer unantastbaren Einsamkeit – all das spielt anfangs weniger eine Rolle als die Feststellung einer unhaltbaren Situation und einer Leere, die das Ende der Gegenwart vorantreiben. Aus der Lebensbahn geworfen, hofft man auf einen Neuanfang, und die Idee, die man dazu hat, die Verheißung, an der man sich berauscht, strahlt umso heller als die versteckten Motive dunkel sind.

Leguat beklagt sich nicht und verlangt kaum mehr als er bekommt. Er gibt sich nicht als Abenteurer aus, nicht als Missionar, nicht als Prophet, er sucht schwerlich einen Ausweg. Er kann Risiken eingehen, möchte aber Unglücksfälle vermeiden.

Es sind die Herren von der Ostindienkompanie, Verwalter der aufstrebenden Kolonie, die Leguat zum Marineoffizier eines der beiden großen Schiffe ernennen, welche die paar hundert Freiwilligen in ihr Heim Eden, ins „neue Jerusalem“ tragen sollen. Leguat tut allenfalls so, als würde er ihrem gesunden kommunitaristischen Menschenverstand beipflichten; zwar gleichgültig gegenüber Traditionen und weiteren sakramentalen Darbietungen, die andernorts zum Dogma erhoben wurden, ist er nicht unempfänglich für den Charme einer ursprünglich einsamen Insel, die nur wenige anständige Märtyrer bewohnen würden. Warum sollte das Haus des Herrn nicht üppig und abgeschieden sein, und die süße Armut einer unberührten Küste kein idealer Andachtsort? In der Kreuzigungswüste der katholischen Finsternis, an Orten der Trostlosigkeit, der Qual und der Sünde, hat ihm keiner beigebracht, das göttliche Licht der irdischen Paradiese nicht lieber zu mögen, ihren prächtigen Pantheismus, den Herzenskult, zu dem sie ermuntern, und die Kunst, in vollkommener Einfachheit zu leben, in Liebe zum nackten Leben, in Schönheit, am Rande der Sittenlosigkeit.

 

Kapitel 5

Einen Dreimaster voller Träumer und heimatloser Lehrlinge in ein besseres Leben zu steuern, ähnelt das den Tätigkeiten auf dem herrschaftlichen Gebiet, dem Hof von früher? Leguat wird es nie erfahren. Duquesnes Projekt scheitert aufgrund eines drohenden Seekriegs in der Nähe der Insel Eden. Einmal mehr trägt Frankreich eine Fehde mit Holland und dessen Utopisten aus. Anstelle der zwei mit dem neu auserwählten Volk beladenen Schiffe, muss sich Duquesne mit nur einer Fregatte zufriedengeben, der Hirondelle, welche die Insel und ihre Umgebung vor Ankunft der Siedler auskundschaften soll. Die Hirondelle wird umso schneller dahinsausen, als sie nur zwölf Mann tragen muss: den Fregattenkommandanten Antoine Valleau von der Île de Ré und seinen Lotsen Pierre Thomas; Paul Bénelle aus Metz, zwanzig Jahre, den Leguat beschreibt als ein gleichermaßen ehrliches, aufrichtiges, zartes und munteres Gemüt, immer heiter, immer hilfsbereit; Jacques de La Case, ehemaliger Offizier, dreißig Jahre, und den guten Isaac Boyer, Kaufmann, siebenundzwanzig Jahre, beide aus Nérac; Jean Testard, Apotheker aus der Picardie, sechsundzwanzig Jahre; Robert Anselin, ebenfalls Pikarde, aber ein armer Tropf, achtzehn Jahre; Jean de La Haye, Goldschmied, einer berühmten Familie aus der Basse-Normandie entstammend, dreiundzwanzig Jahre; Jean Pagny, dreißig Jahre, aus Rouen, genau wie Pierrot, zwölf Jahre; Jacques Guiguer aus Lyon, zwanzig Jahre; und schließlich, abseits dieser Besatzung aus gesunden und munteren Burschen, die nichts und niemand zurückhält, François Leguat, der sich als Junker vorstellt und den sein Alter, über zweiundfünfzig Jahre, zum Anführer kürt.

Leguat willigt ein, obwohl die Mission, ihre Gefahren und Ziele nicht mehr dieselben sind. Dies ist nicht absurder als eine Erbschaft, denn ob wir nun glauben, den Beruf unseres Lebens empfangen oder ihn erfunden zu haben: Unsere Freiheit ist in beiden Fällen gleichermaßen zu bezweifeln.

Die Hirondelle kann mindestens fünfundzwanzig Matrosen aufnehmen; man stelle sie sich mit zwei bis drei robusten Masten vor, mit makellosen Segeln, tiefem Rumpf und einem präzise steuernden Ruder, so wie das Tier – der Mensch – es will, um sich dank ihrer zum Herrscher und Gebieter der Welt zu machen, um einsame Inseln zu zerstören und seine schweren Anker in allen Gewässern der Welt auszuwerfen. Doch Leguat und die paar Knaben, die ihn begleiten, beflügeln die Hirondelle und machen aus dem Erobererschiff eine junge, arglose Fregatte. Sie brechen nicht auf, um Eingeborene zu überfallen oder Städte nachzubauen, sondern suchen einen Ort, an dem es sich einfach und friedlich leben lässt, einen Ort, an dem sie walten können wie ein Bach fließt, an dem sie Gott und die Natur lieben können wie ein Baum zittert.

Unter ihnen kein Wüstenasket, der je nach dem Grad seiner Einsamkeit mal bärtig oder rätselhaft, mal euphorisch oder finster ist. Sie verpflichten sich der Gesellschaft, der Gemeinschaft, auch wenn sie das Gelübde der insularen Einsamkeit ablegen; sie ersparen sich nicht die Prüfung des Nächsten, des täglichen Lebens mit dem unvollkommenen, unverbesserlichen Kameraden – auch wenn er vermeintlich gut und vervollkommnungsfähig ist. Schon beim ersten Halt des Schiffes drohen die zwölf Abenteurer, einander den Hals umzudrehen, insbesondere einem, dem Kommandanten Valleau, der von seiner Freiheit am Ruder niemanden überzeugen kann. Bald schon muss Leguat Unstimmigkeiten feststellen; seine Qualitäten als Schlichter werden von vornherein infrage gestellt. La Case und Valleau könnten schon am Anfang ihrer Reise, ihrer langen Gefährtenschaft bis ans andere Ende der Welt, miteinander handgemein werden. Ist die Versuchung in der Meereswüste lockender? Die Geduld des Edelmanns und das Schweigen des Heiligen widersprechen der Logik des Seebären.

Sobald er von der Krise erfährt, schreibt Henri Duquesne an die Besatzung der Hirondelle: „Wie ich sehe, war jede Hoffnung vergeblich, die ich in eure gute Zusammenarbeit setzte, denn ihr konntet sechs Wochen weder in gutem Einvernehmen auskommen“, er mahnt: „noch in Frieden und Eintracht“, und ergänzt: „Monsieur Leguat ist Ältester und Oberhaupt, er muss die Anderen gut anleiten, und seine Vorhaltungen müssen Gehör finden.“

Nachdem die Hirondelle Amsterdam am 10. Juli 1690 verlassen hat, erreicht sie die Reede von Texel am 13. – wo die internen Streitigkeiten dazu veranlassen, bis zum 4. September einen Zwischenstopp einzulegen.

An jenem Tag brechen von der Reede fünfundzwanzig Schiffe gen Norden auf. Die Hirondelle dagegen möchte in den fernen Süden, doch der Niederländisch-Französische Krieg zwingt sie, England zu umrunden, sich den Shetlandinseln anzunähern und, auf dem Weg in den Atlantik, ein Kaperschiff französischer Seeräuber abzuschütteln. Am 23. Oktober fährt die Hirondelle entlang einer Kanarischen Insel; bei der Kapverdischen Insel Sal macht sie einen Zwischenstopp vom 31. Oktober bis 6. November, überquert am 23. November den Äquator und am 23. Dezember den südlichen Wendekreis, umstreicht am 27. die Insel Tristan da Cunha – nach dem unbedingten Willen von Kapitän Valleau – und erreicht Mitte Januar Kapstadt, das untere Ende von Afrika. Eine lange Abwärtsfahrt, von der keiner unversehrt zurückkehrt.

 

Auszug aus: Vie de monsieur Leguat. Paris: Les Éditions du Sonneur, 2013.

Aus dem Französischen von Ina Böhme

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