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Die Worte Anderer

Cia Rinne (2018)

words about words, framed by words about the world (or vice versa)

 

Bis heute teilt sich die Literatur in zwei Lager. Das eine glaubt, dass Wörter die Welt, das andere, dass Wörter Wörter spiegeln.

Stefan Ripplinger 17 questions, aus l’usage du mot, kookbooks, Berlin 2017

Mehrsprachig zu schreiben ist für mich kein Ziel an sich. Längere Texte können durchaus auch völlig einsprachig ausfallen, beinah jedenfalls – so zum Beispiel der Dualog (Dialoge zum Dualismus), den ich auf Deutsch schrieb, ins Englische übertrug und der letztes Jahr in dänischer Übersetzung erschien. Vor einiger Zeit wurde ich gebeten, ein Libretto für eine Oper zu schreiben, und da es noch unklar war, für welche Stimmen ich schrieb, wählte ich Englisch als Gerüstsprache, beließ jedoch sämtliche Zitate aus literarischen Quellen in ihrer Originalfassung. In meinen kurzen Texten, die als minimalistische, konkrete Poesie bezeichnet werden könnten, gibt es keine Hauptsprache. Der größte Teil ist auf Englisch, Deutsch und Französisch verfasst, mitunter tauchen auch Italienisch, Spanisch und vereinzelt auch andere Sprachen auf. Die Sprachwahl ist dabei keine bewusste Entscheidung, sondern im Grunde schon gegeben, weil der Sinn oft bereits in der jeweiligen Sprache enthalten ist und die Arbeiten in anderen Sprachen gar nicht funktionieren würden. Die Texte operieren mit minimalen semantischen Verschiebungen qua Klang oder Bedeutung, über Sprachen hinweg oder auch nur innerhalb einer Sprache. Die meisten wären nicht angemessen übersetzbar – oder Übersetzungen sind durchaus möglich, aber nicht notwendigerweise sinnvoll.

 

Vieles ist inspiriert von der Philosophie, Kunst oder Musik, oder nimmt Ausgangspunkt in Zitaten, deren Sprache ich nicht ändern möchte. Wahrscheinlich passen die plurizentrischen europäischen Sprachen in gewisser Hinsicht besser zu den recht abstrakten Arbeiten als beispielsweise das Schwedische, das für mich mit ganz anderen Lebenssphären verbunden ist. Dem russischen Dichter und Mitbegründer des Moskauer Konzeptualismus Lew Rubinstein zufolge operiert ein künstlerisches System nicht so sehr mit Sprache, sondern vielmehr mit dem Bewusstsein: “Um es genauer zu sagen, mit der komplexen Interrelation zwischen individuellem künstlerischen und allgemeinem kulturellen Bewusstsein. Daher das Gefühl des Hin-und Herflackerns zwischen eigener/fremder Sprache, An-und Abwesenheit des Autors im Text, und so weiter.“ Die neueste Arbeit, die zunächst als Ausstellung gezeigt und nun in Kopenhagen als Buch erschienen ist, sind ganz einsprachig Englisch: die sentences spielen unter anderem mit der Doppeldeutigkeit des englischen Begriffs, und nehmen Walter Benjamins Diktum Jede Sprache teilt sich selbst mit sozusagen wörtlich.

 

this sentence would prefer to be an image, aus sentences, Forlaget Gestus, Kopenhagen 2019

 

Für mich liegt wohl genau hier die ursprüngliche Faszination mit der Sprache, die, ein klein wenig zweckentfremdet, ihre raison d’être gleichsam in Frage gestellt sieht. Und doch nutzen wir sie gerade so als sei sie ein perfekter Satz Werkzeug, ohne sie weiter zu hinterfragen. Dies, obgleich jener Werkzeugsatz in einer anderen Sprache vielleicht ganz anders aussehen würde und es nicht ohne weiteres möglich wäre, das Gleiche zu denken oder zu sprechen. Wie kann ich mir dessen, was ich denke, überhaupt noch sicher sein oder auch nur glauben, was ich sage? Sind meine Gedanken nicht immer schon gefangen in einer bereits existierenden Sprache? Sind wir nicht prisonnier(s) des mots d’autrui (Gefangene der Worte anderer), wie Barthes sagt?

 

Besonders bedenklich wird dies, wenn diese Worte anderer sich in der Sprache so zu Ausdrücken verfestigen, dass sie an sich schon eine Wahrheit postulieren und sozusagen am Denken hindern. „Klischees, gängige Redensarten, konventionelle standardisierte Ausdrucks- und Verhaltensweisen“ haben Hannah Arendt zufolge „die gesellschaftlich anerkannte Funktion, gegen die Wirklichkeit abzuschirmen, gegen den Anspruch, den alle Ereignisse und Tatsachen kraft ihres Bestehens an unsere denkende Zuwendung stellen.“

 

Für Henri Chopin war die Sprache ein so großes Verhängnis, dass er sich schließlich weigerte, sich von le Verbe (dem Wort) einschränken zu lassen; denn es sei ein „Hindernis daran, zu leben, es lässt uns die mickrigen Jahrzehnte unserer Existenz damit verschwenden, uns einem sogenannten spirituellen, politischen, sozialen oder religiösem Gericht zu erklären. Durch es müssen wie Rechenschaft vor der ganzen Welt ablegen…“ Folgerichtig fand er mehr Freiheit und Ausdrucksintegrität in Kompositionen von „a-signifikanten menschlichen Tönen, denn der menschliche Ton erkläre nicht, behaupte nicht präzise, sondern sei präzise.“

 

Der letzte Text ist Henri Chopins l’insecte lettrivore (Le homard cosmographique, Supportico Lopez 1968) nachempfunden, hier ist das Insekt möglicherweise etwas verwöhnter; es verzehrt ausschließlich Vokale.

 

les derniers insectuels, aus l’usage du mot, kookbooks, Berlin 2017

 

 

Quellen

Stefan Ripplinger, Schiefe Bahn  Künstler, die schreiben. Wiens Verlag, Berlin 2013

Lev Rubinstein, Compleat Catalogue of Comedic Novelties, Ugly Duckling Presse 2014

Hannah Arendt, in: Marie Luise Knott, Verlernen, Denkwege bei Hannah Arendt, Matthes & Seitz, Berlin 2017

Henri Chopin, Why I Am The Author of Sound Poetry and Free Poetry, Concrete Poetry, 1967

 

 

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