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Drei Gesänge für St. Georg

Rasha Abbas (2017)

„Im Namen Gottes. Ehre sei Gott dem Allmächtigen.“[1] Du, der du deinen Speer aus dem Herz des Drachen ziehst und ihn mir über die Schulter wirfst; Deine drei Tode, so heißt es, sind jetzt drei Splitter aus Walnussschale, verstreut über alle Winkel dieser Erde. Neunhundert Jahre lang hat der Wind sie umher gewirbelt, bis er sie schließlich in Lod versammelte. Eines Tages ziehst du deinen Speer aus dem Herzen des Drachen und wirfst ihn gegen den Mond. Du lässt ihn zerspringen, dass er herabstürzt, in Form von drei letzten Toden – wie die, die du einst für uns gestorben warst: Messer, Feuersbrunst und Ölpresse.

***

Unser Herr, der auf der grünen Kuppel schläft, und dabei nur ein Auge geschlossen hat. Er hat zweiunddreißig Namen, die wäscht ein immerzu weinender Greis. Unser Herr, der dem Wächter der Kuppel, dem weinenden Greis zuliebe, ein Auge offen lässt. Wir gehen vorbei und pusten ihm Wünsche ins Ohr. In seinem Schlummer geraten sie durcheinander, und so erfüllt er am nächsten Morgen jedem von uns den Wunsch des Anderen. An jenem Tage, als ich zufällig unter der Kuppel auf einen deiner Namen stieß, oh Herr, erbat ich mir bei dir Liebe. Monate später entdeckte ich ein zweites Herz, das in mir schlug. Ich erfuhr, dass die unfruchtbare Frau, die dich am selben Tag wie ich aufgesucht hatte, auf der Flucht war vor ihrem Ehemann. Mir hast du ihren Sohn gegeben, und ihr gabst du eine Liebe, die für mich bestimmt gewesen war. Im Dorf ward ein Junge ohne Liebe in den Fluss geworfen. Die unfruchtbare Frau jedoch gebar ihren Liebsten kein Kind. Wir bringen dir eine Sonnentränke, auf dass du deine beiden Augen über uns öffnen magst, unser lieber Herr.

***

„Ehre sei Gott dem Allmächtigen… Alles Gute kommt von Seiner Hand“. Du, der du deinen Speer aus einem Tintenbach ziehst und ihn mir über die Schulter wirfst. An jenem Tag, als der Mond in drei Teile zersprang und sein erstes Drittel in Silbermesser zerfloss, die über die Berge glitten, flohen wir aus dem Dorf. Ich war mit ihnen, und sie sagten mir, ich solle mich nicht sorgen, sie würden ihn schon mitnehmen, mit den Nachzüglern. Es kamen alle Nachzügler, doch er war nicht dabei. Er, der seinen Speer herauszieht und die Nacht in zwei Hälften teilt wie einen Apfel. Er wird ihn zu mir tragen, vorbei an den Messern. Er wird ihn hertragen, bevor das zweite Drittel des Mondes eine Feuersbrunst ausschütten wird, die die Erde zum zweiten Mal tötet, bevor sie ganz untergeht.

***

Unser Herr, der auf der grünen Kuppel schläft, öffnet seine beiden Augen, wenn der Wächter der Kuppel weint. Einmal klebte er die vierzig Flaggen, die die Reiter der königlichen Parade trugen, an der Außenwand des Schreins fest. Einer der Reiter hatte den Greis nämlich beschimpft, worauf dieser weinte, und als die Reiter wieder abziehen wollten, schaffte es keiner, seine an der Wand abgestellte Flagge zu nehmen – bis sie den Greis wieder getröstet hatten. So nahmen sie denn ihre Flaggen und zogen davon. Morgen wird sich ein kleines Mädchen den Weg durch die im Boden steckenden Messer bahnen und ihm meinen Wunsch ins Ohr blasen: Trag ihn zu mir. Verschone ihn von der morgigen Feuersbrunst.

***

„Ehre sei Gott dem Allmächtigen. Nur Er kann das Böse abwehren.“ … Der, der seinen Speer aus dem Lehm zieht und ihn mir über die Schulter wirft. Es geschah an jenem Tag, als der Mond in drei Teile zersprang und als aus seinem zweiten Drittel eine Feuersbrunst floss und über den See geschwemmt wurde, bis sie schließlich das Land, aus dem ich geflohen war, erreichte. An jenem Tag, an dem ich ihn zurückließ und sie mir sagten, die Nachzügler werden ihn schon mitnehmen. Die Nachzügler haben dich aber nicht mitgenommen. Noch hat dich der, der den Mond über seinem Pferde spaltete, zu mir gebracht. Und unser mit einem geschlossenen Auge schlafender Herr hat meinen Wunsch einer anderen Frau erfüllt: Der, deren Mann plötzlich zwischen Messern und Erdenqualm hervortrat.

 

[1]    Die fettgedruckten Sätze sind Fragmente von Bittgebeten für al-Chidr, eine hochverehrte und sagenumwobene Gestalt im Islam. Nach einer verbreiteten Vorstellung ist al-Chidr ein Mensch aus vorislamischer Zeit, dem Gott das Leben über das gewöhnliche Maß hinaus verlängert hat, weshalb er erst am Ende der Zeiten sterben soll. Über den Grund dieser Lebensverlängerung gibt es verschiedene Legenden. In Syrien, Libanon und Palästina wird al-Chidr auch von Christen verehrt, die ihn mit dem Heiligen Georg gleichsetzen. Auch ikonografisch gesehen finden sich dieselben St. Georgs-Bildchen in christlichen und muslimischen Haushalten, nur dass die einen ihn al-Chidr, und  die anderen St.Georg nennen.


Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl

Aus: Eine Zusammenfassung von allem, was war. mikrotext Verlag, April 2018.

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