Sprachen
Inhalt Wer? Über uns Termine Submissions Untermenü
« zurück

Forkhead Box

Jeremy M. Davies (2016)

Was mich am meisten interessiert, ist, dass Schaumann, der staatliche Vollstrecker, Mäuse züchtete. In seiner Freizeit. Sirenengeheul, Auspuffgase und Ozon-Zischen gehören viel eher zu den Wörtern, mit denen ich wahrscheinlich Ihr Interesse für Sing Sing zu wecken vermag, den Ort, an dem Schaumann, von dem sie gleich Näheres erfahren, irgendeinen Killer hinrichtete, sagen wir an einem Frühlingstag. Können Sie sich vorstellen, dass er in einem Haus ohne jeglichen Dekor lebte? Er neigte in jeder Hinsicht zur Schmucklosigkeit. An ihm fanden sich keinerlei Anzeichen von Aufwand, weder bei Kleidung, Essen, Auto oder Sprechweise, noch bei seinen Gewohnheiten, seiner Frau oder Einrichtung. Wäre er als Hundefänger oder Fußpfleger tätig gewesen, seine Lebensweise hätte sich in nichts unterschieden. So war er immer gewesen. Zurschaustellung stand außer Frage. Er nahm sie einfach nicht zur Kenntnis. Geschmackvoll oder nicht, alles, was lediglich der   Erregung der Sinne diente, galt ihm als minderwertig.

Zurückzuführen möglicherweise auf einen Übertragungsfehler beim guten, altehrwürdigen, zygotischen Alphabet. Eine Eventualität, die Schaumann durch seine Mäusezucht durchaus vertraut war. Da passierte es, dass gelegentlich eine mit überlangem Schwanz entstand oder eine Futterverweigerin. Schaumann lehnte sogar Gewürze ab, trug weder Schmuck noch Talisman. Seinen Ehering hatte er in den Flitterwochen verloren. Beim Schwimmen in hohen Wogen wurde er abgesogen vom Salz, das er niemals auf seinen Rindereintopf streute. Was seine Frau spötteln ließ, er sei nun mit dem Meer verheiratet. Ein wirklich treffender Witz,für Leute mit Humor. Aber Schaumann hatte keinen. Auch keinen Sinn für Doppelbödiges. Seine Kinder konnten ihn leicht hintergehen. Seine Kinder fanden ihn etwas simpel. Zieht man jedoch seinen Beruf in Betracht, bin ich versucht in seiner peinlichst bemühten Belanglosigkeit eine Abwehrhaltung zu sehen. Selbstdarstellung würde Aufmerksamkeit erregen. Zöge Schaumann Aufmerksamkeit auf sich, könnte der Aufmerkende eventuell herausfinden, wie Schaumann seinen Lebensunterhalt verdiente.

Also schämte er sich dessen? Da unterscheiden sich die Quellen. Seine Kinder fanden ihn simpel. Ich glaube, sie irrten sich. Nun, sie werden diese Story sowieso nicht lesen. Ich würde sie nicht dazu ermuntern und, bitte, machen auch Sie sie nicht darauf aufmerksam! Habe ich schon erwähnt, dass Schaumann, wenn er zum Staatsgefängnis fuhr um jemanden hinzurichten, auf halber Strecke seine Nummernschilder austauschte? Ich bin mir nicht ganz sicher über Durchführung und Legalität dieses Unterfangens. Vielleicht hatte man ihm eine offizielle Genehmigung erteilt. Ich bin aber sicher, der Staat machte Zugeständnisse an die Privatsphäre seiner in solch sensiblen Arbeitsbereichen Tätigen. Jedenfalls lebte Schaumann ein zweifaches Privatleben: In der Stadt war er der Mitbürger, der zum Einkaufen und in die Kirche ging; im Wald hatte er sein düsteres Lager, wo er die Nummernschilder abschraubte und anschraubte und die Kleider wechselte, ein legaler Krimineller: ein Mörder, Mäusezüchter, Ehemann und Vater. Sagen Sie nicht, solche Menschen gibt es nicht.

Erzählen Sie mir nicht, in unserem großartigen, souveränen Staat kommen solche Menschen nicht vor. Er trug keine Kapuze. Wohl besaß er eine Kapuze, aber es bestand niemand darauf, dass er sie über den Kopf zog. Der Kapuzenbesitz war zeremonieller Natur; ging ein Henker in Rente, wurde die Kapuze an den Amtsnachfolger weitergereicht. Ein Rangsymbol. Nicht dass Schaumanns Vorgesetzte ihm den aktiven Gebrauch geneidet hätten. Sie waren Traditionalisten. Wie dem auch sei, die Kapuze wurde zu Hause gelassen. Auch wenn Schaumann es eigentlich vorgezogen hätte, vermummt in den Vollstreckungsraum zu gehen. Die Kapuze verblieb in seinem Arbeitszimmer, will sagen in seinem Kleiderschrank. Will sagen in seiner Kommode. Sie lag dort zusammengefaltet mit seiner Unterwäsche, die Kapuze. Schaumanns Frau wusste, wo sie war: sie hatte sie zusammengefaltet mit der Unterwäsche, zwischen der sie ihren Platz gefunden hatte. Sie wusste um Schaumanns Beschäftigung, obwohl er aus Prinzip sehr verschwiegen war. Sie wusste wahrscheinlich auch von den Mäusen. Unten in ihrem Keller.

Tatsächlich ist es wohl einfacher, seine Anstellung als staatlicher Henker geheim zu halten als Mäuse unbemerkt in sein schmuckloses Heim zu bringen. Besonders mit zwei Kindern. Das Gequieke, das Geklapper an den Gitterstäben, die kleinen Tierleichen, der Geruch. Aber warum sollte man in jeder Angelegenheit eine Geheimhaltung vornehmen? Es wäre Schaumann nie in den Sinn gekommen, dass das Vertuschen der Mühe wert wäre. (Es wäre Schaumann auch nicht in den Sinn gekommen, dass ein Gemälde oder ein Gedicht der Mühe wert wären.) Er verwischte seine Spuren ohne die Verwischung zu verwischen. Er verwischte seine Spuren mit Wasser, nicht mit Überdeckungen. Und obwohl Schaumanns Frau es nicht wusste, ist es auch kein Geheimnis, dass ich den Namen ihres Mannes aus einem Roman entlehnt habe, den ich sehr mag. Ich bin sicher, hätte sie es gewusst, sie hätte nichts dagegen gehabt, solange sie den Roman nicht lesen musste. Ihr Name ist noch offen. Ich überlege hin und her. Was gewinnt oder verliert man mit der Namensgebung. Mit Rücksicht auf Schaumann bemühe auch ich mich um einen Stil von sorgfältiger Einfachheit.

Er züchtete Mäuse in seiner Freizeit, unten im Keller, denn dort war alles frei. Trotz seiner kargen Einrichtung war der Raum dekoriert wie das Steuerhaus eines Schiffes. Im Ernst. Es gab sogar ein funktionierendes Steuerrad. Das drehte sich wirklich. Wieder ein Gequieke. Stellen Sie sich das einmal vor! Angebracht vor einer über alle vier Wände hinweg gemalten Seelandschaft. Wiewohl mit keinem würdigenden Blick von ihm bedacht, umgab Schaumann sein Meer in mediterraner Ruhe, war rechteckig und flach. Ein echtes  Geländer war in den Verputz eingelassen. Wirklich zum Anfassen. Stellen Sie sich das einmal vor! Das Ganze war ein Überbleibsel vom Vorbesitzer, und Schaumann nahm an, der müsse gute Gründe gehabt haben, sein Geld auf diese Weise auszugeben. Niemand würde Schaumann unterstellen, eine solche Exzentrizität selbst erworben zu haben. Andererseits verbot ihm sein Charakter jedoch, eigenes Geld aufzuwenden und ein regelrechtes Spektakel zu veranstalten, um diese Exzentrik aus seinem Haus entfernen zu lassen.

Und bevor Sie auf irgendwelche verrückten Ideen kommen, es entsprach auch nicht Schaumanns Charakter, auf seinem Steuerdeck zu stehen und nach jener verschwommenen Gestalt in einiger Entfernung Ausschau zu halten.  Diese Gestalt, bei der man in den Klecksen wohlmeinend ihr

Musselingewand erkennen könnte, hatte der lokale Malermeister dort auftragsgemäß in sein Panorama der Travestie eingefügt. Schaumann würde dieser kunstlosen Kunstfigur niemals eine auch nur vage, ästhetische Befriedigung abgewinnen, würde sich nie fragen, was jener dunklere Flecken bedeuten sollte. Er würde weder über sein ungekünsteltes Selbstverständnis als Mann, als Mörder und Mäusezüchter, als Ehemann und Vater tiefgründige Gedanken wälzen noch über seinen Bezug zu dieser gemalten Gestalt, die in ihrer statischen Einsamkeit verharrte und beobachtete, wie das bewegungslose Schiff seines Untergeschosses niemals vorbeifuhr. Er würde einfach gar nichts empfinden für oder gegen die nachlässigen Tupfer in einem schlechten Gemälde, das sich an den Wänden eines Raumes befand, etwa sechs Fuß unter einem ganz gewöhnlichen Ort in der Welt.

Nein, glauben Sie mir, das war alles nichts für Schaumann. Er hatte es kaum jemals wahrgenommen, sein rechteckiges Meer mit den Möwen in Zweierformation, den schwerfälligen Wolken und dem abplatzenden Ätna. Was Darstellungsformen angeht, war er wie eine Katze, unser Schaumann. Platte Möwen kreischen nun einmal nicht. Gemaltes Meer riecht nur nach Moder und Putzmörtel. Damit will ich nicht sagen, dass Schaumann keine Vorstellungskraft besaß: sie lag nur brach. Ob in höchster Vollendung oder fotorealistisch dargeboten, bei ihm verfehlte Mimesis ihre Wirkung. Schaumann stieg herab in seinen Keller nicht um Gedanken sondern um Mäuse auszubrüten. Und, da wir gerade bei Denkmustern sind, Schaumann sah auch keinen Zusammenhang zwischen seinem Auftreten als Rachegott für seine Gefangenen im Todestrakt und als Fruchtbarkeitsgott für seine Mäuse in ihren Käfigen. Denn Schaumann fühlte sich in keiner Weise allmächtig – ein Wort, das er nie wissentlich benutzt hätte – bei seinen täglichen Tötungen oder Lebensgebungen.

Und ehe Sie voreilige Schlüsse ziehen, er war nicht abgestumpft gegenüber der abstoßenden Natur seines Tuns und auch kein mechanisch Ausführender bei den Abgeurteilten. Es verhielt sich folgendermaßen: Schaumann hatte für die abschließende Säuberung Assistenten, und deren Geschwätzigkeit störte ihn ungeheuer. Sie waren wegen ihrer Ernsthaftigkeit ausgewählt worden, und trotzdem redeten sie ununterbrochen ‘hinter den Kulissen’. Sie brachten nicht die richtige Haltung mit. Schaumann musste daher annehmen, dass ihre anderen Kollegen, diejenigen jüngeren Wärter, die dem allgemeinen Gefängnispersonal zugeteilt waren, noch mehr redeten, und dass es ihnen sogar ganz am nötigen Ernst fehlte. Das war ernüchternd für Schaumann. Er hatte sich glücklich geschätzt, als er vom normalen Dienst hierher berufen wurde in das Sanktum, damals, in jenen Tagen als es noch Vorgesetzte gab, die ebenso wenig mitteilsam waren wie er. Mit ihnen fühlte er sich geistesverwandt. Wortloses Zusammensein. Stärke im Schweigen.

Vergangene Zeiten, vielleicht waren sie untergegangen, doch vielleicht hallten sie nach in Schaumanns seltsam abwesendem Schlurfschritt, mit dem er sich aus der Cafeteria zurückbegab ins Allerheiligste, das Innerste des Inneren, wo die wahren, die freudlosen Geheimnisse von Sing Sing verwahrt werden. Ach, was weiß ich, was das für ein Panoptikum ist: indianische Geistkrüge, Voodoo Armbänder und Guillotine; Elektrische Stühle in verschiedenen Größen, mit und ohne gepolsterte Armlehnen, Kissen, Klauenfußbeine, oder Gravuren von Itzli, Yama und den Gheden; und aus dem Schrein voller Schädel, Reisschalen und Senfkraut für die Rosenbergs pumpen Ehrenamtliche den von exklusiven Parfümeuren nachkomponierten Rauchduft des Paares in den Korridor. Wortlos passierte Schaumann all das, untermalt von der Schnaubsinfonie seines einen nicht blockierten Nasenlochs; die Stechkarte bereits in der Hand dachte er darüber nach, wie viele Junge aus dem letzten Wurf in seinem Keller bis zum Sommer überleben würden. Und ob wohl seine zwei schwatzhaften Gecken eine Lehrlingsstelle angeboten bekämen?

Machten sie sich Hoffnungen auf seine Nachfolge einschließlich Kapuzenübergabe? Schaumann bestand darauf, alle Papiere persönlich zu erledigen. Die Unterschrift für Arbeit und Privates streng unterschieden. Nach links geneigt oder nach rechts, mehr oder weniger gut lesbar, mit mehr oder weniger energischem Druck die Höhenzüge des germanischen Namens erklimmend. Schaumann wollte nur die Aufmerksamkeit ablenken, nicht betrügen. Hätte ihn jemand nach seinem Beruf gefragt, vielleicht ein Fremder – obwohl, er traf ja fast nie einen, der nicht eine Stunde später tot war – so hätte Schaumann ausweichend geantwortet aber nicht gelogen. Wie er es auch tat, wenn er in die Enge getrieben war, wenn man insistierte: Also, ist das Ganze denn nicht entsetzlich? Sind sie gewalttätig? Ich bin nie mit ihnen allein, sie haben meist keinen Kampfesgeist mehr, wenn ich ihnen begegne. Haben sie Angst vor Ihnen? Nicht wirklich vor mir. Wie ist es denn wirklich? Er hat nie seine Memoiren geschrieben wie all seine Vorgänger.

Er hatte die Hinrichtung der Spione Rosenberg verpasst. Nur um ein paar Jahre. Können Sie sich das Ausmaß seiner Frustration vorstellen? Schaumann gehörte bestenfalls ins jämmerliche Eiserne Zeitalter der Henker. Die goldenen Heroen, die Unsterblichen der Zunft waren seit ewig dahin. Seine Profession stand sogar in Gefahr ausgelöscht zu werden. Nicht die Praxis aber die Profession. Gerichtshöfe, Kriegsgerichte und dergleichen brauchen keine ausgebildeten Vollstrecker. Es würde nicht mehr lange dauern, und die Schaumanns würden überflüssig. Also, womit konnte er noch punkten? Mit seiner Figur? Ich kann Ihnen nur versichern, er hat seine Frau niemals betrogen. Sie erhielt übrigens den Namen Tina, Kurzform von Kristina. Schaumann war jedoch nicht gerade angenehm im Umgang. Ist das nicht auch eine Art von Täuschungsmanöver? Er tat, was er konnte in seiner Familie, das war offensichtlich; will sagen, er strengte sich offensichtlich an. Es war ihm wichtig, dass die Leute sahen, wie er sein Bestes tat.

Als ein kleines Bistro in Schaumanns Städtchen eröffnet wurde von einem Dichter, oder war es ein Maler mit Verbindungen zur sogenannten New Yorker Schule, sollte es jeder sehen, wie er seine Frau dorthin ausführte. Sie schlenderten die Mainstreet hinunter, verweilten, wo man sie gut sehen konnte. Der Besitzer des Restaurants plauderte mit Mr und Mrs Schaumann über eine Region in Italien, in der bei den Einheimischen das ungewaschene Basilikum in den Topf kam. Sie  weigerten sich es zu waschen, diese eingeborenen Italiener. Sie pflückten die Blätter und wischten sie ab mit Zweigen. Fertig. Und hinein in die Sauce. „So hoch steht dort das Blatt in ihrer Verehrung“, sagte der Wirt. „Himmlischer Vater, steh’ mir bei“ dachte Schaumann, oder vielleicht murmelte er es. Wenn Schaumann tatsächlich einmal seine Lebensgeschichte aufschreibt, dann würde in dem ganzen Buch nicht geredet sondern stets gebrummelt oder gemurmelt werden. Ich hoffe, das klingt nicht herablassend. Das ist nicht meine Absicht, weder Schaumann noch dem Dichter gegenüber, der zum Wirt wurde.

Also sehen Sie mich nicht so an! Was hatte dieser Dichter (oder war es ein Maler?), gerade zurückgekehrt aus Italien, weiter gebrummelt oder gemurmelt über die Verehrung seines Basilikums? „Verehrung sei dem Zweige, banales Wasser verweigre. Also sehen Sie mich nicht so an!“ Schaumann züchtete Mäuse in seiner Freizeit, erzählt man mir. Er war gut darin. Er experimentierte, versuchte einen ganzen Wurf in nur einer Farbe zu produzieren, das Fell mit ganz bestimmtem Punktemuster und mit spezieller Nasen- oder Augengröße. Kurz gesagt, Mäuse waren sein gestalterisches Medium geworden. Bald nahm er Sonderbestellungen aus landesweiten Laboratorien an. Kleiner Nebenverdienst. Gleich wieder in seine Mäuse investiert. Käfige wurden erweitert zu Schuppen, Anbauten und Neubauten darum herum in Gruppen, eine richtige Farm. Schaumanns Vermächtnis nach seinem Tod: Leuchtmäuse, Monstermäuse, Mäuse, die sogar von Schaumanns eigenen, erfahrenen Händen nicht hätten hervorgebracht werden können: mutierte Mäuse, Mäuse der Zukunft. Wissen Sie, was eine Knockout Maus ist?

Eine Maus, deren DNA verändert wurde um ein spezifisches Gen zu entfernen oder auszuschalten. Zum Beispiel das FOXP2 Gen, dessen Veränderung die Sprachfähigkeit und Artikulation beeinflusst. Ja, es ist wahr, Schaumann hat viele seiner Fehlexemplare getötet, vielleicht aus Scham oder einfach um seinen exzellenten Genpool zu schützen. Er kaufte seinem Sohn oder der Tochter eine Schlange um die Beweise leichter zu entsorgen, denn für seine außerdienstlichen Exekutionen hatte er keine Assistenten. Aber er prahlte nicht lauthals mit seinen Mäusen, obwohl sie zum größten Erfolg seines Lebens wurden: nicht einmal ein leises Murmeln über sie, nicht einmal zu dem schlaksigen Tölpel aus der Großstadt, der ihm zugehört und gierig solch köstliche Spezifität aufgesogen hätte, der jedoch von Schaumann als Bedrohung seiner (Schaumanns) Anonymität betrachtet wurde. Dieser verweiblichte, bebrillte Zugezogene. Er wollte dazugehören, wie Schaumann, redete aber im Gegensatz zu Schaumann zu viel und zu seltsam und blieb damit hier der ewige Normabweichler. Selbst die einfachsten Wörter benutzte unser Städter nicht richtig.

Und ich behaupte nicht, er bevorzugte schwierige Wörter. Ich sage nicht, dass er ein Intellektueller war. Er kam eben aus einem anderen Milieu, das ist eine Tatsache. Er war weitgereist. Irgendwo auf einem fernen Kontinent hatte er sandiges Basilikum gegessen. Er hatte Gedichte in Zeitschriften veröffentlicht, die Schaumann nicht einmal kannte, und /oder in Galerien ausgestellt, die Schaumann nicht einmal besucht hätte. Hätte Schaumann sich gezwungenermaßen zu solchen Produktionen geäußert, hätte er gesagt: „Man braucht kein Talent für das, was dieser Bursche tut.“ Wobei man hinzufügen muss, dieser Restaurantbesitzer hielt sich gar nicht für talentiert. Hätten Sie ihn etwa auf einer dieser Verpflichtungs-Parties getroffen und ihn gefragt, ob er sich für einen talentierten Mann halte, hätte er geantwortet, er habe nur eine einzige Genialität: Er könne das Wort ‘Orgasmus’ aus jeder noch so eng bedruckten Seite sofort herausfiltern, beinahe schneller als sein basales Vorderhirn Tinte, Seite und Papierkörnung erkannt habe und sein Verstand ‘lesen’ und ‘Buch’ zugeordnet und ‘Schimmelpilz’ als den begleitenden Geruch aus seinem Gedächtnis hervorgeholt habe.

Auf solche Prahlerei würden sie amüsiert oder verlegen reagieren, und sich dabei innerlich fragen, wie Sie den letzten Zug noch erreichen. Oder, das vermute ich einmal, Sie wüssten schon selbst am besten, was Sie entgegnen könnten.

 

Übersetzt von Heddi Feilhauer

 

≡ Menü ≡
Startseite Inhalt
Termine Submissions
Autor_innen Übersetzer_innen Moderator_innen
Über uns Partner Galerie
Kontakt Blog Facebook
Festival 2016 Events Presse