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Gespräch mit Herrn H.H.

Ani Menua (2018)

Am Tresen saßen drei etwas ältere Herren, die jeweils in buckliger Haltung über einem großen Glas Bier hingen und von Zeit zu Zeit zueinander zur Linken oder zur Rechten sahen oder sich zu dem Raum hin drehten, zu dem sie am Tresen auf Barhockern mit dem Rücken saßen. Durch ihre Körperhaltung und Statur fielen sie unangenehm auf. Die Wirtin der alten und dunklen, schon etwas heruntergekommenen Kneipe, war eine Mitfünfzigerin mit hochtoupierten, blondierten Haaren. Die kräftige Frau trug schwarze Leggings mit einem Jeansrock und einem engen, ebenfalls schwarzen, Oberteil. Auch die Kneipe war bereits in die Jahre gekommen und lebte vom billigen Einrichtungsstil des vorigen Jahrhunderts: Der Tresen, über dem kleine, bunte Sonnenschirmchen hingen, war vollständig mit Bambus verkleidet. Links von der Bar standen zwei Billardtische, an denen laut gespielt wurde. Die Atmosphäre, die dort herrschte, war überaus seltsam: einerseits durchdrungen von Wärme und andererseits überkam ein Gefühl von Schauer.

Am großen runden Tisch, unmittelbar am Tresen, wurde laut und durcheinander gesprochen und gelacht. Weil Herr H.H. sich ständig umdrehte, die Gruppe beobachtete und seinen Freunden etwas zuflüsterte, wurde er an den Tisch geladen, vermutlich um ihn etwas von sich selbst abzulenken. Auf die Einladung hin, griff er nach einem Stuhl und setzte sich an den vollen Tisch. Mit seinen großen, eiskalten, blauen Augen fixierte er eine junge Frau, die ihm gegenüber saß, beugte sich über den gesamten Tisch, über die anderen hinweg und fragte sie mit seiner lauten und rauen Stimme, die vielmehr den Anschein des Anbrüllens erweckte: „Wie ist dein Name?“

Athene schaute eingeschüchtert und überrascht darüber von Herrn H.H., der ihr die Hand reichte und beinahe schrie, direkt angesprochen zu werden: „Ich bin H.H.!“

Ein wenig verängstigt antwortete sie: „Ich bin Athene.“

Herr H.H. zog selbstgefällig seine Hand von ihrer weg, stand auf und streckte seine rechte Hand aus. An dem großen runden Tisch stellte sich für einige Sekunden eine seltsame Stille ein. Während alle den Atem anhielten, begann der Erste auch schon an jener Stelle des Gespräches weiterzumachen, an der er aufgehört hatte, als sich die haarsträubende Handbewegung des Herrn H.H. ereignete. Die stille Reaktion der Gruppe wog Herrn H.H. in eine seltsame Selbstsicherheit, weshalb er sich eingeladen fühlte ein Gespräch anzuzetteln.

Doch allmählich verließen alle Freunde Athenes den großen runden Tisch, um Dart zu spielen, so dass sie mit Herrn H.H. plötzlich allein am Tisch saß.

Herr H.H. hielt sich an einem großen Glas Bier fest und sagte: „…Alle raus hier! Mit eener Knarre runter nach Kreuzberg und alle abknallen!“

Etwas verwundert darüber von Athene nicht die erwartete Reaktion zu bekommen, machte er unbekümmert weiter: „Die scheiß Merkel, ich sag dir die Lügenpresse, sie verarschen uns, wo es nur geht. Was ist mit uns? Denen ist es scheiß egal. Ich bin 50, ich arbeite mir den Arsch ab und was hab ick davon?“

Er stand auf, ballte seine rechte Hand zu einer Faust, verzog das Gesicht und setze sich wieder hin: „Mim Euro hat die Scheiße doch anjefangen. Wo geht unser ganzes Geld hin? Die verarschen uns doch. Die Merkel soll weg und die ganzen anderen ooch!“

Herr H.H. stand auf, ballte seine rechte Hand energisch zu einer Faust, verzog das Gesicht und setzte sich wieder. Er drehte sich zu der Bar hin und bestellte noch ein großes Bier, wonach er sich wieder Athene zuwandte und sie weiter anstarrte.

„Warum sind Sie so wütend?“, fragte Athene.

„Icke? Ich bin nicht sauer, nenenene! Ick will vom Leben auch was haben, ne Knarre nehmen und alle abknallen! Meinst du ich hatt’s einfach? Stramm mussten wir stehen. Wenn nicht, da konntest de aber kieken!“

Herr H.H. zuckte unkontrolliert mit dem Kopf und wurde nach dem inzwischen dritten großen Glas Bier merklich betrunken: „Wann mussten Sie strammstehen, was meinen Sie?“

Herr H.H. ignorierte Athenes Frage und sprach einfach weiter: „Ich bin nicht stolz darauf. Ich bin stolz, wir passen auf. Mein Kennzeichen von der Bullerei ist XXX. Ick hab keen Problem es zu verraten, ick habe keene Angst, merk‘ dir das. Die Bullenschweine haben Angst!“

Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Wir nicht! Ick wollte sie heiraten, ick wollte sie fragen, ick hatte schon einen Ring. Dann hat sie mich verlassen.“

Herr H.H. versuchte seine Tränen zu unterdrücken, schluckte den Kloß im Hals hinunter. Er stand auf, ballte seine rechte Hand energisch zu einer Faust, verzog das Gesicht und setzte sich wieder: „Alle abknallen! Ich muss dir ganz ehrlich sagen, du bist eine Nette. Alle Achtung. Ja, ist wahr…“

Athene hörte paralysiert Herrn H.H. weiter zu, es vergingen einige Stunden, in denen er durch viele Gefühlswelten wanderte: Er fluchte, er weinte, er zeigte sich verzweifelt und dann wieder stupide, starr, tollwütig und wütend. Herr H.H. hielt einen wirren, stundenlangen Monolog über sein gescheitertes Dasein, indem er sich ständig wiederholte. Athenes Freunde waren ins Dartspiel vertieft und schienen sie einfach vergessen zu haben. Sie überlegte sich, wie sie aus dem Gespräch mit Herrn H.H. sanft aussteigen könnte, ohne ihn zu provozieren und ihm das Gefühl zu geben ihn abzuweisen. Der Gedanke, dass er die Kontrolle über sich selbst bald ganz verlieren könnte, machte ihr Angst. Herr H.H. wurde immer ungehaltener.

„Was hätten Sie in Ihrem Leben gerne anders gemacht?“

Für einige Sekunden sah er Athene eisern in die Augen und rief: „Nenene, du kriegst mich nicht! Ich bin doch nicht dumm!“

Herr H.H. stand auf, streckte seine rechte Hand horizontal aus, setzte sich zurück an den Tresen, um ein weiteres Getränk zu bestellen. Athene zog ihren Mantel an, machte ihren Freunden, die sie mit Herrn H.H. allein gelassen hatten, verständlich, dass sie geht, drehte sich zu Herrn H.H., der sie nach wie vor anstarrte und lächelte ihm zu.

„Ich wünsche dir alles Jute!“, sagte er.

„Danke, das wünsche ich Ihnen auch.“, antwortete Athene, reichte ihm die Hand und verließ die Kneipe am frühen Morgen.

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