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Helga

Valeska Brinkmann (2017)

Ihre Haare waren lang, fein und feuerrot gefärbt. Kleine blaue Augen. Die schmalen Lippen waren ebenfalls rot geschminkt. Sie trug immer Ketten, Ohrringe und Armbänder, die nicht zueinander passten und ein enges Oberteil aus Polyester, das über ihren großen Brüsten spannte. Sie stank nach Zigarette.

Jedes Mal wenn ich im Hausflur ankam und gerade den Schlüssel im Schloss meiner Wohnungstür herumgedreht hatte, öffnete Helga ihre Wohnungstür um mich zu grüßen und meiner Tochter einen Bonbon oder etwas Süßes zu geben, manchmal auch ein Eis.

Als mein zweites Baby geboren war fragte sie, ob sie uns besuchen könne. Natürlich, kommen Sie herein. Sie wollte Fotos mit dem Baby auf dem Arm machen. Dazu holte sie ihre alte analoge Kamera, ein Modell aus dem letzten Jahrhundert, und wir machten viele Bilder.

Ich verstand diese Frau nicht, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass wir etwas gemeinsam hätten, zusätzlich zu der Tatsache, dass wir im selben Wohnblock wohnten. Abgesehen davon – seit wann musste ich etwas verstehen, um mich dafür zu interessieren? Es gefiel mir, darüber zu sinnieren, wer diese Frau ist oder gewesen war, was sie erlebt hatte. Ein paar Mal versuchte ich in ihre Vergangenheit vorzudringen und stellte ihr Fragen. Aber sie sprach nicht gern über sich und entzog sich bald, indem sie das Thema wechselte.

Eines Tages bat sie um meine Telefonnummer. Und eines anderen Tages rief sie mich dann tatsächlich an. Aus dem Krankenhaus! Helga, was hast du? Ein Problem an der Schilddrüse, ich soll operiert werden. Kannst du für mich den Briefkasten leeren?

Ich konnte.

Sie bedankte sich mit russischer Schokolade, die trotz der bezaubernden Verpackung ungenießbar für mich war. Eines Tages lag, als ich nach Hause kam, ein Zettel vor der Tür: Wenn du nach Hause kommst, bitte umgehend bei mir klingeln, Unterschrift: Helga.  Erschrocken klingelte ich sofort, und Helga übergab mir, mit einem Ausdruck von Erleichterung und Genugtuung, mein Schlüsselbund, den ich seit dem Morgen hatte draußen stecken lassen.

Am 23. Juli war ihr Geburtstag, und sie lud mich ein. Ich ging hin. Das Gefühl, an einem falschen Ort mit falschen Leuten zu sein, zog mich irgendwie an und inspirierte mich. Ich war auf der Feier, und gleichzeitig war ich es nicht. Currywurst, Chips, ein scheußlicher Johannisbeerlikör –  das waren die Köstlichkeiten bei Helgas Geburtstagsfest. Ich lernte dort zwei ihrer Töchter kennen. Eine arbeitete in einem Zeitschriftenkiosk und rauchte wie die Mutter. Sie hatte schlechte Zähne. Die andere war zum zweiten Mal verheiratet und lebt in einem feinen Bezirk in Westberlin. Sie schien nett zu sein, diese Tochter, mit ihrem erschöpften aber sanften Blick und ohne viele Worte. Einige fragten mich, ob man da, wo ich herkomme, auch so feiern würde. Ja, tut man, aber nicht mit so wunderbaren Würstchen wie diesen!, antwortete ich, um zu gefallen und zu schmeicheln. Mit Erfolg, wie ich aus dem Lächeln der anderen schließen konnte.

Das L-förmige Sofa füllte mehr als das halbe Wohnzimmer, in welchem ich und die anderen Gäste uns diesen unangenehmen, drückend heißen Sommernachmittag teilten.

Aber von dort, aus meiner Sofaecke, sah ich, dass Helga glücklich war.

Als wir auszogen, weinte die Frau fast. Sie sagte mir, niemals habe sie eine Nachbarin wie mich gehabt, und sie bat mich, sie nie, nie zu vergessen. Sie rannte los und holte ihr Adressbuch, um sich meinen Geburtstag einzutragen.

Helga hatte in der damaligen DDR gelebt, sie war Deutsche, aber auf gewisse Art eine Fremde wie ich. Nur, dass ihr Land nicht mehr existierte, und meines gerade noch. Einen Ehemann? Hatte sie sicherlich gehabt, aber sie erwähnte ihn nie. Manchmal dachte ich mir sogar verrückte Geschichten aus, dass sie ihren Mann umgebracht hatte, oder bei der Stasi angezeigt, oder vielleicht war sie ja auch diejenige, die angeschwärzt worden war. Wer weiß… Ich suchte einfach eine Erklärung für dieses heimliche Etwas, diese ominöse Art, die sie verströmte, und die vielleicht auch garnichts war.

In der neuen Wohnung bekam ich jedes Jahr zwei Karten, eine zu Weihnachten und eine zu meinem Geburtstag. Mein Mann machte sich lustig: Hier ist ein Brief von deiner Freundin Helga Schwarz! Ich meinerseits schickte ihr immer drei: Weihnachten, Geburtstag und Ostern. Helga liebte Ostern, das wusste ich, vielleicht wegen der Schokolade. Und mir gefiel dieser Akt. Zur Post zu gehen und eine Marke für den Brief an Helga zu kaufen, mit der ich Tür an Tür gelebt hatte.

Eines Nachmittags in einem dunklen November hätte ich sie beinahe mitgenommen um ihr meine neue Wohnung zu zeigen. Aber ausgerechnet an diesem Tag erwartete sie eine Möbellieferung und konnte nicht weg. Ich habe es nie wieder versucht, nur die Karten haben wir weiter geschrieben.

Bis zum ersten Mal nichts zu meinem Geburtstag kam. Das fand ich seltsam. Zwei Wochen später rief ich sie an: Kein Anschluss – mysteriös. Ich hatte Verdacht geschöpft und fühlte mich schon wie eine echte Detektivin, fuhr zu meinem alten Wohnblock in Mitte. Ich schlüpfte hinein als jemand das Gebäude verließ und betrat die Flure aus Plattenbeton. Im achten Stock sah ich, wie sich vor Helgas Tür Polizisten unterhielten. Die Wohnung war leer.

Ich verließ den Ort stumm und mit zugeschnürtem Hals. Für Helga weinen konnte ich nicht. Ein Gefühl der Niederlage überkam mich, meine Schultern lasteten schwer. Meine Heimlichkeit, die unser Geheimnis gewesen war, hatte nichts gebracht. Nach einiger Zeit versuchte ich, im Internet mehr herauszufinden. Erfolglos gab ich auf. Ich weiß sonst nichts über Helga, nicht einmal, ob sie beerdigt wurde.

Aber ich vergesse sie nicht.

 

Aus dem Portugiesischen von Gesa Kasper

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