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Ich vermisse meine Heimat … die weit, sehr weit ist …

Võ Thị Hảo (2019)

Ja, das war ein Satz aus meiner kurzen Erzählung „Drache“, die 2012 in Frankreich veröffentlicht wurde, nachdem ihre Veröffentlichung in Vietnam verboten worden war. Als ich diese Erzählung sowie andere Romane, Drehbücher und zahlreiche Zeitungsartikel schrieb, war ich nicht weit weg von meiner Heimat. Damals lebte ich noch in Hanoi.

Nun ist sie wirklich weit weg. Seit vier Jahren bin ich eine politisch Verfolgte, die aus Vietnam hierher kam. Ich musste das Land verlassen, um dem Terror zu entkommen, der von dem vietnamesischen Machthaber gegen diejenigen angewendet wird, die sich für die Menschenrechte und die Redefreiheit einsetzen. Ich musste fliehen, da ich mehr als zehn Romane, Erzählbände und Drehbücher veröffentlicht und zahlreiche Ölgemälde gemalt hatte. Ich musste flüchten, nur weil ich eine ganze Menge von seltsamen und schmerzlichen Geschichten erlebt hatte oder von ihnen heimgesucht wurde – die Geschichten, die für die Menschen in meinem Land kaum zu ertragen sind.

In Vietnam pflegten die Opfer stumm zu bleiben. So war es vor Tausenden von Jahren. Und heutzutage ist es immer noch so. Vielleicht hafteten sie mir deswegen an, zwangen mich ihre Gechichte zu erzählen.

Aus diesem Grund lebte ich die Leben vieler anderer Menschen. Dadurch entstanden die Erzählungen. Das Leben einer Erzählerin ist stürmisch und abenteuerlich zugleich, enthält sowohl Risiken als auch Belohnungen.

Vietnam ist ein Land, das eine furchtbare Geschichte verbirgt, die ihr, Freunde in Deutschland und in vielen Ländern der Welt, euch nicht vorstellen könnt. Diese Geschichten sind aber so viel, dass ich seit einigen Jahren stumm bleiben muss, weil meine Kraft zu gering ist, um irgendwelche Geschichten über die Tragödien meiner Landsleute erzählen zu können, während zahlreiche Opfer und unzählige Gespenster nach vorn drängen und verlangen, dass ihre Geschichte zuerst erzählt wird. Das entmutigt mich und verursacht gewisse Irritationen bei mir.

Ich vermisse meine Heimat, … die weit, sehr weit ist …

In diesem Jahr bin ich 63 Jahre alt geworden. Eigentlich ist das nur ein Betrug des Schöpfers beim Zählen unseres Alters. Er mag dem Menschen eine höhere Anzahl von Lebensjahren geben, um sich als großzügig auszugeben. In Wirklichkeit hatte ich kein Recht, älter als 23 zu sein. Denn ich muss Tag für Tag wieder neu anfangen, mit Büchern unter dem Arm Deutsch lernen, doch viel wichtiger ist es zu lernen, wie die Deutschen ihr politisches, wirtschaftliches, geistig-kulturelles, humanistisches System verwalten.

Ich bin 63 Jahre alt. Ich bin auch erst 23, habe aber auch Tausende Lebensjahre hinter mir. Denn ich muss die Reise einer Erzählerin fortsetzen.

Denn ich war in einer Daseinsform, über die ich zu erzählen hatte, ein Weib-Fuchs-Wesen, das sowohl ein Weib als auch ein Fuchs war.

Für Vietnamesen symbolisiert der Drache eine majestätische Macht. Die Vietnamesen vergöttern ihn, weil sie teils Furcht vor ihm empfinden, aber auch weil sie ihn als Symbol für Erfolg, für die Heiligkeit sowie für die absolute, unanfechtbare Macht betrachten.

Ich musste trotzdem von der Szene erzählen, die ich unter dem riesigen Kopf eines Drachen beobachtet hatte. Unter seinem Kopf habe ich wimmelnde Schlangen gesehen. Kleine Schlangen, große Schlangen. Tausende Arten von Schlangen. Die neu Geschlüpften sahen wie Schnecken, die Größeren wie Aale aus. Eine noch größere Schlange wandt sich, öffnete ihr Maul weit und biss in den Hals des Drachen, ihre Zunge leckte an dem getrockneten Rückenmark des Drachen.

Ich habe über die Jahreszeiten geschrieben, in denen man sich ineinander verliebt. Der Mann, den ich lieben musste, schien der Mann in einem von mir gemalten Bild zu sein, das Cover für den Erzählband „Das durchnässte Kleid sitzend trocknen“. Dieser Mann hat einen Hals, der stets nur wandeln möchte, getrennt von seinem Kopf. Seine Arme wurden bereits von seinem Körper abgetrennt. Ein Arm wurde dem Land im Süden zugeteilt, der andere als Dünger für Nord-Vietnam, denn die Arme wurden während des Krieges abgehackt, oder wer weiß, vielleicht auch während der Friedenszeit.

Willst Du nur Deine Ruhe haben? Empfiehlst Du mir, nicht zu viel über Leiden und Politik zu reden? Dann nimm lieber Abstand von mir, weil ich das nicht kann. Ich kann nicht so tun, als ob ich mich für nichts interessiere, da das Leben eines Vietnamesen zu stark nach Blut riecht.

Ich konnte nicht aufhören, die mir bekannte Geschichte zu erzählen. Ich bedauerte jeden Tag, an dem ich sie nicht erzählen konnte.

Denn solche Geschichten haben eine von meinen Daseinsformen zum Weib-Fuchs-Wesen umgewandelt, dessen Brust richtete sich hoch auf, brachial wie die Hufe eines Pferdes beim Galoppieren. Das Weib-Fuchs-Wesen hatte ein Auge, das senkrecht hinter dem Kopf lag. Das Auge sperrte die Strahlen des Sonnenaufgangs ein, öffnete sich grenzenlos, amourös und verwirrt.

Ich musste ständig die Geschichte von ihm erzählen, von dem Mann, den ich lieben musste. Die Geschichte vietnamesischer Hälse, die nur wandeln möchten, sie ließen dabei das Kinn, die Nase und zwei blinde Augen, fest zusammengepresst und mit der Farbe der roten Fahne gefärbte Lippen sowie vietnamesische Arme zurück, die sich verirrten und für immer gegenseitig suchten und sich weinend nach Schultern sehnten.

Ja, ich musste solche Erzählungen schreiben. Ein Literaturkritiker hat wie folgt über meine Erzählungen geschrieben: „Vo Thi Hao – ein Heiliger Geist, der sich aus der Hölle befreite“ (Do Truong), „Die Frau, die Augen aus Diamant hat und den schmalen, S-förmigen, von Fremden vergewaltigten Landstreifen Vietnam in sich trägt“, „Die Seele ungerecht behandelter Opfer und der Klagegesang über den zerstörerischen Brüderkrieg“, „Die von der verdünnten Muttermilch und vom Gestank der Sklaverei ernährten Kinder“, „Ein Tag, noch schlimmer als der Weltuntergang“ … War es wirklich so gewesen?

Ich habe auch den Ehrgeiz, von Deutschland zu erzählen, wo der Lebensraum mir den frischen Blick eines Kindes bei der Beobachtung der Welt zum Teil zurückgab, obgleich das Kind in Vietnam schon Tausend Jahre verbracht hatte.

Ich vermisse meine Heimat,  … die weit, sehr weit ist …

In der Tat ist die Sehnsucht zur Reue geworden, weil ich nur wenig über meine Heimat erzählen konnte.

Ich fange auch schon an, mich nach Deutschland zu sehnen, obwohl ich gerade in Berlin bin, obwohl nun die prächtige Zeit zwischen Frühling und Sommer ist. Diese Sehnsucht verursacht manchmal Tränen in meinen Augen.

Wie können wir dieses Land, das für seine Großzügigkeit zu bewundern ist, gemeinsam vor Abgrenzung, vor Rassismus, die nun zu erstarken drohen, schützen? Wie können wir das Land schützen vor den Drohungen sowohl des Hasses als auch der Diktaturen dieser Welt? Auf dieser Welt ist die Schönheit doch manchmal sehr zerbrechlich!

Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihr Interesse.

Ich wünsche Ihnen viel Gesundheit und Freude.

 

Aus dem Vietnamesischen von Đăng Lãnh Hoàng

 

FernostBerlin. Parataxe Symposium V. 23. Mai 2019

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