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Keiner liebt mich heißt bitte lieb mich

Tsou Yung-Shan (2020)

Weil auf der Baustelle gegenüber gerade intensiv am Fundament gearbeitet wurde und der Lärm von morgens sieben bis zum späten Nachmittag nie nachließ, hatte Frau Mayer ihr Fenster geschlossen.

Bevor im Kiez, in dem sie wohnte, der Bauboom losgegangen war, hatte sie in den wärmeren Jahreszeiten immer gern auf die Fensterbank gestützt dagesessen und von ihrer Warte in der dritten Etage aus das Geschehen in der Nachbarschaft beobachtet — wer gerade Radio hörte; wo gerade die Kinder aus der Schule heim- und mit polternden Schritten die Treppe raufgerannt kamen; wer beim Pornogucken vergessen hatte, die Lautstärke runter zu drehen, und sie erst dann ohne große Hast runterschraubte, wenn die Akteure bereits schnaufend das Vorspiel hinter sich gebracht hatten; wer gerade sein Wäsche zum gemeinschaftlichen Trockenplatz brachte; wo ein frisch verliebtes Paar auf dem Balkon mit einander turtelte oder wo jemand aus- und jemand Neues einzog — sie bekam alles mit. Wenn ihre Ellbogen vom langen Drauflehnen irgendwann taub wurden, pflegte sie in die Küche zu gehen und sich einen Kräutertee zu machen. War der ausgetrunken, setzte sie sich in Bewegung und kümmerte sich um das Blumenbeet am Rand des Trockenplatzes, welches sie dort angelegt hatte.

Auch wenn der herüber gewehte Baustaub die Pflanzen gräulich wirken ließ, war das für Frau Mayer noch lange kein Grund, ihr Beet zu vernachlässigen. Sie wollte sich gerade herabbeugen, um am Gemeinschaftswasserhahn ihre Gießkanne zu füllen, da sah sie die junge Frau mit dem asiatischen Aussehen, die mit zahlreichen Taschen behangen eilig im Treppenhaus verschwand. Frau Mayer wusste nur, dass sie über ihr wohnte, hatte aber noch immer nicht mit Gewissheit herausbekommen, in welcher Etage genau. Die Frau war stets schwarz gekleidet und ihr stand eine schwer zu beschreibende Unentschlossenheit ins Gesicht geschrieben. Obwohl sie Frau Mayer jedes Mal höflich zunickte, wenn sich ihre Wege kreuzten, wich sie ihrem Blick immer auffallend schnell aus. Sie kam bestimmt aus Japan oder aus China, vermutete Frau Mayer und hätte sich gerne Gewissheit darüber verschafft, aber seit Jahren hatten sie bis auf einen flüchtigen Gruß hier und da nie ein Wort gewechselt. Sie wusste sonst nur, dass die Frau weiter oben wohnte, und dass es sich bei ihr ganz sicher nicht um die Hexe direkt über ihr handelte …

Sie hatte den Zettel am Aushangkasten im Hausflur entdeckt, als sie gerade etwas frische Blumenerde aufs Beet aufbringen wollen. Eine von außen auf das Glas des Aushangkastens geklebte, mit einem Drucker erstellte „Mitteilung“: „Werte Hausgemeinschaft: Es wird gebeten, das Abstellen von privaten Gegenständen und/oder Gartenutensilien vor dem Hauseingang ein für alle Mal zu unterlassen. Besagtes Fehlverhalten wurde mit den betreffenden Personen im Laufe des vergangenen Jahres mehrfach thematisiert, bis heute hat sich jedoch keine Besserung eingestellt. So blockiert beispielsweise seit einem halben Jahr eine unansehnliche graue Plastiktonne den Eingang, in der sich des Weiteren zusehends Müll ansammelt. Außerdem soll hiermit daran erinnert werden, dass der Innenhof eine Gemeinschaftsfläche darstellt und nicht einfach von einigen Mitbewohnern dieses Hauses besetzt werden darf. Gartenarbeiten und andere gestalterische Maßnehmen sind von der Hausgemeinschaft mehrheitlich zu genehmigen. Es wird gebeten, das diesbezügliche Rechte der übrigen Mitbewohner zu respektieren! “Unterschrieben war der Wisch mit „Schmidt“, aber Frau Mayer hätte auch ohne Unterschrift gewusst, dass es sich bei der Verfasserin um die Dame aus der Wohnung direkt über ihr handelte, weil diese grundsätzlich an allen und jedem etwas auszusetzen hatte.

Frau Mayer war natürlich klar, das Frau Schmidt nunmehr versuchte, über die Hausgemeinschaft Druck auf sie auszuüben, doch ihr war das herzlich egal. Sie schaute aus der Tür nach der grauen Plastiktonne, die sie letzten Herbst dort platziert und mit einem Sack frisch gekaufter Topferde gefüllt hatte. Eine Handvoll Holzstäbe steckten darin und ein paar abgenutzter Gartenhandschuhe lag obenauf. Das kleine Blumenbeet daneben, welches sich ebenfalls in ihrer Obhut befand, strahlte sattgrün. Der Holunder war bereits verblüht, als Nächstes waren die Rosen dran, die sie im vergangenen Jahr gesetzt hatte. Danach warteten noch die Sonnenblumen und ein paar Kürbisse reiften ebenfalls heran. Ihr kleines idyllisches Beetchen gedieh ganz prächtig und normalerweise hätte sie der Anblick verzückt, doch dank Frau Schmidts „Aushang“ wollte sie nicht recht in Stimmung kommen.

Sie hob die Gartenhandschuhe auf und stand noch unbewegt vor der Tür, als sie drinnen jemanden die Treppe herunter eilen hörte. Die Haustür wurde aufgestoßen und um ein Haar kam es zu einem Zusammenstoß. Als Frau Mayer sich umblickte, sah sie erneut die junge Asiatin vor sich stehen. Sie hatte gerade noch rechtzeitig abgebremst. Zwar brachte die junge Frau ein hastiges „‘Tschuldigung“ hervor, doch für eine Unterhaltung reichte es auch diesmal nicht. Ehe Frau Mayer es sich versah, war sie mit ihrem riesigen Rucksack schon wieder auf und davon. Sie blickte ihr nach, streifte die Gartenhandschuhe über und machte sich bedächtig daran, die Sträucher in ihrem Beet von abgestorbenen Ästen zu befreien.
*
Yüe Hua-ming war vor drei Jahren und acht Monaten in dieses Mietshaus gezogen. Es war kein sonderlich großes Haus. Das Rückhaus, in dem sich ihre Wohnung befand, hatte fünf Etagen mit je vier Einheiten, insgesamt also gerade einmal zwanzig Parteien. Dennoch gab es zwischen ihnen kaum Berührungspunkte. Man grüßte sich im Treppenhaus, aber meistens waren solche Interaktionen auf „Guten Morgen“, „Guten Abend“, „Hallo“ und „Auf Wiedersehen“ beschränkt. Während man noch überlegte, was man zum anderen sagen könnte, holte der meist schon seinen Schlüssel hervor und die Konversation war beendet. Sie las sich ab und zu eigens die Namen auf dem Klingelbrett durch, damit sie die Pakete zuordnen konnte, die sie hin und wieder für andere annahm — und damit sie wusste, bei wem sie zu klingeln hatte, wenn jemand dasselbe für sie tat. Bei diesen unregelmäßigen „Kontrollgängen“ war ihr aufgefallen, dass in all der Zeit bloß zwei Klingelschilder gewechselt hatten. Die neuen Mitbewohner hatten ihre Namen mit Tesafilm über die alten Schilder geklebt, alle anderen Namen waren ordentlich eingerahmt und ihre Besitzer mussten daher schon seit unbestimmter Zeit hier wohnen. Sie kannte sie nicht und dasselbe galt auch andersherum. Einigen war sie bis heute noch nie begegnet.

Sie wusste nicht, ob es an einem ähnlichen Lebensrhythmus lag, aber es gab eine Nachbarin, der sie recht oft über den Weg lief. Sie wohnte in der gleichen Wohnung wie sie, bloß in der dritten Etage und hieß Mayer mit Nachnamen. Hua-ming hatte schon ein paar Mal Paketsendungen für sie entgegen genommen, daher kannte sie ihren Namen, aber ihre Unterhaltungen hatten sich immer auf „Hallo, Sie waren so nett, ein Paket für mich anzunehmen“ und „Danke sehr“ beschränkt und viel mehr wusste sie nicht über sie.

Am Vormittag war sie Frau Mayer schon wieder begegnet, aber da sie es eilig gehabt hatte, bemerkte sie den Zettel auf dem Aushangkasten im Hausflur erst, als sie abends heimkam. Einmal mehr ein Aushang von Frau Schmidt direkt unter ihr. Auf dem Rand des Zettels hatten zwei weitere Hausbewohner von Hand anonym ihre Zustimmung bekundet, woraufhin Frau Schmidt darunter, ebenfalls von Hand, wiederum die beiden Gleichgesinnten bat, doch bitte noch namentlich in Erscheinung zu treten, damit man gemeinsam über die Innenhofgestaltung beraten könne. Draußen hatte Hua-ming eben noch Frau Mayer und eine andere Nachbarin aus demselben Haus getroffen, die gerade dabei waren, gemeinsam mit einem Gartenschlauch die Blumen zu gießen. Die andere Nachbarin hieß Christin und war deutlich jünger als Frau Mayer. Sie hatte Hua-ming freundlich gegrüßt, was Hua-ming mit einem höflichen Nicken erwidert hatte. Frau Mayer hingegen schien sie nicht zu bemerken. Den beiden konnte der Aushang nicht entgangen sein, auch wenn die zwei zustimmenden Kommentare mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht von ihnen stammten — denn Hua-ming wusste, dass die graue Plastiktonne vor der Tür von Frau Mayer dort hingestellt worden war.

Sie betrat das Treppenhaus. Der Temperaturunterschied zu draußen war so groß, dass sie niesen musste. Das Licht ging aus, aber sie schaltete es nicht wieder ein. Das restliche Tageslicht reichte ihr, um die Treppe hochzusteigen. In der dritten Etage sah sie Frau Mayers Komposteimer vor ihrer Tür stehen. Als sie die vierte Etage erreichte, traf sie auf Frau Schmidt, die gerade dabei war ihren Müll raus zu stellen. Als sie Hua-ming bemerkte, schloss sie eilig die Tür. Hua-ming starrte die direkt vor ihr zugeschlagene Tür eine Weile nachdenklich an, dann stieg sie weiter die Treppe hinauf zu ihrer eigenen Wohnung.

Den Bewohnern dieses Hauses fiel es offensichtlich sehr schwer, auch nur ein paar simple Sätze miteinander zu wechseln. Sie interessierte sich ja auch nicht sonderlich für anderer Leute Privatleben, aber nicht lange nach ihrem Einzug war ihr aufgefallen, dass ihre Hausnachbarn eine Art der Kommunikation bevorzugten, die ihr absolut unverständlich war: Zettel. Zettel auf dem Aushangkasten. Zettel auf den Wänden des Treppenhauses. „Im Treppenhaus bitte nicht rauchen!“ Oder: „Sperrmüll bitte woanders abstellen!“ Manchmal wurden die Zettel sogar direkt auf die Wohnungstüren der Nachbaren geklebt, deren Verhalten bemängelt wurde. Man sah mehr von diesen Zetteln als von den Hausbewohnern selbst, bekam mehr Beschwerden zu lesen als Begrüßungen zu hören. Und insbesondere Frau Schmidt hatte diese Kommunikationsform zur Perfektion gebracht.

Vorgestern erst hatte sie morgens einen Zettel von Frau Schmidt an der eigenen Wohnungstür entdeckt: „Halten Sie sich bitte an die Hausordnung. Die Benutzung der Waschmaschine nach 10 Uhr abends ist nicht gestattet. “Die ganze Nachricht bestand bloß aus diesen zwei Sätzen, aber Frau Schmidt hatte es sich dennoch nicht nehmen lassen, sie auf DinA4 Papier ausgedruckt an ihre Tür zu heften. Eine Zeile Text in der voreingestellten Fontgröße ganz oben am Rand, darunter nichts als leeres Weiß, ungeliebt, ungenutzt und vom Bedrucken leicht gewölbt.

Aber das war nur eins von unzähligen Beispielen und kaum noch einer Erwähnung wert. Frau Schmidt brachte ihre Zettel an allen nur erdenklichen Stellen des Treppenhauses an und sprengte inhaltlich ein ums andere Mal jede Erwartung. Verglichen mit den Nachrichten der anderen Hausbewohner konnte man bei ihren Zetteln zudem über die Jahre eine stetige Verfeinerung hinsichtlich der verwendeten Materialien und des Formats feststellen, sodass Mitteilungen aus ihrer Feder unverkennbar aus der Masse heraus stachen: In ihrer handschriftlichen Phase hatte sie noch gewöhnliches Notizpapier oder gelbe Post-Its verwendet, die sie zusätzlich mit Klebeband zu fixieren pflegte. Doch dieses Jahr musste sie sich einen Drucker zugelegt haben, denn sie verfasste ihre Verlautbarungen nunmehr in standardisierter Form auf Büropapier. Manchmal unterschrieb sie, meistens nicht, aber der ihr ureigene Duktus ließ ohnehin keine Zweifel an der Urheberschaft aufkommen.

Im ersten Winter nach Hua-mings Einzug hatte Frau Schmidt ein Post-It auf dem Treppenhausfenster zwischen der vierten und fünften Etage angebracht, auf dem stand: „Dieses Fenster bitte geschlossen halten, es ist Winter!“ Woraufhin ein unbekannter Verfasser das Fenster wieder einen Spalt breit geöffnet und unter ihre Notiz eine Antwort geklebt hatte: „Sehr geehrte Frau Nachbarin, es mag zwar Winter sein, aber das Treppenhaus muss dennoch belüftet werden.“ Frau Schmidt schloss das Fenster erneut und antwortete mit einer weiteren Nachricht, welche sie über die beiden Vorhergegangenen klebte: „Zur Lüftung ist es nicht erforderlich, das Fenster ganztägig aufgesperrt zu lassen! Meine Wohnung ist so nicht vernünftig beheizbar. Falls der betreffende Nachbar weiter auf die Öffnung dieses Fensters besteht, hat er mich für die beeinträchtigte Wohnqualität sowie für die unnötig gesteigerten Heizkosten zu entschädigen!“ Später hatte irgendjemand die Zettel abgenommen. Auf der Fensterscheibe blieben nur ein paar feine Klebespuren zurück und jedes Mal, wenn Hua-ming daran vorbei gekommen war, hatte sie kurz innehalten müssen. Anscheinend war sie die Einzige, die sich an diesen Kleberesten störte. Irgendwann hatte sie es nicht länger ausgehalten und sie heimlich abgeknibbelt. Seitdem hatte sie es sich angewöhnt, beim Passieren dieses Fensters zu kontrollieren, ob es auch fest geschlossen war. Jedes Mal musste sie an die kommentarlos entfernten Zettel denken und manchmal drückte sie sogar kurz gegen den Fensterrahmen, um auf Nummer sicher zu gehen, immer darauf gefasst, dass Frau Schmidt etwas fand, an dem sie Anstoß nehmen konnte, obwohl sie alles daran setzte, ihr nicht in die Quere zu kommen.

Am Schuhregal hing noch Frau Schmidts Zettel von vorgestern. Hua-ming zog das Klebeband ab und warf ihn aufs Altpapier.

Am nächsten Tag fand sie neben dem Fluraushang von gestern –– in selber Höhe, aber auf die Wand geklebt –– ein weiteres DinA4-Blatt vor, ebenfalls von Frau Schmidt, wenn auch nicht unterzeichnet. Inhaltlich deckte es sich im Großen und Ganzen mit dem vorhergegangenen Schreiben, jedoch ergänzt um den Hinweis, dass man, da der Versuch einer Konsensfindung mit der betreffenden Nachbarin ergebnislos geblieben sei, nunmehr beschlossen habe, am kommenden Wochenende alle hinderlichen Gegenstände vor der Eingangstür zu entfernen; alle Mitbewohner seien dazu aufgerufen, sich im Interesse des Gemeinwohls an der Aufräumaktion zu beteiligen.

Am Abend waren beide Aushänge verschwunden. Dort, wo das Klebeband die Ecken des zweiten Blatts befestigt hatte, waren Teile der obersten Farbschicht abgesplittert und auf der erst vor Kurzem frisch geweißelten Wand sah man ein paar schmutzige Fingerabdrücke.

Frau Schmidt hatte eine hausinterne Besprechung angekündigt und ein paar Tage lang wartete Hua-ming auf ihren nächsten Schritt. Doch nichts geschah. Frau Schmidt ging auch nicht von Tür zu Tür, um sich mit den anderen Hausbewohnern abzusprechen. Im Treppenhaus blieb es so still wie immer. Hua-ming stand vor dem Aushangkasten. Die Haustür stand offen. Sie konnte die graue Plastiktonne sehen, die zur Hälfte mit Laub und vertrockneten Blumen gefüllt war. Frau Schmidts angekündigte Aufräumaktion hatte ebenfalls nicht stattgefunden, der von ihr beklagte „Müll“ stand unverändert an Ort und Stelle. Die abgeblätterte Farbe der Wand wirkte wie das unschuldige Opfer eines willkürlichen Verbrechens. Hua-ming verließ das Haus, ohne die Tür hinter sich zu schließen.

Als sie nach Hause kam, war die Tür immer noch offen. Frau Mayer stand gebückt im Blumenbeet. In der einen Hand hielt sie ein paar verdorrte Blumen, mit der anderen klaubte sie vergilbte Blätter vom Boden. Hua-ming blieb im Eingang stehen und sah ihr einen Moment lang zu. Sie warf einen Blick zum Aushangkasten. Auf dem Glas prangte ein frischer Zettel: „Die Haustür bitte geschlossen halten!“

Sie wollte gerade die Tür zuziehen, da rief Frau Mayer: „Einen Moment noch bitte!“ Sie warf die Blumenstängel auf das Komposthäufchen neben dem Beet, streifte die Gartenhandschuhe ab und kam ohne Eile zum Hauseingang. Hua-ming hielt die Tür auf und wollte sie ihr übergeben, doch Frau Mayer spazierte einfach an ihr vorbei nach drinnen: „Sie können die Tür jetzt zu machen. Für heute hat sie sich ausgetobt.“ Hua-ming blickte ihr konsterniert nach. Mit dem Fuß den Holzkeil, der die Tür fixierte, und blieb, während sie darauf wartete, dass die Tür ins Schloss fiel, im Flur stehen und musterte den Aushangkasten. Erst als sie hörte, wie die Tür ins Schloss fiel, wandte sie sich langsam der Treppe zu. Aber Frau Mayer war noch da. Sie schien auf sie gewartet zu haben.

„Genau, immer schön die Tür zu machen“, lobte Frau Mayer. Dann setzte sie ein schockiertes Gesicht auf, wedelte mit den Armen und rief mit piepsiger Stimme: „Bei der Kriminalität heutzutage muss die Haustür unbedingt geschlossen sein! Bloß niemanden reinlassen, den man nicht kennt! “In normalem Ton und mit einem verschmitzten Lächeln fügte sie hinzu: „Ganz schön paranoid.

“Hua-ming war ziemlich perplex. Sie wusste nicht recht, wie sie reagieren sollte, aber Frau Mayer schien das nicht zu bekümmern, sie drehte sich einfach wieder um und stieg weiter die Treppe hinauf. Hua-ming war schon klar, dass Frau Mayer eben Frau Schmidt imitiert hatte, aber sie hatte keine Lust, es zu kommentieren. Stattdessen folgte sie bloß stumm hinter ihr. Auf halber Strecke hielt Frau Mayer inne, wandte sich um und murmelte gedankenverloren: „Manchmal können die Deutschen echt schlimm sein …“

„Entschuldigung — Was haben sie gesagt?“, fragte Hua-ming verwirrt.

Ein Lächeln huschte über Frau Mayers schmale Lippen und eine Reihe leicht angegilbter Zähne kam zum Vorschein. Ihre Gesichtsfalten ordneten sich zu einem neuen, schwer zu deutenden Muster: „Ich meine manche Deutschen. Nicht alle. Aber solche hier —“ Sie reckte die Faust und bellte: „Ordnung muss sein! Die Gestaltung des Innenhofs ist Sache der Hausgemeinschaft! Privatnutzung ist nicht gestattet! “Sie lachte ein schelmisches Lachen. Es schien sie nicht wirklich zu interessieren, ob ihr Gegenüber ihr folgen konnte oder nicht. „So, da wär ich. Schönes Wochenende noch! “Als wär nichts gewesen, klaubte sie ihren Schlüssel hervor, schloss ihre Wohnung auf und verschwand darin. Als Hua-ming lauschte wie die Tür von innen verriegelt wurde, kam es ihr vor, als zöge innerlich etwas an ihr, aber sie konnte nicht sagen was.

Bei der Wohnungssuche hatte Hua-ming den Punkt „Nachbarn“ völlig ausgeklammert. Hauptsache sie kam irgendwo unter. Erst allmählich hatte sie gemerkt, dass sie nicht so richtig in die Hausgemeinschaft passen wollte. Anfangs dachte sie, es läge bloß an der neuen Umgebung und außerdem war sie ja auch gar nicht auf allzu engen Kontakt mit den Nachbarn aus. Solange man niemandem ins Gehege kam, brauchte man bloß auf Abstand zu bleiben und keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, dann würde sich die merkwürdige Atmosphäre im Haus schon ausblenden lassen. Doch wie sich zeigte, war es längst nicht so einfach, wie sie geglaubt hatte.

Eines Nachmittags, es war schönes Wetter und im Hof war gerade niemand, hatte sie einmal spontan beschlossen, runter zu gehen und Fotos zu machen. Damals gab es noch keinen Garten, nur etwas vertrocknet-gelblichen Rasen zwischen den wenigen Bäumen. Jemand hatte seine frisch gewaschene Wäsche auf dem dafür vorgesehenen Areal zum trocknen aufgehängt. Hua-ming richtete ihre Kamera auf die Wäsche, drückte ein paar mal auf den Auslöser und ging näher heran, um das Spiel von Licht und Schatten zwischen den Kleidungsstücken einzufangen. Plötzlich hatte sie gespürt, dass sie beobachtet wurde. Sie sah vom Sucher auf und bemerkte eine Frau, die am Rand der Wiese stand, wohl eine Nachbarin aus dem Haus. Ihr Blick war irgendwie merkwürdig. Hua-ming fragte sich, wie lange sie wohl schon so dort gestanden hatte. Reflexartig lächelte sie ihr zu, doch die Frau schien sie nicht stören zu wollen und ging davon.

Hua-ming hatte sich nicht viel dabei gedacht und war tags darauf erneut zum Fotografieren in den menschenleeren Hof gegangen. Nach kurzer Zeit erschien ein Mann und kam auf sie zu. Er sei für die Sicherheit des Hauses verantwortlich, erklärte er und wollte wissen, ob sie hier wohne. Andernfalls dürfe sie sich nämlich gar nicht im Hof aufhalten. Es habe eine Beschwerde darüber gegeben, dass sie mit ihren Fotos die Privatsphäre der Bewohner verletze. Hua-ming hatte nicht gleich verstanden, worauf er hinauswollte. Dann sah sie, dass man hinter den Wäschespindeln ins Wohnzimmer einer der Erdgeschosswohnungen blicken konnte, deren Fenster keine Vorhänge hatten.

Sie hatte gar nicht erst versucht, sich zu rechtfertigen. Ihre Reaktion bestand darin, von da an keine weiteren Fotos mehr im Hof zu machen und sich auch sonst nicht mehr dort aufzuhalten. Später hatte sie zufällig erfahren, dass die Beschwerde von einer gewissen Frau Schmidt ausgegangen war — eben der Frau, die sie im Hof beobachtet hatte. Hua-ming wohnte direkt über ihr. Als sie ihr das nächste mal begegnete, war Frau Schmidt gerade dabei, einen Aushang im Treppenhaus anzubringen, und tat, als hätte sie Hua-ming nicht bemerkt.

Sie hatte lange versucht sich einzureden, dass sie sich die unangenehme Atmosphäre im Haus bloß einbildete, doch jetzt ließ sich die stumme Kommunikation im Treppenhaus nicht länger ausblenden. Sie konnte noch so vorsichtig sein, sie bekam trotzdem Zettel an die Tür geklebt. Alle ausnahmslos von Frau Schmidt.

Sie hatte beschlossen, weder Frau Schmidt noch den anderen Nachbarn jegliche Beachtung zu schenken. Sie lebte weiter ihr leben, ungeachtet der Zettel im Treppenhaus und zuweilen kam es ihr vor, als hielten es die anderen Hausbewohner ganz ähnlich. Sie mochten zwar auf Frau Schmidts Aushänge reagieren, aber im Grunde taten sie es scherzhaft und nicht aggressiv. Letztendlich ließen sie Frau Schmidts zahnlosen Zorn einfach ins Leere laufen.

Mit der Zeit verstand Hua-ming die scheinbare Distanziertheit der auf den ersten Blick zerrüttet wirkenden Hausgemeinschaft etwas besser: Man konnte das Treppenhaus so lange mit Zetteln bekleben wie man wollte, am Ende gab eh niemand nach. Und es kam auch keinem in den Kopf umzuziehen, bloß weil man sich mit den Nachbarn nicht verstand. Stattdessen biss man die Zähne zusammen und blieb halt dort wohnen, möglichst ohne große Anteilnahme — so auch beim jüngsten Zettelkrieg zwischen Frau Schmidt und Frau Mayer, der zwar stetig eskalierte, aber niemanden zum Eingreifen bewegte.

Dass es in einem Wohnhaus nicht immer ganz reibungslos zugeht, ist an sich nichts Besonderes, und dass dessen Bewohner auf Distanz zu einander bleiben ebenso wenig. Aber machmal sorgen Dinge außerhalb des gewöhnlichen Alltags doch dafür, dass man sich ungewollt etwas näher kommt.

 

Aus dem Taiwanischen von Johannes Fiederling

(c) Parataxe 2020

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