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Wir sind andere

Irina Bondas (2017)

Keynote für das Parataxe Symposium OSTPOL BERLIN am 23. November 2017

 

Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, sagte Edgar, wenn wir reden, werden wir lächerlich.“

Mit diesem Satz beginnt Herta Müllers Roman Herztier.

Damit könnte ich auch schon aufhören.

Wir reden heute über die osteuropäische Literaturszene Berlins und Deutschlands, deren verschiedenste Vertreter_innen immer vielzähliger und sichtbarer werden. In den vielen erwarteten und gelesenen Büchern dieser Kategorie, Büchern, die einen persönlichen Bezug zu mir haben, deren Autor_innen mir geistig und emotional nahe gehen, habe ich mich nicht wiedergefunden.

Immer wieder warte ich darauf, immer wieder muss ich feststellen, dass es doch nicht um mich geht, dass etwas fehlt, was mich ausmacht – und ich mich mit dem Text, der Figur, den Autor_innen nicht identifizieren kann. Immer wieder muss ich das feststellen. Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und die Abgrenzung davon sind zum einheitsstiftenden Ritual meiner selbst geworden. Dem Aufruf, mich zu desintegrieren möchte ich genauso wenig folgen wie der Aufforderung das vermeintliche Gegenteil zu tun.

Ich würde im Übrigen auch lieber nichts wissen müssen von diesen Kategorien, die wir heute verhandeln; lieber einer Vielzahl einzelner Stimmen zuhören, statt selbst in gespaltenen Stimmen sprechen. Eine andere – ist nicht meine Geschichte.

Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, wenn wir reden, werden wir lächerlich.

Es nicht die Feststellung des Erzählers, nicht Herta Müllers Behauptung, sie lässt Edgar, einen der Protagonisten, sprechen. Als gäbe es kein Entkommen aus dieser unmöglichen Entscheidung zwischen Sprachlosigkeit und Trivialisierung.

Kann das Reden genauso wenig retten wie das Schweigen? Entreißt das bloße Benennen dieses Existenzzwiespalts einen aus dem Wir?

Haben wir die Wahl? Haben wir einen gemeinsamen Kampf, oder haben ihn andere geführt? Wir – sind andere.

Ich habe mehrere Leben und kein bestimmtes. Ein Leben hat aufgehört, als ein anderes weiterging, ohne auf mich gewartet zu haben. Zu diesen Leben gehören Existenzen, Sprachen, Geschichten. Keine davon gehören mir.

Als ich frisch in Deutschland mit rudimentären Deutschkenntnissen eingeschult werden sollte, meinte eine Lehrerin zu meiner Mutter ich sei „zurückgeblieben“. Meine Mutter musste im Wörterbuch nachschlagen, was das bedeutet.

In den folgenden Jahrzehnten tat ich alles, um mir das in der Öffentlichkeit nicht anmerken zu lassen. Emilia Smechowski beschreibt, wie Wir Strebermigranten auf der Straße die Stimme senkten, unsere andere Sprache nicht preisgeben wollten. Dieses Versteckspiel hat mich meine ganze Schulzeit begleitet. Ich habe einen Teil meines Wissens so erfolgreich geleugnet, dass ich beim Studium feststellen musste, wie viele Lücken mir geblieben waren: Die Geschichte meiner Herkunft bestand für mich bis dahin aus der sowjetischen Generation meiner Eltern, die gerne darüber stritten, wer die härtere Kindheit hatte; einem stigmatisierten Viertel am Rande der Kleinstadt, und den migrantischen Mitleugner_innen meines Freundeskreises. Jede Art von Russendisko erschütterte mich in meinen Grundfesten. Im Studium, bei einem meiner ersten Dolmetscheinsätze geriet ich in Wortfindungsnot, als unverhofft Selbstbefriedigung zur Sprache kam: Ich hatte noch nie auf Russisch über dieses Thema gesprochen. Zwischen der jungfräulichen Kinderkommunikation der Wendezeit und Dostojewski tat sich auf einmal eine Kluft auf. In meiner Scham hatte ich eine Äquidistanz zwischen den Kulturen, Sprachen, Bezugsgruppen hergestellt: Ich fühlte mich aus unterschiedlichen Gründen überall in etwa gleich fehl am Platz. Ich weiß, dass es auch vielen meiner autochthon deutschen Freunde so geht, es ist auch nicht so, dass es mir dafür an persönlicheren Gründen fehlen würde als einer Herkunft. Das macht es nicht richtiger.

Bei einem kürzlich besuchten Vortrag über Tendenzen der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur war ein ganzes Kapitel der Migrantenliteratur gewidmet. Während Terézia Mora sich noch in guter alter „k.u.k. Tradition“ eher deutsch wähnen durfte, war bei den Migrantinnen neben Olga Grjasnowa und Fatma Aydemir, die sich nach den Worten des Referenten „also auch ganz gut integriert“ habe, die in Fürth geborene Natascha Wodin mit von der Partie. Die zweisprachige in Iowa geborene Ann Cotten durfte indessen der Kategorie experimentelle Literatur mit eigener Stimme zugerechnet werden. Auch der problematische Fall um Saša Stanišićs zweiten Roman Vor dem Fest machte klar, dass manche von uns besonders bedacht sein sollten bei ihren Themen. Dass sie immer auch schweigen, wenn sie reden. Dass sie vor eine Wahl gestellt sind, die ihnen nicht geblieben ist: ewige Ein- und Auswanderer zugleich, ewig gefördert oder diskriminiert, ewig unter- oder überschätzt.

Und mir scheint, dass bestimmte Faktoren diese Wahrnehmung und den entsprechenden Habitus begünstigen, und diese Faktoren sind in den sozialen Gefügen und ihrer Geschichte zu suchen – der Herkunfts- und Ankunftsorte gleichermaßen. Sind es doch bestimmte Gruppen, bestimmte Sprachen, für die sich die Strebermigrant_innen eher schämen: polnisch, russisch, türkisch, arabisch. Weniger wahrscheinlich für französisch, englisch oder niederländisch. Würde überhaupt in allen gleichermaßen dieses Selbstverständnis heranreifen, sich in der Gesellschaft bewähren zu müssen?

Eine Gesellschaftsordnung, die zu einem wesentlichen Teil auf Angst aufbaut, wird diejenigen, die sie gewaltsam verstößt immer auch gewaltsam zurückhalten. Mir scheint, nur die kollektive Auseinandersetzung und Überwindung der Angstherrschaft kann ermöglichen, wirklich zu gehen – und zu bleiben, wo man will.

Die Revolution von 2014 in meinem Geburtsland Ukraine markiert für mich persönlich so einen point of no return. Auf dem Weg zur Gleichschaltung haben die Menschen unter Lebens- und Existenzbedrohung einen anderen Weg eingeschlagen und eine Gesellschaft erkämpft, in der Korruption, wirtschaftliche Probleme oder soziale Ungleichheit nicht abgeschafft, aber Eigenverantwortung, Offenheit und Pluralismus zulässig sind. Dieser Kampf wurde an einem Ort geführt, den ich kenne, von Menschen, die ich kenne. Nichts davon war mein Verdienst. Es ist nicht meine Geschichte. Den Kampf haben andere geführt. Aber das erste Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, mich für meine Herkunft und die damit verbundenen Umstände, für alles und alle, die mir daran lieb und teuer sind, für mein Leben hier – nicht erklären oder gar schämen zu brauchen.

Das erste Mal in meinem Leben habe ich mit aller Deutlichkeit gespürt, was für eine große emanzipatorische Freiheit es ist, sich nicht zwanghaft identifizieren zu müssen. Auch das ist es, wofür Menschen in mehr oder weniger freiheitlichen Gesellschaften kämpfen: für die Möglichkeit einzelner Stimmen; viele Stimmen hörbar zu machen und zu hören; für das Recht, nicht Geisel einer Position oder Positionierung zu werden; für die Möglichkeit, auf Angst zu verzichten. Nicht umsonst wurde der Euromaidan als Revolution der Würde bezeichnet. Ich habe das Gefühl, dass genau diese Würde, diese Freiheit derzeit auch in der deutschen Öffentlichkeit zunehmend allzu leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird.

Die Freiheit, nicht in einem Existenzzwiespalt zu leben, einer Wahl ohne Wahl zwischen entweder/oder, für oder gegen, Pest und Cholera, ist unermesslich wertvoll. Für diese Freiheit sind Menschen bereit, alles hinter sich zu lassen und woanders neu anzufangen. In meinem genetischen Gedächtnis findet sich dazu nichts als verbrannte Erde. Aber Edgars Worte aus jenem ersten Satz klingen nach, treffen und treffen zu, verfolgen mich bis in alle Ewigkeit, oder sollte ich sagen: uns.

Auch, wenn ich mir nichts sehnlicher wünsche, als eine Aussöhnung, die Möglichkeit der zwanglosen Existenz zwischen den Sprachen, den geteilten Leben, Ost und West, Ab- und Ausgrenzung, zwischen Zurückbleiben und Vorwärtskommen, zweifle ich manchmal daran, dass es mir gelingen kann. Aber ich weiß, dass es ein Kampf ist, den es Wert ist, zu führen, selbst mit Worten. Auch und vor allem für die anderen möglichen – Wir.

Es könnte viel bedeuten.

 


ITALIANO

 

NOI SIAMO ALTRI

 

“Se stiamo in silenzio, mettiamo in imbarazzo, diceva Edgar, se parliamo, diventiamo ridicoli.”[1]

Questo è l’incipit de Il paese delle prugne verdi di Herta Müller.

 

Potrei fermarmi già qui.

Oggi discutiamo la scena letteraria est-europea a Berlino e in Germania, i/le cui rappresentanti diventano sempre più numerosi/e e più noti/e. Nei molti libri, attesi e letti, appartenenti a questa categoria, con i quali ho un legame personale, i cui autori e le cui autrici sono umanamente ed emotivamente vicini a me, in questi libri io non mi identifico.

Ogni volta spero che si tratti di me per poi dovermi rendere conto che non è così, che manca qualcosa che mi definisca – e non riesco a identificarmi con il testo, con il personaggio, con l’autore o l’autrice. Ogni volta devo rendermene conto. Il desiderio di appartenenza e l’autoemarginazione sono diventati un rituale aggregativo del mio essere. Non voglio rispondere all’appello a desintegrarmi e tanto meno all’invito a fare il presunto contrario.

Preferirei del resto non dover saper niente di queste categorie che trattiamo oggi; sarebbe meglio poter ascoltare una moltitudine di voci individuali piuttosto che parlare con una voce dissociata. Un’altra – non è la mia storia.

Se stiamo in silenzio, mettiamo in imbarazzo, se parliamo, diventiamo ridicoli.

Non è la constatazione del narratore, non è un’affermazione di Herta Müller, la quale lascia parlare Edgar, uno dei protagonisti. Come se non ci fosse via di scampo da questa inattuabile scelta tra l’assenza di parole e la trivializzazione.

Può il parlare riscattarci tanto poco quanto lo stare in silenzio? Limitarsi a dare un nome a questo conflitto esistenziale può strappare uno dal noi?

Noi, abbiamo una scelta? Abbiamo una battaglia comune o sono stati altri a combatterla? Noi – siamo altri.

Ho molte vite e nessuna in particolare. Una vita si è interrotta mentre un’altra continuava senza avermi aspettata. A queste vite appartengono esistenze, lingue, storie. Nessuna di queste mi appartiene.

Appena iniziata la scuola in Germania con una conoscenza rudimentale del tedesco, un’insegnante disse a mia madre che ero “rimasta indietro”. Mia madre dovette consultare il dizionario per capire cosa voleva dire.

Nei decenni a seguire, ho fatto di tutto per evitare che si notasse in pubblico. Emilia Smechowski descrive come “Noi migranti parvenus”[2] abbiamo abbassato la voce per strada, come non volessimo rivelare la nostra lingua altra. Questo giocare a nascondino mi ha accompagnata durante tutto il percorso scolastico. Ho negato con tale successo una parte delle mie conoscenze che, una volta arrivata all’università, mi sono dovuta rendere conto di quante lacune mi fossero rimaste: la storia delle mie origini aveva coinciso fino ad allora con quella della generazione sovietica dei miei genitori, i quali discutevano spesso e volentieri su chi aveva avuto l’infanzia più difficile; con un quartiere stigmatizzato nella periferia di una piccola città e i migranti conniventi della mia cerchia di amici. Tutte le Russendisko[3], mi turbavano profondamente. All’università, durante uno dei miei primi ingaggi come interprete, ebbi difficoltà a trovare le parole quando all’improvviso si affrontò il tema della “masturbazione”: non ne avevo mai parlato in russo prima d’allora. Tra Dostoevskij e l’innocente comunicazione infantile della Wende si aprì improvvisamente un abisso. Avevo con mia vergogna creato un’equidistanza tra le varie culture, lingue, gruppi di riferimento: per svariate ragioni mi sentivo ovunque fuori posto. So che è così anche per molti dei miei amici tedeschi autoctoni, non è che la provenienza conti di più delle ragioni personali. Non è una giustificazione.

Recentemente in occasione di una conferenza sulle tendenze della letteratura contemporanea in lingua tedesca, un intero capitolo è stato dedicato alla letteratura migrante. Mentre Terezia Mora, secondo la cara vecchia tradizione imperial-regia, poteva ancora considerarsi tedesca, tra le migranti come Olga Grjasnowa e Fatma Aydemir, definite dal relatore pure “molto bene integrate”, spuntava anche Natascha Wodin, nata a Fürth. La bilingue Ann Cotten, nata in Iowa, poteva invece essere annoverata con la propria voce nella categoria della letteratura sperimentale. Anche il caso problematico del secondo romanzo di Saša Stanišićs, Vor dem Fest, ha dimostrato che alcuni di noi dovrebbero essere particolarmente cauti nell’affrontare certe tematiche. Che alcuni di noi stanno in silenzio quando parlano. Che alcuni di noi si trovano di fronte a una scelta che non gli è rimasta: nel contempo eterni immigrati ed emigranti, eternamente favoriti o discriminati, eternamente sottovalutati o sopravvalutati.

E credo che determinati fattori favoriscano questa percezione e l’habitus che le corrisponde; questi fattori sono da ricercare nel tessuto sociale e nella sua storia, nei luoghi di provenienza e in quelli di arrivo. Dopotutto, sono certi gruppi, certe lingue, ad essere più imbarazzanti per i migranti parvenus: polacco, russo, turco, arabo. Meno il francese, l’inglese o l’olandese. Deve questa consapevolezza maturare in egual misura in tutti per potersi imporre nella società?

Un ordine sociale che si basa principalmente sulla paura reprimerà sempre con violenza coloro che con altrettanta violenza ripudia. Penso che solo un discorso collettivo e il superamento della condizione di paura possa permettere di andare veramente – e di rimanere dove si vuole.

La rivoluzione del 2014 in Ucraina, la mia terra natale, segna per me personalmente un punto di non ritorno. Sulla via dell’allineamento, le persone hanno cambiato rotta sotto minaccia di morte, a rischio della propria esistenza e hanno lottato per una società nella quale la corruzione, le difficoltà economiche e le disuguaglianze sociali non sono state abolite, ma nella quale la responsabilità personale, il pluralismo e l’apertura mentale sono ammessi. Questa battaglia è stata combattuta in un luogo che conosco, da persone che conosco. Niente di tutto ciò è stato merito mio. Non è la mia storia. La battaglia è stata combattuta da altri. Ma per la prima volta nella mia vita ho avuto la sensazione di non dovermi giustificare o addirittura vergognare delle mie origini e delle circostanze a esse legate, di tutto e di tutti coloro che mi sono cari, della mia vita qui.

Per la prima volta nella mia vita ho percepito con tutta chiarezza quale grande libertà emancipatoria sia non doversi identificare contro la propria volontà. È anche per questo che le persone in società più o meno liberali si battono: per delle possibili voci individuali; per rendere udibili e per udire più voci; per il diritto a non diventare ostaggio di una posizione o di un posizionamento; per la possibilità di rinunciare alla paura. Non per niente l’Euromaidan è stato descritto come una rivoluzione della dignità. Ho l’impressione che sia proprio questa dignità, questa libertà a essere messa sempre più sconsideratamente a rischio anche dall’opinione pubblica tedesca.

La libertà di non vivere in un conflitto esistenziale, una scelta inesistente tra ‘o l’uno o l’altro’, a favore o contro, peste e colera, è incommensurabilmente preziosa. Per questa libertà le persone sono disposte a lasciare tutto alle proprie spalle e a ricominciare altrove. Non c’è che terra bruciata nella mia memoria genetica. Ma le parole di Edgar in quella prima frase riecheggiano, colpiscono e colgono nel segno, mi perseguitano per tutta l’eternità… o forse dovrei dire ci perseguitano.

Anche se non desidero altro che riconciliazione, la possibilità di un’esistenza casuale tra le lingue, la vita condivisa, est e ovest, auto- ed emarginazione tra rimanere indietro e andare avanti, a volte dubito di poterci riuscire. Ma so che è una battaglia che vale la pena combattere, anche con le parole. Anche e soprattutto per quegli altri possibili – Noi.

Potrebbe significare molto.[4]

 

Traduzione di Anna Giannessi e Serena Tarascio

[1] “Il paese delle prugne verdi” Herta Müller, trad. di Alessandra Henke. Rovereto: Keller, 2008.

[2]  “Wir Strebermigranten” Emilia Smechowski. Berlin: Hanser Berlin, 2017, trad. propria.

[3] Il termine Russendisko era usato per indicare quei locali frequentati in Germania da immigrati di lingua russa. Aveva una connotazione dispregiativa.

[4]  “Es könnte viel bedeuten”, Ingeborg Bachmann, trad. propria

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