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Malaria

Martin Jankowski (2005)

SASAKANANAS
(Auszug aus dem Nachwort)

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Das mit Abstand meist zitierte und auch über Indonesien hinaus bekannt gewordene Gedicht aus dem INDONESIEN MATERIAL ist der Text Malaria, dessen Grundidee sich in einem gedruckten Buch eigentlich leider gar nicht wirklich widergeben lässt. Schon die „Uraufführung“ dieses merkwürdigen kleinen Sprachwerkes im August 2003 am Goethe Institut in Jakarta geriet zu einer kleinen Sensation in der indonesischen Lyrikgemeinde und wurde umgehend von der Presse gewürdigt, wobei vor allem ein Bericht des KOMPAS (etwa vergleichbar mit der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT, jedoch mit bedeutend größerer Auflage) für landesweite Beachtung sorgte, die rasch Reaktionen aus allen Teilen des Archipels generierte. Das Besondere an diesem Gedicht ist, dass man es eigentlich in mehreren Sprachen gleichzeitig vortragen muss. Schon bei jener ersten Lesung wurde, neben der deutschen, von zwei Sprechern auch noch eine indonesische und eine englische Fassung gleichzeitig vorgetragen. Und obwohl im Saal eigentlich niemand wirklich etwas vom Text verstanden haben konnte, brach anschließend frenetischer Beifall aus – ein Phänomen, das sich seither weltweit  immer mal wieder ereignet, wenn der Text in der hier geschilderten, vorgesehenen Weise aufgeführt wird… Der Hintergrund ist folgender: Im Frühjahr 2003 erkrankte ich nach einer längeren Reise an Denguefieber, das bekanntlich nicht geheilt werden kann, sondern überstanden werden muss – am besten in einer Fachklinik. Weil ich zeitgleich auch noch mit Malaria infiziert war, was zunächst wegen des klar erkennbaren Dengues auch von den erfahrenen indonesischen Tropenärzten nicht bemerkt wurde, war ich einige Tage dem Tode sehr nah und nur glückliche Umstände und meine aufmerksame Begleiterin sorgten dafür, dass es dabei nicht blieb.
..In diesem Zustand besuchte mich der Dichterfreund Agus R. Sarjono in der Klinik. Und während ich im Fieberwahn unentwegt mit den Dämonen Sumatras und Javas parlierte, fragte er mich eine scheinbar banale Frage: „Sag, wie fühlt es sich an Malaria zu haben?“ Ich war damals außerstande, diese Frage sinnvoll zu beantworten. Aber sie ließ mich nicht los. Zwei drei Wochen später, nachdem ich wieder halbwegs genesen war, schrieb ich meinem Freund diesen Text als Antwort – und weil er Deutsch nicht lesen konnte, schuf ich mit Hilfe von Freunden auch gleich noch eine englische und eine indonesische Variante – damit er mich auf jeden Fall verstehen würde. Und dann fiel mir auf, dass diese Dreisprachigkeit genau dem entsprach, was ich während meiner tödlich-fiebrigen Krankheitsphase erlebt hatte: Man hört verschiedene Stimmen und Diskurse gleichzeitig in seinem Kopf.
..Also bedeutete ich ihm, dass er die Antwort auf seine Frage von mir erhalten würde, wenn wir einen von mir vorbereiteten Text gemeinsam mit einem dritten Sprecher auf unserem gemeinsamen Lyrikabend im Goethe-Institut vortragen würden. Meine beiden Mitleser wussten also nicht genau, was wir da tun würden, ich erklärte lediglich ein paar simple Grundregeln und sie folgten meiner Idee glücklicher Weise vertrauensvoll und präzise – mit durchschlagendem Erfolg. Jeder, der einmal das Gedicht Malaria  in mehreren Sprachen gleichzeitig zu hören bekam, der a) vergisst die Wirkung nie wieder und b) kann sich danach tatsächlich vorstellen, wie es sich anfühlt, Malaria zu haben. (Es gibt dieses Gedicht inzwischen auch noch auf Holländisch und Spanisch, man könnte es also auch einmal mit fünf Sprachen* aufführen, dann wäre auch der Einfluss meines Denguefiebers von damals noch literarisch mit abgebildet.)

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Aus: sasakananas Indonesien Materialgedichte & notate, Leipziger Literaturverlag, 2015.

* Anmerkung des Autors: Auf der skandinavischen Etappe des europäischen CROWD-Leseprojektes im Frühjahr 2016 gelang es, das Gedicht „Malaria“ in Oslo, Stockholm, Göteborg, Malmö, Aarhus, Odense und Kopenhagen gemeinsam mit sprach- und rezitationsbegabten Helfern sowie den übersetzenden Dichtern in letztendlich zehn Sprachen gleichzeitig aufzuführen. Der damals filmende Tournee-Assistent Ville Hämäläinen aus Finnland wird herzlich und dringend gebeten, sich mit dem kostbaren Bildmaterial beim Autor zu melden.

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