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Manche Leute

Gabriel Don (2019)

Manche Leute haben eine Geschichte, die sie immer und immer wieder erzählen und wenn man sie nach acht Jahren trifft, fast ein Jahrzehnt später, hat sich diese große Erzählung nicht verändert, alle Freunde kennen sie, auch die neueren. Sie besaß die Geziertheit eines Schwans und sogar in Schwarz wirkte sie, als ob sie ihr weißes Sonntagskleid trüge, den Hals stolz gereckt und auf den Heiligenschein harrend, der herunterfallen und sie erwürgen würde. Wie für ihre Mutter war Wissen Macht und Gleichgültigkeit eine Waffe, die töten konnte. Eine Kindheit unter unsicheren Menschen, die andere gern manipulierten, hatte für den Gesang dieses Schwans Wunder getan. Sie wollte reden – ständig und immer über ein und dasselbe (wie ihre Großmutter, die zu Lebzeiten keinen Ton herausbekommen, aber nach Luft gerungen und sich ans Leben geklammert hatte, als der Tod näherkam und ihr den stummen Mund öffnete).

„Komm mal her, Sylvia“, flötete sie; ihre faltige Hand hielt die kleine Porzellanhand der Enkelin und das grausame Leben verzweifelt fest.

Manche Leute neigen dazu, Probleme unter den Teppich zu kehren und totzuschweigen. Das Tohuwabohu bleibt unsichtbar und die Vergangenheit türmt sich auf. Irgendwann stolpern manche Leute über den vielen Dreck, der aus Staubkörnchen unter dem Teppich zu wahren Haufen angewachsen ist. Wie bei einem Eisberg war bei Sylvias Großmutter nur ganz wenig an der Oberfläche zu sehen, und ein Eisberg ist kalt. Ihr Körper war beladen mit Edelsteinen, die in Form von harten, undurchdringlichen Diamanten wie Eiszapfen an ihr hingen. Nie traf man sie schmucklos – immer trug sie Ohrringe, Armreifen, Ketten, Glitzerdinge, Ringe. Tochter und Enkelin lernten früh, die Zierde eines jeden Raums zu sein. Für alle, die sie kannten, symbolisierte Harriet die perfekte Einheit und Ausgeglichenheit, das perfekte Leben. Sylvias Großmutter war bei jeder Feier eine Stimmungskanone, wie man so schön sagte, aber Sylvia verschloss sich meist wie ihre Edelsteine in einem Tresor. Man lobte Harriet und ihren Mann als allseits hoffnungsstiftendes Beispiel für eine gute Ehe. Trennungen kommen natürlich immer mal vor (vor allem bei Problemen mit dem Nestbau), aber im Allgemeinen verbinden sich Schwäne auf Lebenszeit, und Sylvias Großmutter war keine Ausnahme. Bis zu ihrem Tod benahmen sich Harriet und ihr Mann wie aufgekratzte Teenager. Sie blieben monogam, als Partnerwechsel in ihren Kreisen in Mode kamen. Sie hatten keine Affären. Von verbotenen Liebhabern konnte praktisch keine Rede sein. So viel stimmte. Harriet und ihr Mann hatten sich mit der Treue angefreundet.

Manche Leute können es nicht ertragen, etwas nicht zu haben. Harriets Freundinnen warfen sich ihrem Mann an den Hals und boten ihm Dinge an, die er nicht hatte (so dachten sie). Aber er hatte alles, was er je haben oder brauchen würde, bei Sylvias Großmutter gefunden (sagte er). Seit er sie zum allerersten Mal gesehen hatte (so Harriets Mann), wusste er, dass es ernst war. Bis er Harriet kennengelernt hatte, war er (so die Überlieferung) angeblich ein Flegel. Den Mann kannte Sylvia nicht. Sie kannte nur den treuen Kameraden an der Seite ihrer Großmutter. Ein Mann, der nach den Enkeln sah, wenn seine Königin nachmittags ihren Schönheitsschlaf genoss, und der die kindlichen Sorgen mit Karamelkaubonbons löste. Als Sylvias Mutter Marguerite auf die Welt kam – strahlend wie ein Stern, egoistisch, aber funkelnd – war er es, der den Müll hinaus trug, seiner Frau Frühstück ans Bett brachte und sie wie in den romantischen Filmen küsste, die Marguerite, seine angebetete Tochter, mit ihrer Mutter im Fernsehen sah, zusammengerollt in seidener, nach Lavendel duftender Bettwäsche. Harriets Mann war in seine Frau vernarrt, ihr treu ergeben und liebte seine Frau über alles, aber wenn ein Schwan stirbt oder von einem Raubtier getötet wird, sucht sich der überlebende eine neue Partnerin, und das war bei Sylvias Großvater nicht anders.

Manche Leute sind lüsterne Dämoninnen, sie leben von anderen, um zu strahlen, Sterne, die wütend Benzin verbrennen, um zu funkeln, und die Menschen in ihrer Umgebung aussaugen, ohne Rücksicht darauf, welches Sternengas sie verbrauchen, bis die Energie erschöpft ist und die Menschen als leeres, schwarzes Loch zurückbleiben. Sylvia erschrak, als ihre Großmutter, die Hand ihrer Enkelin fest umklammert – sie lag zwischen cremefarbenen Spitzenkissen, auf ihrer Frisierkommode stapelten sich Porzellantassen mit Rosenmuster und ein mit zarten Blumen bemalter Teller mit Kokos-Vanille-Makronen, die der nachmittäglichen Bewirtung der Gäste harrten (Sterben ist keine Entschuldigung, eine schlechte Gastgeberin zu sein, Besucher müssen aufmerksam empfangen werden) – einige Dinge sagte, die man nicht von einer Großmutter gewöhnt war. Schon gar nicht von dieser! Normalerweise fluchte Harriet nicht und war nicht gehässig. (Allerdings sind Schwäne bekannt dafür, ihr Nest aggressiv zu verteidigen. Man vermutete, dass ein Mann bei einem solchen Angriff ertrunken war.) Während Sylvia der Geschichte lauschte, betrachtete sie einen kleinen Strauch wilder Kletterrosen, ein Dornengebüsch – hübsch und stachelig wie sie selbst -, daneben einen Myrrhebaum mit dolchscharfen Dornen (das aromatische Harz duftete wunderbar) vor dem Fenster ihrer Großmutter.

Manche Leute wechseln im Laufe des Lebens ihren Beruf. Harriets Mann hatte seine Laufbahn in der Politik unverhältnismäßig früh begonnen, bevor er in die Finanzbranche wechselte, nachdem er sie kennengelernt hatte (eine Vergangenheit, die Harriet ihrer Tochter Marguerite und ihrer Enkelin Sylvia lange Zeit verheimlicht hatte). Die Namen, die wir beschmutzen, während wir vorwärts (vorgespult, verwischt) in unsere Zukunft schießen, Seiten umblättern, während wir sie füllen, wie die Dinge, die wir sammeln, wenn wir uns einrichten, Wurzeln schlagen, Dinge über Dinge anhäufen. Man wacht auf und stellt fest, dass ein Palast an das Haus angebaut wurde, und dieser Palast ist die Vergangenheit. Ein seltsames Gefühl, wenn die Vergangenheit größer als die Zukunft ist, wenn die Erinnerungen zurückkommen. Ein seltsames Déjà-Vu, eine Erinnerung, die wir beinahe berühren können, aber nur fast. Sie hängt da, vergänglich und nicht greifbar, als fände man ein altes Deodorant, riecht daran und erinnert sich an etwas, was man nicht genau benennen kann. Maraschino-Kirschen als Möchtegerneleganz in Wodka-Drinks. Kaltes Metall an Waden. Ein Loch, wo einmal ein Herz war.

 

Aus dem Englischen von Dorothea Traupe

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