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MeMe

MC Jabber (2018)

Ich habe verschiedene Theorien, von deren Gültigkeit ich überzeugt bin. Dass das Feuer die Geburt des Bewusstseins ist. Als sie es zuerst zähmten, sich darum versammelten, Abende damit verbrachten, in diesen Stoff zu starren, der ihren Blick gefangen hielt, dessen Muster sich in die Wahrnehmung unserer Urahnen gestaltwandelte, diese sich mit den Flammen besprechenden Unterbrechungen von der Nahrungssuche und der Jagd, während wir durch die Spulen der Nachbilder zwinkern – diese Verschnaufpause vom Anthropozänsgetümmel – diese Zeitspannen repräsentieren unsere ersten Auseinandersetzungen mit dem Bewusstsein, während wir denken, dass wir denken.

Vielleicht begann jemand am Feuer zu summen oder stand auf und mimte die letzten Lebenszüge eines frisch aufgespießten Auerochsen. Schmierte den Saft einer Beere auf ihren Finger oder schlug einen Stock auf ein hohles Stück Holz – und statt die Kopfhaut ihres Nachbarn zu entlausen, probierten sie eine andere Art der Pflege. Bewusster, sozialer.

Noch eine Theorie: Eine alte Dame, die inmitten des Bürgersteigs stehenbleibt und zurückschaut, ist wie eine greise Elefantin, die am hinteren Ende der Gruppe zögert, die Matriarchin, die die Kälber rettet, als sie ihr faltenreiches Hinterteil den Schakalen präsentiert, die am Rande der Elefantenherde kauern. Also sei nächstes Mal nicht so verärgert, wenn du der Ollen, die sich an ihren Rollator klammert, ausweichen musst. Wenn sie stehenbleibt und sich umdreht, erfüllt sie nur ihre Evolutionspflicht. Mit einem Wort: Autogerontodickhäuterizid.

Oder meine Theorie, dass das Gähnen eine ansteckende Reaktion ist, die sich entwickelt hat, um sicherzustellen, dass die gesamte Gruppe nicht gleichzeitig einschläft. Das Gähnen weckt einen auf. Wenn jemand gähnt und man bemerkt, dass man empathisch mitgähnt … Na ja, man bemerkt sich. Eine Gruppe Säugetiere, die einander durch das Auslösen und das Verbinden ihrer Sympathizi zu überleben hilft. Das un(ter)bewusste „Grooming“. Wie „Me Too“ auf ‘ne gute Art. Jemand im Kreis gähnt, noch einer rührt sich, um das Feuer zu schüren, und die Säbelzähne schleichen davon, nicht gesättigt. Das gemeinsame Bewusstsein verhindert, dass man Beute wird. So wird man nicht gekaut, Alter.

Ich meine „Grooming“ nicht im Weinsteinschen oder ISIS-Rekrutierungstaktischen Sinne. Und ich versuche auch, „Me Too“ in einem anderen Sinne zu benutzen (andererseits, die Erinnerung daran, dass ich mich von dem Schoß des Schulhausmeisters herabwand, gerade als seine rauen Gärtnerfinger schon halbwegs mein haarloses Schambein herunterglitten, lässt mich auf das Potenzial des Hashtags hoffen). Ich meine „Grooming“ als soziales, wechselseitiges, gemeinsames Phänomen. Pflegen. Wie bei einem Pferd.

Mein „Me too“ ist mehr ein Wortspiel auf „meme“, („me me“ oder „me two“) da meine wichtigste persönliche Theorie ist, dass ich ein Wort geschaffen habe. Oder vielmehr eine Bedeutung, die sich nach außen verbreitete und ein bisschen unsere Neigung zur Dummheit unterstützt. Wenn der menschliche Tanz ein Meer ist, dann half ich, einen gifthaltigen, unzerlegbaren Plastikklumpen in den sozialen Strudel einzuführen.

Als ich 13 war, trug ich Zeitungen aus. Fünfzigmal sah ich die gleichen Überschriften, jeden Morgen zwischen sieben und acht. Elvis stirbt, als ich gerade anfing. Ein paar Jahre danach Brezhnev stirbt und später Eric Morecambe[1] stirbt. Jetzt wären es Bowie, Lemmy, Mark E. Smith, Coco Schumann – aber, hey, das ist Fortschritt. Wie Kafka sagt: „Der Sinn des Lebens besteht darin, dass es endet.“ Hast du bemerkt, dass ich „sagt“ sagte?

Die Rückseiten, die ich ebenfalls fünfzigmal sah, als ich jede Zeitung faltete, sind den Anzeigenspalten vorbehalten: Rückenschmerzentlastungsmedikamente, Bauchredelehrmaterial, Broschüren über die heilende Kraft der Kristalle, Furzkissen, Niespulver, Bodybuildingtechniken (machen Sie Ihrer Freundin garantiert feuchte Knie), Arzneien gegen Hochzeitsredenlampenfieber, dezente Gummikleidung, lindernde Tinkturen gegen Fahrradschürfwunden, Schreibratgeber. Ich antwortete einmal auf eine dieser Anzeigen: ein Angebot für 750 Aufkleber, 1,5 x 3,5 cm, mit freier Textwahl. Schwarzer Schriftzug auf weißem Hintergrund. Lieferfrist 28 Tage. Großbuchstaben. 6-Punkt Times New Roman. Von Hand gesetzt. Und der Satz, den ich auswählte? „KLATSCH MEINEN KNACKPO MIT EINEM GLÜHENDEN SCHÜRHAKEN“.

Im Graffiti-losen Zeitalter wurden diese Aufkleber zu meinem „tag“. Mit der unantastbaren Überzeugung eines 13-Jährigen, dass jede seiner Äußerungen zum Totlachen war, klebte ich „KLATSCH MEINEN KNACKPO MIT EINEM GLÜHENDEN SCHÜRHAKEN“ überall hin. In Busse, Züge und an Laternenmasten, an Schulbänke, Parkverbot-Schilder und auf Schaufensterpuppenstirne, an Fenster, Vogelfutterspender und (besonders gerne) Kinderwagen.

Natürlich bedeckte ich bald die Schule, unterstützt von ähnlich nervigen 13-Jährigen, die die einzigartige Komik des Slogans zu schätzen wussten. Ich ließ sogar ein weiteres Set drucken, diesmal in weißer Schrift auf goldenem Hintergrund, das ich an einige meiner begeisterteren Vertriebspartner weitergab, um sowohl die „Meme-Reichweite“ zu erweitern, als auch das Risiko meiner möglichen Bloßstellung als Triebfeder des Unternehmens zu verringern.

Mir wurde klar, dass ich das erreicht hatte, was die Marketingabteilung von Nike heutzutage als „Cut-Through“ bezeichnen würde, als Kommilitonen anfingen, als Ausdruck von Überraschung, Unglauben oder schierer pubertierender Frustration, „Nun, klatsch mich!“ zu sagen. Andere Versionen wie „Du hättest mich mit einem Ziegel/Stock/Federkissen/LKW klatschen können”, wurden nie aufgegriffen, vermutlich aus semantischen Überlegungen oder einer gewissen Zwanghaftigkeit der Prosodie, aber als meine jüngere Schwester es zu einer Substantivform paradigmen-verschob – als sie über einen meiner Freunde sagte: ,,Er ist ein kleiner Klatscher“ –, wurde eine volle lexiko-virale Immanenz erreicht.

„Klatscher“ war ein praktisch bedeutungsloser Beiname und konnte auf irgendwen in irgendeinen Kontext angewendet werden. Jemand mit einer Bacardi®-Überdosis auf einer Party könnte „ein richtiger Klatscher“ sein. Oder eine scheinheilige Nachbarin, die deinen Fußball als Geisel hält. „Sie wird ihn nicht zurückgeben, die Klatsche.“ Eine frettchenhafte Verkäuferin oder eine Rentnerin, die vor dir in der Schlange in ihrer Handtasche herumfummelt. „Komm, beweg dich, du brüchige alte Klatsche.“ Die Unbestimmtheit und Vielseitigkeit des Begriffs bedeutete, dass er innerhalb meines Umkreises von Teenagevorstadtidioten überstrapaziert wurde, aber vielleicht war es gerade diese konnotative Schlüpfrigkeit, die „Klatscher“ ein langes Leben schenkte und eine breitere Verwendung erlaubte, besonders wenn dieser Prozess durch den Proustschen mentalen Kick unterstützt wurde, dass man den Aufkleber überallverficktnochmalsah.

Ich weiß nicht genau, wann das festgelegt wurde, diese Bedeutung des „Klatschers“ als eine Frau mit moralisch fragwürdigem Verhalten. Irgendwo auf der Strecke wurde die Konnotation zur Denotation, und das Wort wurde in diesen Sprachkörper shanghait, der zwar eine bestimmte Art von Person zu bezeichnen schien, aber in der Tat die Geistesqualität des Sprechers aufzeigte und nicht irgendwelche angeblichen Eigenschaften des Referenten.

Also, im Sinne einer Theorie, von deren Gültigkeit ich überzeugt bin, fühle ich mich also zum Teil verantwortlich für zumindest einen kleinen Stützpfeiler im Tempel der Misogynie. Ein hartnäckiger kleiner, sich selbst replizierender Virus, der dazu beiträgt, einen öffentlichen Raum zu schaffen, in dem es ohne ihn vielleicht ein bisschen weniger krass und unreflektiert wäre. Noch irgendein Typ, der mitmischt, sein Stimme erhebt, seinen [ähem] reinsteckt. Ein Meme, das wirklich nur me-me ist. Oder metwo.

[1] eine englische Version Heinz Erhardts

 

Aus dem Englischen von Joey Bahlsen und Birger Hoyer

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