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A New Mohawk

Chavisa Woods (2018)

Normalerweise hätte ich mindestens bis mittags geschlafen. Aber ich bin schon ziemlich früh aufgewacht, so um acht. Eine Sekunde lang wusste ich nicht, was nicht stimmte, dann wurde mir bewusst, dass mein Kopf wie verrückt juckte. Ich saß im Bett und fing an, ihn manisch zu kratzen, aber das schien es nur noch schlimmer zu machen. Als ich kratzte, war ich schockiert, dass sich Massen kleiner Dinge auf meinem Kopf bewegten. Bettläuse! Dachte ich sofort. Riesige. Ich stand auf und zog die Decken zurück. Alles war sauber. Keine Spur von der roten Pest. Aber Gott, dieser Juckreiz war schrecklich. Ich rannte ins Badezimmer und sah in den Spiegel. 

Es war Dr. Phil, glaube ich, der sagte, dass es nur ungefähr fünf außergewöhnliche Ereignisse im Leben jedes einzelnen gibt, nach denen sie nie mehr dieselben sind; fünf Ereignisse, die einen für immer verändern. So, du wirst danach eine ganz andere Person werden, nachdem diese Dinge geschehen sind, und es gibt kein Zurück zu dem, was war. Ich habe nur zwei und bezweifle, dass ich noch mehr haben werde. Das erste geschah, als ich vierundzwanzig war und beschloss, die „Tea-and-Top“-Operation machen zu lassen (und meine Titten abzuhacken) und ein richtiger „Junge“ zu werden. Mein zweites „außergewöhnliches Ereignis“ geschah, als ich an diesem Morgen in den Spiegel sah. Eine Weile habe ich es nur angestarrt. Dann fing ich an, es mit meinen Händen sehr sanft zu tätscheln, murmelte vor mich hin, mein Mund öffnete und schloss sich langsam wie der eines sterbenden Fisches.

Ich beobachtete sehr genau, fasziniert von dem, was ich sah: die Soldaten, die am Kontrollpunkt Wache standen, die Autokolonne und die Leute an der Basis in der Nähe meines Halses und das leere verlassene Gebiet an der Front, wo ich auf der einen Seite, alle paar Minuten, dachte, ich könnte einige Menschen erkennen, die sich in den nahen Büschen hin und her bewegten. Ich befingerte die Wand, die wie ein Mohawk die Mitte meines Kopfes hinunterlief. Es war fester, harter Stein und gab unter dem Gewicht meiner Berührung nicht nach. Plötzlich spürte ich etwas, das mir die Fingerkuppe verbrannte. Ich zog meine Hand weg und sprang zurück zu dem winzigen Geräusch von drei kleinen Bomben, die schnell explodierten. Ich hob meine Hände in die Luft und drückte meinen Rücken gegen die Wand, konnte das mikroskopische Geräusch des Schreiens wahrnehmen. Etwas fiel von meinem Kopf auf den Boden. Ich ging auf die Knie und drückte meine Wange an die Fliese, um einen guten Blick zu erhaschen.

Es war etwas größer als eine Ameise. Nun, ich sollte nicht es sagen. Er war etwas größer als eine Ameise, ein Miniatur-Mann, der sich auf dem Boden wand und Blut in Blasen aus seinem Mund gurgelte. Fünf Sekundenschläge später war er tot.

Ich sprang aus dem Badezimmer, packte meine Schlüssel vom Tisch und raste die Treppe hinunter zum Bürgersteig, schneller als ich jemals gelaufen bin. Ich dachte nicht einmal daran, in die U-Bahn zu steigen oder einen Bus oder gar ein Taxi zu nehmen. Mein Körper lief einfach los und schien nicht anhalten zu wollen, bis ich dort ankam, wo ich sein musste. In nur zwanzig Minuten war ich bei der Arztpraxis. Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so nach einem Arzt gesehnt. Es erscheint mir jetzt albern, dass das mein erster Impuls war. Aber in diesen zwanzig Minuten sagte ich mir wieder und wieder, dass alles, was ich jetzt brauchte, ein Arzt war.

Ich riss die Glastüren auf und rutschte über den Fliesenboden, meine Turnschuhe quietschten, als ich vor der Rezeption landete und neben der Schlange von Leuten keuchte, die darauf warteten, ihre Formulare auszufüllen. Der Mann an der Rezeption fing an, „Entschuldigung! Kann ich Ihnen helfen?“ Sein Gesicht wechselte spurtend von verärgert zu erschrocken, zu neugierig, zu entsetzt, als er mich musterte.

„Ich brauche einen Notfall-Termin! Okay?“

Er begann durch den Mund zu atmen und unbewusst zu nicken, so wie es Menschen tun, wenn sie von etwas Unerklärlichem fasziniert sind. Die Leute in der Schlange neben mir starrten auch. Ein paar von ihnen gingen einen Schritt weg von mir. „Ähm, sicher. Waren Sie…“, seine Augen scannten meinen Kopf, „… schon mal hier?“

„Ja. Ja“, schrie ich, lehnte mich über den Tresen und zeigte auf seinen Computer. „Meine Ärztin heißt Murphy. Ist sie heute hier?“

Er sah von mir, zu seinem Computer, wieder zu mir, seine Augen weit aufgerissen. „Ich denke schon.“ Er tippte etwas auf der Tastatur. „Ihr Name?“
„Sheldon. Sheldon Peters.“
„Okay, Ihr bevorzugtes Pronomen?“
„Was?“
„Ähm, Mr. Peters, nicht wahr?“
„Ja!“ Schrie ich.
„Was scheint denn…“, er hielt wieder inne, starrte mich nur an. Ich sah mich schnell um. Eine der Frauen in der Schlange hatte sich bis zur Tür zurückbewegt, hielt sie offen und beobachtete mich vorsichtig. „Es tut mir leid“, er blinzelte und versuchte zu lächeln. „Was genau ist denn der Notfall?“
„Ich…Ich…“ Ich hustete und lehnte mich zu ihm hinüber. Ich zeigte auf meinen Kopf und wollte es ihm zuflüstern. Stattdessen schrie ich: „Ich habe den Gazastreifen auf meinem Kopf.“
Er sprang auf, kippte seinen Stuhl um und wurde steif. „Wir werden Ihnen einen Rollstuhl holen“, sagte er schroff. „Schwester!“ Er sah mich noch ein paar Sekunden an, drehte sich dann um, verschwand durch die Tür hinter ihm und rief nach einer Krankenschwester.

Sie waren sehr aufgeschlossen gegenüber Unterschieden an diesem Ort. Es ist eine besondere Art Klinik, die sich besonders an Schwule und Transsexuelle richtet. Ich bin mir sicher, dass die ganzen Mitarbeiter alle möglichen Sensibilisierungstrainings durchlaufen mussten. Aber ich konnte erkennen, dass ich sie bis an ihre Grenzen brachte. Die Wände waren beruhigend violett. Ich versuchte, die Geräusche von Maschinengewehrfeuer und die Schreie, die man zum Glück nur hören konnte, wenn man mir sehr nahe kam, zu unterdrücken. Während ich auf meinen Rollstuhl wartete, las ich die Schrift an der Wand. Es war ein Zitat von Audre Lorde. Es lautete: <DIFFERENT FONT>; „Jede Frau hat eine kämpferische Verantwortung, sich mit ihrer eigenen Gesundheit auseinanderzusetzen. Wir schulden uns den Schutz aller Informationen, die wir erlangen können. Und wir schulden uns diese Informationen, bevor wir einen Grund haben, sie zu nutzen.“ Ich habe es zweimal gelesen. Obwohl ich keine Frau mehr war, tröstete es mich.
Der Typ kam mit einer Krankenschwester und einem Rollstuhl raus. Die Schwester schubste mich in den Stuhl. Die Schlange teilte sich für mich, und die Krankenschwester klopfte mir immer wieder auf die Schulter und sagte mir, dass alles gut werden würde. Den ganzen Weg nach oben im Fahrstuhl versuchte sie, meinen und ihren Schrecken wegzuklopfen.

Die Krankenschwester, die mich klopfte, ging, sobald eine andere Krankenschwester in den Untersuchungsraum kam. Diese Frau war groß, rubenesque und robust mit viel Augen-Make-up und einem Rosen-Tattoo auf ihrem Arm. „Was haben wir hier?“ Sie legte ihre Hand auf ihre Hüfte und tippte mit dem Fuß. „Man sagt mir, Sie seien ein wirklich besonderer Fall. Aber ich habe schon alles gesehen. Wissen Sie, ich komme aus der Bronx. Also machen Sie schon und versuchen es. Lassen Sie mal hören.“

Ich zuckte mit den Achseln und leitete ihren Blick auf meinen Kopf. „Ich glaube, ich habe den Gazastreifen auf dem Kopf.“
Sie schnalzte mit der Zunge, unbeeindruckt. „Mmmmm-hmmmmmm. Und was sind Ihre Symptome?“ Sie tippte mit dem Stift auf die Klammer, wirkte etwas gelangweilt.
„Symptome?“
„Mmmm-hmmm. Sagte ich doch.“
„Nun ähm, es ist der Gazastreifen. Auf meinem Kopf. Sehen Sie.“
„Gut. Lassen Sie mich mal anschauen.“ Sie legte das Klemmbrett hin und griff mich am Kinn, drehte meinen Kopf langsam von Seite zu Seite, sah ihn sich gut an und ließ mich dann wieder los.

„Ich weiß nicht“, sagte sie, „das sieht für mich so aus, als könnte es die Chinesische Mauer sein.“
„Ich glaube nicht.“

Sie rollte mit den Augen, genervt. „Sind Sie ein Arzt?“
„Nein“
„Sehen Sie, ich auch nicht, und deshalb muss ich Ihre Symptome bekommen: Wir lassen besser die Ärztin die Diagnose machen, ohhhhhhkay?“
„Okay.“ Ich nickte und kratzte.
„Fangen Sie bloß nicht an zu kratzen.“ Sie schlug meine Hand weg. „Das ist das Schlimmste, was Sie tun könnten. Nun, welche Symptome lassen Sie glauben, dass es diese Gaza-Sache ist?“
„Na ja“, ich dachte scharf nach. Es schien seltsam, sie als Symptome zu betrachten. „Es gibt einen Kontrollpunkt. Ich meine, es scheint ein Kontrollpunkt zu sein.“
„Okay.“ Sie schrieb es auf ihr Papier. „Checkpoints. Weiter.“
„Und es gab andauernde Bombenanschläge, die meistens auf der rechten Seite meines Kopfes landen.“
„Bomben von Ost nach West?“

„Ich meine, vorausgesetzt, mein Gesicht ist südlich, und es hängt auch davon ab, mit welchem Teil der Mauer ich es hier zu tun habe, oder?“
Sie hob eine gemalte Augenbraue.

„Hey, wir wissen noch nicht mal, dass es eine Mauer ist. Irgendwelche anderen Symptome?“

„Ja, na ja, vorhin fiel mir ein Miniatur-Mann aus dem Kopf, und ähm, er schien angeschossen worden zu sein, und er starb.“
„Fallende tote Männer.“ Sie schrieb es auf und legte ihren Bleistift hinter ihr Ohr. „Der Doktor wird in einer Minute hier sein. Du bleibst einfach hier.“
Sie ließ die Tür leicht offen. Ich konnte die Fernsehnachrichten im Wartezimmer hören. Ich ging zur Tür und hörte zu. Sie sprachen über Israel, genauso wie sie es die ganze Woche über getan hatten. Ich hörte das Wort „Eskalation“ und dann „vierter Tag des Kampfes“.

Die Ärztin klopfte. Als sie eintrat ging ich zurück zum Rollstuhl, meine Hände falteten sich angespannt in meinem Schoß. Sie schenkte mir ein zu großes Lächeln. Ich versuchte eins zurück zu erzwingen.

„Hallo Sheldon, eine Weile nicht gesehen. Ich hörte, dass wir heute ein besonderes Problem haben.“

Es dauerte nicht lange, bis mir klar wurde, dass es nichts gab, was ein Arzt für mich tun konnte. Zuerst hatte mich Dr. Murphy gefragt, wo ich meine Haare habe schneiden lassen. Ich musste ihr erklären, dass ich es nicht mit Absicht gemacht habe. Das Ganze ist über Nacht entstanden. Sie hielt mich fünf Stunden lang da drin fest und brachte fast alle Ärzte aus dem Gebäude rein. Sie ergatterten mein Blut und Urin und meine gesamte Lebensgeschichte. Dr. Murphy war zunächst besorgt, dass es eine Nebenwirkung des Tees und der Operation war. Aber sie schlossen das schnell aus. Einige von ihnen dachten, es sei ein Virus, und einer von ihnen war sich todsicher, dass es eine genetische Mutation war. Aber niemand konnte irgendwelche konkreten Antworten geben.

Ich war wochenlang in Spezialisten-Büros. Einer von ihnen zahlte sogar dafür, mich nach L.A. zu fliegen, damit er mich begutachten konnte. Ich wohnte in einem kleinen Zimmer mit einer doppelt verspiegelten Wand. Er wollte Proben der Toten behalten, die mir vom Kopf fielen, aber ich ließ ihn nicht. Es ist mein Körper. Oder? Es ist…ich meine, sie kommen von meinen Körper.

Alle Fachleute bestätigten, dass das Ding auf meinem Kopf tatsächlich ein Teil der Sperrmauer ist, die entlang der israelisch-palästinensischen Grenze verläuft. Die beste Erklärung, die ich fand, war von dem Typ in Kalifornien. Er schloss, dass dies nicht die eigentlichen Menschen aus Israel und Palästina auf meinem Kopf waren, sondern animierte Nachbildungen aus Fleisch und Blut. Es ist ein lebendes maßstabsgetreues Modell. Er folgerte dies, da nichts, was ich tue, wie Shampoonieren oder Kämmen, ihre Handlungen zu beeinflussen oder zu behindern scheint.

Sie sind sich weder mir noch meines Kopfes bewusst. Ich verstehe überhaupt nicht, wie das passiert ist, aber der Spezialist sagte etwas über die Chaostheorie, das ich aufschrieb, und erklärte mir, dass alles nur die geringste Wahrscheinlichkeit zu existieren hat. Er sagte, dass wir wissen, dass dies wahr ist, weil, und ich schrieb das auf, „es unmöglich ist, gleichzeitig die Geschwindigkeit und die Position der geteilten Atomkerne in Bewegung zu messen“. Er folgerte also, wenn alles nur eine geringe Existenzmöglichkeit hat, dann haben Dinge, die nicht existieren können, eine fast gleiche Existenzmöglichkeit. Mit anderen Worten, wenn alles kaum möglich ist, dann ist das Unmögliche nicht weit vom Möglichen.

 

Aus dem Englischen von Joey Bahlsen

 

 

 

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