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Nikotin

Nell Zink (2016)

(Auszug aus “Nikotin”)

Zwei Jahrzehnte später, zwei Stunden ins Jahr 2005 hinein.
Eine Zigarette kämpft in völligem Dunkel gegen intensive Feuchtigkeit an. Beim Einatmen erhebt sich ein schwaches Glühwürmchen aus Tabak und leuchtet hell auf. Dann fällt es zurück und erlischt beinahe.
Die unsichtbare Raucherin rekelt sich nackt auf einem Haufen Tierfelle. Sie ist zwölf, hat braune Haut, schwarze Augen und langes, dichtes, dunkles Haar. Ihr Haaransatz sitzt sehr tief, kaum mehr als drei Zentimeter über den Brauen, und die Nase ist geschwungen wie eine Sechs. Sie hat kurze Beine, eine breite Taille und hohe, kleine Brüste.
Fünf große, bleiche Männer stapfen schweigend auf einem schmalen Pfad durch den wochenalten Schnee. Sie tragen nichts als Eskimostiefel. Hinter ihnen steigt der Rauch eines verfeuerten Weihnachtsbaums aus dem Schornstein. Von den Schindeln des zweistöckigen Bauernhauses, das am Fuß der Klippen der Palisades nicht weit südlich von Nyack, New York, kauert, blättert die rote Farbe. Die Nacht ist bewölkt, wenngleich mondhell.
Der erste Mann in der Reihe trägt eine Petroleumfackel in einem Bambushalter. Er ist einundsiebzig, der Älteste hier, und hat weißes Haar und einen weißen Bart. Die Fackel zieht eine ölige Spur schwarzen Rauchs hinter sich her. Er hält sie so, dass der Wind den Rauch von den anderen wegtreibt. Die Stiefel der Männer knirschen im Schnee, ein gleichmäßiges Geräusch, so als fräßen Raupen Blätter.
Die Gruppe gelangt zu einer dunklen Kuppel – einer Schwitzhütte auf einem hölzernen Podest, einem einfachen Bau aus Weidenästen, die mit Hirschfellen bedeckt sind. Der weißhaarige Mann steckt die Fackel in den Schnee.

Sie beleuchtet einen einteiligen blauen Skianzug und ein Paar pelzbesetzte Eskimostiefel, die ein paar Schritte entfernt in Hüfthöhe auf dem verharschten Schnee liegen. Stirnrunzelnd hebt er die Klappe. Die Raucherin drückt die Zigarette am Rand eines dreifüßigen Eisenkessels aus und lässt sie zwischen die darin liegenden heißen Steine fallen.
“Ist das der Koala?”, sagt ein jüngerer Mann und starrt in die Hütte. Er sieht dem älteren Mann sehr ähnlich, ist groß, schlank und muskulös und trägt den gleichen Bart, aber sein Haar ist noch schwarz. Der alte Mann, sein Vater wie auch der des Mädchens, schlägt vier der Felle von dem Weidengerüst, das jetzt zu einem Viertel offen liegt, und sagt: “Du enttäuschst mich, Penny.”
“Lass das!”, sagt sie. “Ich fange an zu frieren!”
“Du solltest im Bett liegen.”
“Ich konnte nicht schlafen. Im Haus lässt du mich nicht rauchen, und draußen ist es eiskalt.”
Er wendet sich der Gruppe zu. “Tut mir wirklich leid, Leute. Jetzt muss ich die Hütte erst mal lüften, und es wird dauern, bis sie wieder auf Temperatur ist. Wahrscheinlich eine Stunde.” Er redet wieder mit dem Mädchen. “Beweg deinen Hintern ins Haus», sagt er. “Sofort.”
Penny schlängelt sich über das Eis heraus, greift sich den Skianzug, zieht ihn an und schließt den Reißverschluss. Sie schlüpft in die Schuhe, schlägt Pulverschnee von den Pelzschäften. Sie rennt die dreißig Meter den Hügel hinab zum Haus. Vier Männer folgen ihr: ihre beiden Halbbrüder und zwei Freunde des Vaters. Hinter den Fenstern im Erdgeschoss brennt Licht. Ein paar der anderen sind noch wach und reden in der Küche.

Sie geht vom Eingang gleich die Treppe nach oben und ins Bett, streift im Schein einer Nachtleuchte den Skianzug ab. Sie schlüpft unter die schmale Polyestersteppdecke. Die Flanellbettlaken sind von einem ausgeblichenen Dunkelrot. Sie dreht das Gesicht zur Wand und liegt zehn Minuten still.
Sie setzt sich auf, ist zu unruhig, um zu schlafen. Sie überlegt, nach unten zu gehen und ihre Mutter um Wasser zu bitten. Nackt und barfuß wagt sie sich in den Flur.
Hinter der Tür eines Schlafzimmers am Treppenabsatz hört sie ein Paar beim Sex. Sie reißt die Tür auf und schaltet das Licht ein. Sie sieht den dunkelhaarigen Mann von zuvor – ihren Halbbruder Matt – nackt auf seiner Freundin liegen und sagt: “Wie war das mit dem Fasten vor der Schwitzhütte? Kein Essen, kein Sex, kein Alkohol.” Matt sagt zu seiner Freundin: “Ich schwör dir, ich bring die Göre noch um.”
“Ich schwör dir, ich bring die Göre noch um”, äfft Penny ihn leiernd nach. Er löst sich von seiner Freundin und klettert vom Bett. Er stürzt sich auf seine viel jüngere Halbschwester.
Er wird wissen, dass sie an Nacktheit gewöhnt ist. Aber so etwas wie seinen Penis in diesem Zustand hat sie noch nie gesehen. Auch nicht solche Wut. Sie merkt, dass es eine Verbindung zwischen beidem gibt, die charakteristisch  für ihn und nicht gut oder angenehm ist. Mit ihrer Altklugheit ist es vorbei. Sie umklammert noch mit einer Hand den Türknauf, als er sie hochhebt und unter dem Arm zu ihrem Zimmer trägt, während sie ihm gegen die Beine tritt. Er schlägt die Decke zurück und lässt sie aufs Bett fallen.

 

Nell Zink, Nikotin
Deutsche Übersetzung von Michael Kellner
Copyright (C) 2016 Nell Zink; 2018 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

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