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Notizen aus dem Sprachkurs

Yossi Bartal (2018)

 

A1

Eine fremde Sprache, wie ein fremdes Volk, ist nicht einfach zu beherrschen. Zu viele Verstecke, unbeleuchtete Tunnel und Gruben liegen in jenem unergründlichen Gebiet, aus dem jederzeit zersetzende Elemente dringen können. Deine Miene verrät die Unsicherheit eines Haudegens, der urtümliche Strukturen mit groben Handbewegungen zerbarst. Die Einheimischen blicken dich mit Furcht und Verachtung an – folgen jedem Wort aus deinem Mund – sie wissen, deine Tage sind gezählt.

Fremd bist du eingezogen, fremd ziehst du wieder aus.

Um das Territorium zum Trotz unter deine Kontrolle zu bringen, befestigst du dich in zungenfertigen Burgen. Du verbarrikadierst dich in unregelmäßigen Verben und klammerst dich an bekannte Ausdrücke – wohl wissend, dass sie nicht mehr sind, als schablonenhafte Schilder und Schleier, die dich vergeblich schützen würden. Jede Reise zwischen den akribisch eingelernten Sprachkolonien benötigt eine bewaffnete Begleitung, die im Voraus einbestellt werden muss.

Du suchst wieder die richtigen Frequenzen für den Fernmeldeverkehr. Die Funkverbindung knistert. Die Telefonate gehören zu den erschreckendsten Momenten eines Tages. Du versucht tunlichst klar zu sprechen.

Unter dem Rauschen fordert der Anrufer, dass du das Wort buchstabierst.

Richard, Adolf, Unbefugt, Siegfried.

 

A2

Voller Vorfreude fängt die Beziehung mit einem höflichen Dativ an – dir geben und von dir nehmen, dir zeigen und von dir lernen – ein Dreieck mit einem weiteren Objekt, das dich von der Tat des Täters trennt. Von und Zu, Nach und Aus umgrenzen deinen Zustand in klarer Sicherheit.

An den Tag, in dem das Verhältnis sich endgültig zum Genitiv wechselte, kannst du dich beim besten Willen nicht mehr besinnen. Es entglitt allmählich mit jedem Amtsbesuch und mit jeder Festrede der Kanzlerin – du bist das Opfer des, und der Nachfahre derer, und wir sind dessen bewusst. Deine Zugehörigkeit als willkommener Fremdkörper ist mit einem Siegel versehen und bestätigt. Du gedeihst springend zwischen den losen Bindungen der Vergangenheit, fröhlich und sorgenlos um deine Gastgeberin zirkulierend.

Man hat aber schon Bücher in seinem Leben aufgeschlagen und weiß, dass nichts auf ewig gilt. Das Verbindungsseil, das vorher so locker war, wird immer kürzer. Bleiben heißt, sich formen lassen – der Akkusativ ist da und jetzt wird’s eng. Dich einbringen, dich verständigen, dich finden, ernstnehmen, assimilieren – du wirst an allen Körperteilen begrabscht.

Erinnerst du dich noch an die ersten Wochen, als du noch dachtest, die hier seien wohl kontaktscheu? Vergiss es. Alsbald hört es nicht mehr auf. Es wird auf dich aufgehauen. Der Hammer schlägt immer weiter, aber der Nominativ, der kommt nie. Er ist im Gebärmutterhals steckengeblieben und blau geworden. Die Integration ist eine Fehlgeburt – ohne Zeremonie und Begräbnis wird ihr Versprechen entsorgt. Es bleiben nur drei Punkte nach dem Ich bin. Ich bin… Ich bin… Das Wir kannst du gar nicht mehr aussprechen. Für uns gibt es keinen Nominativ – wir bleiben für immer ein Projekt und eine Projektion.

 

B1

Ich sag dir, die Deutschen mögen besetzt werden – sie öffnen ihre Beine für jeden vorbeimarschierenden Streuner, so verführerisch lächeln sie ihn an und reichen ihm die Hand zur Versöhnung und zum Neuanfang. Sie tun dir fast leid.

Sie können aber gut einblasen. Schon siebzig Jahre lang sind sie die Huren Europas, an Erfahrung fehlt es nicht. Und sie spielen noch mit den Eiern, ihre Finger tasten lustvoll, aber nicht aggressiv. Du willst ja fast kommen, aber sie sagen Nein! Noch nicht. Wir müssen es ordentlich ausführen!

Sie nehmen deinen Schwanz in die Hand, ganz bestimmt, und plötzlich merkst du, dass du gar keinen Widerstand mehr leisten kannst. Sie ziehen ihren teuren Seidenschlüpfer aus, mit einem pragmatischen Blick in den Augen und dein erigiertes Glied ist schon drin im Muttermund der deutschen Sprache. Man will es rausziehen und rutscht immer tiefer rein. A eins, A zwei, B zwei eins – und mehrere metallene Haken, N- und S-förmig bohren sich in meinem armen Schwanz ein. Und das Schlimmste, man kann gar nicht kommen – die Deutschen auch nicht. C eins, Uniabschluss, sogar Master – du steckst drin und es tut nur weh und keiner kommt. Selbst mit der Einbürgerung tritt der Orgasmus nicht ein. Du bleibst mit frustrierten Nüssen und klebrigen, stinkenden Händen stecken – die Deutschen starren dich enttäuscht und leer an, als wärst du derjenige gewesen, der ihnen Unrecht getan hast. Jede Bewegung piekt und sticht. Der Schmerz kennt keine Grenze.

Ich sage dir, Versöhnung braucht Distanz.

 

B2

Deutschland präfigiert sich ab!

Muss ich dir die Welt verdeutschen, damit du sie verstehst? In diesem Land liegt kein Bekenntnisschreiben vor. Hier bleiben alle sitzen, wenn es zuschlägt – die Aktionen werden im Passiv gesetzt und die Bewegungen nominalisiert. Das Schweigen bleibt die Großtat. Wie wäre es jedoch, wenn das Täterland sich endlich in ein Verb verwandeln lässt?

Muss ich dir die Welt verdeutschen, damit du sie verstehst? Meine Gedanken werden allmählich in dieser Ödnis eingedeutscht und deutschen meiner Zukunftsperspektive zu – die internationalen Träume habe ich längst aufgegeben. Paris, Chicago, Buenos Aires bleiben in den Sternen stecken. Mühselig zerdeutschte ich jedes fremde Überbleibsel und erdeutschte alle Pointen meiner Witze (die Pointe war ich). Anpassung halt. Einfach kein Bock mehr darauf so schräg angedeutscht zu werden. Die fortlaufende Hineindeutschung trägt schon Früchte. Mein Akzent wird nicht mehr so schnell völkerkundig festgedeutscht. Sogar im Ausland werde ich von den Kollegen brüderlich angedeutschelt – als sei ich Einer. Mein Gang überdeutscht sich, souveräner, kontrollierter überquere ich die Straßen und erspähe die Regelwidrigkeiten. Nicht länger werde ich von jedem selbstgerechten Penner mit Verachtung niedergedeutscht. Ich kann mich selbst und die schüchternen Neulinge mit meinem Allerweltwissen volldeutschen. Ein V-Mann der Leitkulturbehörde. Gratulation! höre ich euch schon zurufen, Bravo!  Respekt! Verdienstkreuz soll er haben! Aber wartet noch, Geduld, Rückfälle gibt es auch. Alte Triebe sterben nicht so leicht. Mir entdeutscht noch täglich viel, Relikte von Worten, Kindheitswracke, Widerstandsdrang den Käfig auseinanderzudeutschen. Selbst nachts, kurz bevor ich einschlafe, sehne ich mich doch auszudeutschen – nur das alte Natternhemd finde ich nirgendwo in meinem Schrank. Zugegeben, ohne es zu wollen, bin ich endgültig angedeutscht. Der Ausweg ist versperrt. Und trotzdem deutsche ich fremd für euch, immer weiter fremddeutschend. Ein trennbares Verb.

 

C1

Von innen wendet sich die Rede gegen mich. Was sich necke, das liebe sich. Jüdische Paranoia trifft auf deutsche Schizophrenie. Es sei ich, das vor euch das beste Stück aufführt. Das Schauspiel der Völkerverständigung ist aus, der Vorhang fällt und in den kalten, unendlichen Korridoren donnert der Applaus. Ich sei Publikum und Star zugleich, ihr die reservierten Kritiker_innen, die in der Pause fleißig schreiben. Die Stimme im Kopf meint: Ihr seid auch nur Menschen meines Schlages.

 

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