Sprachen
Inhalt Wer? Über uns Termine Submissions Untermenü
« zurück

Plastikgabel

Mitja Vachedin (2018)

Viele meinen, die Multilingualität sei eine Art Superpower, eine freudige, expressive Fähigkeit, die eigene Grenzen enorm erweitert. Nicht für mich. Für mich bedeutet sie Frustration, Verzweiflung, Notlösung. Was ich meine, lässt sich leicht mit einer Metapher erklären:

Man sitzt in einer Gefängniszelle (Russen haben eine seltsame Neigung zu Gefängnisvergleichen) und versucht sich in die Freiheit durchzugraben. Zuerst benutzt man dafür einen Holzlöffel, das wäre in dieser Metapher die Muttersprache, sie ist nicht ganz dafür geeignet, man erreicht nicht sehr viel, man schafft nicht wirklich tief: zum Teil sind es handwerkliche Einschränkungen, zum anderen – natürliche allgemeine Einschränkungen, die mit der Verwendung einer Sprache zusammenhängen.

Lange Jahre arbeitet man mit dem Holzlöffel. Dann bekommt man noch eine Plastikgabel dazu – die deutsche Sprache. Man versucht auch damit weiterzugraben, sie ist sehr zerbrechlich, leicht kaputt zu machen, eine Plastikgabel, das, was von einem Currywurst-Verzehr übrig blieb. Ist nicht optimal, doch das ist etwas. Hätte ich einen Zugang zu einem weiteren Werkzeug, hätte ich das auch benutzt.

Verstehen Sie? Keine freudige, blutrünstige Eroberung eines fremden Sprachraumes. Angstgetrieben und verunsichert, so bin ich zu der deutschen Sprache gekommen. Was ist besser, ein Holzlöffel oder eine Plastikgabel? – im Verhältnis zu der Aufgabe, die kaum lösbar zu sein scheint, die Grenzen des eigenen Ichs zu überwinden – ist es fast schon egal. Wie mein Fahrschullehrer sagte: Du hast zu viel Respekt vor den Dingen. Die praktizierende Multilingualität verleiht mir wenigstens eine Illusion, das man eine aktive Rolle annimmt, das man etwas macht.

Ausgerechnet Nabokov war viele Jahre lang mein Idol und mein Begleiter, ein Schriftsteller, der seinen Switch zu der englischen Sprache als das größte Trauma seines Lebens verkauft hat. Dabei war Englisch seine eigentliche Muttersprache, er wuchs in der Familie eines anglophilen Aristokraten auf. Ich gehöre wahrscheinlich zu der letzten russischen Generation, für die die Unmöglichkeit einer Fremdsprache eine Selbstverständlichkeit war – nie, niemals, unter keinen Umständen. Bis zu meinem 18. Lebensjahr war mir absolut klar, dass ich niemals in meinem Leben eine andere Sprache verstehen würde, vom Sprechen ganz zu schweigen.

Ich bin noch relativ jung, doch in dieser Hinsicht bin ich uralt, ich trage in mir ein Muster, so archaisch wie Sklavenhandel. Und damit ausgestattet marschiere ich durchs Leben. Wenn ich Deutsch spreche, bin ich selbst so schockiert, dass ich einfach das Konzept einer Fremdsprache ablehne. Eine Plastikgabel, Punkt. Dann geht’s. Ich konnte wenigstens ein bisschen meine innere Ruhe finden, indem ich verstanden habe, dass ich diese innere Spaltung nie überwinden werde, ich bleibe für immer dazwischen. Ich lebe in einem russischen Ghetto in Deutschland. Meine Plastikgabel gibt mir wenigstens die Chance gehört zu werden: Ich kann sagen, wie es mir geht.

Parataxe Symposium IV – Berlin POLYLINGUAL

≡ Menü ≡
Startseite Inhalt
Termine Submissions
Autor_innen Übersetzer_innen Moderator_innen
Über uns Partner Galerie
Kontakt Blog Facebook
Festival 2016 Events Presse