Sprachen
Inhalt Wer? Über uns Termine Submissions Untermenü
« zurück

Smaragdkäfer

Karolina Golimowska (2018)

Ich wollte sein wie du. Und du wolltest ich sein, das verstand ich erst viel später. Wir trugen die gleichen Sachen. Wir aßen das Gleiche. Im Sommer in den Masuren sammelten wir Pfifferlinge, pflückten Blaubeeren und zeigten uns gegenseitig unsere violetten Zungen. Wir umarmten mächtige Kiefern oder lagen nebeneinander im Moos und schauten in den ruhigen Himmel. Vom Fahrradweg im Wald retteten wir verträumte smaragdene Käfer. Wir hatten lange helle Haare und große graue Augen. Morgens im Bad putzten wir gemeinsam unsere Zähne. Einmal waren wir sogar in denselben Jungen verliebt, aber nachdem er bei einer Schulfeier in der Turnhalle alle langsamen Lieder mit Zuzia aus der 5b tanzte, sprachen wir nie wieder über ihn.

Du konntest das polnische R nicht aussprechen, weil deine Mutter deinen Vater und dich aus dem sonnigen und palmigen Kalifornien mitgebracht hatte und dort ist dir das harte, gerollte Rhabarber-R nie begegnet. Wir übten es zusammen: marmury, rolady, peruki. Es half aber nicht wirklich.

Tagsüber nahmen wir oft ein gelbes Kajak und überquerten den See. Auf der anderen Seite breiteten wir eine Decke aus und schmiedeten Pläne für die Zukunft. Du wolltest Schauspielerin werden und am Broadway spielen. Ich hielt das für einen sehr guten Plan. Wir könnten zusammen hinfahren. Dort würde sich niemand für das polnische R interessieren.

In den Schulpausen flochten wir uns gegenseitig Zöpfe und arbeiteten am Wörterbuch unserer Geheimsprache, die wir uns für den Fall der Fälle ausgedacht hatten, vor allem aber, falls jemand unsere Gespräche belauschen würde. Nach der Schule spielten wir Gummitwist im Hof. Wir änderten permanent die Regeln. Wahrscheinlich wollte deswegen niemand mit uns spielen. Also hüpften wir immer nur zu zweit.

Die Samstage verbrachten wir bei dir oder bei mir. Abends guckten wir „Anne auf Green Gables“ oder „Pan Kleks“ und schliefen auf einer harten Matratze nebeneinander ein. Nachts fischten wir leise Zuckerwürfel aus dem alten Eichenschrank und lutschten sie heimlich. Bei dir gab es zum Frühstück immer Speck oder Eierkuchen, die uns dein amerikanischer Vater direkt aus der Pfanne auftischte. Manchmal aßen wir auch Brot mit einer dunklen klebrigen Masse, die nach Zukunft schmeckte: spannend, salzig, leicht beängstigend. Sonntags fielen wir in überfüllten Kirchen synchron in Ohnmacht, meistens direkt vor der Kommunion oder ganz am Ende, während der Eheankündigungen.

An deinem dreizehnten Geburtstag lackierten wir unsere Fingernägel orange und liefen in der Altstadt rund um den Markt, dann aßen wir Obwarzanki und schauten von weit oben auf die Weichsel. An meinem dreizehnten Geburtstag waren wir Schlittschuhlaufen auf einer Eisbahn im Süden der Stadt, danach aßen wir Pommes, ungesalzen. Am nächsten Tag kamst du nicht zur Schule. Man sagte uns, deine Eltern hätten sich entschlossen, Polen zu verlassen und dich mitzunehmen, natürlich. Ich blieb zurück mit deiner Federtasche und einer roten Bonbonbüchse in Form einer englischen Telefonzelle.

Eine Zeit lang tat ich so, als wärst du einfach krank. Ich versuchte dich anzurufen, aber in eurer Wohnung wohnte jemand anderes, der das ständige Klingeln vermutlich nervig fand und schließlich seine Nummer änderte. Du verschwandst spurlos, hast mich nie angerufen, mir nie geschrieben. An die Adresse deiner Oma schickte ich dir Briefe, die dich nie erreichten. Ich hörte auf, Zöpfe zu tragen und nach der Schule im Hof zu spielen. Im Sommer kuschelte ich mich an die mächtigen Kiefern.

 

***

Nach siebzehn Jahren treffen wir uns in New York. An einem kleinen runden Tisch in einem marokkanischen Restaurant in Williamsburg. Vier große graue Augen, vier kleine Brüste. Acht elegante Falten unter den Augen bei jedem Lächeln. Vier weiche Kontaktlinsen, eine unterbrochene Schwangerschaft, einige Seitensprünge, eine Affäre mit einem verheirateten Mann. Das launische amerikanische R zwischen polnischen Rhabarberblättern. Lange helle Haare, keine BHs, keine Ehen, keine Scheidungen, keine Kinder. Einige unglückliche Redewendungen. Renommierte Hochschulen. Weite Reisen. Acht Sprachen, sieben Städte, achtundzwanzig Wohnungen, inklusive ein Loft und zwei Souterrains. Vier Staatsbürgerschaften, fünfzehn Bankkonten und ein Doktortitel.

Wir bestellen das Gleiche, essen Humus und Salat mit Avocado, dann laufen wir zum East River und setzen uns auf einen Betonsteg. Unsere Füße pendeln über dem Wasser, über der einsamen Zeit im Internat in Südengland, den dünnen langen Zigaretten deiner Mutter. Unter uns spiegelt sich unser verlorenes masurisches Highlife: die Freizeitanlage eines Wurstunternehmens und wir in einem Reitercamp im heißen Sommer. Ace of Base. Alpen-Gold-Schokolade mit Erdbeerfüllung. Du kneifst die Augen zusammen und erinnerst mich plötzlich an deine Mutter, zierlich und elegant.

Wir summen leise weiter. Eine kleine rote Katze, die wir am See Śniardwy gefunden haben und nicht behalten durften. Ein Studium an der Harvard University. Eine Maus in deiner Wohnung an der Upper East Side, die du Klementyna getauft hast. Rote Lippen, schwarze Stöckelschuhe. Ein blonder Australier, der dein Herz gebrochen hat. Ein Leberfleck auf deiner linken Wange, an den ich mich nicht erinnere.

Am Abend kaufen wir eine Flasche Sauvignon Blanc und fahren zu mir. In der überfüllten U-Bahn lehnen wir uns aneinander und ganz kurz habe ich das Gefühl, als seien wir wieder in der Kirche bei den Dominikanern in Warschau und sehr bald, vielleicht auch gleich hier, können wir ganz ruhig ohnmächtig werden. Du scheinst meine Gedanken zu erraten, denn plötzlich sagst du mit der Stimme unserer Katechetin: Um Gottes Willen, Kind!

Meine Wohnung riecht nach einem fremden, geordneten Leben mit vielen Regeln. In der Badewanne sitzt eine gut genährte Kakerlake, die, warum auch immer, die Bewegungen ihrer langen, dünnen Fühler nicht koordinieren kann. Ich schaue sie mir mit Entsetzen an, springe aus dem Bad und du, du hältst meine Hand fest und flüsterst weich in mein Ohr, das sei doch nur ein großer Käfer, und Käfer mochten wir schon immer gern.

 

Aus dem Polnischen von Karolina Golimowska

≡ Menü ≡
Startseite Inhalt
Termine Submissions
Autor_innen Übersetzer_innen Moderator_innen
Über uns Partner Galerie
Kontakt Blog Facebook
Festival 2016 Events Presse