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Sonst was?

William Cody Maher (2018)

Vorsicht

Sie sind da draußen

Wo du auch hinschaust

Die Suche nach Einzelgängern

Durchreisenden

Herumtreibern

Denkern

Man kann den Polizisten hören:

Wir haben hier einen Verdächtigen

Einen Einzelgänger

Wir werden ihn zum Verhör bringen

Oder ein Junge wird ins Büro des Schulleiters gerufen:

 

Du bist nicht glücklich hier, stimmt’s mein Sohn?

Ist das eine Frage oder eine Aussage?

Mir scheint, du gehörst hier nicht her – oder?

Gehören Sträflinge in eine Gefängniszelle?

Dies ist kein Gefängnis, mein Sohn, auch wenn du vielleicht glaubst, es wäre eins. Ein Gefängnis ist kein Zuckerschlecken. – Mein Sohn, es ist uns nicht entgangen, dass in deinem Fall Disziplinarmaßnahmen erforderlich geworden sind. Denn wir sind sicher, dass jeder in einer angemessenen Zeit lernen kann, sich einigen grundlegenden Verhaltensregeln anzupassen. Es bedarf keiner besonderen Wissenschaft, um zu verstehen, dass du einem Klassenkameraden nicht ins Gesicht schlagen darfst, nur weil er dich in einer bestimmten Art angeschaut hat. Hast du dazu irgendetwas zu sagen?

Ich habe seine Vorderzähne reingehauen. Meine Fäuste waren, denke ich, nicht stark genug, um sie hinten rauszuhauen – vielleicht da, wo die Weisheitszähne sitzen.

Mein Sohn, wir wissen, dass du es nicht leicht hast. Ich habe mit deiner Mutter gesprochen.

Sie ist tot. Wie konnten Sie mit ihr sprechen?

Was meinst du damit: sie ist tot?

Soweit es mich betrifft, ist sie es.

Nun, sie ist besorgt um dich.

Sie sollte sich Sorgen um sich selbst machen.

Warum das?

Fragen Sie sie doch selbst.

Sieh mein Sohn …

Ich bin nicht Ihr Sohn. Reden Sie mich mit meinem Vornamen an. Das macht man sogar beim Präsidenten.

Gut Joey, deine Mutter hat gesagt, es sei für sie nicht leicht gewesen, dich aufzuziehen.

Hat sie auch gesagt warum?

Nun, sie hat mir einige Dinge erzählt.

Hat sie Ihnen gesagt, dass es schwer ist, ein Kind aufzuziehen, wenn man nicht mal auf sich selbst aufpassen kann? Hat sie Ihnen das gesagt?

Nun, nein, sie erzählte einige Dinge, dass sie es auch nicht einfach hatte.

Das glaube ich nicht …, wenn Männer kommen und gehen. Wie viele Väter hat ein Kind normalerweise?

Das Leben ist manchmal so, Joey.

Hat sie über Papa gesprochen?

Ja, hat sie.

Hat sie gesagt, dass er ein Säufer war?

Sagte sie mir.

Hat sie Ihnen erzählt, dass ich seine in der Erde versteckten Flaschen fand und sie leertrank?

Nein, das hat sie mir nicht gesagt.

Ich dachte, wenn ich das täte, würde ich sein wie er.

Du wolltest ein Säufer sein?

Nein, ich wollte den Schmerz spüren, der ihn zwang zu saufen.

Hör zu, Joey, weißt du, in letzter Zeit, nun – nicht nur in letzter Zeit – gab es einige Vorfälle.

Sie meinen die Schießereien in Schulen.

Ja – naja, es ist wie ein Fluch – er breitet sich aus wie eine Grippe oder ähnliches. Er erscheint plötzlich an einem Ort und ein paar Monate später taucht es woanders auf.

Was hat das mit mir zu tun?

Es hat nichts mit dir zu tun. Es ist nur – nun, was ich zu sagen versuche ist – einige Schüler…

Wen meinen Sie mit „einige Schüler“?

Ich meine, einige der Schüler sind gekommen, um mit mir zu reden. Sie sagen, es ist nicht nur die Schlägerei, die du letzte Woche hattest …

Es war keine Schlägerei. Ich habe diesem Dreckskerl mit einem Schlag die Lichter ausgeschossen.

Und der andere Vorfall?

Vorfall?

Die Schülerin, die du im der Toilette bedrängt hast.

Ich habe sie nicht bedrängt. Sie musste wahrscheinlich pissen.

Wir hätten die Polizei rufen können.

Wissen Sie warum sie’s nicht getan haben?

Nein, sag’s mir Joey.

Sie haben es nicht getan, weil Sie es nicht beweisen konnten. Es stand ihr Wort gegen meins – und wie es das liebe Gesetz jedem Verbrecher zugutehält…  – ich hatte das perfekte Alibi.

Okay Joey, die Kinder sagen, dass du in der Pause nicht auf dem Schulhof auftauchst.

Ich habe Besseres zu tun.

Niemand weiß, wohin du gehst

Ich gehe in die Bibliothek. Fragen Sie die Bibliothekarin.

Sie sagte, du gehst dorthin, aber sie sagte, du liest nicht oder sonst etwas. Nur, dass du aus dem Fenster starrst.

Wollen Sie, dass ich auf die Bücherregale starre. Ich bin doch nicht verrückt.

Niemand hat gesagt, du seist verrückt Joey.

Vielleicht bin ich verrückt. Es interessiert mich wirklich nicht. Manche Dinge interessieren mich einfach nicht.

Wie der Schulhof und die Spiele?

Ja, Spiele haben mich nie interessiert.

Warum nicht, Joey?

Weil das alles war, was  meine Mutter konnte.

Wie meinst Du das?

Mit mir spielen – es waren Spiele gegen Papa.

Lass uns zu einigen deiner Mitschüler zurückkehren.

Nämlich?

Nun, ich möchte keine Namen nennen.

Warum nicht? Fangen wir mit Louise an.

Warum Louise?

Ich gab ihr nicht, was sie wollte.

Was wollte sie?

Sie wollte mich.

Und?

Ich wollte sie nicht. Jetzt kommt sie hier rein und sagt wahrscheinlich, ich sei schwul oder so.

Das hat sie nicht gesagt.

Und was hat Sie gesagt?

Ich fürchte, das geht nur sie und mich etwas an.

Hören Sie, ich habe Besseres zu tun, als mir Gedanken darüber zu machen, was diese Kids zu sagen haben.

Sie sind deine Klassenkameraden.

Ich kenne sie nicht und möchte sie nicht kennen. Was ist falsch an Leuten, die sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern?

Nichts ist falsch, Joey,  es ist nur so, dass Dinge schlimm und immer schlimmer werden können.

Sie meinen, ich könnte eines Tages mit einer automatischen Waffe zur Schule kommen.

Das habe ich nicht gesagt.

Es scheint eine Menge Dinge zu geben, die Sie nicht sagen, während Sie sie doch sagen.

Du bist nicht dumm, mein Sohn.

Ich habe gesagt, dass Sie mich nicht mein Sohn nennen sollen. Nur mein Vater darf mich mein Sohn nennen.

Joey, ich meine …

Was meinen Sie?

Ich fürchte, wir müssen einige Disziplinarmaßnahmen anordnen.

Meinen Sie Ohrfeigen oder mich in Handschellen legen?

Wir werden nur mit einigen professionellen Stellen sprechen.

Sie meinen Psychiater?

Unterschiedliche Stellen.

Bullen?

Nur Leute, die helfen wollen.

Menschen, die helfen wollen, bringen Menschen nicht hinter Gitter oder in Zwangsjacken.

Joey – schau – okay – ich gebe dir noch eine Chance.

Das klingt wie im Kino.

Was klingt so?

Das, was Sie gerade gesagt haben.

Noch eine Chance, Joey – sonst …

Sonst was?

 

 

Aus dem Englischen übertragen von Rembert Baumann

 

 

 

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