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Sprache als Fiktion

Michael Salu (2018)

Keynote. Afroberlin. Parataxe Symposium III, 24. Mai, 2018 

Oft machen wir Bilder, heißt es, weil wir bereits ähnliche Bilder gesehen haben. Aber hinterfragen wir denn hinreichend den Wahrheitsgehalt von Bildern? Und können wir dieselben Fragen und Schlussfolgerungen auf unseren Sprachgebrauch anwenden? Oft sagen wir etwas, erfreuen uns an Märchen und erliegen Narrativen, weil wir sie bereits kennen oder damit aufgewachsen sind. Aber hinterfragen wir hinreichend den Wahrheitsgehalt von Sprache?

Fühlen sich Wespe oder Schwarm bedroht, stechen sie so lange zu, bis sie sich wieder sicher fühlen.

Viele Insektenarten bewegen sich in größeren Gruppen, wir bezeichnen das als Schwarmverhalten. Einer Spezies, die diese Form der Bewegung vorzieht, bietet ein Schwarm eine Menge Vorteile. Ein Schwarm ist oft vorrangig dazu da, das Nest der jeweiligen Insektengemeinschaft zu schützen. Ein Zusammenkommen en masse ist eine wirksame Methode zu Überleben und zur Selbstverteidigung. Das Nest ist der Ort, an dem ihre Lebensform durch immer neue Inkarnationen ihrer selbst bewahrt wird, durch fließende zyklische Wiederkehr und Kontinuität. Methoden, organische molekulare Funktionen und Veranlagung der Arten sind so beschaffen, dass sich eine Wespe oder ein anderes schwärmendes Insekt als einzelnes nicht fassen lässt.

Viele Insektenarten bewegen sich im Schwarm fort. Sie schwärmen meistens von einem Punkt zum anderen, um einen geeigneten Nistplatz zu finden. An dieser Stelle lohnt es sich, kurz innezuhalten und sich mit der Frage zu befassen, welche Eigenschaften und Merkmale dafür ausschlaggebend sind, dass die Tiere einen Ort für geeignet halten. Können sie die Temperatur ermitteln, die für ihren Aufenthalt erforderlich ist? Können Wespen und andere Schwarminsekten im Wechselspiel mit der Umgebung den richtigen Feuchtigkeitsgehalt ihrer potentiellen Nester feststellen? Inwiefern ist die Aktivität im Kollektiv von bewusster Intuition jenseits automatischer biologischer Funktion eines entsprechend vorprogrammierten Molekularformensatzes gelenkt?

Wenn die kollektive Identität einen passenden Nistplatz gefunden hat, wie findet sie sich in genau dieser Formation ein? Wie nimmt sie den Raum wahr, den sie zur Kolonisierung gewählt hat, und wie versteht und strukturiert sie implizit die Proportionierung ihrer Städte und die entsprechenden sozialen Hierarchien in Übereinstimmung mit der Form des frisch kolonisierten Raumes?

Das Nomadentum von Wespen und anderen Schwarminsekten führt in der Regel dazu, dass sie nach einer Saison das Nest verlassen. Der Schwarm zieht weiter und hinterlässt die Hülle eines komplexen Systems aus Korridoren, Ebenen und geschlossenen Räumen, die Überbleibsel einer Geschichte, eines Lebensabschnitts und eines Ideenstätte sind. Die zurückgelassenen Nester erinnern an die Relikte unserer eigenen Geschichte. Fassaden, die einmal im imperialen Weiß leuchteten, sind mit kaffeebraunen Flecken besprenkelt, Gebäude, einst von Geschäftigkeit erfüllt, ja ganz Städte fühlen sich morsch und brüchig an, die Feuchte und respiratorische Substanz der Zivilisation ist seit langem verschwunden und das aufgegebene Nest zerfällt bei Berührung zu Staub, wird wieder zu Erde und damit zur Grundlage von weiteren Ideen, Schicht um Schicht in Form von Erzählungen, die überliefert werden.

Die Sprache selbst nimmt die Form einer Fiktion an. Die Hüllen von Ideologien, Kulturen und Konflikten, werden neu be-füllt und be-schwärmt werden und biegen sich unter dieser Last. Die Wiederverwertung und Aufspaltung oder Fragmentierung führt jedoch nicht zum Verfall, sondern zur Multiplikation, wie bei natürlichen Zellen, in denen das Leben gebrochen und nachgebildet wird. Jede neue Zellform birgt Identitäten, die aus vorangegangenen Schwärmen hervorgegangen sind, aus vorherigen Lebenszyklen, voller beständiger Lehren menschlicher Erfahrung. Verschwundenen Sprachen steht man oft ablehnend gegenüber. Selten begegnet man ihnen mit solcher ewigen Wiederbelebung und Geduld wie die Shona ihren Geistern oder mit der seelischen Zugewandtheit eines buddhistischen Mönchs; selten werden sie im Sinne des Heideggerschen Zeitbegriffs betrachtet.

Viele zeitgenössische Diskurse kreisen um das Konzept der „Singularität“, demzufolge wir in unserem quantenbeschleunigten Dasein an einen Punkt kommen werden, an dem die von uns konstruierte Intelligenz unsere eigene Evolution überholen und nach ihrem Dafürhalten die Zukunft bestimmen wird: Wir werden Eins mit der Maschine. Viele sind der Meinung, dass das Resultat unvorhersehbar ist, und dass es aufgrund der Grenzen unserer Sprache die Möglichkeiten unseres Denkvermögens überschreitet. Wenn unser Dasein von wenigen Auserwählten auf einer unsichtbaren Tragfläche im Partikelbereich gelenkt und gesteuert wird, erkennen wir mit aller Deutlichkeit die Grenzen unseres Verstandes und beklagen frustriert die eigene Nutzlosigkeit. Aber es gibt auch Spielraum für alternative Lesarten der „Singularität“, die nicht unbedingt metaphorisch sind.

Neue Schwärme errichten neue Nester und die Ungleichheit steigt exponentiell an. Es ist nicht unbedingt die Ungleichheit, wie wir sie vom oktroyierten Armutsnarrativ kennen, sondern eher die Ungleichheit im Hinblick auf Wissen und Verständnis über die Beschaffenheit dieser neuen Welten. Während wohlwollend neue Plattformen zum Diskutieren und Erkunden geschaffen werden, bilden sich in Echtzeit unwillkürlich ständig weitere Sprachen. Die Struktur dieser neuen Nester oder eher Städte ist amorph, aber dynamisch, sie nutzt und manipuliert den Raum der Sprache, der uns umgibt. Auf einmal werden wir von der Bewegung dieser neuen Schwärme erfasst und sind weit davon entfernt, am Ruder zu sein und unser Schicksal steuern zu können. Die „Singularität“ kann also auch als Schwarm erlebt werden, ein Koagulat von Gedanken, Mythen, Geschichten, Fabeln und Empfindungen. Mit aller Kraft reißt uns dieser dynamische Schwarm mit. Die Geschichten, mit denen wir aufgewachsen sind, die Bilder, die wir konsumiert haben, die Filme, die wir gesehen haben, werden aufgewirbelt und vermischt, jede Erfahrung wird auf einen schmalen Pfad geleitet, der uns in kreisförmigen Stromlinien um diese neu abgesteckte Stadt führt. Es wird zunehmend schwerer, aus dem Wirbel dieses dynamischen Schwarms auszubrechen, da wir selbst fern seiner organischen Bestimmung und Aufgabe sind und gewissermaßen das Ruder aus der Hand geben. So ist es schwierig, den Verlust einzudämmen, der so rasend schnell voranschreitet. Das Verschwinden von Sprache, von Erfahrung und Geschichten ist schwer zu bekämpfen, wenn die Hierarchien aller Sprachen, Kulturen und Erfahrungen eingeebnet sind. Die „Singularität“ kann als Mono-Existenz oder Mono-Erfahrung in Erscheinung treten, insofern, als dass dieser fremde Schwarm darüber entscheidet, welche Geschichten wir in der Lage sind zu erzählen. Durch die Technologien der säkularen Konsumflut und dem Bewohnen einer erstarrten Mono-Kultur ging ein neuer autonomer Schwarm hervor. Dass neue Sprachsphären zum wichtigsten Exportgut und damit Grundlage des amerikanischen Exzeptionalismus geworden sind, wird von uns zwangsläufig als „Singularität“ erfahren. Wer genau diktiert uns also Sprache?

Die „Singularität“ kann auch als konfuse Realität bei einer Kollision mit einem Kardashian-Klon auf einer belebten Hauptstraße erlebt werden. Während der Klon den Zusammenstoß nicht bewusst wahrnimmt, da er von der Kraft des Schwarms fortgetragen wird, beobachten wir dieses Wechselspiel in Endlosschleife, als sei es das Hin und Her eines physikalischen Pendels. Die Bienenkönigin, in diesem Fall Kim Kardashian, verströmt einen Lockstoff: ein Ritus, der infolge des aphoristischen Wesens von Präsentation entstanden ist. Die Botschaft der Königin verbreitet sich, indem eine Vielzahl der weiblichen Subjekte im Bann des Schwarms versucht, mittels schlecht abgekupfertem Make-up unbeholfen digitale Fotofilter zu imitieren.

Durch die Art und Weise, wie er jede Aufgabe, Idee und jede noch so kleine Aktivität aufgreift, wird der Schwarm zum singulären Narrativ. Die säkularen Mythen, Geschichten und Narrative entscheiden darüber, wer vorankommt und wer zurückbleiben muss. Wir werden aufgefordert, uns auf eine Seite zu schlagen, Position zu beziehen. In der Lage, nahezu jedes Anliegen zu integrieren, bringt der Schwarm Muster hinein, die unsere Sprache in eine Struktur zwängen.

Unsere Sprache, vor allem unsere neue Sprache ist dieser neuen Zusammenführung von Erfahrung und Geschichten geschuldet. Wir nutzen die fiktionalen Tropen, die wir internalisiert haben, um eine neue weit verbreitete, primär bildgesteuerte Sprache zu sprechen, wo doch die Worte innerhalb dieses autonomen Schwarms einer atemberaubend bösartigen Dynamik unterliegen. Der Konsum futuristischer Superhelden-Fantasy führt zu einem binären Verständnis von Erfahrung. Aber natürlich wissen wir, dass Hollywood uns nicht retten wird. Dass wir uns Hals über Kopf in das gewohnte Muster von Hysterie stürzen, ist ausschlaggebend dafür, dass eine Sprache neu entsteht. Verbreitung, Abweichung und Chaos werden zu Praktiken des Widerstands und des Dechiffrierens, die Akzeptanz des Surrealen und Postmodernen wird zu einer scharfen Waffe umgewandelt. Würden Sie im Internet nach einer systematisierten Bibliothek der Geschichten über die Geister der Shona suchen, was würden Sie finden? Würden Sie im Netz Erzählungen über Eshu aus Westafrika recherchieren, was würden Sie finden? Wer hat uns diesen neuen Zeichensatz zugewiesen, in dem wir zueinander sprechen müssen?

Innerhalb des Schwarms ist Ihr Krieg nicht anders als meiner. Wir leben in Zeiten dominanter Narrative, und die Narrative, die uns serviert werden, haben einen Ursprung. Der Schwarm behält seinen Kern im Auge, und wir brauchen Scharfsinn und Wachsamkeit, wenn wir die Grenzen vorbestimmter Erfahrung überschreiten wollen. Trotzdem verlieren wir uns oft im Mikroaktivismus, während sich neue Städte bilden, wie bspw. Unterkünfte für Geflüchtete, und der Schwarm sich autark von Ort zu Ort fortbewegt und immer stärker wird, je mehr Nabelschau und Zwietracht es gibt.

Kaum wahrnehmbar in diesem neuen protektionistischen Gewirr innerhalb des Schwarms ist die Straffung der Schleifen unserer individuellen Mythen und Wahrnehmungen. Die Wahrnehmung selbst verändert sich durch die dynamische Umgestaltung unserer Sprachen. Unsere Kompetenz, Formen und Repräsentationen aus der Entfernung aufzuschlüsseln, rückt immer mehr in den Fokus, wie ein Fernseher, der näher zum alternden Zuschauer gerückt wird.

Als Nebenprodukt des beschleunigten Lernens bilden sich neue Gefüge innerhalb des Schwarms, Systeme können lernen und umlernen, was wir sehen und wie wir es sehen, und erhalten dadurch eine Vorstellung vom Ausmaß unseres Erlebens. Indem sie unsere Erfahrungen auf einen schmalen Pfad leiten, bestimmen sie unbemerkt, was wir für unser Bewusstsein und freien Willen halten. Beginnt dieser autonome Schwarm, das Konzept des Bewusstseins als solches zu hinterfragen? Unser Bewusstsein sowie unsere Fähigkeit, äußere Faktoren wahrzunehmen und eigene Geschichten zu gestalten, erachten wir als etwas Selbstverständliches. Aber was geschieht, wenn unser Empfinden auf einmal von außen gesteuert wird wie ein selbstfahrendes Fahrzeug? Werden wir uns noch fragen, welche Geschichten wir erzählen und welche Sprache wir benutzen können?

Die Entstehung neuer moralischer Grundsätze ist historisch bedingt, und der Schwarm agiert als Autorität darüber, welchen Normen wir unterliegen und wessen Geschichten wir zu erzählen haben. Diese Vorstellungen wiederum prägen unseren Blick auf die Welt, und schon beginnen wir, Regeln einer neuen Moral aufzustellen. Dagegen zu verstoßen, scheint mehr und mehr unmöglich, als würde unser moralisches Ansehen darüber bestimmen, ob wir eine Geschichte oder Fabel erzählen können bzw. ob wir fähig sind, uns in eine andere Denkweise oder eine andere Wahrnehmung hineinzuversetzen. Die neue Moral, die der Schwarm hervorbringt, diktiert das binäre Verhältnis unserer Erfahrung. Für eine Geschichte braucht es einen Sündenbock. Die Urheber dieses Schwarms wissen sehr wohl um die Notwendigkeit eines solchen Sündenbocks, deswegen wird er ins Zentrum des Wirbels gesetzt, sei es einer der historischen Sündenböcke, die das Narrativ unserer Zeit prägen oder ein frisch ernannter Sündenbock, der dazu dient, unsere Rituale und unsere unerschütterliche Vorstellung von einander zu determinieren.

Innerhalb einer Kolonie ist die Arbeiterbiene in der Regel steril oder entbehrt zumindest des göttlichen reproduktiven Potentials ihrer Königin. Dennoch ist die Arbeiterbiene verantwortlich für das Wachstum und die Bestäubung eines Großteils unserer Umwelt. Angesichts des Aufeinandertreffens aller Mythen, Erfahrungen und Geschichten, bleibt da noch Raum innerhalb der Sprache der Arbeiter_innen, haben Arbeiter_innen die Freiheit, die unausgesprochene Macht, um sich zu den äußeren Rändern dieses Schwarms zu bewegen und diese absolute Form zu hinterfragen, oder zumindest für einen kurzen Augenblick zu überschreiten, die zu einem wesentlichen Teil bestimmt, wie wir uns alle heute hier eingefunden haben?

 

Aus dem Englischen von Irina Bondas

 

Afroberlin. Parataxe Symposium III, 24. Mai, 2018

Michael Salu für © PARATAXE 2018

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