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Das unerträgliche Gerät

Megan Voysey (2018)

(Audioaufnahme des Textes, gelesen von Denis Abrahams)

Ich war vorher noch nie im Planetarium und war aufgeregt, voller Vorfreude auf etwas Neues, etwas noch nie Gesehenes.  Ich versuchte sogar, nicht an Das Labyrinth zu denken, wo ich alles sah, die ganze Welt und was sie wirklich ist.

Ich fühlte mich nicht mehr so glücklich. Es fiel mir schwer meine gute Laune beizubehalten. Es fiel mir schwer, nicht über schreckliche Dinge nachzudenken.

Ich fragte mich wie es wäre ein leeres Gefäß zu sein, weißt du, wenn du ein wenig langsam warst, nannten dich die Lehrer so vor all den Anderen. So nannten sie dich auch, wenn du zu viel redetest. Leere Gefäße machen den größten Lärm. Was heißt das überhaupt? So oder so schien es nicht so, als könnte man gewinnen oder es ihnen irgendwie recht machen, es sei denn, man war einer der Klassenbesten.

“Wir sind fast da, ich freue mich riesig, wir werden viel mehr sehen, als jemals durch das selbstgemachte Teleskop. Der gesamte Nachthimmel über unseren Köpfen, ganz nah. Es wird fantastisch, Astrid.”

Dann kam die Kuppel des Planetariums in Sicht und mein Herz schlug etwas schneller. Ich stellte mir vor, wie es drinnen aussehen würde.

Nun, wie würde es drinnen aussehen?

Vielleicht komplett fantastisch oder total Scheiße. Oder beides.

 

Mutter parkte das Auto aus dem Weg, hinter einem Baum, sie schämte sich für unser Stück Schrott auf vier Rädern und so mussten wir etwas weiter als nötig laufen. Ich hätte fast ihre Hand gehalten, aber wir waren nicht so miteinander.

Nur wenige Leute besuchten das Planetarium an diesem Tag und meine Mutter ging zum Schalter, um zu bezahlen und nahm einen brandneuen Schein aus ihrer braunen Handtasche mit dem goldenen Verschluss. Die Frau hinter dem Fenster hatte ein faltiges Gesicht, eine Zigarette brannte neben ihr in einem weißen Aschenbecher, die Spitze des Filters war rot von ihrem Lippenstift.

Sie lächelte mich an, wünschte uns ein paar interessante Stunden. Sie sah zu Tode gelangweilt aus als sie es sagte.

 

Die Kuppel war innen kühl und wir beide atmeten auf. Es gab Reihen auf Reihen von Sitzen mit verstellbaren Nackenstützen, die um eine unglaublich aussehende Maschine herum angeordnet waren.

Ich war komplett erstaunt über die Größe und Komplexität, die vielen Spiegel. Es sah aus, als könnte es jede Sekunde lebendig werden, um uns zu verletzen oder zu retten.

Mutter sagte, es sähe wie eine riesige Ameise aus mit Hunderten von zusammengesetzten Augen.

“Wie von einem anderen Planeten. Ist das nicht was.”

Das war es.

Wir fanden Plätze zum Sitzen. Hier und da sahen wir noch ein paar andere, aber wir vermuteten, dass die bessergestellten Leute irgendwo um ihre diamantförmigen Swimmingpools herumsaßen.

Für mich war es besonders, dass ich hier war, dass ich etwas Wunderbares sehen würde.

Dann wurde es dunkel und die Stimme eines Mannes brauste durch die Lautsprecher und hieß uns im Planetarium, im Nachthimmel willkommen.

Wir schauten nach oben, in die Kuppel hinein und sahen verstreute schimmernden Lichtflecken. Ein Pfeil zeigte auf die Sehenswürdigkeiten.

Wir sind hier, in der Milchstraße.

Ist das nicht wundervoll?

Die Milchstraße kam immer näher, es fühlte sich an, als würde sie auf uns fallen, uns zerquetschen oder uns forttragen, in ihren sich windenden Armen.

Ich wollte den Sinn verstehen, den Sinn dieser wirbelnden Scheibe mit Sternen, 100 Milliarden oder so. Mehr oder weniger. All die flimmernden Tupfer, die man von einem Ort wie der Welt sehen kann. Ich konnte nicht.

Verstehen.

Wer kann das schon?

Von dem Rand eines Sonntagnachmittags an dem Teller an die Wände geworfen werden. Schimmernde Tupfer außer Reichweite, wahrscheinlich längst gestorben.

Damals wäre ich gerne jemand anderes gewesen. Die Würfel gefallen, die Karten ausgeteilt. Es stand in den Sternen geschrieben. Von Anfang an und die ganze Zeit. Es gab nichts was man ändern konnte.

 

Je mehr sich die Milchstraße über unseren Köpfen ausbreitete, desto eingeengter fühlte ich mich. Zerquetscht, als ob die Luft aus mir herausgedrückt würde.

Ein bisschen so wie es sich angefühlt hat. Fast genauso wie es sich angefühlt hat. Meine Nachmittage nach der Schule mit den Innereien von Maschinen und Ersatzteilen. Von innen erstickt.

Ich wusste, ich nahm an, dass es andere in der Nachbarschaft gab, die sich genauso fühlten wie ich, im ganzen Land, auf der ganzen Welt. In jeder Fantasie und an jedem verwahrlosten Ort schauten wir in den Himmel oder auf unsere Knie, stopften unsere heiße, erbärmliche Angst tief in die Erde und begruben unsere Glanzpapiersterne im Boden.

Für ein anderes Mal. Einen anderen Ort, für ein anderes Scheißleben.

Den Kopf vor ständigen Schlägen schützen. Sich wiederholende Traumata im Kopf, im Körper. Such dir eines aus. Nimm sie alle. Nimm uns aus.

All das Schubsen und Schieben. Der ganze Schmerz.

Die Onkel und Cousins, die Väter und Großväter, die Brüder, völlige Fremde. Alle, nacheinander oder auf einmal in einem Auto, das nirgendwo hinwill, nicht gefahren werden will. Nicht so, jedenfalls nicht so. Definitiv nicht so.

Nein.

Wir alle schauen auf die verrosteten Eingeweide der Waschmaschinen und der Kühlschränke, all diese Dinge unter denen Gras zum Leben erwacht.

Aus all dem hier, könnten wir etwas bauen das läuft.

Eine Rakete in eine andere Galaxie.

An einen Ort der brennt und explodiert.

 

Bevor ich meinen Kopf mit meinen Händen bedeckte, zoomte die Galaxie heraus, bis zu einem entfernten Punkt im Universum. Für ein bisschen Übersicht.

So schlimm ist es nicht, oder? Dieses Leben hier. Das Leben dieses Mädchens. Das Leben dieser Frau.

Dann kam unser Sonnensystem in Sicht, und da war die Erde, in blau und braun und grün, die nichts von der Mühe, die auf ihrer Oberfläche gedeiht, zu erkennen gab.

Dann sahen wir dem Mars im Rotton und den Asteroidengürtel.

Die Gasriesen. Jupiter und sein ständiger Sturm, dann flammte aus einem schwindelerregenden Winkel ein Komet in unsere Sicht. Mutter rieb sich den Hals, es hatte angefangen zu schmerzen mit all dem Recken und Starren in den sich bewegenden Himmel.

 

Ich stellte mir vor, dass ich in einem Stern leben könnte, dass ich mich dort sehr wohl fühlen würde. Diese ganze Wut. Das vornehme Rühren von Teelöffeln in Teetassen auf sich drehenden Felskugeln war nichts für mich. Dafür war zu viel passiert. Um sich höflich zu fühlen. Förmlich. Vernünftig.

Trotzdem sage ich immer noch die ganze Zeit Entschuldigung. Fürs Existieren. Fürs Atmen.

 

Es machte Sinn, in meinem Sitz mit der verstellbaren Kopfstütze, dass alles in mir, alles, was ich wusste, alles und jeder nur einen Teelöffel füllen konnte, wenn ich Glück hatte. Alles in den Kopf einer Stecknadel gepresst. Mein ganzes Leben, all meine vielen Todesfälle, dünn wie Papier.

Niemand hat etwas gesehen, nicht einmal, als ich zur Supernova wurde, da war mein Leben schon lange vorbei. Vorbei, schon weg und ich konnte es mir noch einmal ansehen. Immer und immer wieder.

Die Konsequenzen.

Da draußen hatte ich eine Aussicht, einen Sitz am Ring, konnte sehen, wie es war, bis auf den Kern entblößt zu werden. In mich selbst zusammengebrochen. Eines Tages werde ich mich wegknallen.

 

Meine Augen fingen an zu brennen und zu tropfen. Ich wischte mir das Gesicht mit dem Handrücken ab. Meine Mutter hatte nichts gesehen, ihr Kopf war nach hinten gebeugt und schaute in den funkelnden Raum. Ich war dankbar. Sie hätte wahrscheinlich eh nicht gefragt, wenn sie es gesehen hätte. So waren wir miteinander, Gesichter abwischen und weitermachen, als ob nichts geschehen wäre.

 

Übersetzt von Joey Bahlsen

 

 

 

 

 

 

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