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Über die Spree setzen. Verschobene Heimat, eigene Sprache.

Dorota Stroińska (2019)

Ü-BERLIN
Über die Spree setzen. Verschobene Heimat, eigene Sprache.
Einführungsimpression

1986 grenzte es an ein Wunder, als welt- und lesehungrige Studentin jenseits des Eisernen Vorhangs nach West-Berlin zu kommen, um ein Semester Germanistik zu studieren. Das Wunder geschah, aus einem Semester an der Freien Universität wurde ein freies Leben.

Das Gefühl von Freiheit war von Anfang an verbunden mit der existenziellen Erfahrung, das Vertraute zu verlassen, zunächst über die Oder, dann über das sowjetische Meer überzusetzten, auf einer fremden Insel und in einer fremden Sprache zu leben.

Für diese Bewegung von Menschen und Literaturen von einem Ort zu einem anderen (Metapher), von einer Sprache in die andere hat das Deutsche ein Wort erfunden, dessen Bedeutung zwischen existenziell und sprachlich changieren kann.

Berlin wurde zu meiner verschobenen Heimat, die Sehnsucht nach vertrauten Menschen und nach dieser herrlich herbstlich raschelnden polnischen Sprache ließ sich nur durch das Übersetzen von Literatur lindern. So ist Übersetzen mein Beruf und meine Existenzform geworden, eine Art, in der Welt zu sein.

Wenn in mir inzwischen zwei Sprachen in einer glücklichen Beziehung zusammenleben und ich von Berlin als meiner Heimat sprechen kann, verdanke ich nicht nur der Großzügigkeit dieser Stadt, die für jede Lebensart, jeden Dilettantismus und jedes Brieftaschenvolumen offen ist. Ich hatte das Glück, dass ich Anfang der 1990er Jahre in die Community von deutschen Übersetzerinnen und Übersetzern, quasi als Paradiesküken, aufgenommen wurde. Bis heute bin ich sehr dankbar Klaus-Jürgen Liedtke, dem Übersetzer aus dem Schwedischen, Martina Kempter, der Übersetzerin aus dem Italienischen und den Gründerinnen der legendären Russischgruppe Olga Radetzkaja, Gabi Leupold, Birgit Veit und Eveline Passet, die ihr Wissen, ihre Erfahrungen, ihre Lektüren mit mir so großzügig geteilt haben. In dieser Zeit entdeckte ich auch das LCB, das mein literarisches und übersetzerisches Zuhause wurde.

Womit ich in die Gegenwart komme. Ich bin in Berlin verwurzelt, fühle mich mit den deutschen Übersetzerinnen eng verbunden, doch essenziell und überlebenswichtig sind natürlich auch Verbindungen zur Community von polnischen Übersetzerinnen, zu polnischen Verlagen, Literaturkritikern usw., existenziell ist es für mich, mir die polnische Sprache lebendig zu erhalten und sie zu pflegen.

In den letzten 30 Jahren habe ich ein Sensorium für Differenzen entwickelt, wie unterschiedlich Übersetzerinnen und Übersetzer an beiden Ufern der Oder wahrgenommen werden. Die polnische Literaturübersetzerszene ist relativ jung, einen sehr engagierten, erfinderischen und dynamischen Verband gibt es seit zehn Jahren, seit 2013 wird in Gdańsk gar ein internationales Übersetzerfestival „Found in Translation“ veranstaltet,  doch im öffentlichen Bewusstsein vermisst man die Würdigung literarischer Übersetzung als eine eigenständige künstlerische Leistung schmerzlich. Die Übersetzer stehen immer noch unter Generalverdacht: das alte Vorurteil, dass literarische Übersetzung Verrat, Verlust und Verfälschung des doch unwiederholbaren Originals sei, entfaltet seine Wirkung nach wie vor. Das spiegelt sich in den erniedrigend miserablen Honoraren wider wie auch darin, dass die polnischen Übersetzer oft im dritten Rang sitzen oder hinter dem Vorhang auf der Bühne unsichtbar bleiben müssen.

Die Konstellation ist daher fragil, das Leben als polnische Literaturübersetzerin in Berlin ein anspruchsvoller wie anstrengender Balanceakt, der jeden Tag, mal tollpatschig, mal tänzerisch, vollführt werden muss. Die Spannung kann manchmal produktiv sein, wenn man sie als Voraussetzung für den Akt einer existenziellen wie literarischen Übersetzung betrachtet. Die irritierende Differenz, der Abstand, die „Unübersetzbarkeit“ aktiviert die Sprungkräfte über den Graben, ermöglicht den schöpferischen Akt des Übersetzens, wirkt wie ein Elixier belebend, erfrischend, befreiend, sinnstiftend und sinnverdichtend…

Es ist daher wunderschön zu wissen, und auch jetzt hier zu erleben, dass ich kein Paradiesküken mehr, nicht mal ein Paradiesvogel bin, sondern meine Erfahrung als übersetzte Existenz mit zahlreichen Artgenossinnen und Artgenossen im internationalen Übersetzerbiotop teilen kann. Wir sind das Elixier der Weltliteraturstadt Berlin – die vielen internationalen Übersetzerinnen und Übersetzer, die wir unseren Lebensort an der Spree haben und die deutschsprachige Literatur (oder auch andere Literaturen) in die Sprachen der Welt übertragen. Wir durchdringen und bereichern das kulturelle Leben Berlins und bringen neue Impulse für das Zusammenleben in einer bewegten Stadtgemeinschaft. Unser buntes, paradiesisches Biotop braucht deshalb einen verlässlichen Naturschutz, sorgfältige Pflege und gute Bedingungen, um zu gedeihen: Den Lichtkegel der öffentlichen Wahrnehmung und Förderung, die mit der symbolischen Frage nach Wertschätzung und nach Zugehörigkeit unmittelbar zusammenhängt. Nicht dazugehören heißt ausgeschlossen sein von Unterstützung und Anerkennung.

Lasst uns also gemeinsam für diesen Lebensraum sorgen und ihn spielerisch gestalten, damit Ü-BERLIN eine vertraute Grundstruktur für uns alle werden kann, in der wir uns heimisch und glücklich fühlen – ein Ort der Verbundenheit und des Sinns.

*

Eröffnungsbeitrag des PARATAXE Symposiums VI: Ü Berlin – die internationalen Übersetzer*innen Berlins am 23.11. 2019

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