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Wie starb Anna S.?

Milena Nikolova (2018)

Im vergangenen Jahr hatte ich mich einem morbiden Hobby hingegeben. Man konnte im Grunde nicht sagen, dass hinter dem, was ich tat, eine morbide Absicht steckte. Morbide und einfältig kommt es mir erst heute vor.

Man sagt „der Tod gehört zum Leben“, „selig sind die Toten“ – das Sterben im Allgemeinen ist ein spannendes Thema. Viele Geschichten entstehen im Augenblick des Todes oder allein bei dessen Andeutung. Manche Wissenschaftler behaupten sogar, dass der Beginn des Erzählens in jener Fabel von Äsop zu finden ist, wo ein Hirtenjunge im Scherz ruft: „Wolf!“ Das ganze Dorf eilt ihm zu Hilfe, aber von einem Wolf fehlt jede Spur. Als jedoch der Tag kommt, an dem der Wolf wirklich auftaucht und die Schafe und den Jungen zerfleischt, glaubt im Dorf keiner, dass die Schreie des Jungen echt sind.

Ich frage mich, ob diese Fabel vor allem wegen der Moral der Geschichte so bekannt geworden ist: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht!“, oder insgeheim deswegen so beliebt ist, weil sie die Sensation des Todes enthält. Ich denke, es ist das Zweite. Das ist nämlich viel spannender, das ist Suspense. Menschen fürchten sich gerne. Vor allem vor imaginären Dingen, bei denen die Details unklar sind. Das hat schon Hitchcock gewusst und deshalb den Begriff Suspense erfunden. Daher stammt auch das Interesse für Horrorfilme und Thriller. Immer braucht es mindestens eine Stunde, bis wir sehen, wer oder was alle killt, und bis es zur Strecke gebracht wird (in 90% der Fälle von einer jungen, athletischen Frau). In solchen Filmen wird die Präsenz des Killers sehr lange nur angedeutet (ein Schatten, ein verhülltes Gesicht, eine Hand, eine Schwimmhaut, ein Schwanz oder eine Flosse). Wenn dann später die Maske fällt oder das Monster in Gänze erscheint, sind wir meistens enttäuscht. Unserer Fantasie entspricht es nicht. Es hätte viel ungewöhnlicher, viel schrecklicher sein können als das mickrige Etwas, was man da vorgestellt bekommt. Wir fürchten uns am meisten vor Dingen, die unvorstellbar sind.

Ähnlich steht es um Artikel aus Zeitungen und Magazinen, die für ihre sensationslustigen Schlagzeilen berühmt sind, à la:  „Neunjähriger von LKW zermalmt“, „Jungfrau nach Chat mit einem Unbekannten geköpft“ oder „Ex-Big-Brother-Star von Kreuzfahrtschiff in den Tod gesprungen“. Keiner will dieses Zeug gelesen haben, doch jeder tut es. Dafür spricht die Auflage. Natürlich will kein sich ernsthaft als tiefgründig bezeichnender Intellektueller mit einem solchen Papier erwischt werden, er liest diese Artikel heimlich oder merkt sich die Schlagzeile und sucht im private mode im Netz.

Ein bisschen wie beim Porno.

Anfang des Jahres folgte ich also einigen Links im Netz und stieß so auf Werner Herzogs Dokumentation „Grizzly Man“. Das Drastische bei diesem Film ist die Tatsache, dass er sich einer realen Geschichte annimmt, die wirklich haarsträubend ist – nämlich des Todes von Timothy Treadwell und seiner Freundin Amie Huguenard nach einem Grizzly-Angriff im Katmai National Park, Alaska. Für diejenigen, die das Werk von Herzog und die Bezeichnung „cinema verité“ kennen, ist das gewählte Thema vermutlich nicht schockierend genug. Ich aber war von der Idee des Films und seiner Vorgeschichte im ersten Moment so verblüfft, dass ich, obwohl es wahnsinnig spät war (gegen ein Uhr nachts), unbedingt mehr wissen wollte. Ich hatte den Film nicht gesehen und runterladen wollte ich ihn nicht, also beschloss ich, einen eigenen Weg zu gehen, und begann eine Recherche im Netz, die der Synopsis folgte.

Es stellte sich heraus, dass der extrovertierte Timothy Treadwell sehr viele Spuren im Netz hinterlassen hatte. Bei YouTube fand ich mehrere Videos, in denen er mit Grizzlys redet. Darin wirkt er ein bisschen debil, als ob die Aufnahmen für Kleinkinder gemacht sind, oder zum Vorzeigen im Kindergarten. Blonder Mann mit struppigem Haar unter der schwarzen Mütze oder unter einem Tuch, athletisch, mit schmaler Sonnenbrille, steht mit dem Rücken zur Kamera und redet mit verschiedenen Bären, die entweder auf einer Wiese toben oder am Fluss Lachse fangen. Ab und zu dreht er sich um und erklärt das Geschehen: „Das ist Cracker, ich kenne sie seit drei Jahren. Stimmt’s, Cracker?“ – vorsichtig sieht er zurück zur Bärin, dafür hatte er bestimmt gute Gründe. „I love you, Cracker!“, „Das ist Grinch …, das ist Mickey …, das ist …“. Weitere Videos: Timothy singt den Bären vor; Timothy am Fluss, spricht zur Kamera, von hinten nähert sich unschuldig ein mittelgroßer Braunbär. Der Mensch dreht sich um und verscheucht das Tier mit ruckartigen Armbewegungen: „Wag es bloß nicht!”; Timothy in der Show von David Letterman als Naturschützer und Bärenexperte. Er redet über seine Lieblinge, die Grizzlys. Letterman fragt ihn, ob möglicherweise eines Tages in der Zeitung stehen könnte, dass er als bekannter Grizzly Man von Bären aufgefressen wurde, und Tim antwortet entschlossen: „Nein!“

Es wurde langsam hell, aber ich lag immer noch auf dem Bauch vor meinem Laptop und konnte nicht aufhören in verschiedenen Artikeln über die Todesumstände des Paares weiter zu graben. Auch wenn mir mein dunkles Verlangen nach sensationellen Details in diesem Fall unangenehm war.

Nur wenige Stunden nach seiner letzten Tieraufnahme sieht Timothy direkt vor seinem Zelt einen weiteren Braunbären. Im Glauben, dass dies eine neue abenteuerliche Begegnung sein wird, die sich zu dokumentieren lohnt, bittet er Amie, die Kamera einzuschalten. Und Amie tut, was er sagt, nur vergisst sie den Deckel vom Objektiv zu nehmen. Man möchte sagen, zum Glück, denn was die beiden nicht wissen können, ist: Diese letzten Minuten des Tapes werden akustisch die letzten Minuten ihres Lebens aufzeichnen.

Natürlich konnte ich der Neugier nicht widerstehen, nach dieser Aufzeichnung im Netz zu suchen. Überall hieß es, dass sie verboten wurde und nicht mal im Film explizit vorkommt. Dort sieht man, wie Herzog die Aufnahme mit Kopfhörern, so perfide es klingt, vor den Augen von Tims Ex-Freundin abhört und ihr das Tape übergibt, mit der Bitte, sie solle sich das bitte nie antun. Was für ein Schwachsinn! Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es nicht getan hat. Wenn man nicht will, dass jemand sich etwas Verbotenes anhört, dann sollte man ihm die Aufnahme auch nicht vor die Nase halten. Interessant ist aber, dass diese Aufzeichnung mittlerweile auch im Netz zu finden ist. Vielleicht ist sie nicht echt, sondern nachinszeniert. Ich klickte sie an und las parallel mit Schrecken die Details, die jemand recht trocken auf Wikipedia dokumentiert hatte.

Im Zelt hört man den Wind an den Wänden und einige undefinierbare Geräusche. Vor dem Zelt liegt offenbar Timothy, der bei der Ankunft des Tieres noch ruhig ist, bis Amie aus dem Zelt fragt, ob der Bär noch da ist. Kurz darauf antwortet Tim in unerklärlich ruhigem Ton: „Komm raus, Amie, er frisst mich auf!“ Man hört das Öffnen des Reißverschlusses, gefolgt von Amies relativ ruhigen Anweisungen, Tim solle sich tot stellen. Erneut Geräusche, Wind und vermutlich Regen. Wortwechsel, ob der Bär weg sei. Hier wird behauptet, dass sich das Tier wahrscheinlich zwischendurch entfernt hatte und Amie versuchte, Tim zu verarzten. Dann kommt der Braunbär aber wieder zurück und Tim bittet Amie, auf ihn einzuschlagen. Die dumpfen Geräusche von den Schlägen mit einer Pfanne auf dickem Fell sind zu hören. Vom Bär ist kaum etwas zu vernehmen. Amie sagt: „Why are you doing this to me, bear?“ Tim schreit: „Lauf, Amie, lauf!“ Vermutlich, so steht es im Artikel, wollte der Bär sein Opfer ungestört verzehren und schleppte es fort, in den Wald. Dort fand man an einer Stelle Timothys Kopf und Wirbelsäule, eine Schulter und zwei Unterarme, mit einer intakten Uhr an einem Arm. Wenig später wird Amie vom gleichen Schicksal ereilt. Die Aufnahme endet mit ihren wirklich markerschütternden Schreien und man weiß nicht, ob das ihre Reaktion auf den sich vor ihren Augen abspielenden Horror ist, oder weil sie selber angegriffen wird.

Ich war noch nie in Alaska, aber ich erinnere mich ziemlich gut an den Duft von Bäumen und Laub nach dem Regen in der Nähe von Vancouver. Es war anders als hier in Europa. Es war der Duft von Wildnis und endloser Landschaft. Schilder am Wegesrand warnten davor, dass der nächste Wohnort hunderte von Kilometern entfernt war und in zwanzig Kilometern die letzte Tankstelle vor dem Eintritt in die Wildnis stand.

So ähnlich stellte ich mir den Duft vor Tims und Amies Zelt zur Zeit der Audioaufnahme vor. Und auch kurz danach, während die Bären sie verzehrten, bis sie vom Piloten verscheucht wurden, der dort mit der Absicht landete, das Paar sicher nach Hause zu bringen.

Erschüttert und verstört, die unansehnlichen Geister der beiden könnten mich in meinem Schlaf besuchen, klappte ich meinen Laptop zu und rief mit lauter Stimme: „Mein Gott, was für ein Horror! Was für ein Horror!“ Es tat gut, die eigene Stimme zu hören und zu spüren, wie sie in meiner Kehle bebte. Ich lebte. Trotzdem schaute ich in dem Zimmer nach Spuren von Bären. Danach versuchte ich, mit Gedanken an die schönen Dinge des Lebens einzuschlafen. Meine Neugier und mein Durchhaltevermögen waren beeindruckend – ohne, dass ich es merkte, waren sieben Stunden vergangen.

Dieses Verhalten wiederholte sich aber nur wenige Monate später. Der Weg dahin war ähnlich. Ein Facebook-Post von einer Öko-Freundin über den Abfall, den die Bergsteiger beim Besteigen des Mount Everest hinterlassen. In kürzester Zeit hatte ich mich ausführlich über den Gipfel informiert, aber am spannendsten blieb wieder das morbide Thema des Sterbens. „The death zone“, das hörte sich vielversprechend an. Diesmal verbrachte ich mehrere Abende damit, immerhin ging es nicht nur um einen oder zwei Tote. Ich hatte beschlossen, mit dem Wachbleiben nachts aufzupassen, die Informationen waren ja im Netz und konnten nicht von heute auf morgen verschwinden. Es machte mich sehr glücklich, dass ich auf YouTube sogar noch die letzten Funksprüche des Helden meiner Kindheit fand, Christo Prodanov, Bulgare, der nach dem Besteigen des Mount Everest 1984 als vermisst galt und über mehrere Tage gesucht wurde. Natürlich war Prodanov nur einer von vielen, die in der Todeszone verschwand und nie gefunden wurde. Ich war noch sehr jung und interessierte mich noch nicht für Fernsehnachrichten, aber ich erinnerte mich, wie ich wegen dieser Geschichte mit meinen Cousins tagelang die Abendsendung verfolgte. Wir wollten uns das Gesicht des Bergsteigers einprägen, der für immer bei Minusgraden auf über 8000 Metern, nahe der Stratosphäre, zwischen den schneebedeckten Gipfeln des Himalayas geblieben war. „Er ist bei dem Schneemensch Yeti“, so erklärte Christos Frau ihrer vierjährigen Tochter das Verschwinden des Vaters.

Bei Yeti liegen auch die mumifizierten Leichen von mehr als zweihundert Bergsteigern, die seit Beginn der Everest-Expeditionen in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts gestorben sind. Die Bedingungen in der Todeszone sind so unmenschlich, dass diese Leichen von dort nicht abtransportiert und in normaler Höhe beerdigt werden können. Der Hauptgrund dafür ist die geringe Sauerstoffsättigung des Bluts. Sie beträgt dort nur ein Drittel ihres normalen Wertes, was zu Halluzinationen, Lungen- und Hirnödemen, Bewusstseinsstörungen und extremer Erschöpfung führt. Wenn man sich auf dem Weg zum Gipfel oder auf dem Rückmarsch aus Müdigkeit hinsetzt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man für immer dort sitzen bleibt, sehr hoch. Auch die Gefahr zu erfrieren ist sehr ernst. Die Gewebeschädigung bei Körperteilen, die der Kälte lange ausgesetzt waren, ist so extrem, dass sie, sollte man es überhaupt überlebt haben, amputiert werden müssen. Diejenigen, die den Everest besteigen wollen, wissen das, und es kommt wohl häufig vor, dass sie an Menschen vorbei klettern, die einige Meter von ihnen entfernt still vor sich hin sterben, ohne dass sie ihnen die geringste Hilfe leisten.

Ich wollte unbedingt wissen, wie die Leichen der liegen gebliebenen Bergsteiger aussehen, und erfuhr mit Schrecken, dass viele von ihnen auf dem Weg zum Gipfel deutlich zu sehen sind. Manche haben es mit ihrem besonderen Aussehen sogar zu einem Spitznamen gebracht. Die Mumien der Gestorbenen dienen den Lebenden als Markierungen und Wegweiser. Einerseits erinnern sie an das Unglück, das dort jedem passieren kann, und andererseits messen sie die Abstände und die Zeit bis zum Gipfel.

Auf dem Bett in meiner Wohnung, den warmen Laptop auf den Knien, malte ich mir aus, wie in diesem gleichen Augenblick tausend Kilometer östlich von hier und in über 8000 Metern Höhe, bei eisigem Wind und mitten im Schneesturm, eine Kette (noch) lebender Bergsteiger vorbeizog an den Leichen von:

Hannelore Schmatz, jahrelang die erste sichtbare Leiche auf dem Weg zum Mount Everest von der Südseite, nur einige hundert Meter oberhalb des letzten Lagers. Ihr Anblick wird als furchterregend beschrieben. Immer noch an ihren Rucksack gelehnt und mit im Wind wehenden Haaren und weit geöffneten Augen, von denen sich Halluzinierende beim Aufstieg verfolgt fühlten. Vielleicht war es die geringe Distanz zum Lager, die einen nepalesischen Kommissar und einen Sherpa zum Glauben verleitete, man könne ihre Leiche aus der Todeszone bergen. Beide stürzten bei der Bergungsaktion in den Tod. Wind und Schnee waren vermutlich auch die Naturgewalten, die die Mumie der Frau über den Grat hinuntergestürzt haben. Hannelore ist beim Aufstieg über die Südroute nicht mehr zu sehen. Sie liegt aber immer noch irgendwo unter dem Gipfel, den sie erklommen hatte, kurz bevor der Tod sie holte.

Green Boots. In roter Daunenjacke, blauer Hose und neongrünen Bergsteigerstiefeln liegt er seitlich, wie für ein kurzes Nickerchen auf dem Weg zum Mount Everest, im Schutz eines Felsens, wenige Meter vom Haupttrack entfernt. Man sagt, er war Inder. 2006 gesellt sich der junge David Sharp dazu, der viel zu spät auf dem Gipfel war und die Rückkehr nicht schaffte. Am letzten Tag seines Lebens hockte David, seine Knie umklammernd, nur wenige Meter von Green Boots entfernt. Vierzig Bergsteiger zogen an ihm vorbei und sahen, dass er noch lebte. Keiner von ihnen hielt an.

„Dornröschen“, oder „Sleeping Beauty“ – Francys Arsentiev,  die erste Amerikanerin, die den Mount Everest ohne Sauerstoff bestiegen hatte, in Begleitung ihres Ehemannes Sergej. Sergej erreichte das Lager ohne Komplikationen und musste feststellen, dass seine Frau noch nicht angekommen war. Er kehrte zurück in die Todeszone, um nach ihr zu suchen. Sein Rettungsseil wurde in Francys‘ Nähe gefunden; von Sergej aber, der gestürzt war, fehlte jahrelang jede Spur. Am Tag nach dem Unglück bemerkt eine Gruppe britischer und südafrikanischer Bergsteiger, dass sich der Körper von Francys bewegt, und versucht, ihr zu helfen. Der Spitzname „Sleeping Beauty“ stammt angeblich von dem Moment, als sie ihr geisterhaft schönes, von den Erfrierungen weiß gewordenes Gesicht erblicken. Sie sagt: „Lasst mich nicht hier zurück!“, aber die Erfrierungen und Francys‘ Unfähigkeit, ihre Beine zu bewegen, zwingen die Retter dazu, sie liegen zu lassen und ihr eigenes Leben zu retten. In dieser furchtbaren Situation stellt Francys den Anwesenden die gleiche Frage, die auch Amie Huguenard beim Angriff des Grizzlybären gestellt hat: „Why are you doing this to me?“

„Why are you doing this to me?“

Natürlich liegt ein großer Unterschied darin, ob man diese Frage an einen Menschen oder an einen Bären richtet. Bei den Menschen, die sie aus dem Mund der sterbenden Francys gehört haben, macht es ein schlechtes Gewissen. Bär 141, wie der Bär, der Amie und Timothy tötete, später zu Obduktionszwecken genannt wurde, hatte sicherlich keine Gewissensbisse. Auch wenn er seine Opfer bereits kannte. Der Bär folgte seinem gesunden, angeborenen Selbsterhaltungstrieb.

Schrecklich und grausam in den erwähnten Situationen ist, dass in ihnen Menschen vorkommen, ironischerweise in beiden Fällen Amerikaner, die sich im Gegensatz zu den Bären ganz bewusst dafür entschieden, ihren Selbsterhaltungstrieb zu ignorieren. Statt Verantwortung für ihre Entscheidung zu übernehmen, stellen sie im finalen Augenblick ihre anklagende Frage. Ohne die wünschenswerte Wirkung zu erzielen. Arsentiev, in wunderschönem schwarz-violettem Bergsteigeroutfit, wird jahrelang auf dem Hang des Himalayas liegen gelassen und dient als Wegmarke auf dem Weg zum „Dach der Welt“. Wahrscheinlich verfolgt von ihren letzten Worten kehren die Leute, die sie an jenem Tag gefunden haben, Jahre später zurück, um ihre Leiche, in der amerikanischen Flagge eingehüllt, zu beerdigen bzw. einfach den Berg hinunterzustürzen. Amie Huguenard hört nicht auf den Rat ihres sterbenden Freundes, bleibt in der Nähe stehen und wird vom Bären gefressen.

Nach den langen Sessions mit der „Todeszone“ hatte ich mir geschworen, mich nicht mehr so extrem in solche Schreckensrecherchen zu vertiefen. Offensichtlich hatte ich eine starke Tendenz dazu und musste mich zusammenreißen. Bei einem Video aus den Vierzigern über die Reaktion amerikanischer Soldaten unmittelbar nach der Explosion der Atombombe über Hiroshima, begnügte ich mich mit den Berichten einiger Zeitzeugen und eines deutschen Pastors. Jemand hatte mir auch vom Dokumentarfilm „Blackfish“ erzählt, in dem es um das Leben des Schwertwals Tilikum in den Tanks von Sea World ging. Ich gab meine Recherche sofort auf, nachdem klar wurde, dass im Netz keine Aufnahmen vom Tod seiner Trainerin existierten. Bevor er sie tötete, so berichten Augenzeugen, hatte der Orca sie mehrmals durch die Luft geschleudert.

Die Netzlandschaft hatte sich verändert. Es war zu spüren, dass explizite Inhalte über den üblichen Suchalgorithmus nicht mehr so leicht zu finden waren. Eine Doku berichtete, dass auf den Philippinen junge Menschen für lächerliches Geld als sogenannte „Content Editors“ arbeiteten und dafür zuständig waren, brutale Inhalte und Bilder aus dem Netz zu entfernen. Einer von ihnen hatte sich vor laufender Kamera erhängt. Er hatte jahrelang Selbstmordbilder und -videos gelöscht. Unter seinen Kollegen gab es welche, die nur auf Kinderpornos oder Massaker spezialisiert waren. Wie kann man mit diesen Bildern im Kopf überhaupt weiterleben?

Von Anna S. hatte ich nur wenig gelesen. Als Schriftstellerin der älteren Kriegsgeneration war sie für mich eine antiquierte Figur aus den Zeiten grenzenlosen Selbstlobes der Kommunistischen Partei der DDR. Man hatte uns damals in der Schule bis zum Erbrechen mit Werken solcher Autoren gequält. Doch jetzt kam ein Film mit vielen Zitaten aus ihrem Roman „Transit“. Er musste untertitelt werden und ich sollte ihn übersetzen. Der Film war aus dem Jahr 1977, sein Text sollte einer neuen, digitalen Version angepasst werden. Zwei Regisseure ziehen darin auf poetische Art Parallelen zwischen der Flucht jüdischer und deutscher Emigranten vor den Nazis und der Situation in den Siebzigern. Titel: „Fluchtweg nach Marseille“.

Es ist 1941, Anna S. flieht mit ihren Kindern aus dem okkupierten Paris in die freie Zone nach Marseille. Sie hofft auf ein Visum, um mit dem Schiff nach Amerika zu gelangen. Unterwegs übernachten sie im Örtchen Oradour, unweit der Flüchtlingsroute.

Oradour-sur-Glane, das Ortsschild kommt im Film vor, der Ortsname ist mit einem breiten Kreuz durchgestrichen. Hier hatte ich keine Möglichkeit zu entscheiden, ob ich meiner Neugier nach Details nachgebe oder nicht. Der durchgestrichene Ortsname sagte mir, dass etwas Schlimmes zu erwarten war. Der Film lief aber weiter und mit ihm auch die Aussagen, die übersetzt werden mussten. Es folgte der Bericht von Madame Rouffanche, einzige Überlebende des Massakers in Oradour am 10. Juni 1944, drei Jahre nach Anna S.’ Besuch des Dorfes. Die Panzerdivisionen „Der Führer“ und „Das Reich“ umstellten das Dorf und übten Vergeltung für den Angriff der Alliierten in der Normandie: „Wir wurden von den Deutschen zum Marktplatz getrieben. Mein Mann und ich, mein Sohn, meine beiden Töchter. Eine hatte ihren sieben Monate alten Sohn auf dem Arm. Man baute Maschinengewehre vor uns auf und wir mussten warten, bis alle versammelt waren. Dann wurden die Männer in den umliegenden Scheunen verteilt, die anderen, Frauen und Kinder, wurden zur Kirche getrieben. Zu mehreren Hundert wurden wir in der Kirche eingeschlossen. Gegen 16.00 Uhr schleppten die Soldaten eine große Kiste herein, an der mehrere Kabel angeschlossen waren. Die Kirchentür wurde wieder geschlossen und gleich danach gab es eine starke Explosion.“

Über vierhundert Frauen und Kinder werden in die Kirche von Oradour eingesperrt und getötet. Diejenigen, die die Sprengung überlebt haben, werden beim Versuch, aus der brennenden Kirche zu fliehen, niedergeschossen. Madame Rouffanche schafft es als Einzige, verwundet aus einem Fenster zu springen und sich in ein Erbsenbeet zu vergraben, wo sie mehrere Stunden bewegungslos verharrt.

Von 200 Männern, die in den Scheunen erschossen werden, überleben nur fünf, die meisten schwer verwundet.

„Why are you doing this to me?“

Die Menschen in Oradour hatten weder Zeit noch Gelegenheit, diese Frage zu stellen. Horror und Tod kamen sofort, unter Stress, ohne Fragen. Madame Rouffanche stellte keine Fragen. Madame Rouffanche folgte ihren Instinkten, um zu überleben und von den Schrecken zu erzählen. Der Sinn der Frage verliert sich irgendwo über den Ruinen des heute geisterhaften Dorfes. Die Antwort ist kurz. Krieg.

„Fluchtweg nach Marseille“ endet mit einem Zitat aus „Transit“. Der Protagonist erfährt, dass das Schiff voller Flüchtlinge, auf dem sich auch seine Geliebte befindet, im Mittelmeer gesunken ist. Dort, wo heute täglich Flüchtlingsboote sinken. Ich weiß nicht, was die Regisseure damals zu einer Analogie mit dem Jahr 1977 verleitet hat. Anna Seghers’ Sätze, geschrieben 1942, könnten aber auch heute geschrieben sein: „Da kam mir die Nachricht zu Ohren, die ‚Montreal‘ sei untergegangen. Mir kam es vor, das Schiff sei in uralten Zeiten abgefahren, ein Sagenschiff, ewig unterwegs, dem Fahrt und Untergang zeitlos anhaften. Die Nachricht hinderte keineswegs ganze Scharen von Flüchtlingen, um Vorbuchung für das nächste Schiff zu betteln.“

Mein morbides Hobby bringt mich dazu, dem Netz eine letzte Frage zu stellen: Wie starb Anna Seghers?

Die Antwort war erstaunlich simpel und trocken.

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