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Wovon wir reden, wenn wir von mehrsprachiger Lyrik reden

Uljana Wolf (2018)

Keynote. Berlin Polylingual. Parataxe Symposium IV, 23. November 2018

I

Das Gedicht ist in einer Sprache geschrieben.

Das Gedicht ist niemals in einer Sprache geschrieben.

Das einsprachige Gedicht spricht mehr als eine Sprache.

Das mehrsprachige Gedicht spricht als Sprache.

Das Gedicht, das zwischen Sprachen schreibt, redet sich um Kopf und Kargen.

Diese Reden sind seine Ladung, seine Aufladung.

Fehler im tippenden Finger, schwankt,

Verschiebung des herrschenden Ausdrucks.

Das Gedicht ist dies, ihr cargo schmargo.

 

II

Diese Keynote ist ein Ausschnitt aus dem Translabor. Das Translabor ist meine own private Werkstätte, ein Zusammendenken von Übersetzung, Poesie und Mehrsprachigkeit als translatorische oder translantische poetische Praxis. Die Artikulationsformen, die mich interessieren, sind im Werden begriffen, sind vom Wesen her instabil oder im Flux. Das ABC des Translabors liest sich: Formen of ankomming, becoming und curiousness. Hier buchstabiert sich das Prozesshafte, auch Fehlerhafte, halb Gelungene oder in kuriosen Abständen zu Sprachgrenzen herumlungernde Sprechen. Im Namen Translabor spiegelt sich das experimentelle Labor und die englischsprachige Arbeit, labor, ebenso wie das Trans der Übersetzung, aber auch das Trans als Durchdringens von etwas, das sonst getrennt bleibt, wie eben Sprachen, oder Diskurse, das akademische, essayistische, poetische Sprechen. Außerdem Labor von Latein labare: wanken, also kippen, sich unsicher hin und her bewegen. Ein Zittern zwischen den Zeilen der Nationalsprachen. Und schließlich die englischsprachigen Geburtswehen, labor, das zur Welt bringen, das Mehr-Werden, Mehr-als-eins-Werden, das borgende oder bergende Multiplizieren von Sprachen in Sprache.

In der heutigen Versuchsanordnung möchte ich zwei Beobachtungen nachgehen, die zwar zunächst widersprüchlich klingen, die mir aber hilfreich scheinen bei dem Versuch, weiter einzukreisen, wovon wir sprechen, wenn wir von translingualer Lyrik sprechen.

Die erste Beobachtung lautet:

Ein mehrsprachiges Gedicht ist nicht notwendigerweise ein translinguales Gedicht.

Die zweite:

Ein translinguales Gedicht ist nicht notwendigerweise ein mehrsprachiges Gedicht.

Oder so:

Ein mehrsprachiges Gedicht kann in seinem Denken einsprachig sein.

Und:

Ein einsprachiges Gedicht kann in seinem Denken mehrsprachig sein.

 

III

Wir leben in einer Welt, und wir leben in einer Stadt, in der Menschen oftmals nicht sprechen, von wo sie herkommen, oder nicht sprechen können, wo sie ankommen. Eine Welt, in der unterbrochene Vergangenheiten und diasporische Zukünfte zu grundlegenden Erfahrungen gehören. Damit einhergeht die Ausbildung verschiedenster Sprachkompetenzen – von fließender Mehrsprachigkeit übers Holpern der Lernsprachen zu Kiez-Kreol oder fröhlich brokener Literatursprache. Immer mehr Menschen wachsen polyglott auf. Andererseits navigieren auch solche Menschen, deren Alltag einsprachig bleibt, zunehmend heterogene linguistische Zonen und lernen, auf Verstehen und Nichtverstehen sprachlich zu reagieren – nicht nur mit Unverständnis. Erschreckenderweise aber wird diese Entwicklung ebenso flankiert, ja vielleicht sogar bedroht, von einem nationalsprachlich verankerten Denkmodus, der auf identitäre Formen des Beherrschens und Ausgrenzen aufbaut. Ich erinnere beispielsweise nur daran, wie der Bundesvorsitzende der FDP, Christian Lindner, die Brötchenbestellung in gebrochenem Deutsch beim Bäcker mit mangelnder Rechtschaffenheit oder gar Illegalität in Verbindung bringt. Dass immer öfter Politiker aller Parteien mit solch zündelnden Verknüpfungen öffentlich diesem Sprachdenken Vorschub leisten, lässt für die Zukunft nichts Gutes ahnen. Gefragt sind gegendefinitorische Unterwanderungsarbeiten des nomadischen Denkens. Im Gedicht? Ja, im Gedicht.

Ich spreche von der Zunahme mehrsprachiger Wirklichkeiten und Biographien im Bezug auf Literatur, weil sie dafür gesorgt hat, dass literarische Mehrsprachigkeit viel Aufmerksamkeit erfahren hat. Ich meine jedoch nicht, dass sie notwendig ist, um ein translinguales Gedicht zu machen. Natürlich gehen sehr viele poetische Impulse von Autor*innen aus, in deren Biographien Sprachwechsel, Bilingualität und Emigration eine Rolle spielen. Autor*innen die, wie die mehrsprachige Dichterin Caroline Bergvall schrieb, „mit einer Katze in der Kehle“ sprechen: „One must clear one’s throat, clear a space, step away, spit out the mother tongue.“ Doch müssen biographisch-nomadische Ereignisse nicht unbedingt ein Garant für polylinguales, geschweige denn translinguales Denken sein. Das stellt auch der amerikanische Germanist David Gramling in seiner Studie „The Invention of Monolingualism“ fest, wenn er schreibt: „Indeed speakers of multiple languages can and do use language in ways that are more monolingual, or monological, than those who ‘only’ speak one language.” (34)

Für mein Nachdenken über translinguale Lyrik heißt das: Die poetische Verstörung der Muttersprache oder Einzelsprache und der damit verknüpften Identitätsdiskurse kann auch von vordergründig einsprachigen Autoren ausgehen. Sie ist ein ästhetisches, kein biographisches Moment. Sie hält fest, was nicht festzuhalten ist: Dass die eigene Sprache nicht beherrscht werden kann, ein Ort der Unzugehörigkeit  und Ungehörigkeit bleibt. Was hier vielleicht unmittelbar einsichtig klingt, gehört noch lange nicht zur Selbstverständlichkeit in den Literaturwissenschaften oder im Literaturbetrieb. Oftmals herrscht noch eine interpretative Rückkopplung an Autorbiographie und soziokulturelle Kontexte vor, die den Blick auf das produktiv sprachverstörende Potential solcher Literatur im Zaum hält. Dabei wird unterschlagen, so die Literaturwissenschaftlerin Esther Kilchmann, dass auch „Autorinnen und Autoren der sogenannten interkulturellen Literatur gerade auch avantgardistischer Verfahren des Sprachexperimentes bedienen. […] Auch für mehrsprachige Literatur muss mithin gelten, dass der poetische Effekt nicht bereits allein aus einer Abweichung von der monolingualen Norm entsteht.“ (Kilchmann 44) Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass auch von einsprachigen oder einmuttersprachigen Autoren translinguale Literatur durch verschiedene Schreibstrategien erzeugt werden kann, um festgefügte Sprachordnungen zu verunsichern. (Für einen kurzen Moment übrigens schien es, als ob die Robert-Bosch-Stiftung bei der überraschenden Vergabe des Chamisso-Preises 2016 an Esther Kinsky und mich selbst in diese Richtung zielte: Ein Literaturpreis für Autor*innen jedweder Herkunft, deutsch-muttersprachliche eingeschlossen, die Sprach- und Kulturwechsel thematisieren und ästhetisch durchspielen. Dann wurde er abgeschafft.)

 

IV

Nun aber zurück zu meinen Beobachtungen. Diese lauten: Wenn wir von translingualer Lyrik sprechen, heißt das keineswegs zwangsläufig, dass wir nur von einer quantitativ messbaren Präsenz mehrerer Sprachen im Gedicht sprechen müssen. Im Gegenteil, ein mehrsprachiges Gedicht kann in seinem Denken nach wie vor einsprachig sein. Es gilt dann, was wir oben von mehrsprachigen Sprechern konstatiert haben: Ein solches Gedicht, „can and does use language in ways that are more monolingual, or monological“. Dies trifft beispielsweise zu, wenn ein Gedicht fremdsprachige Namen oder Äußerungen quasi touristisch verwendet, um Authentizität oder Verortung in anderssprachiger Wirklichkeit auszustellen. Oder wenn es aus Zeilen in mehreren Einzelsprachen besteht, die jeweils übersetzt werden. Wir hätten es dann zu tun mit einem Nebeneinander von Sprachen, einer Vielsprachigkeit als glossodiversity, die auf dem Paradigma von klar geschiedenen Einzelsprachen aufbaut, zwischen denen Bedeutung hin und her übersetzt werden kann. Die beteiligten Sprachen aber werden vom Fremdsprechen wenig affiziert, sie bleiben stabil, Träger von Bedeutung. Die Differenz zwischen Sprachen ergibt zwar eine mehrsprachige Polyfonie, nicht aber eine Polysemie: Das Gesagte bleibt das Gesagte. Es entsteht aus der Sprachenmischung keine Dissonanz, kein Bedeutungsexzess, keine Bedeutungsarmut in der unauflösbaren Unverständlichkeit, die die Aussagen produktiv entstellt.

Dagegen inszeniert translinguales Schreiben als semiodiversity, als Vieldeutigkeit zwischen Sprachen, eine Form des Durch-Sprachen-Schreibens oder Schreiben am Rand, auf der Kippe, der Zungenspitze von Einzelsprachigkeit. Und solche Texte können, meine ich, auf der Oberfläche einsprachig sein und doch entweder durch eine ausgestellte Poetik der Anderssprachigkeit oder eine zugrundeliegende translationale Poetik, translingual, d.h. zwischen Sprachen angesiedelt sein. Ich denke hier zum Beispiel an die innerlich exophonen Prosagedichte Schlechte Wörter von Ilse Aichinger. Oder die „Abziehbilder“ des deutschen Dichters Schuldt, der Prosagedichte komponierte aus den deutschsprachigen Worten, die ins britische Englisch gewandert waren. Oder die Gedichte von Paul Celan, beispielsweise im Gedicht „Bei Wein und Verlorenheit“. Hier wird aus der Wortfolge „Neige-Schnee-Nähe-Wiehern“ (dt. Schnee, frz. neige, engl. near, engl. neigh) ein Netz aus Sprachbeziehungen unter oder hinter dem Gedicht abgebildet, welches (so steht zu vermuten), die Entstehung des Gedichts erst vorantreibt oder bedingt und so das monolinguale Postulat unterwandert, die deutsche Mutter- und Mördersprache minorisiert.

 

V

Es ist schwierig, von einem Gedicht zu reden.

Es ist schwierig, von einem Gedicht in mehr als einer Sprache zu reden.

It is difficult for a poem in more than one language to speak.

Das Reden keimt in den Präpositionen.

The speaking chimed in dens, proposition.

The proposition was a tensed Kaiser. Sie hatte zum Tanz keine Kleider.

After the naked dancing, key deers followed in rays.

Das Gedicht nackt sehen heißt, den Reh nicht raus zu haben.

Dear dares, what are you talking about.

 

***

Paul Celan

 

Bei Wein und Verlorenheit, bei

beider Neige:

 

ich ritt durch den Schnee, hörst du,

ich ritt Gott in die Ferne – die Nähe, er sang,

es war

unser letzter Ritt über

die Menschen-Hürden.

 

Sie duckten sich, wenn

sie uns über sich hörten, sie

schrieben, sie

logen unser Gewieher

um in eine

ihrer bebilderten Sprachen.

(15.3.1959, aus: “Die Niemandsrose”)

 

***

Quellen:
Ilse Aichinger: Schlechte Wörter. Fischer 1976. Auf Englisch: Ilse Aichinger, Bad Words. Selected Short Prose. Translated from the German by Uljana Wolf and Christian Hawkey. Seagull Books 2018.
Robert Kelly, Jacques Roubaud, Schuldt: Abziehbilder, heimgeholt. Droschl 1995
David Gramling:  The Invention of Monolingualism. Bloomsbury 2016.
Yasemin Yildiz: Beyond the Mothertongue. The Postmonolingual condition. Fordham University Press 2012.
Esther Kilchmann: „Alles Dada oder: Mehrsprachigkeit ist Zirkulation der Zeichen!“ In: Till Dembeck / Anne Uhrmacher (Hg.): Das literarische Leben der Mehrsprachigkeit. Methodische Erkundungen. Winter 2016, S. 43-64.

Uljana Wolf für (c) Parataxe 2018

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